<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0" xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom">
  <channel>
    <title>5 artikel</title>
    <description>Bücher | Bibliotheken | Verlage | Kultur | Politik</description>
    <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/</link>
    <atom:link href="https://uwejochum.github.io/5artikel/feed.xml" rel="self" type="application/rss+xml" />
    <pubDate>Wed, 14 Oct 2026 06:24:40 +0000</pubDate>
    <lastBuildDate>Wed, 14 Oct 2026 06:24:40 +0000</lastBuildDate>
    <generator>Jekyll v3.10.0</generator>
    
      <item>
        <title>Homo religiosus II</title>
        <description>Auf einer Wiese über meinem Heimat­ort, an einem schma­len Feld­weg,
weit weg von den letzten Häusern, noch nicht ganz am Wald­rand,
stand ein kleines Apfel­bäumchen.



Immer, wenn ich vom Dorf zum Wald hinauf­ging oder von dort herab­kam,
freute mich sein Anblick. In jeder Jahres­zeit gab es dem Bauern­land
das Beson­dere: Im Winter, wenn es kahl stand und oft eine Schafherde
um es herum blökte und graste. Im Früh­ling, wenn es als weiß
blühen­der Farb­tupfer im sat­ten Wiesen­grün leuch­tete. Im Sommer mit
seinen Früch­ten prangend — und im Herbst sich all­mäh­lich
verfärbend.

Eines Tages war das Bäum­chen nicht mehr da. Man hatte es
ab­gehauen.  Jetzt, als die Leere, die es hinter­lassen hatte,
un­überseh­bar war, kam mir der Ge­danke, es könnte ein Frevel sein,
so einem Baum ohne Not das Leben zu nehmen. Alleine schon die Frage,
ob Leben in einem Baum sein könnte, das über etwas
natur­wis­sen­schaft­lich Be­schreib­bares hin­aus­geht, ob es also
etwas gibt wie eine Baum­seele, dürfte den, der so etwas denkt, in
jeg­lichen Miß­kredit bringen. Alleine, wer nach der Seele der
Reli­gion sucht, darf sich davon nicht er­schrecken lassen.

Beseelung

Der Naturmensch rangiert sich mit seinen Neben­ge­schöpfen auf
gleichem Ni­veau ein, er schreibt nicht nur Men­schen, Tieren,
Pflan­zen, sondern auch Steinen und Haus­ge­räten Seele und
Wieder­auf­erstehen im Jen­seits zu.  Sprach­bilder zeugen von einer
tiefen Iden­ti­fi­ka­tion: So wie Baum und Pflan­ze blühen, wach­sen und
welken, so auch der Mensch — »in seiner Ver­gäng­lich­keit gleicht er
dem Grase des Feldes; der Mann in seiner Kraft er­innert an die
starke Eiche, das hin­gebende, an­mutige Weib an den um­rankenden
Epheu, die duften­de Blume«.

Bäume sind »persön­liche We­sen«, »Körper einer durch den Tod dem
Menschen­leibe ent­rückten Seele« oder »Wohn­sitz eines Schutz­geistes«, der
zu heilen im­stande ist. Die Baum­seele wirkt aber auch als »Genius des
Wachs­tums«, als Vege­ta­tions­gott­heit, sichtbar an der wieder­kehren­den
»Ver­jüngung der Pflan­zen­welt im Früh­ling« und von viel­fältigem Brauch­tum
be­gleitet, etwa dem Mai­baum­auf­stellen.

Was bei vor­christ­lich ger­ma­ni­schen Völ­kern geglaubt wurde, findet sich
nahe­zu über­all auf der Welt: Wenn die Trobrian­der der Süd­see ein Boot
bauen, müs­sen sie dafür einem Baum das Leben nehmen. Dies ge­schieht in
Ehr­furcht vor den Gei­stern, die ihn be­seelen, unter zere­mo­nialen
Ge­beten.

Die Temne, ein Stamm an der West­küste Afri­kas, ver­ehrten einen Baum
sogar als Gott. Zumindest legt der Be­richt von Alvaro Velho dies nahe.
Als Matrose auf Vasco da Gamas Ex­pe­di­tion nach In­dien an die Küste
West­afri­kas ge­langt, ver­brachte er dort um 1500 viele Jahre. Er
be­richtet von einem Crü ge­nannten alt­ehr­würdigen Baum, der für die Temne
ein Gott war. Kuru — das ist in der Stam­mes­sprache der Be­griff für
Gott, ebenso Ge­heim­nis und (höchste) Macht — »das, woran man glaubt«.

Die Pygmäen, die im Ituri­wald des Kongo um­her­streifen, wenden sich an
den Busch­gott Mbali, Vater oder Wald genannt, als ihrem Schöpfer. Zu ihm
rufen die Frauen, wenn sie durch den Busch ziehen, er möge sie glück­lich
ge­leiten, Leid fern­halten, die Jagd nach Schlan­gen und Ter­miten ge­lingen
lassen, aber auch:

Schwanger­schaft gib mir, o Mbali,
Schwanger­schaft gib mir, daß ich gebäre.

Eben­falls um Jagd­beute, um Wild, bit­ten die Männer Mbali, und sie rufen
Hilfe herab in Not­situa­tio­nen:

O Gott, Re­gen möge nicht kommen,
möge nicht fal­len mit großem Wind.
Die Kinder sind im Wald, es regne sachte.

Was für die Balese-Efe gilt, ihre Ver­ehrung für den als gött­lich
er­fahre­nen Wald, findet sich ähn­lich bei den be­nach­barten Bam­buti, die
über­zeugt sind: »Der Wald ist das Gute«. Spüren die Bam­buti, daß der
Wald sich re­gene­rieren muß, singen und tanzen sie, um sein Herz zu
er­freuen.

In der Sahel­zone ist Was­ser das kost­barste Gut; so er­zäh­len die Yende in
Benin diese Ge­schichte:

Der Regen sagte ein­mal: »Ich bin der Herr des Him­mels! Mensch und Tier
er­halten von mir ihre Nahrung!« »Ich bin der Herr der Erde«, ent­geg­nete
der Was­ser­teich, »bei mir holen die Frauen ihr Was­ser! Von mir sind die
Fische!« Kaum hatte er dies ge­sagt, da hörte der Re­gen auf zu fallen,
ein ganzes Jahr. Der Teich trock­nete aus. Die Fische star­ben da­hin. Da
ging der Teich zum Regen: »Du bist wahr­haftig der Herr des Him­mels!«,
sagte er, »gib mir jeden Tag Was­ser!« Und es re­gnete und re­gnete nun
jeden Tag.



Erschei­nungen der Natur sind be­seelt, ja gött­lich. In Afrika werden
unter­schied­liche Er­schei­nungen der Natur als numi­nos ver­ehrt, die alle
eines ge­mein­sam haben: es sind Leben spen­dende Kräfte, ohne die der
Mensch nicht existie­ren kann, an die er ge­bun­den ist und von denen sein
Wohl und Wehe ab­hängt.

Dem Volk Isra­els er­scheint dessen Gott, Jahwe, beim Aus­zug aus Ägypten
in einer Wolke, die es in die Wüste führt. Als das Volk dort zu murren
be­ginnt, er­scheint Jahwe aber­mals in der Wolke, zuerst dem Mose und den
Älte­sten des Vol­kes, die um die Stifts­hütte ver­sam­melt stehen:

Da kam der Herr her­nieder in der Wolke und re­dete mit ihm [Mose] und
nahm vom Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die sieb­zig Ältesten.
Und als der Geist auf ihnen ruhte, ge­rieten sie in Ver­zückung […].

Jahwe ist nicht nur Ge­leiter und Geist­spender, er ist auch einer, der
zürnt:

Vom Herrn der Heer­scharen wird Strafe ge­übt werden mit Don­ner
und Erd­beben und mit großem Krachen, Sturm­wind und Un­gewit­ter
und mit ver­zeh­renden Feuer­flammen.

Im Umfeld des alten Israel findet sich der Gott Baal, der Wolken­reiter:

Und nun wird Baal die Zeit seines Regens fest­setzen […]
Und er wird er­schallen las­sen seine Stimme in den Wolken,
Indem er ab­schießt zur Erde die Blitze.

Der Mensch
erkennt
die Schöpfung als das, was Leben er­mög­licht. Er ist von dieser
Schöpfung, andere nen­nen sie Um­welt oder Natur, ab­hängig. Weil
der Regen Fluch und Segen zugleich sein kann, ver­ehrt und fürchtet
ihn der Mensch, er bringt seiner Er­scheinung Ehr­furcht
ent­gegen. In dem, was Not tut, Leben spendet und zu­gleich
be­droht, wirken gött­liche Kräfte.

Viel von diesen ur­alten Vor­stel­lungen schwingt mit, wenn die katho­li­sche
Kirche den Wet­ter­segen er­teilt:

Gott, der allmächtige Vater, segne euch und schenke euch ge­deih­liches
Wetter; er halte Blitz, Hagel und jedes Un­heil von euch fern. Er segne
die Felder, die Gärten und den Wald und schenke euch die Früchte der
Erde.

Meine Mutter erzählt mir oft, wie sie mit ihren Eltern bei Donner, Blitz
und Hagel um den Küchen­tisch ge­sessen ist — und man gebetet hat, das
Un­wet­ter möge Haus und Land ver­schonen. Diesen Menschen war durchaus
be­wußt, in einem Haus mit Blitz­ab­leiter zu wohnen; doch der Drang des
Homo reli­gio­sus in ihnen scheint höher gewesen zu sein als alle
Ver­nunft.

Was eigent­lich spricht da­gegen an­zu­nehmen, daß Reli­gion zunächst als
Ani­mis­mus ent­standen ist, aus der exi­stentiel­len Not­wendig­keit heraus,
mit der Schöpfung, wie sie ist, zu leben? Ein Homo re­li­gio­sus, der kein
Ani­mist ist, scheint ohne­hin kaum denkbar. Ein Scha­mane, so erzählt
Martin Mose­bach, habe ihm ein­mal gesagt, ein Stein, der aus der Erde
aus­ge­graben wird, bräuchte eine lange Zeit, um sich von diesem Schock zu
er­holen. Der Dichter meint dazu: »Ich halte das für wahr­schein­lich«.

Viele Hypothesen, wie die Reli­gio­sität des Men­schen begann (wenn
sie denn »be­ginnen« mußte), etwa die Ur­mono­theis­mus­theorie des
Steyler Mis­sionars­paters Wilhelm Schmidt, sind kaum halt­bar;
deutlich wahr­schein­licher dürften ani­misti­sche An­fänge sein,
wie sie noch bei Adal­bert Stifter nach­klingen, der nichts weiß
»von einem zum ab­strakten Geist ver­flüchtig­ten Gott«, sondern
»fühlt, wie er andringt aus Busch und Baum, aus Gluten des Som­mers,
aus herbst­lichem Licht und maje­stäti­scher Winter­nacht«. Der
evan­ge­lische Theo­loge Jürgen Molt­mann sieht es nicht anders:
»Mystik sieht Gott in allen
Dingen
und alle Dinge in Gott und nimmt damit alle Dinge in die Ehr­furcht
vor Gott hinein.« Aber wenn Gott über­all spürbar ist, mit seinem
Segen und seinem Zorn — ist er auch nahbar?

Entrücktheit

In einer religiösen Gemein­schaft, dem Katho­lizis­mus der Jetzt­zeit, ist
in einer Welt­gegend, die sich selbst »der Werte­westen« nennt, dessen
Werte nicht un­wesent­lich darin be­stehen, einem Mann zuzu­ge­stehen, per
Wil­lens­bekun­dung eine Frau sein zu dürfen, ein skur­riler Streit darüber
ent­brannt, wie man die Got­tes­myste­rien zu be­gehen habe. Die
Tra­di­tiona­listen haben sich dazu ver­stiegen, dies so zu tun, wie es
Gene­ra­tion um Ge­ne­ra­tion vor ihnen getan haben; vor­läufig durch­gesetzt
hat sich aller­dings eine Grup­pierung unter dem Namen »Re­former«, die den
Ritus so sehr dem Fort­schritt in seiner je­weili­gen Form, deren Moden
ra­sant wechseln, ge­öffnet hat, daß ihre Vor­fahren das, was sie gerade
tun, wohl kaum als den ihnen be­kannten Got­tes­dienst er­kennen würden. Die
Re­for­mer führen als eines ihrer Haupt­argu­mente an, sie hätten den
Got­tes­dienst aktua­li­sieren müs­sen, um den Gläubi­gen eine leich­tere
Zu­gäng­lich­keit zu den Geheim­nissen Got­tes zu er­mög­lichen (was man durch
Ab­schaffung der Kir­chen­sprache Latein zu­gun­sten der je­weiligen
Volks­sprache er­reichen wollte), während die Tra­di­tio­nali­sten auf dem
Stand­punkt be­harren, Zugäng­lichkeit wäre noch nie einer der Namen
Gottes
gewesen.



Es scheint sich um eine grund­sätz­liche Ebene des Reli­gions­ver­ständ­nisses
zu handeln: Kann man Gott denken? Oder muß man das Gött­liche fühlen?
Ist Religion eine Ver­stan­des­an­ge­legen­heit oder eine Frage dessen, was
der Mensch spürt auf seinem Weg durch das Leben und die Welt? Konkret
ist zu fragen, wo der Mensch Gott begegnet, in welcher Form dieser sich
offen­bart.

Wie wir gesehen haben, ist Got­tes Wirken, etwa im Regen, zwar greif­bar
in seiner posi­tiven oder ne­ga­tiven Kon­se­quenz, der »Herr des Him­mels«
aber ent­zieht sich jeder Nah­bar­keit. Eine alt­ägypti­sche Erzäh­lung vom
Schiff­brüchigen, der auf einer In­sel im Roten Meer strandet, macht dies
an­schaulich:

Da hörte ich ein Don­ner­geräusch und meinte, es sei eine Woge des
Meeres; Bäume wurden ge­knickt, die Erde bebte. Als ich mein Gesicht
auf­deckte, er­kannte ich, daß es eine Schlange war, die heran­kam. Sie maß
30 Ellen [15 Meter], und ihr Götter­bart war über zwei Ellen [1 m]
lang. Ihr Leib war mit Gold über­zogen, ihre Augen­brauen aus
Lapis­lazuli.

Als der Er­schrockene dem Gott opfern will, wird er aus­gelacht — denn
dieser lebt nach eigenem Be­kunden im Über­fluß und be­nötigt nichts, was
ein Mensch ihm geben könnte.

Gottes Name ist mitnichten Ver­ständ­lich­keit und
Zu­gäng­lich­keit, sondern Ent­rückt­heit, Un­erreich­bar­keit,
Un­ver­füg­bar­keit. Sowohl der ägyptische Amun als auch der
isra­eliti­sche Jahwe sind ver­bor­gene Göt­ter, »ge­heimnis­voll« nennen
die Quellen die Nil-Götter, deren Name eigent­lich nicht genannt
werden kann und darf; im griechisch-römi­schen Tempel­kult wohnt Gott
im Adyton, dem Un­betret­baren, Jahwe muß auf Berges­höhen auf­ge­sucht
werden. Für den Hin­duismus las­sen die Upa­nishaden (»das durch das
vom Lehrer Gehörte Offen­barte«) als höchstes Wesen brahman
er­kennen — »etwas Un­be­schreib­liches und jen­seits des mensch­lichen
Vor­stel­lungs­ver­mögen Lie­gendes«. Schama­nisti­sche Vor­stel­lungen von
der Herrin der Tiere ver­orten diese ver­borgen im »Bauch der Erde«.

Der Islam hat aus dieser Un­nah­bar­keit Got­tes ein Ab­bildungs­verbot
ge­macht; das Christentum, von den bilder­stür­menden Zeiten der Ortho­doxie
ab­ge­sehen, das Gegen­teil — eine Bild­freudig­keit und Bild­ver­ehrung
ohne­gleichen, aus­ge­nom­men der deutsche Prote­stan­tismus, der nicht nur
Bilder­stürme in seiner revo­luytionär-anarchi­schen Früh­phase kannte,
son­dern spätestens mit dem Auf­kommen der dia­lekti­schen Theo­logie heftig
darum rang, ob Gott über­haupt »das ganz Andere« sei.

Sonnengott

Es ist das Jahr 1364 vor Christi Geburt: Was als ägypti­scher Pan­theon
mit einer Göt­ter­viel­heit be­gann, aus der jener heraus­ragte, nach dem
Pharao Ameno­phis IV., der in jenem Jahr die Herr­schaft an­trat, seinen
Geburts­namen er­halten hat — Amun ist zufrieden —, wird nun radikal
be­schnitten auf den einen, dessen Namen der König an­nimmt: Echn­aton —
der Aton dient. Aton, das ist der ur­alte Sonnen­gott Re, in neuer Gestalt
und neuer Theo­logie.

Aton ist weniger der Son­nen­ball als viel­mehr »das Licht, das in der
Sonne ist und, von ihr aus­strahlend, die Welt ins Leben ruft und am
Leben erhält«. Der Son­nen­gesang Echn­atons faßt diese Gedanken in
grandiose Bilder:

Schön erscheinst du
im Hori­zonte des Himmels,
du lebendige Sonne,
die das Leben bestimmt. […]
Deine Strahlen säugen alle Felder —
wenn du auf­gehst, leben sie und wachsen für dich.



In letzter Kon­sequenz hat der Son­nen­gott, der nicht durch Worte wirkt,
»sondern durch seine Strahlen«, »dessen sicht­bares Kult­bild das
Son­nen­ge­stirn ist«, dessen Strahlen als Hände ge­dacht und dar­ge­stellt
werden, im Tempel kein Kult­bild mehr, sondern das Aller­heiligste ist
offen nach oben hin, um es der Son­nen­gott »durch seine Strahlen ausfüllt
mit sich selbst«, womit der Gott auf Erden an­wesend ist, wie es in den
alten Texten heißt: Aton ist ein Gott, dessen Tempel­schrein »eigent­lich
die ganze Welt« ist.

War die altägyptische Aton-Religion auch ein (kurz­lebiger) Versuch,
die Ent­rückt­heit des Got­tes auf­zu­brechen, ihn her­ein­zuholen
ins Leben der Men­schen, mit seinen Son­nen­armen, die nun in einen
offenen Tempel und in die ganze Welt greifen können? Die
Ab­hängig­keit des Menschen von gött­li­chem Wirken hat der als
Ketzer ver­schriene Pharao Echn­aton jeden­falls mit­nichten
be­stritten.

Seit der Psycho­analy­tiker C.G. Jung ein­mal erlebt hat, in welchen Jubel
Paviane aus­brechen, wenn die Son­ne aufgeht, weiß er:

Der Augenblick, in dem es Licht wird, das ist Gott.
Der Augen­blick bringt die Erlösung.

Alle Kreatur ist ab­hängig von der Schöpfung und ihren Segnungen.

Lebensspender

Sedna, jene Herrin der Tiere, »die vorher war« (das bedeutet ihr Name),
ist ver­borgen in ihrem unter­seeischen Reich. Der Scha­mane der
Labrador-Eskimos hat die Auf­gabe, sie all­jähr­lich dort auf­zu­suchen, um
sie um Frei­gabe der Jagd­beute zu bit­ten, deren Seelen sie »zwischen den
Zeiten«, in einer Phase der Re­gene­ra­tion der Natur, zurück­ge­halten hat:

Ich werde sie aufsuchen
Die unbekannte Frau
Ich werde die verborgenen Dinge ergründen
Jenseits der Menschen.

Die Herrin der Tiere ist, wie alles Gött­liche, nicht ein­fach greif­bar,
nicht leicht zugäng­lich, sie ist ver­borgen; ein Ein­ge­weihter muß mühsam
zu ihr hin­ab­steigen, sie in ihrer Höhle auf­suchen, dann ist sie bereit,
ihre Gaben zu schenken.

Wenn im Herbst Ernte­dank ge­feiert wird, singt die Christen­heit Psalm 65,
ein Dank­gebet für Got­tes Gaben:

Du sorgst für das Land und tränkst es;
du überschüttest es mit Reich­tum. […]
Du krönst das Jahr mit deiner Güte,
deinen Spuren folgt Über­fluß.
In der Steppe prangen die Auen,
die Höhen umgürten sich mit Jubel.
Die Weiden schmücken sich mit Herden,
die Täler hüllen sich in Korn.
Sie jauchzen und singen.

Der Schamanen-Gang zur Herrin der Tiere mit seinen rituel­len Ge­sängen
und der zum christ­lichen Ernte­dank­fest ge­betete Psalm sind gleicher­maßen
»Aus­druck der tiefen Dank­bar­keit from­mer Seelen, die sich dessen bewußt
sind, daß alle natür­li­chen und alle über­na­tür­li­chen Gaben eben das sind:
Gaben aus der Hand des Schöpfers, und nicht ›Gemachtes‹ aus dem Willen
und der Tätig­keit des Menschen selbst«.

[Gaben zu Erntedank in der Pfarrkirche Mariä
Himmelfahrt in Scheppach.]

Allzumenschliches

Wie man in animi­sti­schen Vor­stellungs­welten ab­hängig ist von
Natur­erschei­nungen — und diese Er­schei­nungen des­halb fürchtet und
ver­ehrt zugleich, also ver­göttlicht —, so über­trägt sich die
Ab­hängig­keits­vor­stellung in »ent­wickelteren« Kulturen auf
hoch­litera­rische Mythen.

Die neueste Holly­wood-Verfil­mung der Odyssee durch Christopher Nolan
ver­ortet das Ge­schehen, das auf die Lein­wand proji­ziert wird, »in einer
Zeit of­fensicht­licher Magie«. Den Film­kritiker Martin
Lichtmesz
ver­anlaßt dies zum Spott: Offen sichtlich sei das Magische in dieser
Film­version gerade eben nicht. Schlim­mer noch: »Völlig ab­wesend sind die
Göt­ter. Nicht einmal ihr Wirken in der Natur ist zu spüren, etwa in der
›heiligen Meeres­flut‹ oder in der be­rühmten ›rosen­fingrigen‹
Morgen­röte.«

Alleine damit hat sich ein Film, der vor­gibt, sich auf das homerische
Epos zu be­ziehen, dis­quali­fi­ziert. Denn ohne das Wirken der Götter
könnte kein Filme­macher des 21. Jahr­hunderts un­serer Zeit­rechnung
über­haupt auf einen Stoff namens »Odyssee« zurück­greifen. Im Gegen­satz
zu Nolan glaubt Homer nicht, eigen­mächtig über alles ver­fügen zu können
und es zu formen, wie immer es ihm beliebt. »Den Mann nenne mir, Muse,
den Viel­gewan­derten« — mit solcher Demut vor den Göt­tern beginnt es.
Und schon nach wenigen Zeilen wird klar, wer über die Schick­sale dieses
Man­nes und seiner Ge­fährten be­stimmt: der Rat der Götter im Olymp.

Nachdem die Achaier Troja ein­ge­nom­men, damit den Raub der Helena
gerächt, ist der Mann­schaft des Odysseus keine schnelle Heim­kehr
be­schieden, sondern eine Irr­fahrt. Schließ­lich ver­zehren die Toren die
Rinder des Helios, was allen außer ihrem An­führer zum Ver­häng­nis wird —
es »wehrte ihnen der Gott die Zurück­kunft«. Dem Odysseus aber zürnt der
Erd­erschüt­terer Posei­don wegen der Blen­dung des Zyklopen, seines Sohnes.
So landet der »viel­ver­schlagene Mann, der so weit geirrt«, endlich auf
der Insel Ogygia, in der Grotte der schön­flech­tigen Nymphe Kalypso, die
ihn glühend zum Mann be­gehrt, ihn, der sich vor Heim­weh verzehrt.

Selbst da das Jahr nun kam im krei­senden Laufe der Zeiten,
wo ihm die Götter bestimmt, gen Ithaka wieder­zukehren,
war der Held noch nicht am Ende seiner Be­drängnis.

Erretten aus seiner Not kann ihn nur die Ver­sammlung der Götter,
ins­beson­dere seine Für­sprecherin Athene, die aller­dings einen günstigen
Moment ab­warten muß, bis der rach­süchtige Poseidon den Olymp verläßt,
um das Land der Aithiopen auf­zusuchen, wo ihm geopfert wird.

Es jammerte seiner die Götter […:]
Wir wollen uns alle zum Rat ver­einen, die Heim­kehr
des Verfolgten zu fördern [so sprach der Wolken­versammler Zeus]

In den homerischen Epen, überhaupt in der antiken Mytho­logie, ist das
Gött­liche auf einer Ebene an­ge­langt, wo es eigent­lich nicht hin­gehört:
Die Götter tragen mensch­liche Züge, sitzen zechend zu Tisch und
schmieden Ränke gegen­ein­ander. Geblieben ist die Vor­stellung von der
Ent­rückt­heit und Un­greif­barkeit dieser Götter, ge­blieben ist auch das
Wissen um die schick­sal­hafte Ab­hängig­keit des Menschen vom gött­li­chen
Wil­len, wie sie auch der Alte Orient kennt.

Eine der er­schütterndsten Szenen des Gil­ga­mesch-Epos ist die Szene als
Enkidu auf dem Toten­bett liegt und seinen Freund, den König Gilga­mesch,
fragt: »Weshalb nur rat­schlagen die großen Göt­ter?« Die Göt­ter beraten
darüber, ob und wie der Frevel ge­büßt werden muß, den Gilga­mesch und
Enkidu mit der Tötung des Him­mels­stiers be­gangen haben; sie haben das
Leben des Natur­menschen Enkidu, der in die Zivi­lisa­tion kam, in ihren
Händen.

Vielleicht ist Geschichte von den An­fängen und Ent­wick­lungen
mensch­licher Gottes­vor­stel­lungen als »Ver­lust­ge­schichte« zu schreiben;
viel­leicht sollte diese Geschichte »keine Ant­worten auf Fragen der
Gegen­wart« liefern, sondern die Gegen­wart »den existen­ti­ellen Fragen«
mensch­licher Got­tes­vor­stellungen aus­setzen; viel­leicht erwiese sich die
Moder­nität einer Got­tes­vor­stellung dann gerade nicht darin, wie gut
Gott »in unsere Zeit paßt, sondern wie un­erbitt­lich er die Glätte
un­serer Zeit zer­trümmert«. Denn gleich wie der Geist einer Zeit auch
wehen mag, der Mensch ist ab­hängig von etwas, was er nicht in Händen
hält, was seinem Ein­fluß ent­rückt ist, vor dem Ehr­furcht zu empfinden
ihm ansteht.

Wobei man, schreibt man das Wort »Got­tes­vor­stellung« und be­trachtet es
an­schließend noch ein­mal aufm­erk­sam, zu er­schrecken hat darüber, wieso
eine Be­trachtung über den Homo reli­giosus nicht kon­se­quent davon
aus­geht, daß für den Menschen, der glaubt, Gott eben keine Vor­stellung
ist, welche man qua Ver­stand und Wil­len formen, mani­pu­lieren und
in­stru­men­ta­liseren kann, sondern das er ist, was er ist, ohne daß auf
dieses Sein und dessen Wirken irgend­ein Ein­fluß aus­geübt werden könnte.
Doch die Zeiten sind nicht so.

Nun ist der Mensch Gott

Seit Gott tot ist, rückt im­mer mehr der un­ersätt­li­che Mensch an
seine Stel­le; fast scheint es ge­schafft, daß er sich auf den Thron
Gottes ge­setzt hat, sein eigent­li­cher Ort, wie
im 20. Jahr­hundert be­hauptet worden ist.

Die Ludwig-Maximilians-Univer­si­tät in Mün­chen prä­sentiert sich gerade
pro­me­thisch: Im Zeit­alter von KI läßt man »die Grenzen ver­schwimmen«.
Und das ist gut so, meinen Editions­team und aus­ge­wählte For­scher. Es sei
»eine grobe Ver­ein­fachung, natür­lich [im Sinne des Homo reli­giosus
also: das Ge­schöpfte] und künst­lich [sprich: das Menschen­ge­machte]
als klare Gegen­sätze zu be­greifen«. Bisher falsch ein­ge­ordnet wären
diese Begriffe, »als Syn­onyme von echt und falsch«. Alles ist in dieser
Denk­weise nur eine Frage von Sprech­akten, alles wird durch den Diskurs
erst er­schaffen und kann nach Belieben um­ge­modelt werden, die Schöpfung
sowieso: Der In­for­matiker lotet be­geistert aus, »wie digitale Tech­niken
mensch­liche Fähig­keiten er­weitern können«. Sein Forschungs­ziel: »Der
er­weiterte Mensch«. Geo­graphin und Bio­loge machen sich Gedanken darüber,
»wie sich Kultur­pflanzen an den Klima­wandel an­passen« — und sind sie
nicht willig, so braucht es Gewalt — »oder künstlich anpassen lassen«,
mit »nach­haltiger Gen­technik«. »Entwickeln«, »opti­mieren«, »Effi­zienz
steigern« ist das LMU-Gebot der Stunde, von Pflanzen und von Menschen.
Wer Zweifel an­meldet, dem werden »diffuse Ängste vor neuen Techno­lo­gien«
unter­stellt. Probleme? Nur für Ewig­gestrige. Soll der Mensch Gott
spielen? Aber ja, ruft es aus der LMU euphorisch.

[Bryan Alexander Davis: Golem. Quelle:
Wikimedia.]

Auch das Wetter ist nicht mehr Sache gött­licher Wol­ken­versammler,
Regen­spender und Don­nerer — es wird von er­wählten Menschen gesteuert:
Klima­inge­nieure ver­sprechen, die Erd­tempe­ratur nach ihrem Willen
ein­zu­stellen wie eine smarte Wohnungs­heizung. Aber was, wenn ein Strich
durch die Rechnung gemacht wird, etwa wenn ein Super-Vulkan hochgeht,
wie er unter Neapel schlum­mert oder auf La Palma? Bei den
Laki-Eruptionen 1783/4 auf Island brach in ganz Europa ein jahreylanger
vulka­nischer Winter an, die nörd­liche Hemi­sphäre kühlte sich um 1,5 Grad
Celsius ab, Miß­ernten in­klusive. Wer hat dann die All­macht?

Dennoch gaukeln Beratungs­gurus ihrer leicht­gläubigen Klientel nichts
Ge­ringeres als »Klima­kon­zepte« vor, die für »die jeweilige Klima­zukunft
maß­ges­chneidert« sind. Da wird die Welt am Computer fix neu entworfen
wie ein Video-Game für Kids, in dem »Pilot­projekte« »Modell­regionen«
de­fi­nieren, wo »neue Reb­sorten an­ge­pflanzt, klima­resi­stente Baum­sorten
ge­setzt, Bach­bette neu dimen­sio­niert« werden. Oh unfaß­barer Größen­wahn,
der den lieben Gott zum Stümper degradiert — ver­meintlich.

Der Mensch hat »es« eben nicht in der Hand, mag er sich noch so klug
dünken. Daß es eine Instanz in der Hand hat, die über dem Menschen
steht, ist evident. Daß es sich dabei nicht um eine numi­nose Macht
handeln könnte, die man Götter oder Gott nennt, auf solch einen
ab­wegigen Ge­danken ist vor dem Zeit­alter des Ratio­na­lis­mus niemand
ge­kommen. Die Ver­nunft­religion ist ein illegi­times Kind der Neu­zeit, in
ihr de­gene­riert die Welt und der Blick auf sie »vom gott­gewollten
My­sterium« zu einer »men­schen­ge­schaf­fenen Ra­tio­na­lität«; diese
Ra­tio­na­lität aber ist »eine der primi­tivsten und in­fan­tilsten
Geistes­perioden der Mensch­heit«.

Ein Gebrechen, das den modernen Men­schen of­fen­sicht­lich daran hindert,
Gott begreifen und gött­li­ches Wirken ak­zep­tieren zu können, ist die ihm
ab­han­den­g­ekom­mene De­mut. Doch gerade Ein­sicht in Begrenzt­heit und
Ab­hängig­keit ist es, die dem Men­schen gemäß ist. Die Fülle des Lebens
er­schließt sich nicht in der All­über­all­ver­füg­bar­keit von Allem, wie es
das Inter­net ver­spricht — und schon gar nicht im All­machts­anspruch des
Homo sapiens, sich die Welt nach seinem Wil­len formen zu können.



Die Entrücktheit des Gött­lichen vom All­zu­mensch­lichen heißt keineswegs,
dass das Göttliche im All­tag nicht spür­bar wäre — ganz im Gegen­teil:
Gott war überall — schreibt der Roma­nist Johannes Hösle über seine
Kind­heit im All­gäu der 1930er Jahre, um sich später von dieser
Gottes­durch­drun­gen­heit des All­tags »zu distan­zieren«, wie mir ein
Bene­diktiner­pater, der ihn kannte, sagte. Die nächste Folge von Homo
reli­gio­sus, die des­sen Leben betrachtet, spürt dem Verdacht nach, das
alles, was man tut, wenn man glaubt, der Heili­gung unter­liegt — und
damit der Gottes­nähe.

Quellen in der Reihenfolge im Text

Wilhelm Mannhardt: Wald- und Feldkulte. Erster Teil: Der Baum­kultus der
Ger­manen und ihrer Nach­bar­stäm­me. Mytho­lo­gische Unter­suchungen. Ge­brüder
Born­traeger Ed. Eggers: Berlin, 1875, S. 1 Anm. 1 (Naturmensch); S. 2
(analoge Sprach­bilder für Pflanze und Mensch); S. 5 (Baum­seele als
Schutz­geist); S. 155 (Bäume als Vege­tations­gott­heiten).

Bronisław Malinowski: Argonauten des west­lichen Pazifik. Ein
Bericht über Unter­nehmun­gen und Aben­teuer der Ein­ge­borenen in
den Insel­welten von Mela­nesisch-Neuguinea. Heraus­gegeben von
Fritz Kramer. Frank­furt am Main: Syndikat, 1979 (englisch­sprachige
Original­aus­gabe: Argonauts of the Western Pacific. New York:
Dutton, 1922).

Walter Hirschberg: Bullom, Temne, Mende und Krio (Sierra Leone). In:
Walter Raunig (Hrsg.): Schwarz-Afrikaner. Lebens­raum und Welt­bild.
Gütersloh: Prisma, 1987 (Erst­ausgabe: Innsbruck: Pinguin, 1980),
S. 27–41, hier S. 29 (Baum als Gott).

Anton Vorbichler: Das Welt­bild der zentral­afrika­nischen Pygmäen. In:
Raunig: Schwarz-Afrikaner, S. 171–182, hier S. 175 (Buschgott Mbali).

Hans Peter Duerr: Sedna oder Die Liebe zum Leben. Frankfurt am Main:
Suhr­kamp, 1984, S. 234 (Wald­gott der Bambuti); S. 15 (Gesang des
Eskimo­scha­manen), S. 35 (Ver­wahr­ort der Tier­seelen).

Hugo Huber: Rituale des Lebens. Religiöse Aspekte einer
west­afri­ka­nischen Savan­nenbauern­kultur. (Die Yende in der Volks­republik
Benin). In: Raunig: Schwarz-Afrikaner, S. 49-59, hier S. 49 (Leben
spen­dender Regen).

4 Mose 11, 25.

Jesaja 29, 6.

Karl-Heinz Bernhardt: Ugariti­sche Texte. In: Walter Beyerlin (Hrsg.):
Reli­gions­geschicht­liches Text­buch zum Alten Testa­ment. Göttingen:
Vanden­hoeck &amp;amp; Ruprecht, ²1985, S. 205–243, hier S. 228, Zeile 122 (Baal
als Wol­ken­reiter); S. 227, Zeilen 68–71 (Baal als Regen­macher, Donnerer
und Blitze­schleuderer).

Benediktionale. Studien­ausgabe für die katho­li­schen Bistümer des
deutschen Sprach­ge­bietes. Frei­burg u.a.: Herder, 1987,
S. 59–63 (Wetter­segen).

Martin Mosebach: Häresie der Form­losig­keit. Die römische Litur­gie
und ihr Feind. Wien: Karolinger, 2002 (aus dem Gedächtnis zitiert).

Emil Staiger: Adalbert Stifter als Dichter der Ehrfurcht. Zürich: Verlag
der Arche, 1952, S. 22f.

Ist im Pontifikat Leos XIV ein Ende der Liturgiekriege zu erwarten?
Summorum Pontificum, 4. September 2026,
https://www.summorum-pontificum.de/cont_articles/26/m09/04_perspektiven-alte.messe.html
(Zugäng­lich­keit war noch nie einer der Namen Gottes)

Erik Hornung: Der Eine und die Vielen. Ägyptische
Got­tes­vor­stel­lungen.  Darmstadt: Wis­senschaft­liche
Buch­ge­sellschaft, 1971, S. 118 (Erzählung vom Schiff­brüchigen),
S. 106 (verbor­gene Göt­ter­gestalt).

Vasudha Narayanan: Hinduismus. Religio­nen verstehen.  Köln:
Fleurus, 2005, S. 25 (höchstes Wesen brahman).

Erik Hornung: Echnaton. Die Religion des Lichts. Düsseldorf und
Zürich: Artemis &amp;amp; Winkler, 1995, hier ²2001, S. 61 (Licht, das in
der Sonne ist), S. 88–93 (Son­nen­gesang Echn­atons), S. 82 (Wirkung
durch Strahlen), S. 29 (Sonne selbst als Kult­bild), S. 44
Abb. (Strahlen­hände), S. 82 (kein Kultbild im Tempel), S. 81
(Tempel­schrein ist die ganze Welt), S. 95 (Jubel der Paviane beim
Son­nen­aufgang).

Psalm 65, 10–14.

Michael Charlier: Te decet hymnus — Ps. LXIV [65]. In: Das
Psalterium, https://www.psalterium.de/cont_psalms/ps_064.html, 2024
(Erntedank).

Martin Lichtmesz: Christopher Nolans »Odyssee«. Sezession im Netz, 28.
Juli 2026, https://sezession.de/71141/christopher-nolans-odyssee.

Homer Odyssee. Übersetzt von Johann Hein­rich Voß. Durch­gesehen und
eingeleitet von Otto Hauser. Deutsche Biblio­thek in Berlin. Leipzig,
ohne Jahr, S. 1–3.

Das Gilgamesch-Epos. Übersetzt, kom­men­tiert und her­aus­gegeben von
Wolf­gang Röllig. Stuttgart: Reclam, 2019, S. 76 (Beginn von Tafel VII).

Markus Sanke: 150 Jahre Grüner Hügel — eine Verlust­geschichte. In:
Sezession 133, August 2026, S. 39-45, hier S. 45 (»Eine trag­fähige
Maxime wäre: Bay­reuth liefert keine Ant­worten auf Fragen der Gegen­wart
– es setzt die Gegen­wart den exi­sten­tiel­len Fra­gen des Werkes aus. /
Moder­ni­tät erweist sich nicht darin, wie gut das Werk in unsere Zeit
paßt, sondern wie un­er­bitt­lich es die Glätte unserer Zeit
zer­trümmert.«).

Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Frank­furt am Main: Suhr­kamp, 1959
(Gottes Thron ge­bührt dem Menschen und seinen Utopien).

Einsichten. Forschungs­magazin der Ludwig-Maxi­milians-Uni­ver­sität
München, Nr. 2/2023 (Grenzen ver­schwimmen).

Egon Friedell: Kultur­geschichte der Neu­zeit. Die Krisis der
euro­pä­ischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten
Welt­krieg. Band 1. München: Deut­scher Taschen­buch Verlag, 1976,
hier 10. Auf­lage, 1993 (Erst­aus­gabe: Mün­chen: Beck, 1927-1931),
S. 240 (infan­tiler Ratio­na­lismus).

Johannes Hösle: Vor aller Zeit. Geschichte einer Kind­heit. München:
Beck, 2000, ²2001, S. 5.
</description>
        <pubDate>Wed, 14 Oct 2026 00:00:00 +0000</pubDate>
        <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/10/14/schmid-homo-religiosus-02/</link>
        <guid isPermaLink="true">https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/10/14/schmid-homo-religiosus-02/</guid>
        
        <category>Anthropologie</category>
        
        <category>Ethnologie</category>
        
        <category>Religion</category>
        
        
      </item>
    
      <item>
        <title>Der Zorn der Christen</title>
        <description>

Das Gleichnis vom Unkraut und den Weizen wird gerne herangezogen, wenn
es um das für Christen angemessene Verhalten gegenüber dem Bösen geht.
Denn es paßt überaus trefflich in jene Perspektive, die der Leser des
Matthäusevangeliums schon von der Bergpredigt her kennt: Was dort
prominent als eine Ethik der Sanftmut vorgeführt wird (Mt 5,5), die in
der Feindesliebe kulminiert (Mt 5,44) und folglich auch keine Anstalten
macht, sich dem Bösen zu widersetzen (Mt 5,39), um endlich die Frage des
Gerichts und also das Urteil über Gut und Böse überhaupt zu sistieren
(Mt 7,1), wird in dem wirkmächtigen Gleichnis adäquat umgesetzt: Das
Unkraut, das vom »Feind« gesät wurde, wird auf dem Acker nicht
ausgejätet, damit nicht etwa das Unkraut zusammen mit dem Weizen
ausgerissen wird; vielmehr soll beides bis zur Ernte stehenbleiben, und
dann erst wird das Unkraut verbrannt, der Weizen aber gesammelt (Mt
13,24–30).

Man kann das als eine Warnung vor ebenjenen ideologischen Fanatismen
lesen, die in einer Umkehrung des mephistophelischen Prinzips zwar das
Gute wollen, aber stets das Böse schaffen. Und man kann daraus den
Schluß ziehen, daß es am besten sein wird, wenn wir in unserer
unübersichtlichen Welt es Gott überlassen, wen er für gut oder böse
hält. Und das wiederum hieße konkret: Bei Gott darf alles wachsen, und
wir Menschen schauen dem einfach zu und geben »den ganzen Acker, das
ganze menschliche Leben Gott in die Hände […] Mehr brauchen wir
nicht.«1 Das läuft auf einen christlichen Pazifismus hinaus, der sich
darüber freut, daß Gottes Sonne gleichermaßen über Gute und Böse aufgeht
und Gottes Regen auf die Gerechten und die Ungerechten fällt (Mt 5,45).

Ganz offensichtlich hängt die Validität des Gleichnisses davon ab, daß
es die andere Seite, die des »Feindes«, ausblendet und davon absieht,
daß der es bis zum Äußersten treiben könnte: bis zur Extermination aller
Guten. In der Bildsprache des Gleichnisses gesprochen: Es rechnet nicht
damit, daß ein Acker dermaßen verkrauten kann, daß er keine Frucht mehr
bringt. Unter dem Aspekt des Eschaton mag das eine vernachlässigbare
Dimension der geschichtlichen Wirklichkeit sein; unter dem Aspekt des
laufenden Äons aber macht es einen dramatischen Unterschied, ob wir auf
dem Weltacker dafür sorgen, daß das Böse nicht überhand nimmt, oder ob
wir die Dinge laufen lassen und dann erschreckt feststellen müssen, daß
nicht die Bösen am Ender aller Zeiten im »Feuerofen« landen, sondern die
Guten von ihren Feinden schon übermorgen gekeuzigt, gerädert,
gevierteilt, vergast oder verbrannt werden.

Ebendiese Fokussierung des Gleichnisses vom Unkraut auf die
eschatologische Heilsperspektive macht es untauglich als Lehrstück für
eine christliche Alltagsmoral, die auf die realen Widrigkeiten dieses
Äons angemessen reagieren muß. Allenfalls taugt es auf einer
individualpsychologischen Ebene zu der Ermahnung, daß auch ein Christ
damit rechnen sollte, daß er nicht der Weizen ist, für den er sich
halten mag, sondern das Unkraut, das im »Feuerofen« verbrannt wird.
Womit sich die Frage verschärft, wie denn von einem Christen in der
realen Konflikt- und Aggressionslage dieser Welt zu handeln sei, zumal
dann, wenn er aus seinem Glauben an Christus den Impuls gewinnen möchte,
im jeweils aktuellen Jetzt als »Gottes Mitarbeiter« (1 Kor 3,9) tätig zu
werden.

Was es für welthaftes Handeln im Hinblick auf die Verhinderung des Bösen
und die Ermöglichung des Guten braucht, weiß das Neue Testament und weiß
Jesus nun aber durchaus. Denn eines ist es, nicht selbst
aggressionsfördernd zu handeln, ein anderes aber, sich selbst wehrlos zu
machen und das Böse nicht zu verhindern. In der Sprache Jesu: Wer sich
als Schaf unter die Wölfe begibt, muß sich dabei nicht auch noch dumm
anstellen, sondern muß so klug sein wie die Schlangen (Mt 10,16).

Was das konkret heißen kann, zeigt ein ob seiner brutalen Nüchternheit
gerne überlesenes Gleichnis im Lukasevangelium. Dort gibt es einen
ungerechten Verwalter, der seinen Herrn betrügt und angesichts der
Betrugsvorwürfe den Schuldnern des Herrn einen Teilschuldenerlaß gewährt
und sich damit bei den Schuldnern empfehlen will; denn er hofft
offenbar, sie würden zu seinen Gunsten vor dem Herrn aussagen. Das
Gleichnis endet mit dem kommentierenden Wort Jesu: »Der Herr lobte den
ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Die Söhne dieser
Weltzeit sind nämlich klüger gegen ihresgleichen als die Söhne des
Lichts.« (Lk 16,8) Man kann das so übersetzen: Falsch ist moralische
Prinzipientreue um jeden Preis, richtig ist ein situationsadäquates
Handeln, das das Konfliktpotential entschärft und dabei ebenjene
Instrumente nutzt, die in der konkreten Lage bereitstehen; hier also:
das Geld nutzt, um durch Reißen der Betrugsgrenze eine Situation zu
deeskalieren — gleich, ob das nun dem betrügerischen Deeskalateur
selber nutzt oder nicht (in diesem Fall nutzt es ihm).

Natürlich kann man das Gleichnis auf die übliche Linie der
Evangelienauslegung bringen. Danach zielt es auf eine Umverteilung von
Reichtum unter den Armen, indem diesen eine Teilschuld erlassen wird.
Das heißt freilich, das ausdrückliche Lob des Herrn für die Klugheit des
Verwalters auszublenden: Er wird nicht für klug gehalten, weil er
umverteilt, sondern weil er sich mit dem Geld eines anderen bei den
Schuldnern in betrügerischer Weise angenehm zu machen versucht, die den
ursprünglichen Vorwurf, er verschleudere den Besitz des Herrn, dank
dieser Bestechungsmaßnahme entkräften werden. Das in der Tat ist eine
sehr eindrückliche Schlangenklugheit.

Nun läßt sich allerdings nicht jeder Konflikt mit Bestechungsgeld aus
der Welt schaffen. Oft genug ist es nötig, den Konflikt durchzuhalten
und eine Entscheidung zwischen richtig und falsch zu treffen und dann
das Richtige auch durchzusetzen. Und hier zeigen sich nun die frühen
Christengruppen in ihrer menschlich-allzumenschlichen Unzulänglichkeit:
Es gibt unter ihnen nicht nur allerlei Eitelkeiten, sondern auch Streit
und Zorn (2 Kor 12,20), und ebenso scheinen üble Nachrede und Lüge ein
Alltagsproblem unter den Christen gewesen zu sein (Kol 3,8f.). Natürlich
ist auch hier die erste Reaktion das ermahnende Zureden im Hinblick auf
den »Frieden Christi« und die Agape als eines »Bandes der
Vollkommenheit« (Kol 3,14f.). Wenn aber das besänftigende Reden nichts
nützt, finden wir eine härtere Tonart: Als der Apostel Paulus in Korinth
eine zerstrittene Gemeinde vorfindet (1 Kor 3,1–7) und sein Apostolat
in Frage steht, reagiert er gereizt und droht damit, »keine Schonung zu
üben« und »Strenge zu gebrauchen« (2 Kor 13,2.10).

Was das heißen kann, zeigt sich ebenfalls in Korinth. Dort gibt es
nämlich einen Fall von »Blutschande« (pornē), die darin besteht, daß
ein Gemeindemitglied »die Frau seines Vaters hat« (1 Kor 5,1). Das
Urteil des Apostels erfolgt prompt und eindeutig: Der Mann soll aus der
Gemeinde ausgeschlossen und »dem Satan übergeben« werden (1 Kor 5,2.5).
Diese starke Grenzziehung gilt nun aber nicht nur für Blutschande,
sondern, wie der Apostel sogleich ausführt, auch für andere Arten
unchristlichen Verhaltens, von denen Paulus explizit aufzählt
»Habsucht«, »Götzendienst« (Bildverehrung, Idololatrie), »Lästerung«,
»Saufen« und »Raub« (1 Kor 5,11). Der Passus endet in dem starken und
dem Gleichnis vom Unkraut diametral entgegengesetzten Wort: »Schafft den
Bösen weg aus eurer Mitte!« (1 Kor 5,13)

Die Drastik dieser Maßnahme kann gar nicht deutlich genug herausgestellt
werden: Die Übergabe an den Satan ist eine Fluchformel, die nichts
anderes als den Tod des Verfluchten intendiert.2 Seine Energie
bezieht der Fluch aus dem »Zorn Gottes«, der angesichts der menschlichen
Verfehlungen entbrennt und der über den Verflucher auf den Verfluchten
gelenkt wird (Röm 1,18–2,16). Natürlich ist an dieser Stelle das Caveat
eingebaut, daß der Vollzug des Zornes in Form von Rache nicht Sache des
Menschen, sondern daß es Gottes Sache ist, Zorn und Rache zu üben (Röm
12,19). Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß der Blutschänder in
Korinth jetzt schon (und nicht irgendwann oder nie) aus der Gemeinde
ausgeschlossen wird — und danach die Folgen des Ausschlusses Gott
anheimgestellt sind (1 Kor 5,13). Um es klar zu sagen: Der Heilstod des
Sünders ist Gottes Sache, aber Paulus läßt keinen Zweifel daran, daß der
Sünder den Ausschluß aus der Gemeinde verdient hat und daß dieser
Ausschluß auch zu vollziehen ist.

Nimmt man das alles zusammen, läuft es darauf hinaus, anzuerkennen, daß
das Zusammenleben der Menschen und folglich auch der Christen durch
einen Komplex widriger thymotischer Energien gestört wird, die zwischen
die beiden Pole der göttlichen Gnade (Heilspol) und des göttlichen Zorns
(Unheilspol) eingespannt sind. Diese äußersten Pole sind dem Menschen
unverfügbar, verfügen aber kann und muß er über eine Urteilskraft, die
in einer konkreten Lage über den gemeinschaftsgefährdenden Sünder ein
Urteil spricht, so wie es Paulus ja in wünschenswertester Deutlichkeit
tut (1 Kor 5,3). So wie der Herrenbruder Jakobus als Leiter der
Jerusalemer Gemeinde in einer ganz anderen Lage ebenso
selbstverständlich ein Urteil spricht (Apg 15,19). Es sind Urteile, die
immer dann gefällt werden müssen, wenn auch in der christlichen Gemeinde
das gute Zureden und das vom Geist erfüllte Gut-Tun (Gal 6,1–10) an ein
Ende gekommen sind und die Agape nicht (mehr) fruchtet.

Das hat übrigens auch Jesus so gesehen und praktiziert. Mit der
Tempelreinigung (Mk 11,15–19 parr) vollzieht er ein öffentliches Urteil
über den Tempelkult in Jerusalem, und laut dem Johannesevangelium
benutzte er dazu eine Geißel aus Stricken (Joh 2,15). Und als Petrus
endlich zu begreifen scheint, daß die Nachfolge Jesu kein Weg zu
weltlichem Ruhm ist und er Jesus deshalb zur Rede stellt, antwortet
Jesus mit ebenjenem Fluchwort, mit dem Paulus in Korinth operiert: »Geh
hinter mich, Satan«, sagt Jesus zu Petrus (Mk 8,31–33 parr). Auch hier
also: Der Zorn klärt durch die in ihm wohnende Ernergie die Lage und
ermöglicht im Handeln eine Grenzziehung, die Freund und Feind trennt.
Wer als Christ auf dem christlichen Weg bleiben will, tut gut daran,
sich an diesen Sachverhalt beizeiten zu erinnern.



Der vorstehende Text wurde zuerst am 8. September 2026 auf dem Blog
»Theologie
dissidens«
veröffentlicht, der einer »dissidenten Theologie« (aus allen
Konfessionen) eine Plattform bietet und von dort aus die Lage, wie
sie ist, beleuchtet. Denn: »Ein Riss geht durch die
Gegenwart.«

Anmerkungen


  
    
      Drewermann, Eugen: Wenn der Himmel die Erde berührt: Meditationen
zu den Gleichnissen Jesu, Kevelaer 2012, S. 58. &amp;#8617;
    
    
      Lietzmann, Hans: An die Korinther I/II, , 4., von Werner Georg
Kümmel erg. Aufl., Tübingen 1949, S. 23. &amp;#8617;
    
  

</description>
        <pubDate>Wed, 07 Oct 2026 00:00:00 +0000</pubDate>
        <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/10/07/zorn-christ/</link>
        <guid isPermaLink="true">https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/10/07/zorn-christ/</guid>
        
        <category>Christentum</category>
        
        <category>Nächstenliebe</category>
        
        <category>Affekte</category>
        
        
      </item>
    
      <item>
        <title>Progressiv versus konservativ</title>
        <description>Die Gretchenfrage unserer Zeit lautet: Wie hältst Du es mit der
Moderne?  Alle Progressiven erklären: Nur wer mit der Zeit geht, hat
Erfolg. Wäre dem so, müßten zwei konservative Organisationen —
katholische Kirche und politische Union —, die stets progressiver
werden, gute Bilanzen haben.



Bei der katholischen Kirche, speziell ihrer Vertreter in
Deutschland, liegt die Sache klar: Seit dem Zweiten Vatikanischen
Konzil spielt man dort »Aggiornamento«, Verheutigung, vulgo:
Modernisierung, genauer: wachsende Anpassung an den jeweilig
fortschrittlichst auftretenden Zeitgeist. Das Argument der
»Reformer«, wie sich die seit Jahrzehnten dominante Fraktion nennt,
lautet seit jeher: Wenn wir uns nicht modernisieren, in Gedanken,
Worten und Taten (wobei eine Tat war, die überlieferte Liturgie bis
zur Unkenntlichkeit zu »reformieren«), dann laufen uns die Menschen
davon, weil sie das Ewiggestrige nicht mehr anzieht. Umgekehrt heißt
das: Wer mit der Zeit geht, der hat Erfolg beim Publikum, wenn man
denn die Gläubigen partout so bezeichnen will (oder werden die
Gläubigen von amtskirchlichen Kommunikationsabteilungen gar nicht
mehr adressiert, sondern vielmehr ein säkularer Medienmainstream,
bei dem man sich unablässig anbiedert?).

Beim einstmals politisch-säkularen Arm der Kirche, den christlichen
Volksparteien CDU und CSU (deren Kürzel man für die Jüngeren wohl
auflösen muß: Christlich Demokratische Union Deutschlands und
Christlich-Soziale Union in Bayern), stehen die Dinge etwas
verzwickter: Während CSU-Vertreter wie Alexander Dobrindt eine
»konservative Revolution« forderten, Friedrich Merz als
Kanzlerkandidat ausrief, »links« wäre »vorbei«, um sich nach
Amtsantritt in die babylonische Gefangenschaft mit eben jenen
Linksparteien einzumauern, liebäugeln progressive Unionsgranden wie
Hendrik Wüst oder Daniel Günther mehr oder weniger offen mit einem
Linksruck ihrer Partei, wobei die Günther-Vertraute Karin Prien gar
von einer Antifa-DNA spricht, die ihre Partei präge. Wie groß und
mächtig auch immer der Konservatismus in den Unionsparteien intern
auch sein möge, nach außen dringt davon seit längerem wenig bis
nichts; inzwischen sind in der realen Regierungspolitik wie auch in
der öffentlichen Außendarstellung die Modernisten am Ruder.

Zahlen lügen nicht

Beiden Organisationen gemeinsam ist ihre Vorstellung davon, wie man
als genuin konservative Institution in der Moderne bestehen kann:
Indem man der Moderne mit Haut und Haar beitritt. Die
Reformer-Fraktion in beiden Organisationen, jene in der katholischen
Kirche etwas bewußter und offensiver, erklären sich, ihren
Mitgliedern und der Welt beständig, daß ohne Reformen, die stets nur
in eine Richtung gehen — weg vom Überlieferten hin zu dem, was sie
unter Fortschritt verstehen —, die Existenz der Organisation
gefährdet wäre, weil die Parteimitglieder und Wähler beziehungsweise
die Gläubigen ohne das Abtun der Tradition und die Transformation in
die Moderne in Scharen davonlaufen würden. Man glaubt: Wer nicht mit
der Zeit geht, geht unter. Die Grünen erklärten sogar: »Veränderung
gibt Halt«.

Es ist nun hier nicht der Ort, mehr oder weniger gelehrte
Diskussionen über das Für und Wider dieser Ansicht zu
reproduzieren. Vielmehr möge ein nüchterner Blick auf die in Zahlen
zu messende Entwicklung der sich transformierenden Organisationen
die Frage beantworten helfen, ob der Selbstanspruch der Reformer
sich auch in der Wirklichkeit bestätigen kann: Ist das Volk so
modernisierungswillig, ja geradezu fortschrittssüchtig, wie es jene
unterstellen, die behaupten, nur durch Modernisierung würde man die
Menschen weiter an sich (Partei, Kirche) binden können?

Niedergang des Katholizismus in Deutschland

Beginnen wir mit der Kirche — und ihrer Mitgliederentwicklung:
Evangelische
Christ*innen
in Deutschland Ende 2025: 17.400.000. Ein Vierteljahrhundert zuvor,
im Jahr 2001, ohne Sternchen: 26.454.000. Katholiken heute:
19.220.000, zur Jahrtausendwende: 26.288.000.

Betrachtet man die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg als Ganzes, so
ergibt sich für die Jahre bis um 1970 in der Summe beider großen
christlichen Konfessionen ein Anteil an Kirchenmitglieder von weit über
90 Prozent der Gesamtbevölkerung. Seit einigen Jahren ist der Punkt
erreicht, an dem die Bevölkerungsmehrheit keiner dieser Kirchen mehr
angehört.

 [Anteil der katholischen und evangelischen
Christen an der Gesamt­bevölkerung in Deutschland seit 1953.]

Blickt man auf das Fundament der Kirche, ihre Seelsorger, so ist für
den deutschen Katholizismus von einem freien Fall zu sprechen. Die
Zahl der
Priesterberufungen
nimmt seit langem dramatisch ab und verringert sich auf niedrigstem
Niveau immer weiter, teilweise tatsächlich gegen Null — in 11 von
27 deutschen Diözesen wird es 2026 keine Priesterweihen geben, auch
nicht in der Erzdiözese München und Freising, einer Herzkammer des
deutschen Katholizismus, die mit Kardinal Reinhard Marx allerdings
einen der wokesten Kirchenführer als Oberhirten ertragen muß.

 [Zahl der Priesterweihen in der katholischen
Kirche in Deutschland seit 1962.]

Bis Anfang der 1960er Jahre lag die Zahl der Neupriester pro Jahr
stabil bei über 500. 1969 waren es erstmals deutlich unter 400, fünf
Jahre später nicht mehr ganz 200 — ein rasanter
Niedergang. Auffällig ist eine kleine Delle nach oben in den 1980er
Jahren, bis es wieder 300 Neuberufungen 1989/1990 waren, bevor dann
der endgültige Crash erfolgt, als 2008 erstmals weniger als 100
junge Männer die Soutane wählten. 2026 sind es 30, im Jahr 1 nach
dem großen Konzil, 1966, waren es 447.

Die »Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland« (fowid), von
der die Zahlen dieses Beitrags stammen, macht sich Gedanken über den
Anstieg zwischen 1980 und 1990. Die Hoffnung der Reformer, darin
würde sich die Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanums, das zwischen
Oktober 1962 und Dezember 1965 tagte, zeigen, teilen die Statistiker
nicht. Sie halten den Ausreißer nach oben eher für eine Folge des
»Baby Booms« zwischen 1955 und 1964, der sich rund 25 Jahre später
auswirkte, also in den 1980er Jahren, als die akademischen Boomer
(und dazu gehö­ren die Priester) ins Berufsleben eintraten. Insofern
hätte dieser Anstieg »nichts mit innerkirchlichen oder
gesellschaftlichen Stimmungen zu tun, sondern wäre schlicht eine
Begleiterscheinung des Geburtenzyklus 1955-1964: werden mehr Kinder
geboren, gibt es auch mehr Priesterweihen.«

Keinen Interpretationsspielraum läßt die Statistik zu den
Gottesdienst­besuchen
zu:

 [Gottesdienstbesuch deutscher Katholiken
seit 1953.]

Bis 1965 besuchten um die 12 Millionen Katholiken, also jedes zweite
Kirchenmitglied, sonntags die Heilige Messe. Heute liegt die Zahl
der Kirchgänger bei etwas über einer Million — heißt im
Umkehrschluß: Nur noch jeder zwanzigste eingetragene Katholik kommt
zur Zeit dem nach, was man lange Zeit als »Sonntagspflicht«
bezeichnete; der Rest von 18 Millionen sind Kartei-Katholiken. Nun
bildet gerade diese Statistik einen harten Gradmesser für die
Akzeptanz der Neuerungen, welche seit dem Zweiten Vatikanum immer
mehr um sich griffen, weil als einer der wesentlichen
Modernisierungs­ansätze stets die Liturgiereform galt (und gilt):
Abkehr vom Latein und Hinwendung zur Landessprache; Einführung eines
Volksaltars, an dem der Priester der Gemeinde zugewandt zelebriert;
verstärkte Einbeziehung von Laien in den Gottesdienst; neue
musikalische Formen (um nur einige nicht­theologische Neuerungen zu
nennen, die dem Gläubigen sofort auffallen).

Wer schließlich bedenkt, in welch hohem Maße Deutschland über viele
Jahrhunderte ein Land der Klosterkultur war, den wird die Statistik
schockieren. Die Deutsche Ordensoberenkonferenz
meldet als
aktuellste Zahlen: Etwas mehr als 3.000 Ordensmänner in 345 Klöstern
(also nicht einmal 10 pro Kloster im Schnitt) — fast die Hälfte
davon ist älter als 65 Jahre, also im Rentenalter; es gibt im ganzen
Land lediglich 20 Novizen. 8.770 geweihte Frauen beten und wirken
gegenwärtig im besten Deutschland aller Zeiten, 815 davon etwa im
Bistum Augsburg — vor hundert Jahren zählte allein der Ursberger
Konvent über 1.000 Schwestern. 47 Novizinnen heute — 1955 gab es
3.500 junge Frauen, die sich berufen fühlten. Der Deutschlandfunk
spricht von einer »Verzwergung« der Orden, die buchstäblich
aussterben: Vier von fünf Schwestern sind im Rentenalter, nur 500 in
der Pflege tätig, 250 als Erzieherinnen und Lehrerinnen — mehr ist
nicht geblieben von den sichtbaren Werken der Frauenorden:
Krankenbetreuung und Jugendbildung.


  
    
      Jahr
      Mitglieder
    
  
  
    
      2002
      28.973
    
    
      2013
      18.303
    
    
      2020
      12.575
    
    
      2022
      10.953
    
    
      2023
      10.211
    
    
      2024
      9.467
    
    
      2025
      8.770
    
  


[Entwicklung der Frauenorden in Deutschland seit 2002.]

Für die Schweiz gibt es ein Diagramm zur Zahl der
Ordensleute von
1950 bis 2023. Dort stieg die Kurve bis zum Jahr 1965 an, dem Jahr
also, als das Konzil endete, seitdem geht es massiv nach unten, von
fast 3.000 auf 600 Ordensmänner. Würde man ein solches Diagramm für
Deutschland zeichnen, der Trend wäre derselbe.

Was man noch vor kurzem für unmöglich gehalten hätte — ein
christliches Abendland ohne klösterliche Gegenwart —, zumindest in
deutschen Landen steht diese (je nach Geschmackstendenzen) Vision
beziehungsweise Dystopie kurz vor ihrer Verwirklichung. Aus der
Öffentlichkeit ist das zur Schülerzeit des Verfassers omnipräsente
Mönch- und Nonnentum ohnehin praktisch ganz verschwunden.

Katholizismus in Europa

Mit dem Bischöflichen Beauftragten für das Geweihte Leben eines
traditionsreichen süddeutschen Bistums führte der Verfasser dieser
Zeilen jüngst eine Diskussion darüber, ob die Säkularisierung vor
allem ein Problem des »Wertewestens« wäre, oder ob diese überall
gleicher­maßen um sich greife, wie der erkennbar
strukturkonservative Priester — vielleicht auch zum Selbstschutz
— meinte. Er widersprach der Ansicht, die Kirchen hätten in
Osteuropa weniger Probleme als im Westen, wozu er auf den Niedergang
des polnischen Katholizismus verwies. Auch hier helfen wieder Zahlen
— soweit sie vorliegen:

27.000 Ordensleute wirken in
Polen
— für ein Land mit nicht einmal der halben Einwohnerzahl
Deutschlands sind das mehr als zweieinhalbmal so viele Mönche und
Nonnen wie westlich von Oder und Neiße. Auch die katholische Kirche
in Polen verliert an Substanz, aber von einem wesentlich höheren
Ausgangsniveau aus als die deutschen Katholiken, und nicht in jene
Tiefen stürzend wie diese: Wenn in einem Land, in dem 90 Prozent der
Bevölkerung Katholiken sind (hierzulande 23,5 Prozent), jeder
dritte Katholik sonntags zur
Messe
geht, ist auch da die Tendenz sinkend, im Vergleich mit 5,7 Prozent
Kirchgängern in Deutschland aber Gold.

Den Stand der Priesterberufungen in Europa faßt eine Schlagzeile
treffend zusammen: »Wachstum in Frankreich, Krise in
Deutschland«. Unser westlicher
Nachbar zeige mit beachtlichen 84 Priesterweihen »unerwartete
Anzeichen einer religiösen Erneuerung«, diagnostiziert Tomasz
Zielenkie­wicz bei Vatican News. Und diese religiöse Erneuerung
wird getragen von einer neuen Generation traditionalistischer und
patriotischer Priester: Mehr als die Hälfte der jungen Pfarrer unter
35 Jahren liest die Messe im alten
Ritus. Besonders
beeindruckend jenseits des Rhein: der seit Jahren ständig
sprunghafte Anstieg bei den
Erwachsenentaufen.
In der letzten Osternacht empfingen mehr als 21.000 Erwachsene und
Jugendliche das Sakrament der Taufe, eine Verdreifachung innerhalb
eines Jahrzehnts — in Deutschland waren es 2.269 Neuaufgenommene,
ein Zehntel des Nachbarlandes, was aber offizielle deutsche
Kirchenmedien nicht daran hinderte, darob in Jubelarien
auszubrechen. Dabei wurde diese bescheidene Zahl alleine vom
Großraum Paris mit über 3.000 Erwachsenentaufen
übertroffen. Ausgerechnet das »radikal-laizistische« (David Engels)
Frankreich zeigt, »daß Bekehrungen und Priesterberufungen auch in
stark säkularisierten Gesellschaften entstehen können«. Oder eben
gerade dort — Ausnahme Deutschland?

Wo die progressistische deutsche Amtskirche in einer tiefen
Berufungskrise steckt und einen »der stärksten Rückgänge der
Gläubigenzahlen in der katholischen Welt« (Zielenkiewicz) verkraften
muß, platzt das Priesterseminar der traditionellen Piusbruderschaft
in Zaitzkofen bei Regensburg mit 53 Seminaristen aus allen Nähten;
die ebenfalls konservativen Petrusbrüder in Wigratzbad bei Lindau,
Kritiker des Zweiten Vatikanums, konnten 2026 alleine 13 Kandidaten
zu Priestern weihen — eine Zahl, welche die meisten deutschen
Bistümer nicht einmal in einer Fünfjahresspanne erreichen. Der Druck
auf die Amtskirche ist inzwischen so groß, daß sich Bischof Bertram
Meier im Jahr 2023 als erster deutscher Oberhirte genötigt sah,
zehn Petrusbrüder zu Priestern zu
weihen
— es war dies ein Jahr, in dem in Meiers großer und traditionell
volksfrommer katholischer Diözese Augsburg ein einziger Kandidat in
den Priesterstand trat, während es vor den Reformen dort nie weniger
als zehn waren.

Während Papst Leo XIV. eine beseelte
Videobotschaft an die »liebe[n]
junge[n] Menschen« zum Halleluja-Festival 2026 in Brasilien
richtete (»mit Freude nehme ich — wenn auch aus der Ferne — am
Halleluja-Festival 2026 teil«), vernahm man etwas Vergleichbares aus
dem Vatikan zur Chartres-Wallfahrt im gleichen Jahr nicht, schon gar
nicht wurde »allen Teilnehmern und Organisatoren« der
Traditionalisten, von denen fast 20.000 überwiegend junge Gläubige
betend, singend und Heilige Messen im alten Ritus feiernd durch
Frankreich zogen, der »Apostolische Segen« zuteil. Event schlägt
Spiritualität.

Zahlen lügen nicht — und Bilder sagen mehr als tausend Worte: Von
Papst Leo XIV. gefeiertes Jugendevent in Brasilien (oben) und vom
selben Papst gleichzeitig ignorierte Wallfahrt nach Chartres (unten)
…





Unter den schier unzähligen Beispielen aus aller Welt, welchen
Zulauf traditionalistische klösterliche Gemeinschaften zur Zeit
haben, sei nur ein besonders beeindruckende Ausgründung in den USA
erwähnt, wo 25 junge
Karmelitinnen
zwischen 20 und 40 Jahren in Pennsylvania ein kontemplatives Kloster
in der Nachfolge der Mystikerin Theresa von Avila gründen. Der
Zeitpunkt, an dem ein solches traditionelles Kloster alleine mehr
betende junge Frauen beherbergt als es amtskirchliche Novizinnen im
deutschen Sprachraum gibt, scheint nicht mehr fern.

Es ist vielleicht verfrüht, so weit zu gehen wie David Engels, daß
»spätestens in 15 oder 20 Jahren die Traditionalisten die
katholische Kirche
übernehmen«.
Es dürfte mutig sein, wie Engels davon zu sprechen, daß das, was die
»aussterbende Konzils-Kirche«, die »das Christentum seit dem Zweiten
Vaticanum ins gesellschaftliche und spirituelle Aus geschossen« hat,
überlebt, »lieber an die mittelalterliche Kirche als an die 1968er
anknüpfen«
wollen werde — »und damit Erfolg haben« wird. Aber der Trend hin
zu dieser konservativen Renaissance und gegen die Progressisten ist
unübersehbar.

Der Absturz der CDU

Bei der jüngsten Bundestagswahl 2025, vor der CDU-Vorsitzender
Friedrich Merz verkündet hat, »Links« wäre mit einem Wahlsieg seiner
Union und unter seiner Kanzlerschaft »vorbei«, holte seine Partei
22,6 Prozent der Stimmen. Bei den Jungwählern bis 24 Jahre liegt die
CDU mit 10 Prozent hinter allen im Bundestag vertretenen Parteien,
stark sind hier die Linkspartei (27,3 Prozent) gefolgt von der AfD
(19 Prozent). Während die Linke zu den älteren Wählergruppen
kontinuierlich an Attraktivität verliert (bei den Rentnern liegt sie
zwischen 4 und 5 Prozent), steigen bei der CDU die Zustimmungswerte
an, um bei den über Siebzigjährigen jeden dritten zu erreichen, der
seine Stimme abgegeben hat.


  
    
      Zeitraum
      Prozent
    
  
  
    
      2001-2007
      10,0
    
    
      1991-2000
      12,2
    
    
      1981-1990
      17,7
    
    
      1966-1980
      22,7
    
    
      1956-1965
      24,9
    
    
      1955 und älter
      33,4
    
  


[Zweitstimmenergebnis der
CDU
bei der Bundestagswahl 2025 nach Geburtsjahrgängen.]

Wenn die »Bundeszentrale für politische Bildung« eine erschwerte
Wettbewerbssituation der CDU ausmacht, weil sie »in der
bürgerlich-liberalen Mitte in zunehmender Konkurrenz zu den Grünen«
stehe, klingt das — wäre dem so — zum einen merkwürdig für eine
strukturkonservative Partei, die als eine Art Nachfolgerin der
katholisch orientierten Zentrumspartei ihre bundesrepublikanische
Karriere begonnen hat und weiterhin in »praktizierenden Christen« mit
Zustimmungswerten von bis zu 60 Prozent ihre »treueste Wählergruppe«
hat. Zum anderen profitieren die Grünen in den jüngsten Wählergruppen
kaum von der Schwäche der Union, wenn sie dort mit 11,8 und 15,9 nur
unwesentlich mehr Stimmen fischen können.

Der Trend zur Schwäche bei den Jungwählern hat sich für die CDU bei
den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im
September 2025 noch einmal dramatisch verschärft, wo 5
beziehungsweise 2 Prozent dieser Altersgruppe ihr Kreuz beim
Wahlvorschlag der Union setzte. Abgesehen davon, daß eine Partei mit
solchen Werten bei den nachkommenden Wählern keine Zukunft hat,
zeigen diese Zahlen, wie wenig das stete Anbiedern der Union an
einen links-grünen Mainstream dieser nutzt — die Adressierten
wählen in überwältigender Mehrzahl lieber das Original.  Wenn Prien,
Günther und Wüst von einer Antifa-DNA ihrer Partei träumen, zahlt
das bei den Jungwählern nicht auf das Unions-Konto ein; ebenso wenig
konnte Merz mit der Akzentuierung des Zukunftsthemas Klimawandel
junge Wähler überzeugen. Wenn eine konservative Organisation nicht
mehr konservativ sein will, sondern progressiven Modernisten und
Umstürzlern gefallen möchte, rettet sie nicht ihre Haut damit,
sondern verliert sie.


  
    
      Wahljahr
      CDU/CSU in Prozent
      CDU in Prozent
    
  
  
    
      2013
      41,5
      34,1
    
    
      2017
      32,9
      26,8
    
    
      2021
      24,1
      19,0
    
    
      2025
      28,5
      22,6
    
  


[Bundestagswahlergebnisse von CDU/CSU seit 2013.]

Bei den letzten Wahlumfragen zum Bundestag ist die Union als Ganzes
erstmals unter die 20-Prozent-Marke gerutscht, während der einzige
Gegenspieler mit konservativem Profil, die AfD, an die
30-Prozent-Marke heranrückt. Dabei profitiert die CDU unter ihrem
Vorsitzenden und Kanzler Friedrich Merz sogar noch von dem (relativ)
starken Wert der bayerischen CSU, der 38 Prozent prognostiziert
werden. Somit unterbietet die CDU mit etwa 14 Prozent nach jetzigem
Stand als Kanzlerpartei ihren historischen Tiefstwert bei der
Bundestagswahl 2021 noch einmal deutlich — und liegt damit auch
hinter den Grünen, die sie imitieren möchte.

Christliche Parteien in Europa

Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung lotete 2019 »Stand und
Perspektiven christlich-demokratischer Parteien in
Europa«
aus. Die Titelfrage »Im Sinkflug?« wird verständlich, wenn in der
litauischen »Heimatlandunion« die marginalisierten Vertreter der
Christdemokraten »von den dominierenden Konservativen als ›Taliban‹
verspottet« werden. Wenn christliche Parteien in letzter Zeit
Erfolge bei den Wählern aufweisen konnten, so ein Fazit dieser
Studie, dann nicht deshalb, weil sie ihre »christlich-demokratischen
Positionen« in den Vordergrund gerückt hätten. Denn eine
Fokussierung auf wertkonservative Stammwähler bringe
Christdemokraten in letzter Zeit kaum etwas ein, »weil die Gruppen,
die einst treue christdemokratische Wählerreservoirs bildeten,
aussterben«.

Ist das »C« im Namen der CDU inzwischen mehr Ballast als
Eigenwerbung?  Jedenfalls kommt der christliche Aspekt im momentanen
Erregungszirkus auch innerparteilich kaum mehr zur Geltung,
zumindest dringen keine Spurenelemente davon in die
Öffentlichkeit. Dabei schien »die klassische Christdemokratie nach
der Selbstdemontage des Nationalismus wie auch des Sozialismus die
einzige moralisch halbwegs glaubwürdige
Tragkraft
des Kontinents zu sein«.

Go woke, get broke

Die Zahlen sind eindeutig: Wenn die Modernisten in katholischer
Kirche und Unionsparteien recht hätten, hätten ihre Modernisierungen
die Mitglieder und Sympathisanten im System halten müssen — sie
haben aber einen Massenexodus auf allen Ebenen zu
verantworten. Nicht empirisch belegbar ist (wie so oft) eine direkte
Kausalität, aber mehr als wahrscheinlich. Unzweifelhaft steht fest:
Der Selbstanspruch der nicht mehr konservativ sein wollenden
Konservativen, mit Aufgabe von Traditionsbeständen und Anpassung an
die progressiven Agenden den Exodus der Mitglieder und den
Niedergang ihrer Organisationen zu verhindern, ist an der
Wirklichkeit gescheitert.

Von einem der »Gründerväter« der Europäischen Union, Robert Schuman,
ist diese Einsicht überliefert: »Die Demokratie wird christlich sein
oder wird gar nicht sein. Eine antichristliche Demokratie kann nur
zu einer Karikatur werden, welche in Tyrannis oder Anarchie
versinken muß.«


</description>
        <pubDate>Thu, 01 Oct 2026 00:00:00 +0000</pubDate>
        <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/10/01/schmid-konservativ-progressiv/</link>
        <guid isPermaLink="true">https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/10/01/schmid-konservativ-progressiv/</guid>
        
        
      </item>
    
      <item>
        <title>Der Fall Hauser</title>
        <description>

Der Fall Alruna
Hauser
gibt zu denken. Denn in ihm wird sichtbar, daß unser Rechtswesen
nicht länger mehr an dem auch in der Vergangenheit immer wieder
auftretenden Unrechtsschnupfen leidet, sondern sich eine
lebensbedrohliche Verfassungsinfektion zugezogen hat.

Schauen wir zunächst auf die bekannten Tatbestände dieses
Falles.

Alruna Hauser wollte nach dem erfolgreich abgeschlossenen
Lehramtsstudium in diesem August ihr Referendariat antreten. Wenige
Tage vor dem Beginn des Referendariats wurde ihr indessen vom
Sächsischen Landesamt für Schule und Bildung mitgeteilt, daß sie
keine Referendarin werden könne, weil sie nicht die von Beamten und
Angestellten im öffentlichen Dienst zu fordernde Gewähr für ein
Mindestmaß an Verfassungstreue biete.

Dieser Schritt erfolgte auf eine anonyme Denunziation hin, die das
Landesamt darauf aufmerksam gemacht hatte, daß Frau Hauser sich in
den zurückliegenden Jahren in politisch verdächtigem Umfeld bewegt
habe. Das Amt schaltete daraufhin den sächsischen Verfassungsschutz
ein, der im Juli diesen Jahres das von ihm gespeicherte
Sündenregister der Studentin offenlegte. In diesem Register sind
vier Punkte eingetragen, von denen zwei in die Jugend von Frau
Hauser fallen: Zum einen im Jahre 2017 ihre Teilnahme an einer
Demonstration der Identitären Bewegung; zum andern im Jahre 2018 ihr
Erscheinen auf der Frankfurter Buchmesse, wo sie zusammen mit
Mitgliedern der Identitären Bewegung am Stand des Antaios-Verlages
gesichtet wurde. Beim Reizwort »Identitäre Bewegung« muß man
freilich wissen, daß diese Organisation erst im Jahre 2019 vom
Verfassungsschutz als rechtsextremistisch eingestuft wurde, so daß
Aktivitäten, die vor dem Jahr 2019 stattfanden, eigentlich
juristisch keine Rolle spielen sollten. Der dritte Punkt, der Frau
Hauser vorgeworfen wird, ist ihre in die Jahre 2022, 2023 und 2025
fallende Teilnahme an öffentlichen (aber eine Anmeldung
erfordernden) Veranstaltungen des Instituts für Staatspolitik in
Schnellroda. Und der vierte Vorwurfspunkt lautet, sie sei an ihrem
Wohnort und in ihrem Umfeld »geoutet« worden, also von ihren
Nachbarn oder wem auch immer als »rechts« oder was auch immer
denunziert worden — eine Denunziation, die der sächsische
Verfassungsschutz unbesehen übernahm und ans Landesamt für Schule
und Bildung weiterreichte.

Aus diesen vier Sünden der jungen Frau braut das Sächsische
Oberverwaltungsgericht nun seinen am 21. September ergangenen
Beschluß. Er
besteht darin, die zwei Jugendsünden nicht nur für unverzeihlich zu
halten, sondern diese moralische Hartherzigkeit damit zu verbinden,
daß eine seit dem Jahr 2019 geltende politische Einschätzung der
Identitären Bewegung straks auf die Jahre davor übertragen und damit
gegen das juristische Rückwirkungsverbot verstoßen wird. Daraus
ergibt sich für das Gericht das Bild eines unveränderlichen rechten
Charakters, der sich — und das ist der juristische Hauptvorwurf — in
der Teilnahme an den Schnellrodaer Veranstaltungen
manifestiere. Denn, so das Gericht, alleine schon dadurch, daß sich
die junge Frau im Umfeld von Schnellroda bewege, habe sie zu
erkennen gegeben, daß sie sich nicht von Bestrebungen und Gruppen
distanziere, die — ich zitiere aus dem Gerichtsbeschluß —
»diesen Staat, seine verfassungsmäßigen Organe und die geltende
Verfassungsordnung angreifen, bekämpfen und diffamieren« (S. 5
und 13).

Das Gericht weiß also von keinem illegalen Sagen und Tun. Es weiß
nur, daß Frau Hauser an einem Ort anwesend war, an dem sie nach
Auffassung des Gerichts nicht hätte anwesend sein dürfen. Sie hätte
sich, so meint das Gericht, nämlich dadurch von den Vorgängen in
Schnellroda distanzieren müssen, daß sie sich »auch körperlich an
einem anderen Ort aufhalte« (S. 6). Denn — und das ist
natürlich die nicht ausformulierte Pointe hinter dem
Gerichtsbeschluß — in Schnellroda befindet sich das Tor zur
rechten Hölle, an ihm hält Götz Kubitschek als Kerberos Wache —
und seine leibhaftige Tochter ist Alruna Hauser.

Hier ist nun endlich Zeit, auf die unbekannten Tatbestände dieses
Falles zu schauen.

Sie liegen zunächst darin, aus privaten Denunziationen und
Verfassungsschutzprotokollen, die der Bekämpfung des politischen
Gegners dienen und also ebenfalls denunziatorischen Charakter haben,
einen Gerichtsbeschluß abzuleiten und juristisch unanfechtbar zu
stellen. Denn das haben die drei Richter
Dr. Grünberg,
Dr. Henke und Dr. Hoentzsch am Ende ihres Beschlusses getan: sie
haben ihn für unanfechtbar erklärt.

Sie haben es getan auf der Basis von Hörensagen und
Meinungsäußerungen von — sagen wir es höflich — nicht neutralen
Personen und Behörden. Sie haben es getan ohne Einvernahme von
Zeugen und ohne eigene Prüfung der im Antaios-Verlag in Schnellroda
erschienenen Publikationen und ohne Blick auf die Videos der in
Schnellroda gehaltenen Vorträge.

Kurzum: Die Richter habe keine Sachverhaltsaufklärung betrieben und
sich kein eigenes Urteil gebildet. Sie haben lediglich die Meinung
anderer wiederholt und für juristisch verbindlich erklärt. Die vom
Verfassungsschutz kolportierte Meinung nämlich, in Schnellroda gehe
es irgendwie — man weiß völlig belegfrei bloß nicht wie — um die
Bekämpfung und Diffamierung des Staates, seiner verfassungsgemäßen
Organe und der geltenden Verfassungsordnung.

Und damit haben wir einen zweiten verborgenen und ans Licht zu
bringenden Tatbestand dieses Falles: Die drei Bautzener Richter
haben interessanterweise genau das getan, was bisher das Proprium
des linken und woken Milieus war. Diesem Milieu ging es von Anfang
an darum, diejenigen gesellschaftlichen Schaltstellen zu besetzen,
von denen aus die eigene Meinung als allgemeinverbindlich
durchgesetzt werden kann. Einen Anhalt an den Sachen und also eine
Prüfung der Fakten brauchte es dazu niemals, es brauchte bloß den
Zugriff auf die autoritative Sprecherposition, um die eigene Meinung
als Sprachregime durchzusetzen.

Genau dieser Logik folgt nun in Bautzen das
Oberverwaltungsgericht. Es reproduziert ohne Sachprüfung,
Beweiserhebung und Zeugeneinvernahme eine Meinung — die Meinung des
Verfassungsschutzes und die hinter dieser Meinung stehende Meinung
des Parteienkonglomerats, das den Verfassungsschutz zu politischen
Zwecken instrumentalisiert. Indem das Gericht diese Meinung
übernimmt und durch Abschreiben in einen Gerichtsbeschluß umgießt,
den es umgehend für unanfechtbar erklärt, wird aus dem bloßen Meinen
freilich ein Diktat. Denn ein Meinen, das nicht mehr an
Sachverhalten überprüft wird und seine Geltung nur noch aus der
Machtposition des Sprechers oder Schreibers ableitet, steht ohne
alle Legitimation als purer Zwang oder unbegründetes Verbot im Raum.

Seit dem 21. September 2026 muß die diskutierende Öffentlichkeit
nicht mehr nur damit rechnen, daß sie sanktioniert wird, wenn sie
Männer, die sich für Frauen halten, weiterhin als Männer bezeichnet.
Die diskutierende Öffentlichkeit muß auch damit rechnen, daß die
bloße Anwesenheit bei einer Veranstaltung, auf der Argumente
jenseits der landläufigen Meinungen ausgetauscht werden, in einem
Berufsverbot endet.

</description>
        <pubDate>Sat, 26 Sep 2026 00:00:00 +0000</pubDate>
        <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/09/26/fall-hauser/</link>
        <guid isPermaLink="true">https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/09/26/fall-hauser/</guid>
        
        <category>Grundrechte</category>
        
        <category>Meinungsfreiheit</category>
        
        <category>Berufsverbot</category>
        
        
      </item>
    
      <item>
        <title>Homo religiosus I</title>
        <description>Religiöse Phänomene »mittels der Physio­logie, der Psycho­logie, der
Sozio­logie, der Wirtschaftswissenschaft, der Sprach­wis­sen­schaft, der
Kunst usw. ein­zukreisen, heißt, [sie] zu leugnen«. Da in dieser
hiermit be­ginnenden Serie »Homo reli­giosus« nicht der Ort ist, zu
leugnen, wird auf eine solche Ein­kreisung im Folgenden verzichtet.



»Uns wurde gelehrt, allem, was wir sehen, Auf­merk­sam­keit zu
schenken.« So sprachen die Pawnee-Indianer aus den Great Plains im
Hako, ihrer
Lebens­erneuerungs­zere­monie,
wie es eine For­scherin zu Be­ginn des 20. Jahr­hunderts im Moment
des Er­löschens der Tra­ditio­nen doku­men­tierte, als dieser Stamm
be­reits schwer dezi­miert in Reser­va­tionen sein Dasein fristete.


[Mutter Mais, komme herab und bringe Leben]

Das Hako, »die Stimme aller Dinge« — ein Lob­preis für das Geschenk
des Le­bens. Es findet statt »im Früh­ling, wenn die Vögel sich
paaren, im Sommer, wenn die Vögel ihre Jungen groß­ziehen, oder im
Herbst, wenn die Vögel sich sam­meln; niemals aber im Win­ter, wenn
alles schläft«. Das Gebet rich­tet sich an Atira, die Mut­ter und
Frucht­bar­keit der Erde. Sie ist an­wesend im Mais­kolben, dessen blaue
Spitze die Kuppel des Him­mels zeigt — »the dwelling place of the
powers«, Sitz der All­mächte.

In der Zeremonialhütte ent­faltet sich eine lange Litur­gie mit
vor­ge­schriebenen Hand­lungen und Ge­sän­gen. Eingangs müssen die
Kult­objekte leben­dig werden (»Vivi­fying the Sacred Ob­jects«), indem
man sie an einen Platz bringt, wo die ersten Son­nen­strahlen des
Tages sie be­streichen und ihnen so Leben geben. Wir tun dies, sagen
die Pawnee, damit die Göt­ter und Mächte wie die Winde sehen, daß
alles bereit ist für die Zere­mo­nie. Nun kann Mutter Mais (»Mother
Corn«) in die Mitte des Volkes ge­rufen werden.

H’Atira hu weto ariso!
H’Atira hu weti arisut!

Das Lied beginnt mit einem Atemstoß H’, der Atira, Mutter Erde, im
Ritual an­wesend als Mais­kolben, Leben einhaucht, möge herabkommen
aus ihren Sphären, sie möge das Leben bringen zu denen, die dieses
Lied singen, wie sie Leben gebracht hat zu den Ahnen und bringen
wird zu den, die nach ihnen kom­men. Die zweite Zeile bezeugt, daß
Atira, die Mutter des Lebens, nun gekommen ist, wie sie gerufen
wurde, um voran­zugehen auf dem Weg, den die Pawnee in ihrer
Zere­mo­nie zu gehen ge­denken.

 [Wenn die Vögel ihre Jungen großziehen:
Turmfalken-Nest in der Fensternische eines gotischen Kirchturms in
Steinekirch]

Im Hako-Ritual zeigt sich wie in einer Nuß-Schale alles, was den
Homo reli­gio­sus umtreibt: Seine Ab­hängig­keit von Göttern und
Mächten, die er willig ak­zep­tiert; die Hei­ligung, die er seinem
Leben und den Dingen, die ihn ernähren, zuspricht; seine
An­dachts­orte, in denen er die Mächte im Ritus von Liturgie und
An­betung sinn­lich ver­ehrt; die Priester, die er achtet als Mittler
nach oben; seine behut­same Spra­che, in der er die tiefe Verehrung
für das, was er nicht selbst in der Hand hat, aus­drückt; seinen Weg
durchs Leben als eine Pilger­schaft.

Der Mais gibt Leben. Er ist eine Gottes­gabe, die ver­ehrt wird. Aber
weder Mensch noch Mais, noch Götter noch Welt waren immer schon. Die
Welt, in die der Mensch ein­tritt, ist ge­schaffen, aus dem Nichts.

Das Nichtseiende

Zuerst war »die Welt vor der Schöpfung«, wie es im Alten Ägypten
heißt, damals,

als der Himmel noch nicht entstanden war,
als die Erde noch nicht entstanden war,
als die Menschen noch nicht entstanden waren,
als der Tod noch nicht entstanden war.

Im Zweistromland gab es »eine Zeit vor der Zeit, als es weder nach
oben hin noch nach unten irgendetwas gab und das All nichts war als
das gestaltlose Gemisch der Wasser von Apsu [Süß­wasser] und Tiamtu
[Urmeer]: keine Himmel, keine Erde, keine Götter — nichts,
dessen distinktes Wesen nach einem eigenen Namen verlangt hätte.« In
China ist zunächst alles ein »strudeln­des Einer­lei« (hundun), eine
»wo­gende Un­ermeß­lich­keit« (menghong), eine Art Ur­ozean, gewiß ein
wäßri­ges Ele­ment. Und wenn es im ersten Satz der Ge­nesis heißt: »Im
An­fang erschuf Gott Himmel und Erde«, zeigt dieser Be­ginn des Alten
Test­aments, jedenfalls der priester­schrift­liche Schöpfungs­bericht,
daß auch im Ge­lobten Land außer der Allmacht, Jahwe, im Ur­anfang
nichts Be­stand hatte. Auf der von Gott ge­schaf­fenen Erde herrscht
zunächst Tohu­wa­bohu, alles ist wüst und leer. Es ist nicht mehr
Nichts, aber noch weit ent­fernt von etwas, das ein be­wohn­barer Ort
sein könnte.

Das Wessobrunner Gebet schließlich, in karo­lingi­scher Zeit als einer
der jüng­sten Welt­schöpfungs­mythen ent­standen, führt noch einmal in
eine Epoche, als »niuuiht ni uuas«, als da »gar nichts war«, weder
Erde noch (Ober)Him­mel, nicht Baum noch Berg, als die Sonne nicht
schien und kein Mond leuchtete:

Dat ero ni uuas noh ufhimil\
noh paum noh pereg ni uuas\
[...] noh sunna ni scein\
noh mano ni liuhta


[Als kein Baum war: Die Welt vor und nach der Schöpfung]

Jenes Nichts, das vor Anbeginn der Schöpfung war, erscheint als
etwas gänz­lich anderes als das Nichts, dem Michael Ende in der
Unend­lichen Geschichte seine Reisenden so nahe kommen läßt, daß
sie darin beinahe ein­ge­sogen werden.

Wenn ihr da hineingeraten seid,
dann haftet es euch an, das Nichts.
Ihr seid wie eine ansteckende Krankheit,
durch die die Menschen blind werden,
so daß sie Schein und Wirklichkeit
nicht mehr unterscheiden können.



Wer dem Sog in dieses Nichts nicht widerstehen kann, wird dort
trans­for­miert zu einem, der Wahn­ideen in die Köpfe der Menschen
pflanzt, ihnen Angst ein­redet und sie zur Verzweiflung treibt, wo es
nichts zu fürchten gibt, sie zu Be­gierden nach Dingen anstachelt,
die sie krank machen. Wer in ein solches Nichts gerät, wird zum
Verführer.

Dieses Nichts ist zerstörerisch und gefährlich, lebens­bedroh­lich,
die Hölle eines Wahn­gebildes; das uranfängliche Nichts hin­gegen
bildet die Grund­lage für den Beginn gött­li­chen Schöpfungs­werks,
eines Auf­baus der Welt, in der alle Kreatur, so auch der Mensch,
leben kann. »Do dar niuuit ni uuas, enti do uuas der eino almahtico
cot« — als Nichts war, da war der eine all­mächtige Gott, der
Schöpfer aller Dinge.

Das Geschöpfte

Die Schöpfung bringt nicht irgendetwas hervor, in was sich der
Mensch nicht einrichten kann, sie erschafft nicht Dinge, mit denen
der Mensch nichts anfangen kann. Die Schöpfer­kraft weiß, was nötig
ist fürs Leben.  So erzählen es die Busch­männer in der Kala­hari sich
und ihren Kindern:

Ganz am Anfang, als die Sonne noch nicht am Himmel erglüht war, und
es auf der Erde kein Leben gab, schuf Nodima, der all­mächtige Gott,
einen Mann und eine Frau; dann bevölkerte Er die Welt mit
Tieren. Bald hatte ein Strauß glühende Holz­kohle in seiner
Achselhöhle versteckt, und als das Tier die Flügel spreizte, um
Beeren zu pflücken, stahl der Mann die Glut und schleuderte sie an
einem Speer in den Himmel, wo die Holzkohle sich in die Sonne
verwandelte.

Der Strauß bevölkert, neben kleineren umher­streifenden
Busch­mann­gruppen, das Land der aus­ge­trockneten Was­ser­läufe. Wie alle
archa­ischen Jäger und Samm­ler haben auch die Busch­leute kaum
mate­riel­len Be­sitz, welcher ihnen bei ihren Wan­derungen nur lästig
wäre. Etwas exi­sten­tiell Not­wen­diges aber führen sie stets mit: ein
Straußen­ei, gefüllt mit Trink­wasser. So verwundert es nicht, gerade
dieses Tier, dessen Ge­lege für das Über­leben in der Sa­vanne
unent­behr­lich ist, im Mythos an zen­traler Stelle zu finden.

Der seßhafte, land­bebauende Mensch be­nötigt eine an­dere
Schöpfung. Er braucht festen Boden unter den Füßen, wes­halb in den
Meeres­weiten der Süd­see be­wohn­bares Land ge­schaffen wurde durch das
Krokodil, das sich dauer­haft aus dem Meer erhob und so die Insel
Timor gebar. Ein Mensch, der das Land bebaut, wird auf entsprechende
Weise geboren, wie im sumerischen Hymnus auf die
Hacke:

Enlil [›Herr Wind‹, Göttervater],
der den Samen der Menschheit schaffen wird,
beeilte sich, den Himmel von der Erde zu trennen, […]
›Wo das Fleisch empor steigt‹ [in der Erde] ließ er die Hacke
arbeiten. […]
Die Menschen begannen, den Boden zu durchbrechen.

Ohne die Hacke gäbe es keine Menschen — in einer älteren
Über­setzung heißt es: »da waren in der Erd­höhlung, die die Hacke
schlug, die ersten Menschen«. Und der land­wirt­schaf­tende Mensch
braucht die Hacke — als »Bar­bier der Was­ser­läufe«, die er mit ihr
reinigt; als Jäterin des Un­krauts und Pflegerin des Brot­ge­treides
auf dem Feld; als Hel­ferin beim Haus­bau; als Gewähr­leisterin für das
Be­gräbnis der Ver­stor­benen. Der Hymnus auf die Hacke ist einer der
älte­sten Be­lege — wenn nicht der früheste — für die Heiligung
von Arbeit und Arbeits­gerät, die sich durch die Geschichte des Homo
reli­gio­sus zieht, und die erst in den Säku­la­risa­tions­be­wegungen der
Neu­zeit ab­zu­reißen beginnt.

Nun fehlt am Land aber noch der Mensch. So wie das Göt­ter­pan­theon
Ägyp­tens aus dem Schweiß Amuns ent­stand, so der Mensch aus seinen
Tränen, weshalb am Nil Mensch und Träne mit dem­selben Wort­stamm
be­nannt werden. Im »Mono­log des All­herrn« heißt es:

Ich habe die Götter ent­stehen lassen aus meinem Schweiß
aber die Men­schen aus den Tränen meines Auges.

Der Weihrauch im ägyptischen Tempel­kult — er ist »Götter­schweiß«,
ein Wohl­geruch, der betörend duftet wie die Re­liquien in der
Ortho­doxie.

Andernorts wirkt Gott als Töpfer, der Menschen schafft: In
Baby­lo­nien läßt der Schöpfer sie aus dem Erd­boden hervorgehen, in
Israel knetet er den Menschen aus Staub von der Erde, in China aus
gelber Erde.

Das Benannte

Die Welt und alles, was in ihr ist, kann der Mensch nicht
er­schaf­fen; sie wird ihm ge­geben. Die Namen der Dinge aber hat der
Mensch zu geben.

Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und
alle Vögel unter dem Him­mel und brachte sie zu dem Menschen, daß er
sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen
würde, so solle es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und
Vogel unter dem Him­mel und Tier auf dem Felde seinen Namen.

Aber nicht alles darf beim Namen genannt werden — es gibt
Tabus. Im Alten Ägyp­ten ist ein Gott so erhaben, daß er eigentlich
keinen Namen hat, sondern »der Ver­borgene« (jmn) heißt, der, dessen
Namen, den die Griechen Amun aus­sprachen, nicht ge­nannt werden darf.

Amun ist der Gott, der im Uranfang war,
als noch kein Gott entstanden war,
als noch nicht der Name
irgendeines Dinges genannt worden war.

Von den Dingen der Welt kann nur exi­stieren, was auch benannt
ist. Was vor An­beginn war, erscheint im baby­lo­ni­schen Enu­ma Elisch
bei­nahe als Nichts, weil

droben die Himmel noch nicht benannt waren
(und) drunten der Grund namenlos


[Droben die Himmel]

Die Litanei der fünfzig Namen Marduks, welche die großen Götter dem
größten unter ihnen gaben, der »fürwahr der Rück­halt von Land, Stadt
und ihren Bewohnern«, der »Geber des Acker­lands« ist, bildet den
Kern des babylo­nischen Schöpfungs­mythos Enu­ma Elisch. Was mit der
Namen­losig­keit des Nichts begann, wird durch die Namensgebung
abge­schlossen; in ihr voll­zieht sich die »Wesens- und
Schicksals­bestimmung«. Nicht nur in Baby­lo­nien sind Namen sprechend,
sie charak­teri­sieren das damit Be­nannte.

Letztlich wird die Welt ins Leben gerufen durch Be­nennung der Wesen
und Dinge, die da sind. Durch die Namens­gebung für das Geschöpfte
akzeptiert der Mensch, dem allein die Sprache eigen ist, eine
Ordnung, deren Voraus­setzungen er selbst nicht her­vor­bringen
kann. Dieser be­nennende Homo reli­gio­sus ist ein erd­gebun­dener
Mensch — und es ist alles andere als Zu­fall, wenn das
sume­ri­sche Wort für »schrei­ben« mit dem gleichen Zeichen
ausgedrückt wird wie das Wort für »pflan­zen, wach­sen las­sen« —
zwei Ge­treide­ähren, die dem Boden ent­sprießen.

Das Erkannte

Vor der Benennung aber steht die Wahrnehmung. Von der Menschwerdung
bis in jüngste Zeit zieht sich eine bis vor kurzem un­unter­bro­chene
Ge­schichte der sensi­bel­sten Wahr­nehmung des­sen, was ist. Wir sehen
Menschen, deren Sinne den »all­täg­li­chen Wun­dern mit einer In­ten­sität
geöffnet« sind, die sich ein moderner Zeit­ge­nosse nur schwer
vorstellen kann.

Man sagt, China wäre »von alters her das Land genauester
Natur­beob­ach­tung und genialer An­passung des Men­schen an seine
Umwelt[;] wohl nirgends sonst hat der Mensch Ele­mente und
Geschöpfe so hell­sichtig und ein­fühlend be­lauscht, sich in die
Eigenheiten, die an ihnen zutage liegen, ein­ge­lebt und dazu ihr
geheimeres Wesen aus­gespürt«. Doch es scheint, daß diese
Ver­anlagung allen Menschen eigen ist:

Das wilde Denken, die Geisteswelt des archaischen Men­schen, wie sie
bis vor kurzem in den Natur­völkern exi­stier­te, ist ge­kenn­zeichnet
durch »eine gewissenhafte, ganz und gar dem Kon­kreten zugewandte
Aufmerksamkeit«. Es wird greifbar nicht nur im um­fassen­den Wis­sen um
jeden Baum, jede Pflanze, jedes Tier, in deren exakter sprachlichen
Klassi­fi­zierung und taxo­nomi­schen Ord­nung: Pinatubo-Pygmäen auf den
Philippinen unter­scheiden 450 Pflanzen mit ihren spezifischen
Eigen­schaften; die Tewa in Neu­mexiko verteilen differenzierte Namen
für Nadel­hölzer, die moderne Botani­ker kaum auseinander halten
können; Kinder der Kabira auf Riukiu im ost­chine­si­schen Meer sind
spielerisch fähig, den kleinsten Holz­split­ter einer Baum­art
zuzuordnen; die sibirischen Bur­jaten wissen um sieben Heil­kräfte im
Bären­fleisch, fünf in seinem Blut, neun im Fett und siebzehn in
seiner Gal­le. Dieses Wis­sen fließt offen­sicht­lich aus der Akzep­tanz
der Schöpfung, wie sie ist — sie sahen, daß es gut war.

Jedes Kind erschließt sich die Welt, indem es die Dinge, die es
um­gibt, benennt: In der Stadt sind es eher die Errungen­schaften
der Zivi­li­sa­tion wie der »Nüssel« (Schlüssel), der es dem
Nach­bar­mädchen gerade angetan hat; für natur- und damit
gott­ver­bun­dene Menschen gilt, was über die austra­li­schen
Abo­ri­gine und ihre Er­ziehungs­metho­den gesagt wurde: Sie geben
ihren Kindern das Land, indem die Mütter alles, was sie an Eß­barem
finden, dem Kleinkind auf ihrem Rücken in die Hand drücken und
erklären. Wer genauer auf das Land, auf die Welt, die einen umgibt,
sieht, wird gewahr, wie bunt und viel­fältig sie ist: Die Maori
unter­schei­den dutzende ver­schie­dene Rot-Töne, die Eskimo halten
ihre Um­gebung nicht einfach für weiß, sondern kennen viele
Ab­stu­fungen; auf der Arabischen Halb­insel entwickelten sich über
hundert Be­griffe für Kamel. Man sieht nur, wenn man achtsam ist,
oder achtsam sein muß.

Hätte der Urmensch nicht allem Aufmerksamkeit geschenkt, was er sah,
vor allem dem, was seine Exi­stenz sicherte, hätte er nicht über­leben
können.  Der Homo habi­lis, wie er vor zwei Millionen Jahren in
kleinen Horden durch die ost­afri­ka­nische Savan­ne streifte, benutzte
zwar bereits Werkzeug, einfachstes Geröll­gerät, war aber weder mit
dessen Hilfe noch mit seinem nicht raub­tier­artig aus­ge­prägten Gebiß
fähig, Beute zu machen. Als reiner Pflanzen­esser wäre er an zu wenig
Phos­phor gekommen, was das zu­nehmen­de Gehirn­wachstum des Ur­menschen
aber benötigte. Der Homo habilis brauchte Fleisch und Knochen­mark,
ohne ein Tier töten zu können. Hätte er abwarten wollen, bis seine
Gruppe zufällig auf ein ver­endetes Tier ge­stoßen wäre, wären ihm
Löwen, Hyänen und Schakale längst zu­vor­gekom­men oder das Fleisch
bereits in der Son­ne ver­gammelt.  Der Homo habilis hatte nur eine
Chance: Er mußte seinen auf­rech­ten Gang, seine schnellen Beine,
nutzen, um als erster bei frisch ver­endeten Tieren zu sein. Woher
aber wußte er, wo diese Stelle ist? Sein aus­geprägtes Seh­ver­mögen
ließ ihn den Flug der Geier über der Sa­van­ne beobachten; ihr Kreisen
über einem toten Tier zeigte an, wohin die Gruppe eilen
musste. Würde religiöses Denken bereits im sich ver­größern­den Ge­hirn
des Homo habilis mög­lich gewesen sein, wäre es eine ver­lockende
Denkfigur sich vorzustellen, wie dieser Früh­mensch im Geier, der ihn
zur Nahrung führt, ein ver­ehrungs­würdi­ges Wesen erblickte.


[Eine gewissenhafte, dem Konkreten zugewandte Aufmerk­samkeit: Himm­lisch
blaue Blüten zeigt die heilende Wegwarte am Morgen]

Den Mann vom Similaunjoch, despektierlich Ötzi genannt, und den letzten
Bauern unserer Breiten verband eine aus­ge­prägte Acht­sam­keit für das, was
ist: Der Stein­zeit­mensch führte in seiner Gürtel­tasche zwei walnuß­große
Klumpen eines Birken­porlings mit sich, weil er wußte, daß dieser
Baum­pilz des­infi­zierend wirkt; seine ab­führen­den Wirk­stoffe waren ihm
höchst will­kom­men, da ihn ein Darm­parasit plagte, der heftige Schmerzen
ver­ur­sachte. Auch der Bauer bis in unsere Tage ver­schwendet nichts, was
er an Brauch­barem sieht und kennt das Nütz­liche, das die Natur ihm
bietet: Seine Haus­apo­theke ist bestückt mit aller­hand Kräutern, die man
nur pflücken muß.

Der Homo religiosus reißt aber nicht un­bedacht an sich, was die
Natur ihm bie­tet, son­dern tut dies in gläubi­ger Ehr­furcht, wie
es ein Segens­spruch aus Eng­land für das 16. Jahr­hundert, als
bereits die Neu­zeit mit ihrer Ratio­na­lität an­ge­brochen war,
bezeugt: »Du bist heilig, Ver­bene, die du auf der Erde wächst, denn
zuerst hat man dich auf dem Kal­va­rien­berg ge­fun­den. Du hast
unseren Er­löser Jesus Christus ge­heilt und seine blutigen Wun­den
ge­schlos­sen.« Vor der An­eignung des blut­stil­lenden Eisen­krauts
steht die An­rufung: »Im Namen Jesu pflücke ich dich.«

Schwäbische Bauern hörten in den 1950er Jahren, kurz bevor der
»Struktur­wandel« ihre Welt verschlang, einen Vortrag zu »Gottes
Wunderwelt im Tier- und Pflanzenreich«. Kein Baumeister, so der
Geist­liche Rat Leopold Schwarz, Jahrgang 1897, als Leut­nant
Front­kämpfer im Ersten Welt­krieg, nachmals Männer­seel­sorger in
seinem Heimat­bistum Augs­burg, wäre in der Lage, einen Bau zu
erstellen, der die hundert­fache Höhe seiner Breite habe. Beim
Roggen­halm aber sei das der Fall — ein Beleg für »die gött­li­che
All­macht und Weis­heit«. Jeder Schmet­ter­lings­flügel in seiner
Pracht genüge, »um einen Gottes­leugner zu zer­malmen.« Diese Bauern
sangen, wenn sie in feierlicher Pro­zession des Flur­umgangs »ums
Korn« gingen, ein Lied:

Himmelsau, licht und blau, wieviel zählst du Sternlein?
Gottes Welt, wohlbestellt, wieviel zählst du Stäubelein?
Sommerfeld, uns auch meld, wieviel zählst du Gräselein?
Ohne Zahl! Sovielmal sei gelobet Gott, der Herr!

Das katholische Liedbuch Gotteslob führt den volks­frommen Lob­preis
der Schöpfung seit 1975 nicht mehr (wohin­gegen er zwanzig Jahre
später ins Evange­li­sche Ge­sang­buch geriet, unter »Natur und
Jahres­zeiten«). Die Puri­fi­zierung im Ge­folge des Zweiten Vati­ka­nums
hat hier ganze Arbeit ge­leistet und voll­ständig eli­mi­niert, während
die Se­gens­formel der Kräuter­weihe zu Maria Him­mel­fahrt (15. August;
in Bayern noch ein Feier­tag) vom Schöpfer­lob auf die Heil­kraft der
Kräuter gereinigt wurde – der moder­ne Gläubige darf sich ledig­lich
noch an deren Farb­viel­falt er­freuen. Ein greif­bares Bei­spiel für die
Säku­la­ri­sierung des Volks­glaubens von oben, welche dem Wesen des
gläubi­gen Men­schen, der Gott überall in der Welt wieder­erkennt,
funda­mental wider­spricht.

Die Wiederkehr der Ordnung

Im Ungeordneten kann kein Leben sein. Das gilt für China, wo
ur­anfäng­lich nur strudelndes Einer­lei war, für das Tohu­wabohu in
Israel — und all­überall, wo noch keine Schöpfer­tat gewaltet
hat. Nahezu jeden Schöpfungs­mythos durch­zieht der Kampf der Ordnung
gegen die Un­ordnung: Schöpfung ist Be­seitigung des Chaos.

Doch die ursprüngliche Schöpfung ist stets bedroht durch Un­ord­nung,
Chaos, Tohuwabohu. Urkräfte der Auf­lösung und Zer­störung be­dürfen der
Bändi­gung, das Ge­schöpfte braucht Ord­nung und Struk­tur — und den
mensch­lichen Geschöpfen tut die regel­mäßige Wieder­ver­gegen­wärtigung des
so Ge­setzten not. Genau dies unter­scheidet die profane Welt vom
Heiligen: »Indem [der religiöse Mensch] die Mythen wieder gegen­wärtig
macht, kommt er seinen Göttern nahe und nimmt teil an der Heilig­keit.«
Das religiöse Fest ist dabei stets »Ver­gegen­wärtigung eines
ur­anfäng­li­chen Ereig­nis­ses«. Die Fest­teil­nehmer sind periodi­sche
»Zeit­ge­nos­sen der Götter«.

Beim babylonische Neujahrsfest werden Schlüsselszenen der
Schöpfungs­geschichte im Ritual er­fahr­bar ver­gegen­wärtigt, be­sonders
der Triumph über die Ur­kräfte des Chaos und der ordnende
Schöpfungs­akt. Der Kriegs­zug gegen die Ur­kräfte des Chaos wurde vom
Volk auf der Straße als feier­li­che Pro­zession der Kult­statuen aus
dem Tempel ins Neu­jahrs­fest­haus erlebt. Dort trägt ein
Tempel­priester das Enuma Elisch vor, das Genera­tio­nen von Schülern,
die das Schreiben lernten, memo­rier­ten. Münd­lich weiter­gege­ben wurde
bei den Pawnee die Liturg­ie des Hako, das Zere­mo­niell der
all­jähr­lichen Her­ab­rufung von Mutter Mais.

An jedem Weihnachtsfest, daran glaubt zumindest der christ­liche
Volks­mund, wird »Gott von neuem geboren«. Wenn es nach der Wandlung von
Brot und Wein im Meß­opfer der katho­li­schen Kirche heißt: »Deinen Tod,
oh Herr, ver­künden wir und Deine Auf­erstehung preisen wir«, dann ist in
diesem tiefsten »Geheimnis des Glaubens« jedes Mal das Er­lösungs­werk des
Kreuzes­todes Jesu Christi gegen­wärtig, mit dem er die Mensch­heit er­löst
hat aus dem Tod. Und in jeder Oster­nacht wird die Schöpfungs­geschichte
er­neut leben­dig, in dem der An­fang der Gene­sis gelesen wird — so hat
be­gonnen, was Christus vollendet hat.

 [Deinen Tod, oh
Herr, verkünden wir, und Deine Auferstehung preisen wir: Epitaph für
Pfarrer Johannes Dexenbach in Steinekirch, gestorben 1554]

In der Steiermark gab es bis vor wenigen Genera­tionen Bauern, die an
Weih­nachten die An­kunft des Heilandes in ihren Stu­ben nach­spiel(t)en.
Spieler und Zu­schauer, alle sind sie An­teil­nehmende, »An­dächtige,
Verwandelte, die das alte Ge­schehen im­mer wieder aufs Neue lebendig
werden lassen«. Das Spiel ist »ganz lebendige Wirk­lich­keit«, die
schein­bar nur spiele­rische »Be­gegnung von Gött­lichem und der ihnen [den
Bauern] so vertrauten Hirten­welt«. Die Heilige Fami­lie tritt in die
Stube, Maria hat — dieses Re­quisit genügt — ein »win­ziges Kripperl mit
dem Kind« im Schoß: »Die alten Frauen, die Kinder falten die Hände: Das
Spiel ist Gebet, ist Andacht geworden.«

Das ist Fest, das ist Sinngebung im Alltag, Strukturierung des
Jahres­laufs, fester Halt im Leben. Lösen sich Religion und Glaube
auf, »ver­lieren Feste ihren Tief­gang und Sinng­ehalt«, er­starren zu
infla­tionär wieder­holten, be­sinnungs­los ab­ge­spulten »be­liebigen
Ver­satz­stücken«, pro­fa­niert in eine »Fest­zelt­welt«. Wenn in einem
solchen Bier­zelt der Weih­bischof eine Messe hält, in der er nach dem
Segen und statt der Sen­dung auf­fordert: »Bleibet und esset«, wo
schon vor dem Aus­zug der Geist­lich­keit die Schank­pforten geöffnet
werden, zeigt selbst diese Ver­irrung, wie sehr auch der modern
pro­fanier­te Mensch ein Homo religio­sus ist, dessen Gespür für
Religio­sität zwar unter Eventi­sierung ver­schüttet ist, als Sehnsucht
aber vor­handen.

Die Schöpfung, der Ursprung von allem, muß stets neu
ver­ge­gen­wärtigt werden in Ritus und Fest. Es ist eine Rückkehr in
jene hei­lige Zeit, in der alles begann. Durch die stete Erneuerung
des An­fangs be­stätigt sich das Ge­wesene, durch die
im­mer­wieder­kehrende Auf­rufung der An­fänge ver­ge­wissert sich der
Mensch des Grundes, auf dem er steht. Mit der ur­sprüng­li­chen Ordnung
verband er sich mit dem Kosmos, richtete sich die Welt ein, in der
er leben kann. Die Schaffung einer Ord­nung im Chaos und gegen das
Chaos, soweit der Mensch darauf Ein­fluß hat, erfolgt durch Benennen
und Sich-Aneignen, nicht durch Ver­ändern nach Gusto.

Ordnung ist entstanden, durch göttliche Schöpfung, mit deren
Wahr­nehmung und Be­nennung und somit Ak­zeptanz durch den
Menschen. Diese Ordnung lebt von Vor­aus­setzungen, die der Mensch
nicht in eigenen Händen hält. Der Mensch steht, das will die
nächste Folge zeigen, in Ab­hängig­keit von über ihn ragenden Mächten,
die der Homo religiosus Götter bzw. Gott nennt. Ob diese
Ab­hängigkeit be­grüßens­wert ist oder zu bekämpfen, vielleicht gar
ab­zu­streifen, stellt keine sinn­volle Fragen­grund­lage
dar. Entscheidend ist, was durch den Lauf der Mensch­heits­geschichte
dem Mensch gemäß war, was sämtliche Kultu­ren un­ab­hängig von­ein­ander,
jenseits von Zeit und Raum, an ge­mein­samen Vor­stel­lungen von
Gött­lich­keit und Tran­szendenz ent­wickelt haben.

Quellen in der Reihenfolge im Text

Mircea Eliade: Die Religionen und das Heilige. Elemente der
Reli­gions­ge­schichte. Insel: Frank­furt am Main, 1986 (französische
Origi­nal­aus­gabe: Traité d&apos;histoire des religions. Paris: Editions
Payot, 1949; deut­sche Erst­aus­gabe Salzburg: Otto Müller, 1954),
S. 13 (Leugnung), S. 65f. (alltägliche Wunder).

Alice C. Fletcher: The Hako. A Pawnee Ceremony. 22nd Annual Report of
the Bureau of American Ethno­logy to the Secre­tary of the Smithonian
In­stitu­tion 1900-1901. U.S. Government Printing Office, Washington,
D.C., 1904, S. 81, S. 18, S. 23f., S. 22, Tafel nach S. 44 (Abb. Mutter
Mais), S. 58-63.

Hellmut Brunner: Ägyptische Texte. In: Walter Beyerlin (Hrsg.):
Religions­ge­schichtliches Text­buch zum Alten Testa­ment. Göttingen:
Vanden­hoeck &amp;amp; Ruprecht, ²1985, S. 34 (Welt vor der Schöpfung).

Adrian C. Heinrich: Der babylonische Weltschöpfungsmythos Enuma Elisch.
Mün­chen: C.H. Beck, 2022, S. 15 (eine Zeit vor der Zeit), S. 32 (droben
die Himmel), S. 158 (Namens­nennung), S. 147 (Neujahrsfest).

Andrea Keller: Kosmos und Kultur­ordnung in der frühen chinesischen
Mythologie. In: Das alte China. Men­schen und Götter im Reich der Mitte,
5000 v. Chr. — 220 n. Chr. München: Hirmer, 1995, S. 136-146, hier S.
138 (strudelndes Einer­lei), S. 139 (Menschen aus gelber Erde).

Genesis 1,1-2; 2,7; 2, 19-20.

Ludwig Köhler, Walter Baumgartner: Lexicon in Veteris Testamentis
Libros. Brill: Leiden, 1985, S. 1019 (tohu), S. 110 (bohu): Das
hebräische Tohu­wabohu, zu­sammen­ge­setzt aus zwei
Eigen­schafts­bezeich­nungen, wird in nahezu jeder Bibel­ausgabe anders
über­setzt. Un­strittig ist der erste Wort­bestand­teil, tohu (thh,
thw): wüst; bezeichnend die Wüste, das Wasser­lose und Unweg­same,
einen Ort, an dem man um­kommt. Hin­gegen bohu (bhh, bhw; Öde, Leere):
leer (Stutt­gar­ter Erklärungs­bibel, 2005; Luther­bibel, 2017), wirr
(Neue Jeru­sa­le­mer Bibel, 1985), ungeordnet (Die gute Nachricht der
Deut­schen Bibel­ge­sell­schaft, 1978), öde (Zürcher Bibel, 2007); auch
lexi­ka­lisch er­gibt sich keine Klar­heit in diesen widersprüchlichen
Über­setzungs­deutungen — was leer ist, kann nicht un­geord­net sein,
denn ordnen kann man nur etwas, was ist; noch un­klarer wird es, wenn
bohu auch als Nichts ver­stan­den werden kann: denn Nichts ist weder
leer noch wirr, sondern eben Nichts.

Ernst und Erika von Borries: Deutsche Litera­tur­geschichte, Band 1:
Mittel­alter, Huma­nis­mus, Re­for­ma­tions­zeit, Barock. München:
Deut­scher Taschen­buch Verlag, 1991, S. 30f. — Hans Pörnbacher: Das
Wesso­brun­ner Gebet. Linden­berg: Fink, 5. Auflage 2020.

Michael Ende: Die un­end­li­che Geschichte. Stuttgart: Thienemann, 1979, S.
142f. (Das Nichts).

Giselher W. Hoffmann: Die Erst­geborenen. Zürich: Union, 1994,
S. 83f.  (Schöpfungsmythos der Buschmänner).

Hartmut Schmöckel: Meso­po­ta­mische Texte. In: Walter Beyerlin
(Hrsg.): Reli­gions­ge­schichtliches Text­buch zum Alten
Testa­ment. Göttingen: Vandenhoeck &amp;amp; Ruprecht, ²1985,
S. 101f. (Hymnus von der Hacke).

Erik Hornung: Der Eine und die Vielen. Ägyptische
Gottes­vor­stel­lungen.  Darm­stadt: Wissen­schaft­liche
Buch­ge­sell­schaft, 1971, S. 141f. (Götter aus Schweiß, Menschen
aus Tränen).

Ägyptisches Handwörterbuch. Bearbeitet und herausgegeben von Adolf
Er­man und Her­mann Grapow. Nach­druck der Ausgabe von 1921. Darmstadt:
Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sellschaft, 1981, S. 13 (jmn, Amun).

Heinrich Zimmer: Maya. Der indische Mythos. Zürich: Rascher, 1952
(Erst­aus­gabe Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1936), S. 1
(Natur­beob­achtung in China).

Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968,
hier ²1977 (franzö­si­sche Original­aus­gabe: La pensée sauvage. Paris:
Librai­rie Plon, 1962), S. 254 (Zitat), S. 15f. Und S. 20 (Beispiele für
Auf­merk­sam­keit).

Bruce Chatwin: Traumpfade. München: Hanser, 1990 (englische
Original­aus­gabe: The Song­lines. London: Jonathan Cape, 1987) (sie
geben ihnen das Land).

Josef H. Reichholf: Das Rätsel der Mensch­werdung. Die Ent­stehung des
Men­schen im Wechsel­spiel der Natur. München: Deutscher Taschenbuch
Ver­lag, 1993, S. 132f. (Homo habilis).

Luigi Capasso: 5300 years ago, the Ice Man used natural laxa­tives and
anti­bio­tics. In: The Lancet. Volume 352, Nr. 9143, 5. Dezem­ber 1998
(Baum­pilz gegen Darm­parasit).

Ferdinand Ohrt: Herba, Gratia plena. Die Le­genden der älteren
Se­gens­sprüche über den gött­li­chen Ur­sprung der Heil- und
Zauber­kräuter. Helsinki: Suoma­lainen tiede­aka­temia, 1929,
S. 17. Zitiert nach: Eliade, Re­li­gionen (a.a.O.), S. 342
(Heil­kräuter).

Zeitungsausschnitte der Augs­burger Lokal­presse, 1950er Jahre (Vorträge
von Geist­li­chem Rat Leo­pold Schwarz).

Michael Fischer: Himmelsau licht und blau (2007, zuletzt verändert
2012). In: Popu­läre und tra­di­tionel­le Lieder. Historisch-kritisches
Lieder­lexikon, her­aus­ge­ge­ben vom Deut­schen Volks­lied­archiv,
http://www.liederlexikon.de/lieder/himmelsau_licht_und_blau/:
Gesungen »beym feyerlichen Umgang« (so eine Ausgabe von 1833), also
bei den Flurumgängen »ums Korn«, wie auch bei der
Fron­leich­nams­pro­zession, daher lautete der Refrain im Erst­druck 1767
»ehret dieses Sacra­ment« — mit Sakra­ment ist gemeint die ge­weihte
Hostie in der Monstranz, der Leib Got­tes, den der Priester durch die
Felder und die Straßen der Dörfer trägt, womit sich dieses Lied in
seiner ursprünglichen Fassung als gegen­re­for­ma­torisch ver­standen
hat.

Walter Pötzl: Brauchtum. Von der Martinsgans zum Leon­hardi­ritt,
von der Wiege bis zur Bahre. Der Land­kreis Augs­burg,
Band 7. Augsburg 1999, S.  183-188, bes. S. 183 (Kräuterweihe
an Maria Him­mel­fahrt).

Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der
euro­päischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten
Welt­krieg. Band 1.  München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1976,
hier 10. Auflage, 1993 (Erst­aus­gabe: München: Beck, 1927–1931),
S. 266: »Inhalt und Zweck aller schöpferischen Tätigkeiten besteht
in nichts anderem als in dem Nach­weis, daß das Gute, der Sinn, kurz:
Gott in der Welt überall vor­handen ist. Diese höchste, ja einzige
Realität ist immer da, aber meist un­sicht­bar. Der Genius macht sie
sichtbar: dies ist seine Funktion. Die Tat­sache ›Gott‹ er­füllt ihn
derart, daß er sie überall wieder­findet, wieder­erblickt,
wieder­erkennt. Dieses Wieder­erken­nen Gottes in der Welt ist die
eigen­tüm­li­che Fähig­keit jedes großen Menschen.«

Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des
Religiösen.  Köln: Ana­con­da, 2008 (deutsche Erstausgabe: Reinbek
bei Hamburg: Rowohlt, 1957), S. 78, S. 77 (Fest als
Wieder­ver­gegen­wärtigung des Ur­anfangs).

Matthias Gaudron: Die Messe aller Zeiten. Ritus und Theologie des hl.
Mess­opfers. Bobingen: Sarto, 2006.

Felix Timmermans: Das Triptychon von den Heiligen Drei
Königen. Leipzig: Insel, 1940, S. 10 (Gott von neuem geboren).

Dorothee Kieselbach, Leopold Kretzenbacher: »Seid&apos;s ruhig und
merkt&apos;s auf mit Fleiss«. Ein bäuer­li­ches Hirten­spiel aus der
Steiermark. In: Un­be­kanntes Bayern. Band 6: Das
Komödi-Spielen. Nach einer Sendereihe des Bayeri­schen Rund­funks
heraus­ge­ge­ben von Alois Fink. München: Süd­deut­scher Ver­lag,
1961 (hier: Foto­mechan­ischer Nach­druck 1978), S. 39-51, hier
S. 40, S. 47, S. 48f.

Hans Roth: Die Inflation der Jubiläen und Feste. In: Schönere Heimat
— Erbe und Auf­trag. Zeitschrift des Bayerischen Landesvereins für
Heimat­pflege 1998, Heft 4, S. 239f. (Titel­zusatz »Erbe und
Auf­trag« seit 2010 »Bewah­ren und Gestalten«).
</description>
        <pubDate>Wed, 16 Sep 2026 00:00:00 +0000</pubDate>
        <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/09/16/schmid-homo-religiosus-01/</link>
        <guid isPermaLink="true">https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/09/16/schmid-homo-religiosus-01/</guid>
        
        <category>Religion</category>
        
        <category>Anthropologie</category>
        
        <category>Ethnologie</category>
        
        
      </item>
    
      <item>
        <title>Homo non religiosus</title>
        <description>Sprechen wir über einen Sonderweg, jenen des Protestantismus,
also über »Die deutsche Religion«, wie Egon Friedell diesen Weg
nennt. Religions­anthro­po­logisch betrachtet sind die Kirchen der
Refor­mation ein Solitär — die einzige »Religion« der
Mensch­heits­geschichte, der fast alle Kriterien für Religio­sität
fehlen, nicht zuletzt, weil jede Sinn­lich­keit, die das Gött­liche
erfahr­bar macht, abgeschafft wurde.

 [Evangelisch-Reformierter Gottesdienst
in Möriken, 2020, Quelle:
YouTube]

Was sehen wir, wenn wir ein Bild betrachten wie dasjenige, das diesen
Text eröffnet? Wir sehen einen schmuck­losen Raum, den außer einer
Holz­vertäfelung nichts ziert. Eine Möblierung, wie sie dem Konferenz­raum
eines billigen Tagungs­hotels an­gemessen wäre. Eine Beleuch­tung von
solcher Kälte und Unnah­barkeit, daß es einen fröstelt. Und schließlich
sehen wir in dieser ab­weisenden Szenerie zwei Menschen, die gekleidet
sind, als hätten sie sich schick gemacht für ein Meeting im Büro, als
würden sie business as usal treiben. Tun sie ja auch: Es sind
priester­liche Ver­treter der re­for­mierten Kirche bei einer Zere­monie, die
sie »Gottes­dienst« nennen.

Religiöse Symbolsysteme

Was haben sämtliche religiösen Formen aller Völker, Zeiten und
Welt­gegenden gemeinsam? Was haben Menschen, völlig unabhängig
vonein­ander, für ein Symbol­system erdacht, wo sie etwas verehren,
was außer­halb ihrer Macht steht? Und was davon fehlt dem
Pro­testan­tismus mit seiner einseitigen Vergottung des Wortes?

Wenn Menschen existentielle Dinge wie Religio­sität »entwickeln«,
zeigt sich, daß stets Ähnliches entsteht, ein­fach deshalb, weil
derartige Existentialia gar keine anderen Lösungen zulassen als
jene, derer sie bedürfen. Wenn Menschen auf das, was sie bedrängt,
zu reagieren haben, wenn sie sich die Welt und ihre
Un­erklär­lich­keiten er­klären wollen, entstehen Mythos und Re­ligion,
wobei religio nichts anderes heißt als Rück­ver­bindung zu etwas,
was außer­halb der mensch­lichen Sphäre liegt.

Nun gibt es unter­schied­liche Erklärungs­modelle für das Phänomen
»Religion«, etwa die funktionalistische, welche Religio­sität
Angstreduktion, emotionale Stabili­sierung des »In­dividuums« sowie
Vermittlung von Sinn und ethisch-mora­lischer Werte
zuschreibt. Dieses Modell haben Marxisten entwickelt, nicht um das
Phä­nomen Re­ligion aus seiner Wirk­lich­keit heraus zu beschreiben,
sondern um es seines Wesens­kerns zu entkleiden und postmodern
beliebig zu machen, weil nach dieser subtanz­losen
Ober­flächen-Definition alles und damit nichts darunter verstanden
werden kann, seien es Fan­kulte im Sport oder politische
Über­zeugungen. Es versteht sich, wie wenig diese Definition aussagt
über echte Religio­sität und wie anschluß­fähig sie ist für säkulare
verkappte Religionen, wie sie gegenwärtig mit »Energiewende«, »Kampf
gegen rechts« oder »Anti­rassismus« im Handel sind.

Wenn in einem bayerischen Religionsunter­richts­buch der Theo­loge
Dietrich Zielleßen, Ver­treter einer dekonstruktivistischen »Pro­fanen
Religions­päd­agogik«, Autor des Buchs Gegenreligion (ein Plädoyer
dafür, sich davon zu befreien, »etwas [Gott] für absolut zu
halten«, eine »Recht­fertigung des Gott­losen«), sagen darf,
»Religion« sei »nicht länger mit Begriffen wie ›Trost‹, ›Halt‹,
›Geborgen­heit‹, ›Heimat‹, ›Grund‹, ›Beruhigung‹, ›Gewissheit‹ zu
assozi­ieren, sondern eher mit Vor­stellungen von ›Fremdsein‹,
›Heimat­losigkeit‹, ›Suche‹, ›Ver­unsicherung‹, ›Auf­bruch‹,
›Unruhe‹«, dann ist das Ende von allem erreicht, was den Menschen
trägt und hält. »Veränderung schafft Halt«, dieses orwellianische
Doppel­denk scheint beim »Theo­logen« Zilleßen sicher nicht zufällig
ebenso auf wie (hier wörtlich!) im Grünen Partei­programm anno 2020.

Ernstzunehmende Definitionen von Religion, wie sie von den
Substan­zialisten (von »Sub­stanz«, sprich: Gehalt, Wert, Kern, das
Wesentliche) vorge­tragen werden, eint die Betonung der Sinn­lichkeit
im Erfahrungs­raum zwischen Mensch und Höherer Macht. Für Friedrich
Schleiermacher ist Religion »weder Denken noch Handeln, sondern
Anschauung und Ge­fühl«, für Gustav Mensching »erlebnis­hafte
Begegnung mit dem Heiligen«. Bei Rudolf Otto gewinnt »Das Heilige«
(1917), »was über aller Kreatur ist«, Gegenwart erst in jenen
irratio­nalen Momen­ten, wo der Gläubige das »schauer­volle Geheim­nis«
(myste­rium tre­mendum) erlebt, zugleich mit dem Ab­schreckenden und
Be­droh­lichen aber auch die licht­volle Seite, das Anziehende,
Be­glückende, ja Entzückende (mysterium fascinans). Ottos
Lese­anleitung für Das Heilige bildet fast eine eigene Bestimmung
dessen, was den »Homo Religiosus« vom nur-profanen Menschen
scheidet: »Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und
möglichst ein­seitiger religiöser Erregt­heit zu besinnen. Wer das
nicht kann oder wer solche Momente über­haupt nicht hat, ist gebeten
nicht weiter zu lesen.«

Denjenigen, die diesem Text weiterhin folgen, sei Mircea Eliades
Vor­stellung der »Hiero­phanie« ans Herz gelegt — eine Mani­festation
des Heiligen, das »sich zeigt«: »Das ›ganz andere‹, eine Reali­tät
[!], die nicht von unserer Welt ist, mani­festiert sich in
Gegenständen, die inte­grierende Bestand­teile unserer ›natürlichen‹,
›profanen‹ Welt sind«.  So kann sich das Heilige »in Steinen oder
Bäumen« zeigen, gewisser­maßen »verding­lichen«, die dann eben »nicht
mehr Stein oder Baum« sind, »sondern ›das Heilige‹, das ›Ganz
andere‹«.

Für dieses »Ganz andere« haben sich die unterschied­lichsten Namen
etabliert — das Heilige, das Transzendente, das Ab­solute, das Numi­nose,
das All­umfassende, die Ein­heit, ganz Ver­wegene sagen sogar Gott. Wie
Menschen den Sehn­suchts­punkt ihrer Religio­sität auch immer nennen mögen
— eines eint alle Religiösen: Sie trachten danach, den Unter­schied
zwischen Oben und Unten, zwischen Heilig und Profan greif­bar, sehbar,
hörbar, riechbar, sinn­lich erfahrbar, vor alle Sinnesorgane von den
Ohren über Augen, Mund und Nase ge­führt zu bekommen, ihren Glauben
buch­stäblich begreifen zu können, um vom Heiligen ergriffen zu werden.

Einige Beispiele aus der Glaubenspraxis der Völker der Welt mögen
— ohne Anspruch auf Voll­ständigkeit — diese Einigkeit
veranschaulichen und gleich­zeitig klar machen, wie sehr der
deutsche Sonder­weg Protestan­tismus aus diesem still­schweigenden
Ein­ver­nehmen des Homo Religiosus ausschert.

Wandlung

»Mit Hilfe der Riten kann der religiöse Mensch von der gewöhn­lichen
zeit­lichen Dauer in die heilige Zeit ›über­wechseln‹«. Eine
Ver­wandlung, eine eigene Zeit, wie sie Eliade als konstituierend für
alles Religiöse, das er »das Heilige« nennt in Abgrenzung zum
»Profanen«, voraus­setzt, das Über­wechseln, Wandlung und Ver­wand­lung
— in diversen Spiel­arten ist dies allen Religionen gemein.

Im Islam tritt der Betende in einen »Weihezustand« ein: »Der Beginn
des rituel­len Gebets markiert die Grenze, bei deren Über­querung man
den Raum betritt, in dem einzig Allahs Gegen­wart zählt«, so Tilman
Nagel in seinem Buch Das islami­sche Pflicht­gebet (2024). Im
Hinduismus vermag es der Priester, im Ritual des prana pratishta
(»Her­stellen von Leben«), die Murti, die Götterbilder, von bloßer
Materie »zur Inkar­nation der Gott­heit« zu verwandeln, die — durch
Berühren der Herzregion der Statue und begleitende Gebete — »in
ihr nun tatsächlich auf Erden an­wesend ist« (Vasudha Narayanan,
Hinduismus, 2005), mithin lebendig gemacht.

Religion ist stets der Eintritt in eine lebendige Gegenwart des
»ganz anderen«, die (Ver)Wandlung aus der Pro­fanität, aus der
Mate­rialität ins Heilige. Der Scha­mane wandelt sich selbst in ein
Medium, das außer sich treten kann, zur Reise in die Anderswelt —
durch Ekstase­tech­niken mit Räucher­werk, Trom­meln, Trancetanz,
Gesang, manchmal durch psyche­delische Drogen wie Fliegen­pilze. In
der katho­li­schen Litur­gie steht die Wand­lung von Wein und Brot
(Hostie) in Blut und Leib Jesu Christi (Hoc est enim corpus) im
Zentrum allen Glaubens.

Wort

Nichts von einer Wandlung im Protestantismus, dessen Liturgie, also
der Gottes­dienst­ablauf, zwar aus dem Katho­lizismus übernommen ist,
aber die Lutheraner haben diese sinn­liche Feier (im Wort­sinne, weil
religiöse Zeremonien grundsätzlich alle Sinne ansprechen) verkürzt
auf das Hören, wo das »Wort Gottes« (und nichts anderes) gelten
soll. Diese Beschränkt­heit bedeutet eine Ent­kernung der Liturgie,
ähnlich einem Haus, das — seines Innen- und Seelenlebens beraubt
— zur leeren Theaterkulisse werden muß, wo der übernommene
Außen­bau nur noch Fassade ist, welche innere Kälte, Rationalität,
Glatt­heit, Steri­lität, letzt­lich: Säkula­rität nicht verdecken kann.

»Wir Reformierte haben keine Liturgie« — so beginnt der Leitfaden
»Refor­mierte
Litur­gie«
von 1999, um auf über 600 Seiten dar­zulegen, was darunter zu
ver­stehen ist. Warum seine Autoren »manchen« unterstellen,
»re­formiert geprägten Gottes­diensten dürftige Armut« zu
»unter­stellen«, wo sie doch selbst wort­reich darlegen, daß
Sinnes­entleert­heit ge­wollte Praxis ist, bleibt rätselhaft. Denn
alleine im Zentrum steht »das Wort Gottes« — erfahrbar nur im
»Hören und Reden, Singen und Schweigen«. Die Gottes­dienst­ordnung
läßt zwischen »Eingangs­wort«, »Predigt« (als »Mittel­punkt«) sowie
»Bekannt­machungen und Abkündigungen« wenig Raum für Sinn­lich­keit. Es
gibt »keine liturgi­schen Gesänge«, alle Kirchen­musik bleibt
wort­gebunden. Keine »gottes­dienstlichen Ge­wänder«. Keine Bilder,
keine litur­gischen Farben, nicht einmal das Kreuz. Kein Weih­rauch,
kein Weih­wasser, mit dem sich der Gläubige bekreuzt oder segnend
besprengt wird.

Heiliges und Allerheiligstes

Was der Katholizismus (und mit ihm praktisch jede Religion analog)
»Sakra­ment«, sprich: Heilmittel, nennt, ist dem Reformierten bloßes
»Zeichen«, be­schränkt auf Taufe und Abend­mahl, Vor­gänge nichts
weiter als »Symbole«. Von »weiteren Zeichen, Gesten und be­gleitenden
Riten« hat man »Abstand genommen«.

Zu den Sakramentalien, »heiligen Zeichen«, gehört im Katholi­zismus
wie in der Ortho­doxie ein Reper­toire höchst sinnlich-symbolischer
Handl­ungen durchs ganze Kirchen­jahr, angefangen mit der Segnung von
Kreide am Dreikönigstag, um mit ihr die Haus­türen mit dem Zeichen
der Drei Könige C + M + B und der Jahreszahl zu bezeichnen —
Caspar, Melchior und Balthasar, aber auch dem Gebet für den Schutz
des Hauses: Christus mansionem benedicat. Das Aschenkreuz als
Symbol der Vergäng­lich­keit.  Das Osterfeuer, das den Auferstandenen
als Licht der Welt symbo­li­siert.  Oder die geweihten Oster­speisen am
Auferstehungs­morgen.

Auch Volksfrömmigkeit, Wallfahrtswesen, Heiligenverehrung,
Devotiona­lien­kult gibt es außer im deutschen Protestan­tismus in
allen Religionen, auch im Islam, wie es der katholische (!)
Volks­kundler Rudolf Kriss (Volksglaube im Bereich des Islam)
dargelegt hat. Nicht sehr überspitzt gesagt, wäre meine Rosenkranz
betende Groß­mutter — hätte sie seine Sprache gesprochen — mit
jenem Mohamed, der seine Gebets­kette durch die Finger gleiten läßt,
über diese sinnliche religiöse All­tags­praxis sehr viel eher ins
Einvernehmen gekommen als mit ihrer protestan­tischen
Nach­barin. Nicht nur Islam und Christen­tum kennen, was Protestanten
wesensfremd ist — ein taktiles Hilfs­mittel, um sich in Gebet und
Andacht zu versenken: Was dem Katho­liken der Marienverehrung dient,
dem Mos­lem der Anrufung der 99 Namen Allahs, ist dem Buddhisten
Ver­körperung der 108 Bände aller Lehren Buddhas in der gleichen
An­zahl Perlen, im Hinduismus jener Götter, denen der Gläubige sein
An­liegen darbringt.

Religionsverbindend ist die Realität des Allerheiligsten als gebaute
Wirk­lichkeit: Bereits das Adyton (»das Unzugängliche«) im antiken
Tempel­kult zeugt davon; im Judentum die Bundeslade, enthaltend die
Stein­tafeln mit den Zehn Geboten vom Berg Sinai, mit der das
Gottes­volk durch die Wüste zieht, später die Cella des Jerusalemer
Tempels, heute der Tora­schrein in der Synagoge; im Katholizismus
der Taber­nakel mit den konsekrierten Hostien, dem Leib Christi. Im
Protestantismus: Fehl­anzeige — schon deshalb, weil die Reformation
keine geweihten Hostien kennt.

Es bleibt, auf die Herausgehobenheit des Vermittlers zur
Tran­szendenz, des Priesters, hinzu­weisen, dessen Gewand ihn weltweit
und religions­über­greifend sinn­lich sichtbar erhebt aus jeder
Profani­tät. Man vergleiche Schamanen, orthodoxe und katholische
Priester, buddhi­stische Lamas, japanische Shinto-Priester, um deren
Gemein­sam­keit zu sehen — und in bewußt schroffer Abgrenzung davon
die Profani­tät refor­mierter Busineß-Religions­ver­künder (unser
Eingangsbild). Nicht viel sinn­licher nimmt sich die jede Körperform
verschleiernde Schwärze des protestan­tischen Talars aus, einer
Verlegenheitsübernahme aus akade­mi­schen Kleider­ordnungen — damit
wiederum auf die Wort­zentriert­heit verweisend.

Es scheint, als würden sich die reformierten Kirchen des
Pro­testantis­mus in einzigartiger Weise bewußt außerhalb jener
anthro­polo­gischen Grund­konstituenten bewegen, die unabdingbar zu
jenem Wesen gehören, das Mircea Eliade »Homo religiosus« nennt.



Ausgehend von diesen Überlegungen, die ich auf dem vom Herausgeber
jüngst ge­löschten Blog TWASBO am 29. Dezember 2023 unter dem Titel
»Die Abs­chaffung der Sinnlichkeit« veröffentlicht hatte, sollen nun
auf 5artikel in loser Folge Beiträge unter dem Serientitel »Homo
religiosus« erscheinen, welche der Frage nachspüren wollen, was den
Gläubigen aller Epochen und Religions­sy­steme gemein­sames Fundament
ist, wobei nicht verschwiegen werden soll, daß der aktuelle Anlaß
zur Neuauf­nahme dieses Nach­denkens in der Exkommunikation der
Pius­bruder­schaft durch den Vatikan gründet — und daß die
anzustellenden Über­legungen nicht zuletzt eine Antwort auf die Frage
suchen, welche Partei in diesem Streit zwischen Traditionalisten und
progressiven Reformern die besseren religionsanthropologischen
Argumente auf ihrer Seite hat, wobei letztere nach Ansicht ersterer
die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanum immer weiter in
Richtung einer »Protestantisierung des
Kirchenverständnisses«
und damit einer »Säkularisierung« gedrängt haben und weiter dorthin
verschieben wollen. Um es, vielleicht unverdächtiger, mit Egon
Friedell zu sagen: Die Refor­mation brachte »keineswegs den
Durchbruch eines reineren, tieferen, ursprünglicheren Verhältnisses
zur Gottheit« mit sich, »sondern ganz im Gegenteil den Sieg der
Wissenschaft vom Glauben über den Glauben selbst«. Im Endresultat
triumphiere »nicht die Religion, sondern die Theologie«. Mit der
Reformation komme »etwas flach Praktisches, profan Nützliches,
lang­weilig Sach­liches, etwas Düsteres, Nüchternes, Zweckmäßiges in
alle Betätigungen.« »Die deutsche Religion« bedeute somit »nicht
mehr und nicht weniger als den Versuch, Leben, Denken und Glauben
der Menschheit zu säkularisieren.«1


  
    
      Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der
europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten
Weltkrieg. Band 1. 10. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch
Verlag, 1993, S. 316, S. 333. &amp;#8617;
    
  

</description>
        <pubDate>Fri, 04 Sep 2026 00:00:00 +0000</pubDate>
        <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/09/04/schmid-homo-religiosus-00/</link>
        <guid isPermaLink="true">https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/09/04/schmid-homo-religiosus-00/</guid>
        
        <category>Religion</category>
        
        <category>Anthropologie</category>
        
        <category>Ethnologie</category>
        
        
      </item>
    
      <item>
        <title>Die virtuelle Bibliothek</title>
        <description>

Würde man alles Wissen der Welt, wie es in Abermillionen von Büchern
aufgezeichnet ist, in elektronische Form überführen und im Internet
bereitstellen; würde man außer den Texten auch alle Bilder und
Klänge digitalisieren; würde man schließlich all das Gespeicherte
durch Links miteinander verknüpfen und durch elektronische Kataloge
erschließen — man hätte endlich jenes »Gedächtnis der Menschheit«
ins Werk gesetzt, von dem man so lange schon geträumt hat. Vorbei
wären die Restriktionen der Gutenbergischen Medienepoche, da man
sich mühsam durch Bücher und Bibliotheken arbeiten mußte, um ein
Leben lang jene noch unentdeckten Werke zu suchen und zugleich zu
fürchten, die das eigene Denkgebäude im Nu hinwegfegen würden. Die
neuen digitalen Medienverhältnisse würden vielmehr an die Stelle des
zeitaufwendigen suchenden Nacheinanders eine schlagende Simultanität
des Überlieferten setzen, das nicht nur in seiner Totalität auf
einen Mausklick hin auf dem Bildschirm erscheinen, sondern auch die
melancholische Fixierung auf das Geschriebene aufheben würde, um zu
zeigen und zu Gehör zu bringen, was die digitale Welt jenseits des
Alphabets an Interessantem und Wissenswertem noch zu bieten hat.

Der andere Name für diese Vision lautet »virtuelle
Bibliothek«. Diese wäre nicht mehr das Nadelöhr der
Informationsversorgung, wie es die auf uns gekommenen
Bibliothekspaläste mit mürrischem Personal und abweisenden
Öffnungszeiten sind, vielmehr wäre die virtuelle Bibliothek am
besten als ein Servicezentrum zu beschreiben, das die technischen
und personellen Ressourcen bereitstellt, um die Bürger erfolgreich
ans Netz zu bringen und ihnen bei der Navigation durch die
Datenströme zu helfen. Erfolgreich könnte die virtuelle Bibliothek
nicht nur dadurch sein, daß sie den Bürgern einen Zugewinn an
individuellem Wissen beschert, sondern auch dadurch, daß die
digitale Totaltransparenz des gespeicherten Wissens demokratische
Prozesse in der Gesellschaft stärkt und nicht zuletzt einen
Informationsvorsprungs herbeiführt, der im globalen Wirtschaftskampf
zum Sieg verhilft.

Und tatsächlich werden massive Anstrengungen unternommen, diese
Vision Wirklichkeit werden zu lassen: Während eine rührige
Initiativen wie das Projekt Gutenberg 10.000 literarische Texte
ins Netz gestellt hat und die großen Nationalbibliotheken dazu
übergingen, interessante Teile ihrer Bestände zu digitalisieren (so
etwa das Programm American Memory der Library of Congress in
Washington), stellen die Bibliotheken ihre Kataloge ins Internet und
machen sie über gemeinsame Suchmasken abfragbar (z. B. der
Karlsruher Virtuelle Katalog) oder arbeiten daran, ihre Kataloge
und Bestände mit den Suchmaschinen des Internet zu verknüpfen.

So beeindruckend diese Anstrengungen auf dem ersten Blick auch sein
mögen, sie sind nur digitale Tropfen auf dem heißen Stein der
Druckkultur. Die 10.000 Texte, die das Projekt Gutenberg ins Netz
eingelesen hat, entsprechen dem wöchentlichen Bandzugang der Library
of Congress bzw.  dem vierteljährlichen Bandzugang einer
durchschnittlichen deutschen Universitätsbibliothek. Will sagen: Die
Digitalisierung kann schon unter quantitativen Gesichtspunkten nur
einen marginalen Prozentsatz der überlieferten und neu erscheinenden
Texte umfassen. Daß bei dieser Digitalisierung dann wenigstens
Kostenvorteile für die Bibliotheken oder Nutzer winken, ist ein
längst widerlegter Mythos der Digitalisierer.

Tatsächlich liegen die Gründe, die für die virtuelle Bibliothek zu
sprechen scheinen, auch gar nicht auf der Ebene der harten Fakten.
Vielmehr geht man unter dem Einfluß der Apostel des Internet davon
aus, daß die alte Form des Wissenserwerbs über Bücher und
Bibliotheken eine antiquierte Veranstaltung sei, die man durch neue
und bessere Formen eines multimedialen Lernens im globalen Datennetz
ersetzen müsse. Wie falsch indessen auch diese Vorstellung ist,
zeigt uns ein Blick in die Bibliotheksgeschichte.

Das historische Modell, auf das unsere Bibliotheken zurückgehen, ist
die große Bibliothek im alexandrinischen Museion, das eine von
Ptolemaios I. um 300 v. Chr. gegründete und im Palastbezirk von
Alexandria angesiedelte Forschungseinrichtung war. Um diese
Einrichtung zu verstehen, sollte man sich drei Dinge vor Augen
führen. Erstens war die Gründung des Museions keine philanthropische
Maßnahme, sondern entsprang der Notwendigkeit, das kulturelle
Gedächtnis der dünnen griechischen Erobererschicht gegen das
mächtige Umfeld der autochthonen ägyptischen Kultur zu
behaupten. Zweitens nahmen im kulturellen Gedächtnis der Griechen
die überlieferten profanen Schriften, allen voran diejenigen Homers,
den prominentesten Platz ein, so daß man sich im Museion bemühte,
die in einer Vielzahl von Abschriften auf Papyrusrollen umlaufenden
Texte in der eigenen Bibliothek zu sammeln und aus den unzähligen
Varianten normierte Texte herzustellen. Drittens schließlich muß
man, will man gezielt auf das Korpus der gesammelten Texte
zugreifen, die Bibliothek nach sachlichen Gesichtspunkten in
Schriftenklassen (Drama, Lyrik, Kochkunst u.a.m.) ordnen und die
Ordnung in einem Katalog dokumentieren: das waren die Pinakes des
alexandrinischen Dichters und Philologen Kallimachos, ein
bio-bibliographisches Verzeichnis der griechischen Schriftsteller
und ihrer Werke.

Der Erfolg dieses Modells bemißt sich nicht nach den schieren
Quantitäten, obgleich die alexandrinische Bibliothek von geradezu
mythischer Größe war: mit ihren mindestens 400.000 Papyrusrollen war
sie doppelt so groß wie ihre Konkurrentin in Pergamon und um ein
Unendliches größer als die nach ihr gegründeten Bibliotheken (erst
seit dem 18. Jahrhundert gibt es Bibliotheken, die größer als die
alexandrinische Bibliothek sind). Der Erfolg dieser Konzeption ist
vielmehr daran abzulesen, daß damals in Alexandria eine Bewegung in
Gang kam, die bis heute nicht abgebrochen ist: die philologische
Arbeit am kulturellen Gedächtnis, die das schriftlich Überlieferte
in Bibliotheken sammelt, um es nach einer kritischen Sichtung in
neuer Textgestalt dem Traditionsstrom zurückzugeben.

Zugleich weist die alexandrinische Einheit von historisch-kritischer
Philologie und Bibliothek darauf hin, daß die Arbeit am kulturellen
Gedächtnis eine institutionell geschützte Arbeit mit konkreten
Medien — hier: Papyrusrollen, später: Kodizes und Büchern — ist,
deren bibliothekarische Sammlung den Raum der Überlieferung sinnlich
erfahrbar macht: als den Gedächtnisraum einer Kultur, der sich nach
außen hin gegen andere Kulturen abgrenzt, manches Fremde aufnimmt,
und alles im Laufe der Zeit verwandelt. Und weil das so ist, können
wir von den Bibliotheken auf den geistigen Raum einer Kultur
schließen und die Weite und Metamorphose dieser Gedächtnisräume
nachvollziehen: von Alexandria über Pergamon zu den römischen
Bibliotheken der Kaiserzeit, von den Klosterbibliotheken in York,
Fulda oder der Reichenau zu den Universitätsbibliotheken in Bologna
und Paris, Prag und Heidelberg, von den Fürstenbibliotheken in
Wolfenbüttel oder Weimar zu den Hofbibliotheken in Wien und München,
von den ersten städtischen Bibliotheken in Nürnberg oder Leipzig
über die bürgerlichen Bibliotheksgründungen im 19. Jahrhundert zu
den großen öffentlichen Bibliotheken unserer Tage.

Freilich kündigt sich im 19. Jahrhundert eine Transformation dieser
Gedächtnisräume an, die bis heute nicht abgeschlossen ist. Die eine
Ursache dieser Transformation liegt darin, daß nun immer mehr Bücher
hergestellt werden, so daß in der Folge die Bibliotheken immer
größer und unübersichtlicher werden und dabei ihren Nimbus als
Schatzkammern des Geistes verlieren. Die andere Ursache liegt darin,
daß der rapide Fortschritt der Wissenschaften die überlieferten
Wissenschaftsklassifikationen und mit ihnen die
Bibliothekssystematiken zerstört, so daß es immer schwerer fällt,
für die Flut der Neuerscheinungen in den Bibliotheksregalen den
richtigen Platz zu finden. Kurz: der überlieferte Gedächtnisraum
löste sich auf, und keine noch so klug ausgedachte neue Systematik
der Wissenschaften war seither in der Lage, in den alten Kosmos des
Wissens zurückzuführen.

Die Bibliotheken antworteten auf diese Herausforderung dadurch, daß
sie auf die systematische Aufstellung der Bücher allmählich
verzichteten und statt dessen zu seriellen Verfahren übergingen, mit
denen sie den Zugang zum Bestand steuerten: Man stellte die Bücher
einfach nach der Anschaffungsreihenfolge in die Regale und sorgte
mit einem alphabetisch nach Autoren geordneten Hauptkatalog dafür,
daß die benötigten Bücher auch wieder gefunden werden
konnten. Vorbei die Zeiten, da ein Bibliothekar stolz darauf sein
konnte, in seiner Bibliothek ein Buch auch ohne Katalog zu finden,
weil er den Platz des Buches im Wissenschaftskosmos und damit in der
Bibliothekssystematik und also den Bibliotheksregalen genau
bestimmten konnte.

Das Internet und die virtuelle Bibliothek versprechen nun, den alten
Gedächtnisraum zurückzugewinnen, indem sie das Problem der Quantität
und der Qualität auf einen Schlag lösen. Sobald nämlich an die
Stelle der unhandlichen Bücher aus Papier, die die Bibliotheken zu
Städten aufblähen, der digitale Datenfile tritt, gibt es keine
Platzprobleme mehr: Abermillionen von Bits finden auf winzigen Chips
Platz, so daß es keine Utopie mehr ist, eine daumennagelgroße
Bibliothek mit sich herumzutragen. Und gegen die Auflösung des
Gedächtnisraumes gibt es ja die Links, mit denen man die digitalen
Medien miteinander verknüpfen kann, so daß man trotz der Speicherung
unendlicher Datenmengen einen Weg durch die Datenräume finden kann.

Wenn man freilich genauer hinsieht, dann zeigt sich, daß die
virtuelle Bibliothek zwei wesentliche Moment aller bisherigen
Bibliotheken nicht mit aufnimmt: die Aufspreizung zu einem globalen
Servicezentrum oder einem »Gedächtnis der Menschheit« verzichtet
erstens auf die institutionelle Einbindung der Bibliothek in eine
Gemeinschaft und überspringt damit zweitens das Problem der
Aneignung des kulturellen Gedächtnisses.

Soweit wir nämlich zurückblicken können, finden wir, daß die
Bibliotheken Arbeitsinstrumente gelehrter Gemeinschaften waren, für
die sich die Arbeit am kulturellen Gedächtnis mit der pädagogischen
Aufgabe verband, dieses Gedächtnis an die nächste Generation
weiterzugeben: das war so am Museion in Alexandria, es war so in den
mittelalterlichen Klöstern, und es ist so an den Universitäten. Erst
die Neuzeit setzt an die Stelle solcher gelehrter Gemeinschaften die
Idee einer bürgerlichen Öffentlichkeit und gründet daher öffentliche
Bibliotheken, die über eine von staatlichen Institutionen
unabhängige Literaturversorgung zur Selbstbestimmung der Bürger in
politischer und ökonomischer Hinsicht beitragen sollen. Aber auch
hier bleibt die Gründung von Bibliotheken eng mit dem pädagogischen
Ziel verbunden, in der Verbesserung der Schul- und Gewerbebildung
die Autonomie einer partikularen bürgerlichen Gemeinschaft zu
sichern.

Die Idee der globalen virtuellen Bibliothek kokettiert nun zwar mit
einer Art Weltöffentlichkeit, der sie jederzeit und an jedem Ort zu
Diensten sein will, aber es bleibt doch äußerst unklar, wie wir uns
diese Weltöffentlichkeit denken sollen. Tatsächlich zeigen
einschlägige Untersuchungen, daß das Internet im wesentlichen ein
Phänomen der Ersten Welt ist, denn nur dort haben die Menschen
genügend Geld, um sich die teure Grundausstattung für den Netzzugang
— PC, Modem, Leitungsgebühren, Software — zu leisten, und nur
dort entwickelt sich überhaupt eine flächendeckende
Netzinfrastruktur.

Mag man auch diese im wesentlichen ökonomischen Restriktionen für
ein temporäres Phänomen und die Herausbildung einer echten
Weltgesellschaft daher nur für eine Frage der Zeit halten, so gilt
diese Kautel jedoch nicht für das zweite Problem, das die virtuelle
Bibliothek hat: das Problem der Aneignung des kulturellen
Gedächtnisses. Der pädagogische Prozeß der Weitergabe des
kulturellen Gedächtnisses ist nämlich nicht nur ein institutionell
gebundener Prozeß, er ist auch ein wesentlich lokaler Vorgang, der
sich im konkreten Erfahrungsraum einer Gemeinschaft abspielt. Daraus
resultiert die eigentümliche Form von Aneignung und Vergessen, die
diesem Prozeß seit jeher innewohnt: weder ist die Abgrenzung des
Eigenen gegen das Fremde jemals vollständig, noch bleibt das Eigene
(oder Fremde) einfach das Eigene (oder Fremde), weil es immer schon
so war; vielmehr sorgen Neugierde, Vergeßlichkeit und Schlamperei
dafür, daß das heute Bekannte morgen schon völlig unbekannt sein
wird, während das heute völlig Unbekannte morgen schon in aller
Munde ist. Wer es nicht glauben will, möge bedenken, daß wir trotz
der enormen Arbeit der alexandrinischen Philologen und ihrer
Nachfolger von den vielen Hundert griechischen Tragödien und
Komödien nur wenige Dutzend Stücke und Bruchstücke haben.

Vor diesem Hintergrund wirkt es natürlich zunächst sehr verlockend,
wenn uns die virtuelle Bibliothek verspricht, den stets prekären
Prozeß von Aneignung und Vergessen im Rahmen lokaler Gemeinschaften
durch ein globales Totalgedächtnis alles Überlieferten zu ersetzen
und also das Vergessen endlich vergessen zu können. Dann hängt
freilich alles davon ab, ob die virtuelle Bibliothek geeignete
Verfahren bereitstellen kann, die das Gespeicherte bei Bedarf auf
den Bildschirm zaubern. Nun zeigen Untersuchungen zur
Retrievaltechnik in großen Datenbanken allerdings, daß das schon aus
Gründen der Wahrscheinlichkeit nicht der Fall sein kann: bei der
Anfrage in einer Datenbank mit zwei kombinierten Schlagworten
(»Suche alles zu ›Hund‹ und ›Briefträger‹!«) kann man nur sechs
Prozent der für das Thema einschlägigen Dokumente finden; und ob das
dann ausgerechnet die relevanten Dokumente sind, steht auf einem
anderen Blatt.

Natürlich hat auch die konventionelle Bibliothek das Problem, daß
sie immer nur einen Ausschnitt aus der Überlieferung bieten
kann. Aber die Art, wie dieser Ausschnitt präsentiert wird,
unterscheidet sich fundamental von dem, was von einer Datenbank als
Rechercheergebnis angezeigt wird. Während man nämlich in einer
konventionellen Bibliothek sinnlich erfahren kann, daß das zu einem
Thema endlich gefundene Buch nur ein Element aus der Masse noch
nicht berücksichtigter Bücher in den dunklen und verstaubten Ecken
des Gebäudes ist, während man also in der konventionellen Bibliothek
zu jeder Zeit genau lokalisieren kann, was man schon kennt (die
Bücher da vorne) und was nicht (alles da hinten), verbirgt die
virtuelle Bibliothek das noch nicht Gewußte an unbekannten und
unserer Erfahrung entzogenen Speicherplätzen. Wir wissen daher nie,
was uns noch fehlt.

Der total recall, den das Internet verheißt, ist also alles andere
als die datentechnische Implementation des »Gedächtnisses der
Menschheit«, vielmehr handelt es sich um einen globalen Entzug von
Gedächtnis: An die Stelle der am kulturellen Gedächtnis arbeitenden
gelehrten Gemeinschaften oder interessierten Öffentlichkeit rückt
ein potentieller technischer Zugang zu einem globalen Datennetz, das
nicht Wissen, sondern Informationen bietet, deren Aneignung nicht
als Problem der Erziehung, sondern nur als Problem der richtigen
Software gilt.

Damit wiederholt sich auf neuester medientechnischer Stufe ebenjene
Konstellation, die Platon im Phaidros die Erfindung der Schrift
kritisieren ließ. Wer nämlich glaubt, so Platon, ein Medium wie die
Schrift könne ganz von selbst Wissen vermitteln, versieht sich
darin, daß Wissen die mühsame gemeinschaftliche Reflexion des
Gewußten ist. Das hieß schon für Platon nicht, daß wir auf Medien
verzichten können; vielmehr helfen sie uns beim Erinnern, aber
dieses Erinnern ist nur demjenigen von Nutzen, der sich in einer
Sache bereits auskennt.

Wenn daher Medien und Reflexion seit je aufeinander verwiesen sind,
ohne daß man die eine der beiden Seiten kurzerhand der anderen
zuschlagen kann, dann muß man genauer danach fragen, ob ein Medium
— hier: die virtuelle Bibliothek — überhaupt als
reflexionsbegleitendes Medium taugt und Wissen vermitteln kann. Daß
die virtuelle Bibliothek dazu nicht in der Lage ist, liegt dann
nicht an ihrer Medialität als solcher, sondern daran, daß sie die
lokalistische Struktur von Gedächtnis und Gemeinschaft aufkündigt
und in einem ortlosen Nirgendwo eine uns unfaßliche Totalität der
Überlieferung aufzuheben unternimmt. Darin zeigt sich das technische
Unternehmen der virtuellen Bibliothek als Wiederkehr des Mythos. Als
nämlich Odysseus an den Sirenen vorüberfuhr, da lockte ihr süßer
Gesang mit dem Versprechen, alles zu wissen, »was irgend geschieht
auf der vielernährenden Erde«. Es waren Todesvögel, die so sangen;
und die List der Vernunft lag darin, ihrer Lockung nicht zu erliegen
und den eigenen Weg fortzusetzen. Man verfehlt dann zwar das ominöse
Glück des Allwissens, kommt aber immerhin bis Ithaka.

Auswahlliteratur:

Am Ende — das Buch. Semiotische und soziale Aspekte des Internet.
Uwe Jochum, Gerhard Wagner (Hrsg.). Konstanz: UVK,
Universitätsverlag Konstanz, 1998.

Luciano Canfora: Die verschwundene Bibliothek. Berlin: Rotbuch
Verlag, 1990.

The future of the book. Ed. by Geoffrey Nunberg. Berkeley [u.a.]:
University of California Press, 1996.

Uwe Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte. 3., erw. Aufl. Stuttgart:
Reclam, 2007.

Thomas Mann: The Oxford Guide to Library Research. New York
[u.a.]: Oxford University Press, 1998.

Mythos Internet. Hrsg. von Stefan Münker u. Alexander
Roesler. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1997.

Paul Raabe: Die Bibliothek als humane Anstalt betrachtet. Plädoyer
für die Zukunft der Buchkultur. Stuttgart: Metzler, 1986.

Stoll, Clifford: Die Wüste Internet. Geisterfahrten auf der
Datenautobahn. Frankfurt am Main: Fischer, 1996.

Die Welt des Lesens. Von der Schriftrolle zum Bildschirm. Hrsg.  von
Roger Chartier und Guglielmo Cavallo. Frankfurt am Main [u.a.]:
Campus, 1999.



Der vorstehende Text erschien zuerst in dem Band 7 Hügel. Bilder
und Zeichen des 21. Jahrhunderts. Bd. 6: Wissen. Hrsg. von Gereon
Sievernich u. Hendrick Budde. Berlin: Herschel, Berliner Festspiele,
2000, S. 35–40. Für die hier vorliegende Neupublikation habe ich an
zwei Stellen die im Jahre 2000 benutzte Verbform des Präsens in die
Vergangenheit gesetzt, weil die seitherige Entwicklung die vor einem
Vierteljahrhundert im Präsens gemachten Vorhersagen zu Realitäten
werden ließ, die selbst schon wieder wie historische Bestände
anmuten.
</description>
        <pubDate>Sat, 22 Aug 2026 00:00:00 +0000</pubDate>
        <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/08/22/virtuelle-bibliothek/</link>
        <guid isPermaLink="true">https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/08/22/virtuelle-bibliothek/</guid>
        
        <category>Bibliothek</category>
        
        <category>Digitalisierung</category>
        
        
      </item>
    
      <item>
        <title>Sommer am See</title>
        <description>

Der Traum meiner Kindheit und Jugend: ein endloser Sommer mit blauem
Himmel, warmes Wetter, ab Mittag auch heiß, heiß genug, um mit dem
Fahrrad zum Abkühlen ins Freibad oder an den Fluß zu fahren, wo die
Freunde schon warten, mit denen zusammen man im kühlen Wasser
schwimmt oder am Grillplatz die Würstchen grillt, während man
verstohlen zu den Mädchen hinübersieht und nicht weiß, was man tun
soll, wenn die Blicke sich begegnen. Die Zeit der Idylle zwischen
den unverantwortlichen Leichtigkeiten der Pubertät und den ersten
Schritten ins Erwachsenenleben, das den unbeschwerten Sommer am Fluß
durch allerlei berufliche Quisquilien ersetzt, deren Schauplatz das
Biotop eines Büros ist; dort kann es unfreiwillig heiß hergehen,
dort können einem ganze Tage und Wochen und vielleicht sogar Monate
vergällt werden. Da spielt das Wetter keine Rolle mehr, da geht es
um personale Atmosphären, die durch Animositäten und Solidaritäten
aufgespannt werden. Da ist das freie Leben draußen ersetzt durch ein
Leben drinnen, wo geatmet werden muß im Mief der Karrieristen und
Opportunisten, die mit ihren unablässig gezündeten Blendgranaten
niemandes leben besser machen.


[Abb. 1: Waldschadensbereinigung in Wuppertal. Quelle:
WDR.]

Wie es scheint, haben die Karrieristen und Opportunisten nun endlich
einen Weg gefunden, ihren stickigen Mief auf die Außenwelt zu
projizieren: Über die Medien lassen sie Mal um Mal vermelden, daß
der schönste Sommer seit langem der heißeste jemals gemessene ist,
daß die Flüsse und Seen austrocknen, die Fische sterben und auch die
Oma im Altersheim, die die Hitze nicht aushält. Bäume gehen ein,
jedenfalls in Wuppertal, wo eintausend von ihnen gefällt werden
mußten; und wenn sie noch leben, werfen sie mitten im Sommer die
Blätter
ab
und zeigen uns, daß es ihnen nicht gut geht. Und wer sich noch nicht
genug Sorgen machen sollte, gar ganz unbeschwert einfach zum Baden
an den See oder Fluß geht, dem folgen, sofern er ein Smartphone
mitnimmt, die Bilder vom menschengemachten Klimawandel in Form von
ausgetrockneten Flußbetten oder trockengefallenen Uferzonen – auf
daß die Gänsehaut sich einstelle.


[Abb. 2: Aus den Weiten von X. Quelle:
Smartino auf X.]

Und wer es geschafft hat, bis dahin ruhig zu bleiben und weiter mit
den Füßen im kalten Wasser plantscht, der wird zuletzt dadurch
wachzurütten versucht, daß man ihm mit Ernteausfällen und
Viehsterben droht und also mit dem Ende von Frühstücksbrötchen und
Wiener Schnitzel.


[Abb. 3: Dürre in Bayern auf X. Quelle:
Flasbarth auf X.]

Das alles ist merkwürdig und buchenswert. Denn offenbar ist es
gelungen, aus etwas Schönem und Wünschenswertem etwas Schreckliches
und Bedrohliches zu machen; und es ist gelungen durch ein mediales
Bombardement, das uns alle in den Schützengraben des Klimawandels zu
zwingen versucht. Was aber passiert, wenn man den Kopf aus dem
Graben hebt und sich umschaut? Dann sieht man nicht nur einen der
schönsten Sommer der letzten Jahre, die Bäume voller Früchte, die
Kinder kreischen am Wasser, die Segler segeln was das Zeug hält; man
sieht auch, trotz aller Alarme wegen Hitze und Trockenheit, überall
noch Mengen von grünem Gras, muntere Bäume, sprudelnde Bäche,
Waldkühle und Schatten, daß es eine Lust ist.

Unglaublich? Aber nein, es ist die Wahrheit. Die Wahrheit einer
Wirklichkeit, die man sieht und riecht und schmeckt, wenn man nicht
mit einem Kopf voller Statistiken aus den Häusern ARD und ZDF auf
das Land starrt, sondern selber hinausgeht in die Natur. Offenbar
machen das immer weniger Menschen. Sie bewegen sich sommers gerade
einmal von Berlin oder Dortmund an den Bodensee, sehen dort nur die
Uferzonen, die von ihresgleichen überlaufen sind, schauen abends im
Fernsehen nach, um sich darüber zu informieren, was sie tagsüber am
See gesehen haben – und fertig ist das empirische Einmachglas, in
dem nichts mehr frisch ist, aber alles haltbar sein soll.

Machen wir es einmal umgekehrt. Gehen wir hinaus in die Natur und
schauen uns um. Was sehen wir da am Bodensee und in jenen Zonen, die
der gemeine Tourist nicht zu sehen bekommt?

 [Abb. 4: Seerhein.]

Wir sehen erstens ein Stück »Seerhein«. Das ist jener Abschnitt des
Rheins, der aus dem Obersee hinausfließt und in den Untersee, in dem
die Insel Reichenau liegt, hineinfließt. Dort ist das Wasser so
sommerblau, wie man es sich nur wünschen kann, und das sehen auch
die Ruderer so, die das genießen und am Polizeiboot vorbeirudern,
das wie immer am Steg liegt, um für Notfälle bereitzustehen. Es
liegt nicht auf Grund, es liegt da, wie es immer daliegt, und es
wartet, wie es immer wartet; auf seinen Einsatz.

Und keineswegs ist es so, daß die Ufer ausgedörrten Sahelzonen
gleichen. Das Wasser ist klar wie immer, die Boote dümpeln am Rand
vor sich hin, auch wenn sie deutlich weniger Wasser als sonst unterm
Kiel haben. Und am Ufer stehen die Bäume und machen keinerlei
Anstalten zum Notabwurf ihrer Blätter.

 [Abb. 5: Seerhein mit
Liegeplätzen.]

Wendet der Wanderer dann seinen Schritt ein wenig vom Ufer weg und
streift durch die etwas abgelegenere städtischen Areale, die sich an
den See vorgeschoben haben, findet er ein ländliches Idyll mit
Dorfbrunnen, bei dem bisher noch keine Stadtverwaltung auf die Idee
kam, man solle ihm wegen Wassermangel das Wasser abstellen. Der
Brunnen ist randvoll, blumengeschmückt und von einem Heiligen Martin
treulich bewacht.


[Abb. 5: Brunnen vor dem Tore.]

Gehen wir weiter. Gehen wir über die Grenze in die Schweiz, wo die
Stadt Konstanz über Ackerland verfügt, das an Bauern und
Kleingärtner verpachtet ist. Was sehen wir da? Wir sehen eine grüne
Wiese, wir sehen Felder, abgeerntet und zur Ernte bereit, wir sehen
Schuppen für allerlei Geräte, wie sie der Landwirt braucht. Hitze
und Klimakatastrophe sehen wir nicht.


[Abb. 6: Felder mit Schuppen.]

Und etwas weiter draußen, hinter den Schuppen, finden wir noch mehr
Felder, auf denen das Gemüse reift. Und das tut es ganz
offensichtlich derzeit noch ohne die Hilfe von Sprinklern.


[Abb. 6: Reifes Feld.]

Auch die Kleingärten, die sich zwischen die Felder mogeln, zeigen
keineswegs jenen von den Medien verbreiteten Zustand der in Kürze
erfolgenden Vertrocknung. Es grünt und blüht da wie eh und je und
ohne alle Rücksichten auf die Befindlichkeiten der Klimajünger.


[Abb. 7: Kleingarten.]

Noch weiter draußen, oben am Hang, wo die Bebauung der Schweizer
Parallelstadt Kreuzlingen endet, findet man jene typischen
Sommerwiesen, auf denen das Gras schon etwas sonnengelb geworden
ist, aber die Wiesenblumen nicht daran denken, ihre Blüten
einzurollen.

 [Abb. 8: Sommerwiese am Stadtrand.]

Und was finden wir jenseits der letzten Häuser? Wir finden einen
Wald. Er beginnt, wie es Eichendorff nicht besser hätte besingen
können: mit einer schattigen grünen Wiese und grünblättrigen Bäumen,
die in vollem Saft stehen und den Wanderer begrüßen.


[Abb. 9: Waldrand.]

Im Wald dann ein Tobel, und am Rand des Tobelbaches eine von den
Waldtieren, wahrscheinlich Wildschweinen, benutzte Stelle: dort
scheint nachts getrunken und gebadet und jedenfalls auch ein wenig
herumgesuhlt zu werden. Man sieht es, und man riecht es.


[Abb. 10: Am Bach.]

Oberhalb der Suhlstelle dann eine kleine Bachkaskade, die ein Becken
mit grün leuchtendem Wasser füllt, daß es eine Waldeslust ist. Wer
hier wandert, wird sich darüber wundern, daß die Medien von
Hitzeschlägen und Sonnenstichen schwatzen und von einer bedrohlichen
Dürre, die dem Planeten den Garaus macht. Hier sprudelt das Wasser,
hier plätschert es, hier ist es kühl und schattig, ein Ort zum
Verweilen.

 
  
[Abb. 11 (Video): Der kleine Wasserfall.]

Wir weitergeht, wird endlich von immer mehr Wald aufgenommen, in dem
es genau so aussieht, wie es sommers in einem Wald aussieht: links
und rechts ragen die Bäume aus dem grünen Unterholz, die Baumkronen
schließen sich oben über dem Waldweg und bilden ein schattiges Dach,
unter dem es sich angenehm laufen läßt.


[Abb. 12: Im Wald.]

Laufen wir also ein Weilchen und gehen wir dann an den See zurück.

</description>
        <pubDate>Sun, 09 Aug 2026 00:00:00 +0000</pubDate>
        <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/08/09/sommer-see/</link>
        <guid isPermaLink="true">https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/08/09/sommer-see/</guid>
        
        <category>Klimawandel</category>
        
        
      </item>
    
      <item>
        <title>Das Internet als Enteignungsmaschine</title>
        <description>

Das Internet ist, einer weit verbreiteten Meinung zufolge, im
wesentlichen eine Technik zur Bereitstellung von Fülle. Was dabei
unter »Fülle« zu verstehen ist, läßt sich in folgende Kategorien
fassen: Erstens eine lokale Fülle, indem eine unabsehbare Menge von
lokalen Rechnernetzwerken zu einem weltweiten Datennetz verknüpft
wird, so daß hinfort an jedem Ort, der an das Datennetz
angeschlossen ist, all das zur Verfügung steht, was andernorts zur
Verfügung gestellt wurde. Daraus folgt zweitens eine quantitative
Fülle, denn im Netz ist das weltweit Zurverfügunggestellte absolut
identisch mit dem weltweit Zurverfügungstehenden (von
Verbindungsproblemen im Netz einmal abgesehen), so daß nun überall
alles bereitsteht, was datentechnisch bereitstellbar ist. Da all das
Bereitgestellte aber technisch im Prinzip auf einen Mausklick hin
abrufbar ist, tendiert das Internet drittens auf eine temporale
Fülle, die das bislang auf den ökonomischen und intellektuellen
Märkten infrastrukturell oder werbungstechnisch bedingte Gesetz der
Bereitstellungsverzögerung suspendiert, denn im Internet ist die
Menge des überall Verfügbaren in jedem gegebenen Jetzt verfügbar.
Viertens schließlich tendiert das Internet auf eine personale Fülle,
indem möglichst alle Menschen mit einem Netzwerkanschluß
ausgestattet werden sollen, um auf diese Weise nicht nur von der
quantitativen Fülle zu profitieren, sondern sich auch in einem neuen
Modus der Begegnung wiederzufinden, der den Erfahrungs- und
Kontaktraum der Menschen nicht mehr auf den zufälligen Lebensort
beschränkt, sondern ihn aufgrund der Netzwerktechnik planetar
entschränkt.

Diese Kategorien lassen sich leicht in politökonomische Ziele
übersetzen. Dabei erscheint das Internet in der Dimension der
lokalen Fülle als ein Globalisierungsinstrument, das die politische
Fraktionierung der Welt in Nationalstaaten und politische
Bündnisräume überwindet, während es in der Dimension der personalen
Fülle die Globalisierung als eine Entstaatlichung der Politik durch
Aufbau personaler Netzwerke betreibt, die sich als freie
supranationale Assoziationen ihrer Mitglieder begreifen. Wo diese
Mitglieder ökonomisch handeln, lockt das Internet in der Dimension
der quantitativen Fülle mit einer neuen Ökonomie, die die Allokation
knapper Güter dank des globalen Netzwerks optimiert und durch die
netzwerkmögliche Senkung der Transaktionskosten den Güteraustausch
verbilligt. Das tendiert zu guter Letzt in der temporalen Dimension
auf ein hedonistisch-anarchistisches Jetzt, indem ökonomisches
Handeln und politischer Wille sich per Mausklick auf eine rein
voluntaristische Geste reduzieren, die trotz oder gerade wegen ihrer
trivialen Einfachheit von durchschlagendem Erfolg ist: Wer jetzt
etwas haben will, was es auch sei, bekommt es auch jetzt, per
Mausklick. Bei den steilsten Vordenkern des Internet schlägt diese
hedonistisch-anarchistische Geste einer neuen Politökonomie ins
Transzendente um und tendiert auf eine Überwindung der Welt, wie sie
ist — nämlich ein vielfältig fraktionierter Weltkörper, bewohnt
von vielfältigen Lebewesen —, um in der anderen Welt einer
rein-jetzigen Dauerfülle weiterexistieren zu können. Das schließt,
wahrscheinlich ohne daß es den Internet-Vordenkern ganz bewußt ist,
an jene neutestamentliche Bedeutung von »Ökonomie« an, die darunter
die göttliche Heilsordnung versteht1 — nur daß man ebendiese
Heilsordnung ohne Gott, dafür aber mit viel Datentechnik
implementieren will.

Das alles schießt schlagwortartig in der Formel zusammen, daß man
dank des Internet nun allen Menschen alles an allen Orten und zu
jeder Zeit zur Verfügung stellen könne. Wobei diese Fülle-Formel in
ihrer politökonomischen Übersetzung dann gerne so verstanden wird,
daß das Internet in der Lage sei, im globalen Maßstab eine
Wohlfahrtsverbesserung der Menschheit herbeizuführen, die sich
zuletzt jenseits der Politökonomie anschickt, alte religiöse
Heilsversprechen digitaltechnisch Wirklichkeit werden zu lassen. In
einem Wort: Es geht um die Parole vom zu schaffenden Paradies auf
Erden, die, nachdem sie auf dem Feld der politischen Religionen der
Neuzeit vom Sozialismus bis zum Faschismus sich unmöglich gemacht
hat, nun als datentechnische Religion Gestalt annimmt — als ein
Versprechen, die Fülle der Welt dem Menschen technisch zueignen zu
können und sein Dasein als Mängel- und Mangelwesen ein für allemal
zu beenden.

Nun muß man weder den historischen Windungen der Religionen im
Allgemeinen noch den Windungen der politischen Religionen im
Besonderen folgen, um zu sehen, daß es mit diesem Typus von
Versprechen allemal ein böses Ende genommen hat.  Daß es nun
ausgerechnet mit der datentechnischen Religion anders sein sollte,
ist daher eine Hoffnung, die ebendas ist: eine Hoffnung; und zwar
konkret eine technomorphe Hoffnung für Kinder der Neuzeit, die ihr
Leben in die eigene Hand nehmen wollen, diese Hand technisch
aufpäppeln und sich darüber freuen, daß sie ihnen gibt, was sie in
sie hineingelegt haben. Das mag man dann mit dem Philosophen
Blumenberg »Säkularisierung« nennen,2 also die ganz groß
inszenierte Selbstbehauptung der Neuzeit gegen die Zumutungen vor
allem der christlichen Religion, die dem Menschen die Möglichkeit,
sich die Welt in ihrer Fülle aus eigener Kraft legitim zueignen zu
können, von jeher abgesprochen hat. Nun hat die Religion das nur in
ihren flachsten ideologiekritischen Ausdeutungen getan, um den
Menschen zu einer Marionette Gottes zu machen; wo man ernsthaft über
Religion nachdachte, mußte man statt dessen anerkennen, daß die
religiös inspirierte Absage an die Säkularisierung dem Menschen zu
verstehen geben will, daß er in einer Welt überhaupt nur leben
könne, wenn diese eine Grenze hat. Vor diesem Hintergrund zeigt sich
das Internet als säkulare Zueignungsmaschine, deren Versprechen auf
Fülle eine genaue Überprüfung mehr als nötig hat. Denn — und das
ist der leitende Verdacht der folgenden Ausführungen — hinter dem
Versprechen auf Zueignung einer paradiesischen Fülle lauert die
totale Enteignung.

1. Die Enteignung des Lokalen

Wer sich daran freut, daß die Welt in der Gestalt des Internet von
einem Datennetz überzogen wird, das im Prinzip jeden Ort der Welt
mit jedem anderen Ort verbindet und auf diese Weise die Isolierung
der Räume und Orte überwindet,3 der muß sich freilich mit dem
Gedanken abfinden, daß der Preis dieser im globalen Maßstab
möglichen Ortsverbindung in der Homogenisierung des Lokalen
liegt. Denn während auf der Oberfläche des Netzes es so aussieht,
als ließen sich alle Orte miteinander verbinden, wodurch der
Eindruck entsteht, man habe nun Zugang zur Vielfalt der Welt in
ihren je lokalen Besonderheiten, sieht es unter der bewegt-bunten
Oberfläche ganz anders aus.

Zunächst muß man nämlich feststellen, daß von einem globalen
Internet im Grunde gar keine Rede sein kann. Was es faktisch gibt,
ist ein Datennetz, dessen Schwerpunkte in der ersten und zweiten
Welt liegen und das die Entwicklungsländer nur in Randzonen
berührt.4 Denn entgegen einer wohlfeilen Internetideologie, die
im Datennetz vor allem ein Instrument zur Virtualisierung und damit
Entmaterialisierung unserer Lebensvollzüge sieht, hängt der Betrieb
des Internet faktisch an der Nutzung von sehr materieller Hardware
in Form von Computern, Servern, Kabelnetzen und Satelliten ab, deren
Betrieb man in der ersten und zweiten Welt bezahlen kann, in den
Entwicklungsländern aber nicht. Das liegt daran, daß die enormen
Kosten des Internetbetriebs nur hereinkommen, wenn die Netzkosten
sich als Infrastrukturkosten amortisieren, und das kann nur
gelingen, wenn die Netzinfrastruktur als Element einer Ökonomie
fungiert, in der neben der digitalen Netzinfrastruktur noch andere
Infrastrukturen den Waren- und Kapitaltransfer sichern, so daß unter
Nutzung der Gesamtinfrastruktur überhaupt etwas zu verdienen ist.

So betreibt etwa Google, das gemeinhin als das Symbol eines
libertären, weil kostenlosen Gebrauchs des Internet gilt, zur
Indexierung von circa acht Milliarden Internet-Sites 250 000
Linux-Server, die alle drei Jahre ausgetauscht werden müssen, so daß
Google für die kontinuierliche Erneurung seiner Hardware jährliche
Kosten von rund 263 Millionen US-Dollar entstehen und der gesamte
Google-Netzbetrieb mit rund 9,4 Milliarden Dollar im Jahr zu Buche
schlägt. Das kann sich Google nur leisten, weil seine
Gesamteinnahmen, die zu 99 Prozent aus Werbung generiert werden, die
Gesamtkosten bei weitem übersteigen: Im Jahre 2008 stehen 26,3
Milliarden Dollar Einnahmen 23,6 Milliarden Dollar Kosten gegenüber,
weshalb Google derzeit profitabel wirtschaftet.5

Hat man das Internet aber erst einmal als eine der
Infrastruktursäulen der Ökonomie in den Blick bekommen, zerfließt
die Vorstellung, es könne ein Vehikel zur Bereitstellung globaler
Fülle sein, wie Schnee in der Sonne. Denn die Fülle, die es
bereitstellt, stellt es nur überall dort bereit, wo eine
Infrastruktur vorhanden ist, die sich in der Lage sieht, Fülle
umzuschlagen und anzueignen, also in der ersten und zweiten Welt.
Die Entwicklungsländer kommen für dieses Spiel nur insofern in
Betracht, als sie als Rohstoffdepots und Arbeitshäuser dienlich
sind, die man infrastrukturell an die erste und zweite Welt
anschließt, um sich dort anzueignen, was andernorts gearbeitet wurde
und an Rohstoffen zu finden ist. So gesehen ist das Internet eine
Technik zur Fernsteuerung von Märkten und Arbeitskräften, wobei es
gerade nicht auf eine im globalen Maßstab gleichmäßige Verteilung
von Arbeit und Gütern ankommt, sondern auf eine Zentrierung der
globalen Ökonomie in der ersten und zweiten Welt. Das bedeutet aber
zuletzt eine Homogenisierung des Lokalen, denn was auch immer auf
lokaler Ebene weltweit vorhanden ist, richtet sich dank des Internet
auf die erste und zweite Welt aus wie ein Magnet auf den
Nordpol. Mit anderen Worten: Die globalökonomisch homogenisierende
Infrastruktur des Internet lenkt die Waren und Dienstleistungen auf
die erste und zweite Welt und gibt denen, die am unteren Ende des
ökonomischen Gefälles ihr Dasein fristen, buntes Glas im Tausch.

2. Die Furie des Verschwindens

Von einer durch das Internet ermöglichten Globalisierung der
quantitativen Fülle kann also keine Rede sein. Aber immerhin, so
könnte man sagen, weiß man dank des Internet nun besser als früher,
was wohin verschoben wurde und was wo vorhanden ist. Das mag für
jene Teile des Internet, mit deren Hilfe der globale Waren- und
Güterverkehr kontrolliert wird (E-Mail, Datenbanken u.a.m.),
durchaus so sein. Ganz anders aber stehen die Dinge, wenn das
Internet als eine Technik eingesetzt wird, mit deren Hilfe der
intellektuelle Verkehr der Menschheit medial gesteuert und optimiert
werden soll. Denn hier zeigt sich, daß das Internet einen
Mechanismus in Gang setzt, der zu einem doppelten Verschwinden
führt: zu einem Verschwinden älterer nicht-digitaler Medien und zu
einem Verschwinden alles Digitalen, das nicht über Suchmaschinen
indexiert wurde.

Das Verschwinden älterer Medien wird gerne mit einem Schulterzucken
quittiert: So sei das nunmal bei einem Medienwandel; zu
katastrophischer Stimmung bestehe kein Anlaß, denn jeder frühere
Medienwandel hätte ja gezeigt, daß man mit dem dabei zwangsläufig
auftretenden Verlust allemal leben könne. Und in der Tat: Wer damit
zufrieden ist, daß von der gesamten in der Antike hervorgebrachten
Literatur nach mehreren Medienwechseln heute weniger als fünf
Prozent verfügbar sind,6 der wird sich vom Siegeszug der
digitalen Medien nicht aus der Ruhe bringen lassen. Er sollte
aber. Denn die Bücherverluste, die die antike Literatur betreffen,
traten über einen Zeitraum von mehreren Jahrhunderten auf und waren
durch viele Faktoren bedingt, unter denen der Medienwechsel vom
Papyrus zum Pergament nur einer und vielleicht nicht einmal der
wichtigste war. Wichtiger war wohl der Interessen- und
Mentalitätswandel, der die überlieferten antiken Texte mit dem
Beginn der christlichen Epoche zunehmend als unwichtig erscheinen
ließ und allmählich einen neuen Literaturkanon etablierte, der nicht
zuletzt auch dank des in der Spätantike einsetzenden ökonomischen
Niedergangs kleiner ausfiel als der antik-heidnische.7

Im Vergleich dazu fällt der Schnitt, mit dem die neuen Medien das
Kanonische vom Unkanonischen trennen, deutlich rabiater aus, denn
nach dem Willen der Digitalisierer soll uns kein Zeitraum von
Jahrhunderten vergönnt sein, um den Medienwechsel zu vollziehen;
vielmehr geht es ihnen darum, die digitalen Medien und das Internet
möglichst rasch als universales Folgemedium aller bisherigen Medien
zu etablieren. Das aber bedeutet in einem ersten Schritt, die in der
digitalen Umgebung verfügbare Überlieferung in der Menge auf jenen
Zeitraum zu beschränken, seit dem Text-, Bild- und Tonmaterial in
digitaler Form erstellt wurde, also etwa auf die Jahre
seit 1970. Erst in einem zweiten Schritt geht man seit einigen
Jahren dazu über, das auf analogen Medien gespeicherte ältere
Material nachträglich zu digitalisieren. Dabei muß man freilich, um
angesichts der Mengen des Überlieferten handlungsfähig zu bleiben,
das zu Digitalisierende Relevanzkriterien unterwerfen, die, wie auch
immer diese im Detail aussehen mögen, jedenfalls nur einen Teil des
Analogen für digitalisierenswert halten. Folglich fällt die
überwiegende Masse des analog Gespeicherten aus den am stets Neuen
orientierten Mechanismen der Aufmerksamkeit heraus und wird, sofern
man sie nicht stillschweigend beseitigt,8 den natürlichen
Verrottungsprozessen überlassen.

Zu dieser durch den Medienwechsel bedingten Trennung des Kanonischen
(das Digitale) vom Unkanonischen (das Analoge) kommt das Problem der
digitalen Dauermigration hinzu. Während nämlich die analogen Medien auf
der physischen Ebene eine insgesamt gute Dauerhaftigkeit zeigen und
darüber hinaus außer höchstens einer Brille keine weitere Technik
benötigen, um lesbar zu sein, sind die digitalen Medien in ihrer
physischen Dauerhaftigkeit höchst problematisch und darüber hinaus auf
eine komplexe technische Umgebung angewiesen, um das, was sie
gespeichert enthalten, überhaupt lesbar machen zu können. So kommt es,
daß die digitale Umgebung auf permanente »Innovationen« angewiesen ist,
die sich darum bemühen, die ebenso permanent auftretenden technischen
Störungen zu beseitigen und Neuerungen, die man in den weltweit
vernetzten Mediensystemen an einem Ort der Welt implementiert hat, ins
Gesamtsystem einzubringen.

Die damit in Gang gesetzte Innovationsspirale ist nun aber, näher
besehen, eine Abbauspirale, weil bei dem stets notwendigen Umbau der
digitalen Systeme auch die in diesen Systemen vorgehaltenen Daten
nicht stabil in dem Zustand bleiben dürfen, in dem sie einmal waren,
sondern permanent auf neue Systeme übertragen werden müssen. Bei
dieser Datendauerwanderung — ebendas meint ja im Wortsinne der
Fachterminus »Migration« — verschlechtert sich nun aber die
Datenqualität, denn die in den alten Systemen aufgelaufenen Fehler
werden in die neuen Systeme mitgenommen und kommen zu ebenjenen
Fehlern hinzu, die während des Datenumzugs durch datentechnische und
strukturelle Inkompatibilitäten jedes Mal erzeugt werden. Das ergibt
insgesamt eine exponentielle Zunahme der Fehler im digitalen Netz,
so daß am Ende kein unendlicher Informationsgewinn stehen wird,
sondern ein unendlicher Informationsverlust. Das sieht inzwischen
auch die Unesco so, die im Jahre 2003 sehr deutlich davor warnte,
daß das in digitale Form überführte kulturelle Erbe verloren gehen
werde, wenn es nicht gelinge, »verläßliche Systeme zu entwerfen, die
authentische und stabile digitale Objekte produzieren«.9

Zu der immer schlechter werdenden Qualität des technisch verkürzten
kulturellen Gedächtnisses kommt zuletzt das Problem hinzu, daß nicht
einmal all jene Daten, die in diesem System dann irgendwie lesbar sind,
auch gefunden werden können. Das liegt erstens daran, daß selbst die
größten Suchmaschinen wohl gerade einmal fünfzig Prozent der im Internet
vorhandenen Daten suchbar machen können; und es liegt zweitens daran,
daß selbst die über Suchmaschinen zugänglichen Daten aufgrund der
Retrievaltechnik nur mit gewissen und aufs Ganze gesehen erstaunlich
geringen Graden der Wahrscheinlichkeit gefunden werden können. Denn bei
jedem Retrieval muß der Suchende das, was er sucht, in Sprache
übersetzen und in der Suchmaske einer Suchmaschine als sprachabhängige
Zeichenfolge eingeben, die von den Algorithmen des Recherchesystems mit
den in den Daten vorkommenden Zeichenfolgen abgeglichen wird, wobei die
Algorithmen aus der Häufigkeitsverteilung der Zeichen auf die Relevanz
der damit verbundenen Dokumente schließen, die ab einem bestimmten
Relevanzwert dem Benutzer angezeigt werden. Das bedeutet, daß alle
Suchmaschinen dieser Welt intern nur mit Zeichenketten operieren, deren
Bezug zu einem bestimmten Inhalt lediglich statistisch errechnet wird
und obendrein bei zunehmender Komplexität des Themas rapide abnimmt. So
kommt es, daß wir, je präziser wir zu suchen glauben, mit desto höherer
Wahrscheinlichkeit nichts oder das Falsche finden.10

Aus all dem muß man schließen, daß das Internet keine Technik ist,
mit deren Hilfe die quantitative Fülle des Vorhandenen bewahrt und
zugänglich gemacht werden kann. Ganz im Gegenteil konfrontiert uns
das Internet mit der Technik gewordenen »Furie des Verschwindens«,
die jeden scheinbaren Innovationsakt in ein »negatives Tun«
verkehrt.11 Will man verstehen, warum das zwar durchaus bemerkt,
aber dennoch überall gewollt wird, muß man sich der temporalen
Struktur des Internet zuwenden.

3. Die Gefangenen des Jetzt

Natürlich kann man die Tatsache, daß das Internet im Grunde gar
keine Technik des Archivierens bereitstellt, sondern die Furie des
Verschwindens von der Leine läßt, mit einem von Edward Gibbon
geborgten Zynismus quittieren. Der hatte sich nämlich in seinem
epochalen Werk The History of the Decline and Fall of the Roman
Empire über all jene mokiert, die den Verlust der Bibliothek von
Alexandria beklagten. Wir sollten viel eher, so meinte Gibbon, froh
darüber sein, daß die spätantiken arianischen und monophysitischen
Streitschriften uns heute nicht mehr belasten müßten; und man könne
doch durchaus davon ausgehen, daß alle wichtigen Wahrheiten und
nützlichen Entdeckungen in Kunst oder Natur ihren Weg zu den
Nachgeborenen gefunden hätten.12 Das ist ganz offensichtlich aus
der Perspektive eines historischen Rückblicks gesagt, der
umstandslos das, was an historischem Material noch da ist, mit dem,
was daseienswert ist, identifiziert. Es ist, mit einem Wort, aus der
Siegerperspektive gesagt, die dem untergegangenen Teil der
historischen Quellen keine Träne nachzuweinen bereit ist. Im Falle
des Aufklärers Gibbon waren das die Quellen aus der längst
vergangenen Frühzeit des Christentums, deren historisches Verdampfen
er zum Besten der Menschheit lächelnd begrüßte.13

Unter Verwertungsgesichtspunkten mag das ein halbwegs akzeptabler
Standpunkt sein. Denn wo es nur darauf ankommt, daß man das, was
jeweils ist, auch gehörig bearbeitet, um es als Bestehendes zu
verbessern, kann man füglich auf all das verzichten, was einem dabei
störend in die Quere kommt. Weitet man den Kontext aber vom bloßen
Verbrauchen und Verbessern auf jene Dimension unseres Daseins in der
Welt, in der wir dieses Dasein auch als sinnvoll erfahren wollen,
sieht es mit der Überlieferung ganz anders aus. Sie ist dann kein
monolithischer Block, der als Ganzer und unbesehen weitergegeben
wird, sondern ein kompliziertes Geflecht aus Zeitgenössischem und
Uraltem, das einen mäandernden Traditionsstrom bildet, dessen Bett
unter anderem durch die Bibliotheken und Archive fließt und dort nur
weiterfließen kann, wenn unser kulturelles Gedächtnis das, was da
fließt, immer wieder aktualisiert.14 Dabei greift das kulturelle
Gedächtnis quellen- und materialgestützt auf einen Zeitraum aus, der
weiter ist als das individuelle Gedächtnis, das nur etwa eine
Generation oder rund fünfzig Jahre zurückzuschauen vermag. Jenseits
dieses durch die jetzt lebende Generation markierten Zeitraums
absorbiert das kulturelle Gedächtnis Material, das eben nicht mit
diesem generationellen Jetzt so ohne weiteres kompatibel ist,
sondern eine kulturelle Abständigkeit aufweist, die allererst durch
Arbeit in das jeweils aktuelle Jetzt integriert werden muß. Genau
das aber macht unsere kulturelle Identität aus: daß sie
wohlvertrautes Eigenes und unvertrautes Fremdes zueinander in
Beziehung setzt, nicht als jeweils Gegebenes, sondern als etwas, das
in der Bezugnahme aufeinander zu bearbeiten ist, so daß wir als
Tradition zuletzt immer nur das haben, was wir uns erarbeitet haben.

Mit ebendieser kulturellen Identität geht es zuende, wenn die
Quellen- und Materialtiefe des kulturellen Gedächtnisses gelöscht
wird, indem man nur einen Teil der ursprünglichen Quellen und
Materialien in digitale Form überführt und sich bei seiner Suche
nach Quellen und Material zugleich immer mehr auf die digitale
Rechercheumgebung mit all ihrer Problematik verläßt. Dann verringert
sich zwar die Zugriffszeit auf das Digitale zu einem unmerklichen
Jetzt, aber in diesem Jetzt scheint dann nicht mehr und Anderes auf
als das, was eben jetzt verfügbar ist — und das ist keineswegs
mehr die Fülle der tradierten Quellen und Materialen in ihrer auch
kulturell abständigen Materialität, sondern es ist die dem Jetzt
akkomodierte und um ihre Tiefe kupierte Tradition. Es ist, um es an
einem Beispiel sinnenfällig zu machen, die vom Spiegel gehostete und
beim Projekt Gutenberg eingestellte Online-Version des Mörik’schen
Gedichtes »Auf eine Lampe«,15 dessen pures serifenloses
Angezeigtwerden nichts mehr vom Satzspiegel und der Drucktype, vom
Papier und dem Einband weiß, in dem dieses Gedicht einmal das Licht
der Welt erblickt und seine Wirkung entfaltet hat und das zu seiner
Bedeutung gehört wie das schöne Kleid zu einer schönen Frau.16

Man kann dieses beginnende Verlöschen unserer kulturellen Identität
daran erkennen, daß an die Stelle der Erarbeitung von Tradition und
der damit verbundenen Langsamkeit der Aneignung der neue
Wahrnehmungsmodus des raschen »Surfens« getreten ist, der die
arbeitsame Tiefensondierung der Quellen und Materialien durch ein
ganz im Wortsinne oberflächliches Gleiten und Springen von
Bildschirmanzeige zu Bildschirmanzeige ersetzt hat. Was bei diesem
Surfen dann zusammengetragen wird, wird ohne den Umweg über eine
Aneignung des Gefundenen durch die Betätigung der Kopier- und
Einfügetaste zu dem hinzugefügt, was man vorher schon surfend
gefunden hatte. Die dabei entstehenden Elaborate gleichen den
antiken Florilegien darin, daß sie auf der Oberfläche eine Material-
und Textkenntnis vortäuschen, die bei einer näheren Beschäftigung
mit der Sache sich aber in ihre zusammengesuchten Komponenten
aufzulösen beginnt und sich zuletzt als geistfreie Montage von
Textbausteinen enthüllt.

Das alles — das Verlöschen unserer kulturellen Identität und damit
die Negation einer Vergangenheit, die anders ist als das Jetzt, plus
die Aufblähung des Jetzt unter dem Gesichtspunkt der Aneignung alles
Verfügbaren, die eben dieses Verfügbare zuletzt verbraucht — wäre
vielleicht noch erträglich, wenn die Verkürzung der Zeitdimension
der Vergangenheit und die Beschränkung unserer Existenz auf das
Jetzt uns wenigstens die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ließe,
die den Verlust der Vergangenheit wett machen würde. Genau das
versprechen uns ja die Apologeten der neuen und allerneuesten
Medien: daß sie und nur sie eine Zukunft verheißen, in der alles
besser sein wird.17 Daß dieses Versprechen mehr ist als das
Versprechen auf eine technisch optimierte Zukunft, kann man daran
erkennen, daß an seinem Grund die christliche Eschatologie in ihrer
gnostischen Umformung liegt. Diese dachte sich die Weltgeschichte
nicht nur als einen teleologischen Prozeß, an dessen Ende Gott einen
neuen Äon heraufführen würde, in dem wir alle in verwandelter und
jedenfalls nicht-physischer Leiblichkeit auferstehen würden, sie
dachte sich insbesondere die Leiblichkeit des Menschen als eine
Last, die man durch bestimmte Praktiken am besten schon zu Lebzeiten
loswerden müsse, um den in jedem Menschen zu findenden göttlichen
Geistkeim freizusetzen.18

Die Denker des Digitalen übernehmen dieses Schema, ersetzen aber
Gott als finalen Heilsbringer durch die digitale Technik und denken
sich den neuen Äon nicht als geschichtsjenseitigen Äon, sondern als
geschichtsimmanent optimiertes Jetzt, in dem wir schließlich unseren
physischen Leib durch den Upload des Geistes ins Datennetz loswerden
können.19 Das Ganze ist also eine technische Gnosis, die zwei
geistesgeschichtliche Strömungen erfolgversprechend miteinander
kombiniert: zum einen die spätestens seit der Säkularisierung gerade
in Naturwissenschaft und Technik unternommene Lossagung des Menschen
von einem Gott, der dem Menschen Grenzen setzte und ihn damit
konfrontierte, daß er nicht Herr der Welt ist; zum andern aber die
religiös aufgeladene Hoffnung auf eine bessere Welt. Dank der
Kombination dieser beiden Strömungen kann man nun endlich Gott
loswerden und dennoch auf eine bessere Welt setzen, und zwar auf
eine menschengemachte bessere Welt, die ganz diesseitig bleibt.

So groß diese technische Gnosis auch gedacht sein mag, so wenig
führt sie in die schöne neue Zukunft einer leibfrei-reinen
Geistexistenz, sondern schlicht zu einem permanenten Aufschub
ebendieser Zukunft. Bei dem Versuch nämlich, die absolute Grenze des
Eschaton technisch zu überwinden, weicht das Eschaton einen Schritt
zurück und bleibt so ferne als zuvor. Dieser versuchte Zugriff aufs
Eschaton und dessen Zurückweichen läßt sich dann zwar eine Weile als
technischer Innovationsprozeß reinterpretieren, aber sobald das
Spiel durchschaut und die Unmöglichkeit, das Eschaton zu erreichen,
ins allgemeine Bewußtsein gedrungen ist, wird von der Attraktion des
Innovationsprozesses nur noch der schale Geschmack eines Rennens im
technischen Hamsterrad bleiben. Dem könnte man als Beobachter
entspannt zuschauen, wenn nicht der Versuch, das Eschaton technisch
zu implementierten, die Zukunft in das Korsett der Notwendigkeit
zwänge: Was kommen soll, ist das, was technisch machbar ist;
technisch machbar aber ist das, was mit den Naturgesetzen kompatibel
ist, die von nichts anderem wissen als davon, was notwendigerweise
so ist, wie es ist.20 Und damit läuft die ganze Sache nicht auf
die technische Ermöglichung von Zukunft hinaus, sondern auf deren
Verbauung, denn was es notwendigerweise geben wird, ist nichts
anderes als das, was es jetzt schon gibt. Das zieht zuletzt die
Transzendenz in die Immanenz, in der außer dem Hier und Jetzt nichts
anderes mehr erkennbar ist. Um es mit dem Philosophen Peter Strasser
zu sagen: »Die Drohung der Maschinenwelt ist die der totalen
Immanenz. Alles ist von hier, und weil sich nichts mehr entzieht,
hat alles aufgehört zu sein.«21

4. Persona non grata

Ohne Transzendenz im reinen Hier und Jetzt: das ist der Ort, den uns
das Internet bereitstellt. Für Apologeten der Neuzeit muß das kein
schlechter Ort sein, denn es ist ein supranational-globaler Ort, in
dem alle jetzt und hier Lebenden miteinander vernetzt sind und den
Verlust der Transzendenz und des jenseitigen Gegenüber dadurch
kompensieren können, daß alle mit allen reden und vielleicht sogar
politisch zu handeln versuchen. Wo so die Menschheit als Subjekt
ersteht, scheint es, daß man keinen Gott mehr braucht, der das
Subjekt doch stets nur zum Objekt seines Herrschaftsanspruchs
degradiert hatte.

Die Frage aber ist, ob wir uns im technischen Kostüm des Internet
noch als die erfahren können, die wir sind. Bislang waren wir
leibgebundene sterbliche Menschen, die an einem Ort auf der Welt
gelebt haben; und selbst wenn wir diesen Ort wechselten, blieb es
dabei, daß der neue Ort ein Ort war wie der alte: mit Regen und
Wind, mit Licht und Schatten, und bevölkert von anderen Menschen,
mit denen wir an ebendiesem Ort in Kontakt treten konnten oder auch
nicht. Kurz: Wo auch immer wir waren, waren wir mit anderen zusammen
in einem sehr konkreten Erfahrungsraum, und dieser Erfahrungsraum
war ein personal-leiblicher Erfahrungsraum, in dem der andere uns
nicht als Etwas begegnete, sondern als Jemand, mit dem zusammen wir
gemeinsame Ziele verfolgen konnten, die innerhalb unseres
Erfahrungsraumes lagen.22

Das Internet greift diese unsere personale Struktur im Kern an. Zum
einen, indem es der leibfreien Existenz das Wort redet; zum andern,
indem es den personal-leiblichen Erfahrungsraum suspendiert.

Zum ersten Punkt. Wer, wie die anspruchsvollsten Theoretiker des
Digitalen, davon träumt, daß wir im Netz unseren Körper überwinden
könnten, um als leibfreie elektrische Geister weiterzuexistieren,
der muß sich sagen lassen, daß das, was da weiterexistiert, mit
Sicherheit nicht mehr unsere Person sein wird. Denn zum Personsein
gehört die Leiblichkeit unverzichtbar dazu, so daß die Negation
unserer Leiblichkeit die Negation unserer Person impliziert. Man
kann sich das dadurch klar machen, daß man sich fragt, was bei der
Begegnung zweier Menschen als Personen geschieht. Eine solche
Begegnung ist die Begegnung zweier Leiber, die sich anblicken,
miteinander kommunizieren und, bei vertrauterem Kontakt,
berühren. Das tun sie genau unter der Bedingung, daß in der
Begegnung der eine den anderen anerkennt und also nicht einfach
begehrt, um ihn den eigenen Absichten zu unterwerfen. Wo ein solches
leibliches Begegnen geschieht, erfahren wir uns nicht nur als Wesen,
das nur im Bezug zum anderen auch zu sich selbst finden kann, wir
erfahren uns auch als ein Wesen, das die Freiheit braucht und die
Liebe, die in der Begegnung da ist, wenn die einander Begegnenden
sich in der Begegnung gegenseitig anerkennen.23 Niemand kann uns
zwingen, die Dinge so zu sehen und so zu handeln; aber wenn wir die
Welt so sehen und so handeln und wenn es uns gelingt, andere davon
zu überzeugen, ebenso zu handeln, dann erleben wir, wie die
Begegnung von einem »Gemeinsinn« grundiert wird, der auf eine
»Einhelligkeit der Sinnesart«24 zielt und uns die Welt als schön
erleben läßt. Das meint mehr als eine Ästhetik im landläufigen
Sinn. Es meint, daß wir als sinnliche Lebewesen auf eine Welt
angewiesen sind, die eine Welt nur sein kann, wenn unser Miteinander
mehr ist als ein Nebeneinander, wenn es sich in der freien Begegnung
aufschließt und die Welt und den anderen sein läßt.

Zum zweiten Punkt. Selbst wenn man vor den steilsten Theorien des
Digitalen Halt macht und sich auf die technischen Möglichkeiten der
globalen Vernetzung beschränkt, die in einer Kombination von
globalem Plausch mit globalem Fernsehen liegen, tendiert das gesamte
technische System auf eine Suspension des personal-leiblichen
Erfahrungsraumes. An seine Stelle rücken Wahrnehmungsmodi, die uns
ferne und virtuelle Welten so zu präsentieren versuchen, als seien
sie die unsrige Welt, um sich mit vorangestelltem »Cyber-« immer
weiter daranzumachen, Elemente dieses Fernen und Virtuellen in
unsere reale Welt einzubauen, so daß es endlich scheint, als könnten
wir straflos an beliebigen Orten eine spielerisch-neue Identität
annehmen.25 Aber es scheint nur so. Denn während wir surfen und
uns einem digitalen Rollenspiel hingeben, bleiben wir mit unserem
realen Leib, wo wir sind, und zahlen für den Spaß fiktiven
Andersseins nicht nur mit realem Geld und realer Lebenszeit, sondern
auch mit einem realen Verlust an personalen Begegnungen, die diesen
Namen verdienen. Das aber kostet uns am Ende die Welt, in der wir
leben.

Mehr kann man uns nicht nehmen.

Literaturverzeichnis

Advances in information retrieval. 28th European Conference on IR
Research, ECIR 2006, London, UK, April 10-12, 2006. Proceedings. Hrg.
von Lalmas Mounia. Berlin 2006.

Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und
politische Identität in frühen Hochkulturen. 2. Aufl. München 1997.

Baeza-Yates, Ricardo und Berthier de Araújo Neto Ribeiro: Modern
information retrieval. New York 2003.

Barroso, Luiz André, Jefrey Dean und Urs Hölzle: Web search for a
planet. The Google cluster architecture, in: IEEE Micro 23 (2003),
H. 2, S. 22-28.

Blair, David C.: Language and representation in information
retrieval.  Amsterdam [u. a.] 1990.

Blumenberg, Hans: Die Legitimität der Neuzeit. 2. Aufl., erneuerte
Ausg.  Frankfurt am Main 1988.

De Price, Derek J.: Little science, big science. Von der
Studierstube zur Großforschung. Frankfurt am Main 1974.

Dreyfus, Hubert L.: On the internet. London 2001.

Ehlich, Konrad: Schrift, Schriftträger, Schriftform: Materialität und
semiotische Struktur. In: Materialität und Medialität von Schrift. Hrsg.
von Erika Greber, Konrad Ehlich und Jan-Dirk Müller. Bielefeld 2002, S.
91-112.

Gates, Bill: Der Weg nach vorn. Die Zukunft der
Informationsgesellschaft. Hamburg 1995.

Genette, Gérard: Paratexte. Das Buch vom Beiwerk des Buches. Frankfurt
am Main [u.a.] 1989.

Gibbon, Edward: The history of the decline and fall of the Roman empire.
Hrsg. von J. B. Bury, Bd. 1–6, London 1909-1912.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich: Phänomenologie des Geistes. In: Werke in
20 Bden (Theorie-Werkausgabe), Bd. 3, 6. Aufl. Frankfurt am Main 1983.

Jochum, Uwe: The gnosis of media, in: Library Quarterly 74 (2004), S.
21-41.

Jochum, Uwe: Kleine Bibliotheksgeschichte. 3., verb. u. erw. Aufl.
Stuttgart 2007.

Jochum, Uwe: Kritik der Neuen Medien. Ein eschatologischer Essay.
München 2003.

Jochum, Uwe: Die Sendung des Paulus. Politik der Umkehr. Paderborn 2008.

Jochum, Uwe: Vernichten durch Verwalten. Der bibliothekarische Umgang
mit Büchern. In: Verbergen – überschreiben – zerreißen. Formen der
Bücherzerstörung in Literatur, Kunst und Religion. Hrsg. von Mona Körte
und Cornelia Ortlieb. Berlin 2007, S. 106-122.

Jochum, Uwe und Gerhard Wagner: Religionsersatz. Oder: Die Vollendung
der Gnosis im Internet. In: Am Ende – das Buch. Hrsg. von Uwe Jochum
und Gerhard Wagner. Konstanz 1998, S. 139-159.

Johnson, Elmer D.: A history of libraries in the western world. London
1965.

Kant, Immanuel: Kritik der Urteilskraft. Hrsg. von Karl Vorländer.
Hamburg 1993.

Kübler, Hans-Dieter: Mythos Wissensgesellschaft. Gesellschaftlicher
Wandel zwischen Information, Medien und Wissen. Wiesbaden 2005.

Kurzweil, Raymond: Homo sapiens. Leben im 21. Jahrhundert, was bleibt
vom Menschen? 3. Aufl. Köln 2000.

Markschies, Christoph: Die Gnosis. München 2001.

Moravec, Hans P.: Mind children. Der Wettlauf zwischen menschlicher und
künstlicher Intelligenz. Hamburg 1990.

Spaemann, Robert: Personen. Versuche über den Unterschied zwischen
›etwas‹ und ›jemand‹. Stuttgart 1996.

Strasser, Peter: Journal der letzten Dinge. Frankfurt am Main 1998.

Turkle, Sherry: Leben im Netz. Identität in Zeiten des Internet. Hamburg
1998.

Werber, Niels: Die Geopolitik der Literatur. Eine Vermessung der
medialen Weltraumordnung. München 2007.



Der vorstehende Text wurde im Jahre 2009 in der Festschrift für
Werner Arnold veröffentlicht. Ich veröffentliche ihn hier erneut,
korrigiert im Hinblick auf die klassische deutsche Orthographie,
weil seine Grundthesen immer noch gültig sind, auch wenn das eine
oder andere Detail inzwischen überholt ist. Die Debatten um die
Digitalisierung wären heute, angesichts der zunehmenden Macht des
Digitalkomplexes, nötiger denn je, kranken aber daran, daß der
Digitalkomplex längst eine vermeintliche Selbstverständlichkeit
behaupten kann, an der jede Kritik abzuprallen scheint. Und dennoch:
In jedem System, auch im digitalen, kann die Kritik von innen her
erfolgen und den Lauf der Dinge verändern.

Das Internet als Enteignungsmaschine. In: Der wissenschaftliche
Bibliothekar. Festschrift für Werner Arnold. Hrsg. von Detlev
Hellfaier… Wiesbaden: Harrassowitz, 2009, S. 457–471.

Anmerkungen


  
    
      Eph 1,10. &amp;#8617;
    
    
      Blumenberg: Die Legitimität der Neuzeit. &amp;#8617;
    
    
      Dazu jüngst Werber: Die Geopolitik der Literatur. &amp;#8617;
    
    
      Kartenmaterial zur Geographie des Internet findet man unter der
URL
http://personalpages.manchester.ac.uk/staff/m.dodge/cybergeography/atlas/atlas.html. &amp;#8617;
    
    
      Zum Betrieb und den Kosten der von Google unterhaltenen Server
Barroso/Dean/Hölzle: Web search for a planet. Zu den Gesamteinnahmen
und Gesamtkosten von Google siehe den Blog von Mitch Ratcliffe unter
http://blogs.zdnet.com/Ratcliffe/?p=265. Etwas andere Zahlen hat
die Online-Ausgabe des Manager Magazins unter
http://www.manager-magazin.de/geld/artikel/0,2828,495553,00.html. &amp;#8617;
    
    
      Johnson: A history of libraries in the western world, S. 61
spricht von weniger als zehn Prozent, die erhalten geblieben seien.
Der Wikipedia-Artikel über »Bücherverluste in der Spätantike«
(http://de.wikipedia.org/w/index.php?title=B%C3%BCcherverluste_in_der_Sp%C3%A4tantike&amp;amp;stable=0&amp;amp;shownotice=1#Literatur)
dagegen schätzt, daß nur 0,1 Prozent der antiken Literatur auf uns
gekommen seien. &amp;#8617;
    
    
      Jochum: Kleine Bibliotheksgeschichte, S. 49–54. &amp;#8617;
    
    
      Zur Geschichte des bibliothekarischen Büchervernichtens
Jochum: Vernichten durch Verwalten. Die gegenwärtige Fortsetzung
dieser Geschichte findet unter dem Stichwort »Nationallizenzen«
statt: Da die Deutsche Forschungsgemeinschaft im Rahmen sog.
»Nationallizenzen« bundesweit Fachzeitschriften in digitaler
Form bereitstellt, ziehen immer mehr Bibliotheksleitungen daraus
den Schluß, man könne auf die analogen Ausgaben dieser
Fachzeitschriften verzichten. Das Material landet folglich bei
Altpapierhändlern. &amp;#8617;
    
    
      United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization.
Executive Board: Report by the Director-General on a revised draft
charter on the preservation. 12. März 2003. Annex I, Art. 5.
(http://unesdoc.unesco.org/images/0012/001296/129679e.pdf) &amp;#8617;
    
    
      Zu den prinzipiellen Problemen des Datenbankretrievals siehe
Blair: Language and representation in information retrieval;
Baeza-Yates/Araújo Neto Ribeiro: Modern information retrieval
und den Band Advances in information retrieval. Von
philosophischer Seite siehe die sehr lesenswerte Kritik von
Dreyfus: On the internet. &amp;#8617;
    
    
      Hegel: Phänomenologie des Geistes, S. 436. &amp;#8617;
    
    
      Gibbon: The history of the decline and fall of the Roman empire,
Bd. V, S. 484. &amp;#8617;
    
    
      »[A] philosopher may allow with a smile«, sagt Gibbon ebd.
angesichts der Bücherverluste in Alexandria, »that it was ultimately
devoted to the benefit of mankind.« &amp;#8617;
    
    
      Zum kulturellen Gedächnis Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. &amp;#8617;
    
    
      http://gutenberg.spiegel.de/. &amp;#8617;
    
    
      Tatsächlich weiß die Literaturwissenschaft nicht erst seit
der jüngsten medialen Wende, daß die Materialität der Texte und
all das, was man »Paratexte« nennt, zur Bedeutung der Texte
unverzichtbar dazugehören. Eine Erkenntnis, der sich die
bürokratisch-technischen Strukturen des Bibliothekswesens
beharrlich verweigern. Schulbildend zum Thema der Paratexte ist
Genette: Paratexte. Zur Materialität der Literatur siehe
u. a. Ehlich: Schrift, Schriftträger, Schriftform. &amp;#8617;
    
    
      Als ikonographisches Programm ist das umgesetzt auf dem
Umschlagbild von Gates: Der Weg nach vorn, das einen amerikanischen
Highway zeigt, dessen Asphaltspur durch die Wüste zu einem in
rosafarbenem Licht leuchtenden Horizont führt. &amp;#8617;
    
    
      Zur Gnosis einführend Markschies: Die Gnosis. &amp;#8617;
    
    
      Siehe etwa Moravec: Mind children und Kurzweil: Homo sapiens. Zur
Kritik Jochum: The gnosis of media und Jochum: Kritik der neuen
Medien. &amp;#8617;
    
    
      Siehe das erste Kapitel von Jochum: Die Sendung des Paulus. &amp;#8617;
    
    
      Strasser: Journal, S. 45. &amp;#8617;
    
    
      Spaemann: Personen hat ausgearbeitet, was es heißt, Person zu
sein. &amp;#8617;
    
    
      Spaemann: Personen, S. 83–87. Hierzu und zum Folgenden auch
Jochum: Kritik der neuen Medien, S. 140–148. &amp;#8617;
    
    
      Kant: Kritik der Urteilskraft, S. 66 u. 68. &amp;#8617;
    
    
      Zum Problem der Identität im Netz Turkle: Leben im Netz. &amp;#8617;
    
  

</description>
        <pubDate>Wed, 05 Aug 2026 00:00:00 +0000</pubDate>
        <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/08/05/enteignungsmaschine/</link>
        <guid isPermaLink="true">https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/08/05/enteignungsmaschine/</guid>
        
        <category>Bibliothekspolitik</category>
        
        <category>Digitalisierung</category>
        
        <category>Internet</category>
        
        
      </item>
    
      <item>
        <title>Zur Ontologie von Buch und Bibliothek</title>
        <description>

1. Wie das Buch in die Informationstechnik geriet

Die laufende Transformation der Bibliotheken, vor allem der
wissenschaftlichen Universalbibliotheken, zu Informationszentralen,
die im Internet die Rolle von Informationsknoten spielen sollen,
wurde seit den 1960er Jahren durch eine Transformation der
Bibliothekstheorie vorbereitet. Der Initialpunkt dieser
Transformation war in Deutschland eine im Oktober 1969 an der
Universität Köln veranstaltete Tagung, die die
Bibliothekswissenschaft im Kontext der damals im Entstehen
begriffenen Informationswissenschaft verortete.1 Das war
getrieben von der Einsicht, daß die gute alte
Bibliotheksverwaltungslehre, die man an den bibliothekarischen
Ausbildungseinrichtungen den angehenden Bibliothekaren als Rüstzeug
für die Praxis mitgab, keine Wissenschaft sei; eine
wissenschaftliche Reflexion des Phänomens der Bibliothek aber
brauche es, so der Tenor der Kölner Referate, wenn man wirklich
wissen wolle, was Bibliotheken sind und welches
Entwicklungspotential sie haben. Daß man dabei die
Informationswissenschaft als aussichtsreichsten Kandidaten für eine
wissenschaftliche Reflexion der Bibliothek in den Blick nahm und die
Bibliothekswissenschaft als spezielle Informationswissenschaft
aufzubauen versuchte,2 verdankte sich damals — und verdankt
sich bis heute — der semantischen Unschärfe des Begriffs der
»Information«, mit dem die Bibliotheken in vermeintlich sicherer
Weise im vermeintlich sicheren Hafen der Informationswissenschaft
verankert werden sollten.

Dazu griff man auf das Sender–Kanal–Empfänger–Modell zurück, das
der amerikanische Mathematiker und Nachrichtentechniker Claude
Shannon bereits 1948 entworfen hatte, um das Problem der
Signalübertragung in technischen Medien — bei Shannon ging es
konkret um das Telephonieren — zu visualisieren:3

 [Abb. 1: Das Sender–Kanal–Empfänger–Schema aus
Shannon/Weaver: The mathematical theory of communication (1949),
S. 2.]

Shannon beschäftigte sich dabei explizit nicht mit der Frage, ob
die im technischen Medium übertragenen Signale eine Bedeutung haben,
ob also eine sinnvolle menschliche Rede, das sinnlose Gestammel
eines Irren, Meeresrauschen oder Vogelgezwitscher übertragen
wird.4 Es ging ihm einzig darum, ob das Signal, das der
Telephonapparat als technischer Wandler aus dem Schalldruck erzeugt
hatte, über eine Leitung an einen Empfänger so übertragen werden
könne, daß der Empfänger in der Lage war, trotz der bei der
Signalübertragung auftretenden Störungen das empfangene Signal
technisch zu dekodieren, also sinnvolle Rede als sinnvolle Rede,
Gestammel als Gestammel, Meeresrauschen als Meeresrauschen und
Vogelgezwitscher als Vogelgezwitscher zu hören.

Das Caveat Shannons im Hinblick auf die Semantik von Nachrichten,
an der sein Modell nicht interessiert war, hinderte die
Bibliothekstheoretiker der 1960er Jahre und danach indessen nicht,
das Sender–Kanal–Empfänger–Modell völlig konträr zur
Shannon’schen Intention als Modell für die Übertragung bedeutsamer
Rede oder Schrift im Medium des Buches oder der Zeitschrift zu
adaptieren. Diese Adaption war dadurch ermöglicht worden, daß
Shannon das Wort »Information« austauschbar mit dem fachsprachlichen
Begriff der (technischen) »Nachricht« verwendete und dadurch eine
Brücke schuf zum allgemeinsprachlichen Begriff der Information, der
eine durch Sprache oder Schrift vermittelte Mitteilung von
Neuigkeiten oder von Wissenswertem denotiert.5

Als die Bibliothekstheoretiker sich anschickten, über diese
semantische Brücke zu gehen, übernahmen sie das Shannon’sche
Sender–Kanal–Empfänger–Modell mit seiner visualisierenden Kraft,
schrieben ihm aber den alltagssprachlichen Informationsbegriff
zu. So trat nun plötzlich an die Stelle einer Nachricht oder
»Information« im Sinne einer rein technischen Signalübertragung eine
»Information« im Sinne einer »Bedeutungsvermittlung« mittels
sprachlich-schriftlicher Zeichen, denen eine »Zeichensubstanz« genau
deshalb innewohnen sollte, weil diese Substanz sich als Text in
einem Buch oder in einer Fachzeitschrift fand, die von einem Sender
(Autor) an einen Empfänger (Leser) transferiert wurden. Diese
semantische Verschiebung findet sich prominent in dem Beitrag, den
Horst Kluth 1969 zu dem erwähnten Kölner Kolloquium beigesteuert
hat.6 Denn darin verabschiedet er sich nicht nur explizit von
einem nachrichtentechnischen Kommunikations- oder
Informationsbegriff à la Shannon,7 sondern bringt zur
Untermauerung seiner Umdeutung des Sender–Kanal–Empfänger–Schemas
das damals gerade erst publizierte Kommunikationsmodell des
Soziologen und Kommunikationswissenschaftlers Horst Reimann, in dem
das Shannon’sche Schema im Grundsatz graphisch beibehalten, der
Begriff der »Information« aber als »Bedeutungsvermittlung«
verstanden wird (Abb. 2).

 [Abb. 2: Das Kommunikationsmodell von Horst Reimann, mit
Quellenangabe abgebildet in Horst Kluths Beitrag zum Kölner Kolloquium
von 1969, S. 115.]

Von hier aus war es nur noch ein kleiner Schritt, um die Bibliothek
als eine Einrichtung zu betrachten, in der eine spezielle Form von
kommunikativer »Bedeutungsvermittlung« stattfinde. Man mußte nur das
Buch als einen »Speicher« und die Bibliothek folglich als
»Metaspeicher« betrachten, in dem sich der »allgemeine
Kommunikationsfluß« sammle8 — und schon konnte man die in dem
bibliothekarischen Metaspeicher ablaufenden Geschäftsgänge, die
dafür sorgten, daß die eintreffenden Bücher katalogisiert wurden und
einen Standort in den Bibliotheksregalen fanden, als Steuerung eines
Kommunikationsflusses interpretieren (Abb. 3).9 Sobald man den
Begriff der »Kommunikation« gegen den der »Information« austauschte
— und dieser Tausch begann bereits auf dem Kölner Kolloquium —,
war von seiten der Theorie jener Stand der Dinge erreicht, der bis
heute gilt: Die Bibliothek war jetzt eine Einrichtung zur Steuerung
von Informationsflüssen, die der amerikanische Bibliothekar
J. C. R. Licklider bereits 1965 vom Buch ablösen und dem Computer
übergeben wollte, um mit seiner Hilfe einen »body of knowledge« —
ein Korpus des Wissens — aufzubauen.10

 [Abb. 3: Das bibliothekarische Informationsmodell von Hayes,
mit Quellenangabe abgebildet in Horst Kluths Beitrag zum Kölner
Kolloquium von 1969, S. 127.]

Auch wenn es noch ein paar Jahrzehnte dauern sollte, bis das Korpus
des Wissens auch faktisch vom Buch zum Computer und mit diesem ins
Internet zu wandern begann, es bleibt dabei: Die heute gängige
Überzeugung der Bibliothekare, ihr Geschäft sei die Sammlung und
Vermittlung von »Informationen« oder »Informationsressourcen« oder
gar »Wissen«, das irgendwie auf »Informationen« beruhe, wurde in den
1960er Jahren grundgelegt und hat sich in etwas mehr als einem
halben Jahrhundert zu einem Dogma entwickelt, das von den
bibliothekarischen Lehrbüchern an die nachwachsenden
Bibliothekarsgenerationen weitergereicht wird.11

Das Problem dabei ist freilich, daß bei diesem Dogmatisierungsprozeß
der metaphorische Gebrauch des Wortes »Information« und damit auch
die Reichweite des Shannon’schen Schaubildes unreflektiert
blieb. Dadurch konnte der Eindruck entstehen, das Shannon’sche
Schaubild und Schema, das einen nachrichtentechnischen Vorgang
visualisiert, biete ein Modell, mit dem sich alle
»Kommunikationsvorgänge« beschreiben lassen, sowohl die von
Maschinen, die elektrische Signale senden und empfangen und
verarbeiten, als auch die von Menschen, die sich miteinander über
den Sinn von Gott und der Welt unterhalten und darüber Bücher
schreiben.  Dieser Eindruck aber ist falsch. Denn Maschinen welcher
technischen Bauart auch immer, ob mechanisch, elektrisch oder
digital, operieren, wenn sie über Prozessoren zur Maschinensteuerung
verfügen, alleine auf der Ebene der Syntax von Zeichen und sind
nicht in der Lage, über die Bedeutung dieser Zeichen — ihre
Semantik — und den Sinn ihres Tuns nachzudenken und gehaltvoll zu
kommunizieren. Das kann nur der Mensch, für den das miteinander
Gesprochene eine Bedeutung hat, durch die er sich seines Standortes
in der Welt versichert und mit anderen Menschen redend und
schreibend und handelnd Gemeinschaften bildet.12

Wer diesen Unterschied zwischen Syntax und Semantik und damit
zwischen Maschinen und Menschen nicht beachtet, kann freilich
meinen, die Medien könnten unterschiedslos als
»Kommunikationsmedien« beziehungsweise als »Informationsmedien«
betrachtet und durch das Shannon’sche Schema beschrieben werden. Nur
durch diese Nichtbeachtung war es möglich, das gedruckte Buch und
die gedruckte Zeitschrift als Medium und die Bibliothek als
Metamedium den Kommunikations- und Informationsmedien zuzuschlagen
und sie, ganz im Schema Shannons bleibend, für einen Kanal zu
halten, über den eine Information von einem Sender an einen
Empfänger übertragen wird.

Schreiben wir daher an, wie sich die informationswissenschaftlich
gewendete Bibliothekswissenschaft die Sache vorstellt. Im Hinblick auf
das Medium Buch sieht das Modell so aus:


  
    
      Sender
      →
      Kanal/Signal
      →
      Empfänger
    
  
  
    
      Autor
      →
      Buch
      →
      Leser
    
  


Wechselt man auf die Ebene des Metamediums Bibliothek, gibt es zwei
Möglichkeiten, die Bibliothek in Shannons Schema einzutragen: zum
einen in der Funktion eines Empfängers und eines Senders von
Büchern, zwischen Autor und Leser tretend, funktional aber
herauskürzbar oder durch einen anderen Funktionsträger wie etwa den
Buchhandel ersetzbar:


  
    
      Sender
      →
      Kanal/Signal
      →
      Empfänger
    
  
  
    
      Autor
      →
      Buch
      →
      Bibliothek
    
    
      Bibliothek
      →
      Buch
      →
      Leser
    
  


Und zum andern in der Funktion eines ein Signal (Buch) prozessierenden
und zwischen einem Input und einem Output vermittelnden Kanals:


  
    
      Sender
      →
      Kanal/Signal
      →
      Empfänger
    
  
  
    
      Verlag/Buchhandel
      →
      Bibliothek
      →
      Leser
    
    
      Input
      →
      Bibliothek
      →
      Output
    
  


2. Das Buch als besonderes Medium

Was als Schema plausibel aussehen mag, zeigt sich bei näherem Hinsehen
freilich als visuelle Metapher, die an dem, was ein Buch (und damit auch
eine Bibliothek) ist und zu leisten vermag, völlig vorbeigeht.13 Das
wird sofort klar, wenn man sich vor Augen hält, daß Shannons
Kommunikationsmodell ursprünglich das ins Bild bringen will, was beim
Telephonieren geschieht: daß sich zwei Menschen über Telephonapparate,
die durch eine Telephonleitung verbunden sind, miteinander unterhalten.
Diese telephonische Sprechsituation ist durch drei Eigenschaften
charakterisiert: Wir haben erstens eine räumliche Trennung von Sprecher
(Sender) und Hörer (Empfänger) bei gleichzeitiger Kopräsenz, zweitens
eine der Rückkoppelung dienende Vertauschbarkeit von Sender und
Empfänger und drittens eine völlige Abhängigkeit der gelingenden
Kommunikation von den technischen Möglichkeiten der Signalwandler (der
beiden Telephonapparate) und der Signaltransmission im Kanal.

Nichts davon gilt für das Buch. Erstens sind im Falle des Buches
Autor und Leser nicht nur räumlich getrennt, sondern auch zeitlich:
Wenn und wo der Autor schreibt, ist der Leser nicht da; wenn und wo
der Leser liest, ist der Autor nicht da. Daher hat das Buch zweitens
auch keinen direkten Rückkoppelungskanal, der es dem Leser erlauben
würde, noch während des auktoriellen Schreibens in den Schreibprozeß
einzugreifen und den Text des Autors unter Übernahme der
Autorfunktion eigenhändig zu korrigieren; vielmehr bleiben beide
Funktionen, die des Autors und die des Lesers, getrennt, von
avantgardistisch-künstlichen Schreibszenerien einmal abgesehen. Und
drittens hängt die Publikation eines Buches nicht davon ab, daß ein
technisches Ensemble, ein »Technikpark«,14 das Buch und seinen
Text während des Schreibens und Lesens in einer benutzbaren Form
hält, die durch ein »Rauschen« permanent gestört und nach dem
Schreiben und Lesen sofort wieder zerfallen würde; vielmehr ist das
Buch auf Technik nur insofern angewiesen, als diese dazu dient, das
Buch als ein dauerhaftes Artefakt herzustellen, das solange seine
Form behält und solange benutzbar bleibt, wie die Materialien, mit
denen es hergestellt wurde, nicht dekomponiert werden und dadurch
den Text unlesbar machen.  Wer ein Buch wann und wo liest, ist von
der Zeit, dem Ort und den weiteren Umständen seiner Herstellung
nicht direkt abhängig. Wollte man das in ein Schema fassen, könnte
man es wie folgt anschreiben:



Kurzum: Das Buch ist weder ein Signal noch ein Kanal, sondern ein
mehr oder weniger dauerhaftes Artefakt, dessen Aufgabe und Leistung
darin besteht, Schriftzeichen auf Papier (oder einem anderen
Werkstoff) zu fixieren und so zu einer späteren Zeit zugänglich zu
machen.15 Es gehört daher in keinem seiner Züge in den Kontext
jener technischen Medien, die — seit dem Telephon und über das
Radio und den Fernseher bis hin zum Computer und dem Internet —
elektrische, optische oder andere Signale unablässig en- und
dekodieren und die Präsenz des Gesendeten davon abhängig machen, daß
der Signalfluß technisch einwandfrei prozessiert wird. Es gehört
vielmehr in den Kontext all jener Gegenstände, die als Artefakte
persistente Produkte handwerklich-technischer Herstellung sind, zu
deren Gebrauch es keines neuerlichen Einsatzes von Technik
bedarf. Das Buch kann daher von einer Kommunikations- und
Informationstheorie, der es um Signalflüsse und die Prozessierung
von Daten geht, als Gegenstand nur verkannt werden. Um es in seiner
Leistung zu erkennen, muß man es vielmehr im Rahmen der
Kulturtheorie als zeichentragendes und daher bedeutsames und
bedeutendes Artefakt analysieren, dessen Relevanz nur in
Abhängigkeit vom jeweiligen kulturellen Kontext, in den es
eingebettet ist, bestimmt werden kann.16

3. Die kulturelle Leistung des Buches

Um das, was das Buch leistet — und was daher als sein Wesen
bestimmbar ist17 —, besser verstehen zu können, ist es
sinnvoll, noch einmal auf die kommunikationstechnischen Systeme zu
schauen, die mit Hilfe von Shannons Modell beschrieben werden
können. Diese Systeme funktionieren stets nur in der und durch die
Zusammenschaltung von genau drei Komponenten: einem Sender, der
dafür sorgt, daß das System einen Input in Form eines Signals
erhält; einem Prozessor, der den Input in gewünschter Weise wandelt;
und einem Empfänger, an den der vom Prozessor gewandelte Input als
Output übergeben wird. Diese drei grundlegenden Systemkomponenten
werden durch zwei Kanäle miteinander verbunden und
hintereinandergeschaltet.

Fragt man sich nun, wo der Prozessor innerhalb des Systems zu
lokalisieren ist, lautet die Antwort, daß sowohl der Sender als auch
der Empfänger über einen Prozessor verfügen müssen, damit das System
überhaupt funktionieren kann. Das aber heißt, daß jedes
Systemelement in sich die ternäre Struktur von
Sender–Prozessor–Empfänger aufweisen und daher auch in sich das
strukturbildende Element der beiden Kanäle enthalten muß.18

Das wird mit Blick auf das hinter Shannons Überlegungen stehende
Modell des Telephons sofort klar: In jenem Telephonapparat, der als
Sender fungiert, muß der von der Sprechmuschel aufgenommene
Schalldruck von einem Prozessor in ein elektrisches Signal gewandelt
werden, das über den Kanal an einen als Empfänger dienenden
Telephonapparat geschickt wird, der das eingehende elektrische
Signal über einen Prozessor in eine Membranschwingung verwandelt,
die über die Hörmuschel des Telephons als Schall ausgegeben
wird. Kurzum: Der Sender ist nicht anders als der Empfänger in sich
selbst eine technische Einheit aus Empfänger–Prozessor–Sender oder
aus Input–Prozessor–Output. Diese technische Einheit prozessiert
Signale und verbraucht dabei Zeit, ist also eine im Hinblick auf die
in den Kanälen zirkulierenden Signale fluide und im Hinblick auf den
Prozessor zeitbasiert arbeitende Einheit.  Sie kennzeichnet als
ternäre, aus Sender–Prozessor–Empfänger bestehende und daher
fluid-zeitbasiert funktionierende Struktur sowohl die Mikro- als
auch die Makroebene der nachrichten- oder informationstechnischen
Systeme — vom Telephon über das Radio und den Fernseher bis zum
Computer und dem Internet.

Vor diesem Hintergrund wird noch deutlicher, daß das Buch, das von
den informationswissenschaftlich gewendeten Buch- und
Bibliothekstheoretikern bei der Adaption des Shannon’schen Modells
an der Stelle des Signals oder Kanals eingetragen wurde,
fehlplaziert ist.  Man hätte es an der Stelle des Prozessors in die
visualisierenden Schemata eintragen müssen und dann freilich sofort
gesehen, daß es an dieser Position genau deshalb nichts verloren
hat, weil es das absolute Gegenteil eines fluid-zeitbasiert
arbeitenden Wandlers ist: kein Buch der Welt wandelt einen Text,
vielmehr fixiert jedes Buch, das wirklich und wesentlich ein Buch
ist, einen Text auf oder in einem Werkstoff.

Das Buch vermag das, weil es aus einem handwerklich-technischen
Herstellungsprozeß hervorgeht, dessen Grundstruktur nicht ternär
ist, sondern binär: Während des Herstellungsprozesses wird einer
zugrunde liegenden Materie eine Form eingeprägt, so daß ein Artefakt
entsteht, in dem Form und Materie eine unauflösliche Einheit
bilden. Ebendiese form-materielle Einheit sorgt für die
Selbständigkeit des Artefakts nach seiner Herstellung, macht jedes
Buch zu einem Gegenstand, den man benutzen kann, ohne physisch an
der Nabelschnur einer Druckerei, eines Verlages oder eines Autors zu
hängen. Bücher sind, so können wir daher sagen,
statisch-artefaktische Medien, die Texte fixieren.

Und genau aus diesem Grund ist nicht der Computer und das aus ihm
herausgesponnene Internet das Globalmedium schlechthin, sondern das
Buch, dessen Globalität auf seiner Lokalität aufruht. Das läßt sich
leicht erklären.

Nachrichten- oder informationstechnische Medien vom Telephon bis zum
Internet können immer nur als ternäre Gesamtsysteme funktionieren:
ein Telephonhörer, in dem ein Input in einen Output gewandelt wird,
macht alleine kein Telephon, ein Telephon alleine macht kein
Telephonieren; eine Computertastatur, die den Input des Tastendrucks
in den Output eines Signal wandelt, macht alleine keinen Computer,
ein Computer alleine macht kein Internet. Was in diesen
Mediensystemen »da« ist — das übers Telephon vermittelte Gespräch,
der im Computer bearbeitete Text —, ist stets nur da, wenn das
Gesamtsystem da ist und in allen seinen Komponenten wie vorgesehen
funktioniert. Mit anderen Worten: Fluid-zeitbasierte Mediensysteme
bilden über Kanäle vernetzte »Medienregime«,19 in dem das
Gesamtsystem und die in ihm zirkulierenden Signale und Daten nur
solange da ist, wie das System insgesamt in Fluß bleibt. Und weil
das so ist, ist die Frage, wo beim Telephonieren das Gespräch und wo
der im Computer bearbeitete Text genau ist, sinnlos: Das
telephonvermittelte Gespräch ist in dem während des aktuellen
Gesprächs zusammengeschalteten Apparatesystem; der mittels des
Computers bearbeitete Text ist während seiner Sichtbarmachung und
Bearbeitung immer zugleich im Prozessor, im Arbeits- und im
Datenspeicher und auch in der Tastatur. Und zuletzt ist natürlich
auch im Internet nur »da«, was in der weltweiten Zusammenschaltung
seiner Komponenten verarbeitet und im Internet-System zugänglich
gemacht werden kann.

Dabei hängt der Zugang zu solchen nachrichtentechnischen
Mediensystemen und also ihre Reichweite davon ab, ob man an
irgendeiner Stelle auf der Erde ein Gadget in Gebrauch nehmen kann,
das in sich selbst die technisch notwendige ternäre Struktur
aufweist und daher in der Lage ist, sich mit dem ternären
Supersystem über einen Kanal zu verbinden.  Das aber ist, anders als
die Rede vom »globalen Internet« suggeriert, durchaus nicht an jedem
Ort auf der Erde und zu jeder Zeit möglich. Denn entweder fehlen
lokal die Gadgets, mit deren Hilfe man Anschluß an das globale
Supersystem finden könnte; oder es fehlen lokal die Kanäle für den
Zugang der Gadgets zum System.20 Wer sich auf diese Medien
einläßt, muß daher damit rechnen, daß er sie nicht überall und nicht
zu jeder Zeit benutzen kann und es eine halbe Benutzbarkeit dieser
Medien nicht gibt: entweder hat man Zugang zum fluid-zeitbasierten
medialen Supersystem und das System funktioniert in allen seinen
Komponenten — oder eben nicht.

Das Buch hingegen ist als Artefakt davor gefeit, vom Strudel der
stets von Dysfunktionen bedrohten nachrichtentechnischen
Mediensysteme verschlungen zu werden. Einmal hergestellt, benötigt
es zum Gebrauch keine weitere Technik und behält seine funktionale
Gestalt solange, wie die verwendeten Materialien dauern, will sagen:
Das Buch ist von seinem technisch-handwerklichen Potential her auf
Sempiternität angelegt. Als solitärer Gegenstand kann es von jedem
Menschen an jeden beliebigen Ort der Erde mitgenommen werden, ist
also so beweglich wie der Mensch und ebenso ubiquitär wie dieser,
freilich so, daß es in seiner Sempiternität die
Situationsgebundenheit des menschlichen Gesprächs überwindet.21
Zugleich aber ist seine Transportabilität und Ubiquität rückgebunden
an ebenjene konkreten Orte, an denen es aufgefunden und benutzt
werden kann. Dadurch ist jedes Buch wie ein Monument Teil einer
lokalen Kultur, in der es als Zeiger funktioniert: Es verweist stets
auf einen konkreten kulturellen Zeit-Raum, dessen »Innen« es als
Buch repräsentiert.22 Weil es dies aber an jedem beliebigen Ort
der Welt tun kann, und weil es dies zumeist zusammen mit anderen
Büchern tut, die aufeinander verweisen und in denen sich die
unterschiedlichsten Aspekte der Welt insgesamt und der lokalen
Kultur — samt anderer, benachbarter und entfernter Kulturen —
reflektiert finden, ist das Buch das eigentlich globale Medium.

Die Globalität des Buches ist Effekt seiner Sempiternität und
Ubiquität, die aus seinen statisch-artefaktischen Qualitäten
entspringen. Es reiht sich damit in die Reihe jener anderen
statisch-artefaktischen Medienarten ein, die zu anderen Zeiten in
anderer Gestalt dieselbe Funktion wahrgenommen haben und daher eine
Gattung bilden: die im Fruchtbaren Halbmond seit etwa 8 000
v. Chr. verwendeten Zählsteine, die seit rund 3 000
v.&amp;amp;nbap;Chr. im Zweistromland benutzten Tontafeln, die seit
ebenfalls etwa 3 000 v. Chr. in Ägypten und dem Mittelmeerraum
verwendeten Papyrusrollen und schließlich die im vierten Jahrhundert
n. Chr. rasch in Gebrauch kommenden Pergamentkodizes, aus denen sich
in der Neuzeit unser modernes, gedrucktes Buch entwickelt hat.

Das E-Buch gehört hingegen in die Gattung der fluid-zeitbasierten
Medien und daher in eine mediale Artenreihe, die vom Telephon über
das Radio, den Fernseher und den Computer bis hin zum Internet
reicht.

4. Die kulturelle Leistung der Bibliothek

Wenn wir von zwei verschiedenen Mediengattungen ausgehen müssen, den
statisch-artefaktischen und den fluid-zeitbasierten, dann müssen wir
auch davon ausgehen, daß diese unterschiedlichen Mediengattungen von
Gesellschaften und Kulturen unterschiedlich organisiert werden, um
den Funktionen dieser Mediengattungen Rechnung zu
tragen. Deklinieren wir das kurz durch.

Wenn die statisch-artefaktischen Medien als solitäre Gegenstände
Eigentum von Menschen oder von Gruppen, Gesellschaften, Staaten und
Kulturen werden können, dann müssen immer auch die Eigentumsrechte
an diesen Medien mitorganisiert werden. Das ist historisch auch
stets geschehen, und zwar in der institutionellen Form von
Bibliotheken: Sie regulieren die Archivierung von und den Zugang zu
den statisch-artefaktischen Medien, die in ihrer schieren
Materialität das kulturelle Erbe der jeweiligen Kultur
darstellen,23 ihren »Innenraum«, der in den Räumen der
Bibliotheken sinnlich wahrgenommen werden kann. In diesem Innenraum
werden die Artefakte akkumuliert, weil sie je für sich in ihrer
materiellen Einheit und alle zusammen in ihrem gesammelten
Beieinanderstehen und Auf-einander-Verweisen an einem Ort die
Identität der jeweiligen Kultur repräsentieren.24 Damit vererbt
sich die Sempiternität des Mediums Buch auf die Bibliothek, die
ebendadurch Dauer gewinnt, daß sie die Eigentumsrechte und die
Archivierung des statisch-artefaktischen Buches vom individuellen
und sterblichen Besitzer ablöst und als Institution übernimmt. Und
umgekehrt ist es natürlich die institutionelle Dauer der Bibliothek,
die durch ihren pflegerischen Umgang mit dem Buch dafür sorgt, daß
dessen Sempiternität geschützt wird und ins Bewußtsein treten kann.

Daher ist der Bestand einer Bibliothek, also das Insgesamt der von
ihr bereitgehaltenen statisch-artefaktischen Medien, immer auch ein
Fingerzeig auf den Bestand einer Kultur, die sich in diesen Medien
reflektiert findet und ihre überzeitliche Identität gewinnt. Wir
bewegen uns auf der Basis der statisch-artefaktischen Medien daher
in unserem kulturellen Gedächtnis, das unser kommunikatives
Gedächtnis — also all das, was wir an aktueller Überlieferung
alltagsnah erinnern und worüber wir uns mit anderen im direkten
Gespräch austauschen können — bei weitem übersteigt und mit diesem
nur teilsynchron läuft, bisweilen ihm gegenüber sogar eine
»anachrone Struktur« aufweist, die Vergangenes als solches
beharrlich festhält und daher dem Meinen und Für-wahr-Halten einer
Gegenwart konflikthaft widersprechen kann.25

Die fluid-zeitbasierten Medien hingegen sind technische Systeme, für
die Akkumulationsprozesse keine Rolle spielen, sondern die
Akzeleration und Vergrößerung der Reichweite des technischen
Gesamtsystems der relevante Faktor ist. Wo man bei den
statisch-artefaktischen Medien gelassen auf einen Bestand schauen
kann, kennzeichnet die fluid-zeitbasierten Systeme eine Unruhe, die
nicht nur durch die systemischen, den Signal- und Datenverkehr
kontrollierenden, steuernden und stets ausweitenden Prozessoren
verursacht wird, sondern auch dadurch, daß das Eigentumsrecht im
Hinblick auf die in fluid-zeitbasierten Mediensystemen
zirkulierenden Signale und Daten versagt. Sie werden daher auch
nicht durch das Eigentumsrecht reguliert und organisiert, sondern
durch Nutzungslizenzen kontrolliert, die die Reichweite der
fluid-zeitbasierten Medien in Form von kollektiven Zugängen zu
diesen Systemen je nach Bedarf begrenzen oder ausweiten. Mit anderen
Worten: Der Prozessor, der den Durchsatz und die Wandlung der
Signale und Daten reguliert, kehrt auf allen technischen Ebenen der
fluid-zeitbasierten Medien zusammen mit den vernetzenden Kanälen
wieder und formiert sie insgesamt zu kybernetischen und also
Steuerungsmedien, die ebendeshalb für gouvernementale Prozesse so
interessant sind.26

Es versteht sich, daß die Politik ein Interesse daran hat, ihren
Steuerungsbereich auszuweiten und daher auch die Bibliotheken zum
Element einer von ihr im Hinblick auf den ökonomischen Nutzen
kontrollierten Informationsinfrastruktur zu machen. Dieses Interesse
meldete sich spätestens 1996, als die damalige Bundesregierung ein
Programm verabschiedete, das schon im Titel »Information als
Rohstoff für Innovation« betrachtete,27 und es manifestiert sich
in neueren Strategiepapieren so, daß man sich ganz offen an eine
Gesamtplanung der nationalen Informationsinfrastruktur macht,28
die von den Bibliotheksverbänden bereitwillig als »Gestaltung von
Zukunftsfelder[n]« aufgenommen wird.29 Selbst wenn man in
diesen nationalen — und sicherlich bald auch globalen —
Informationsinfrastrukurplänen noch ein Restbewußtsein davon zu
erkennen gibt, daß die Rolle der Bibliotheken ineins mit der
kulturellen Rolle des Buches aufgrund seiner statisch-artefaktischen
Eigenschaften und Funktionen darin besteht, kulturelle Sinnstiftung
zu ermöglichen, bleibt dieses Restbewußtsein für die in den
Infrastrukturplänen aufgelisteten konkreten Aktionsfelder ohne alle
Relevanz.30 Man kann das nicht zuletzt daran ablesen, daß auf der
Basis solcher Strategiepapiere und Infrastrukturpläne die besonders
ehrgeizigen bibliothekarischen Einrichtungen auch terminologisch
nicht mehr als »Bibliotheken« firmieren wollen, sondern sich neue
Namen gegeben haben — KIM, kiz, IKMZ —, in denen offenbar das
Interesse maßgeblich ist, den semantischen Anschluß an die
zukunftsverheißende »Information« und damit an die digitale
Postmoderne auf keinen Fall zu verpassen.31

Mit dem, was Bücher und Bibliotheken von sich her sind, hat das
nichts zu tun.



Die vorstehenden Ausführungen gehen zurück auf einen Vortrag, den
ich am 7. Februar 2023 am Institut für Buchwissenschaft der
Universität Mainz in Tobias Christs Oberseminar über »Bibliotheken
als Institutionen der Buchkultur« gehalten habe. Ich danke Tobias
Christ für die Einladung und für den Anstoß, den frei gehaltenen
Vortrag zum lesbaren Text werden zu lassen.

Erstveröffentlichung: Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte 8
(2023), S. 123–141.

Anmerkungen


  
    
      Die Tagungsreferate sind zu finden in Werner Krieg (Hrsg.):
Bibliothekswissenschaft. Versuch einer Begriffsbestimmung in
Referaten und Diskussionen bei dem Kölner Kolloquium
(27.–29. Oktober 1969). Köln: Greven, 1970. &amp;#8617;
    
    
      Das wurde sechzehn Jahre nach dem Kölner Kolloquium zum Motto
einer weiteren Tagung: Paul Kaegbein (Hrsg.):
Bibliothekswissenschaft als spezielle Informationswissenschaft.
Probleme und Perspektiven. Frankfurt am Main u. a.: Lang, 1986. &amp;#8617;
    
    
      Claude Elwood Shannon: A mathematical theory of communication. In:
The Bell Systems Technical Journal 27 (1948), S. 379–423, 623–656.
Diese Publikation fand dann Eingang in den gemeinsam mit dem
Mathematiker Warren Weaver ein Jahr später veröffentlichten und
seither viele Male neu aufgelegten Band Claude Elwood Shannon /
Warren Weaver: The mathematical theory of communication. Urbana
[u. a.]: University of Illinois Press, 1949. &amp;#8617;
    
    
      In der deutschen Übersetzung des Textes von Shannon liest man
es so: Daß Nachrichten eine Bedeutung haben, stehe »nicht im
Zusammenhang mit den technischen Problemen.« Claude Elwood
Shannon: Die mathematische Theorie der Kommunikation. In: Claude
Elwood Shannon / Warren Weaver: Mathematische Grundlagen der
Informationstheorie. Wien: Oldenbourg, 1976, S. 41–143, hier
S. 41. &amp;#8617;
    
    
      Die historischen Untiefen des Informationsbegriffs sind
aufgearbeitet in der klassischen Arbeit von Rafael Capurro:
Information. Ein Beitrag zur etymologischen und ideengeschichtlichen
Begründung des Informationsbegriffs. München [u. a.]: Saur, 1978. &amp;#8617;
    
    
      Rolf Kluth: Bibliothekswissenschaft als
Kommunikationswissenschaft. In: Krieg (Hrsg.):
Bibliothekswissenschaft (wie Anm. 1), S. 109–130. &amp;#8617;
    
    
      Ebd., S. 109: Aus der Kommunikationswissenschaft sei »der
Bereich der Kommunikations- und Nachrichtentechnik
auszuklammern«, die Termini der Nachrichtentechnik würden
innerhalb der Kommunikationswissenschaft »als Metaphern
verwendet«. &amp;#8617;
    
    
      Ebd., S. 122. &amp;#8617;
    
    
      Siehe Robert M. Hayes / Joseph Becker: Information storage
and retrieval. Tools, elements, theories. New York:
Wiley, 1963. Hayes wirkte direkt und sofort auf die deutsche
Debatte, indem sein auf der -Generalversammlung im August 1969
gehaltener Vortrag über »Information science in librarianship«
von Horst Kluth unmittelbar rezipiert und in seinen im Oktober
1969 gehaltenen Kölner Vortrag zustimmend und mit Schaubild
eingebaut wurde. &amp;#8617;
    
    
      Joseph Carl Robnett Licklider: Libraries of the future.
Cambridge, Mass.: M.I.T. Press, 1965, S. 5 f. Die in den 1960er
Jahren stattfindende Umbildung der bibliothekarischen Theorie
war in einen größeren politischen Kontext eingebunden, der den
neuen informationswissenschaftlichen Blick auf die Bibliothek
attraktiv — weil an die vom Staat gewünschte Optimierung der
wissenschaftlichen Informationsflüsse anschließbar —
machte. Zur Rekonstruktion dieser Hintergründe Uwe Jochum:
Hermeneutik, Dekonstruktion und Information. In: Bibliothek,
Forschung und Praxis 18 (1994), S. 104–110 und Uwe Jochum: Die
Selbstabschaffung der Bibliotheken. In: Uwe Jochum / Armin
Schlechter (Hrsg.): Das Ende der Bibliothek? Vom Wert des
Analogen. Frankfurt am Main: Klostermann, 2011 (Zeitschrift für
Bibliothekswesen und Bibliographie; Sonderband 105),
S. 11–26. Diese zeitgeschichtliche Umbildung ist wiederum in
eine »longue durée« eingebettet. Dazu Uwe Jochum:
Bibliotheksutopien. In: Verband der Bibliotheken des Landes
Nordrhein-Westfalen: Mitteilungsblatt 44 (1994), S. 279–292 und
Uwe Jochum: Medienkörper. Wandmedien, Handmedien,
Digitalia. Göttingen: Wallstein, 2014. &amp;#8617;
    
    
      So findet sich in Walther Umstätter: Lehrbuch des
Bibliotheksmanagements. Stuttgart: Hiersemann, 2011, S. 6 die
Kurzform des Shannon’sche Schaubildes samt einer Erklärung des
Informationsbegriffs, der freilich im Hinblick auf den
Widerspruch zwischen seiner rein kommunikationstechnischen und
seiner alltagssprachlichen Bedeutung vage gehalten wird. In
Konrad Umlauf: Theorie der Bibliothek. In: Konrad Umlauf /
Stefan Gradmann (Hrsg.): Handbuch Bibliothek. Geschichte,
Aufgaben, Perspektiven. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2012,
S. 25–32 ist auf S. 26 die Rede von einem
»content-orientierte[n] Verständnis von
Informationsmanagement«, und in Konrad Umlauf (Hrsg.):
Grundwissen Medien, Information, Bibliothek. Stuttgart:
Hiersemann, 2016 wird auf S. 3 schlicht staturiert, der
bibliothekswissenschaftliche Informationsbegriff sei
»inhaltsbezogen«. Hermann Rösch / Jürgen Seefeldt / Konrad
Umlauf: Bibliotheken und Informationsgesellschaft in
Deutschland. Eine Einführung. Wiesbaden: Harrassowitz, 2019
verbalisieren auf S. 5 f. das Shannon’sche
Sender–Kanal–Empfänger–Schema und betrachten eine
»Information« als eine »Mitteilung« von Teilen »subjektiven
Wissens«. &amp;#8617;
    
    
      Die Sache und damit den Unterschied, um den es hier geht, hat
Peter Janich: Was ist Information? Kritik einer Legende. Frankfurt
am Main: Suhrkamp, 2006 ausführlich behandelt. &amp;#8617;
    
    
      Eine eingehende Kritik der für Shannon erkenntnisleitenden
Metapher der »Informationsübertragung« jetzt bei Jakob Krebs:
Uninformative Information. Informationsübertragung als
irreführende Leitmetapher der
Informationsgesellschaft. Bielefeld: transcript, 2019. Krebs
weist zurecht darauf hin, daß die Übertragungsmetapher schon
deshalb verfehlt ist, weil »dem Sender ja nichts fehlt, obwohl
der Empfänger etwas entgegengenommen haben soll.« (S. 11
u. S. 39 f.) Berücksichtige man außerdem, daß sich die
Informativität eines Ereignisses nur relativ zum Interpreten
bestimmen läßt, werde die Annahme einer Übertragung von was auch
immer erst recht falsch: »Ein echter Transfer kann nicht
festgestellt werden, wenn sich das Empfangene nur relativ zum
Vorwissen des Empfängers bestimmen lässt. Wenn Verschiedenes
empfangen werden kann, während nur eine Sendung vorliegt,
ist es begrifflich widersinnig, eine Übertragung zu
behaupten.« (S. 179) &amp;#8617;
    
    
      Jochum: Medienkörper (wie Anm. 10), S. 40. &amp;#8617;
    
    
      Zum Buch als Artefakt ausführlich Uwe Jochum: Lesezeug. Das
Buch zum Buch. Heidelberg: Winter, 2021. Außerdem Michael
Schikowski: Warum Bücher? Buchkultur in Zeiten der
Digitalkultur. Frankfurt am Main: Bramann, 2013 und Roland Reuß:
Die perfekte Lesemaschine. Zur Ergonomie des Buches. Göttingen:
Wallstein, 2014. &amp;#8617;
    
    
      Armin Schlechter: Textträger, archäologisches Objekt und
historischer Mosaikstein. Was bleibt vom Alten Buch? In: Jochum /
Schlechter (Hrsg.): Das Ende der Bibliothek? (wie Anm.  10),
S. 101–114. &amp;#8617;
    
    
      Ich spiele hier natürlich auf die aristotelische Bestimmung des
Wesens einer Sache an, wie sie Aristoteles vor allem im siebten und
zwölften Buch seiner Metaphysik reflektiert hat: Was etwas ist,
ist nicht durch seine Gestalt gegeben, die durch die Einprägung
einer Form in eine Materie erreicht wird, sondern durch das, was
diese Gestalt »leistet«, was sie »kann«, welchem Zweck sie dient
oder welche Funktion sie erfüllt. Die in einer Gestalt realisierte
»Leistung« einer Sache ist ihr ergon, ihr »Werk«, das etwas vermag
oder dem ein Potential innewohnt, eine dynamis, die man im
konkreten Umgang mit der Sache im Vollzug als ihre energeia
erkennen kann. Dazu Arbogast Schmitt: Denken ist Unterscheiden. Eine
Kritik an der Gleichsetzung von Denken und Bewusstsein. Heidelberg:
Winter, 2020, S. 82–97. &amp;#8617;
    
    
      Daß Computer im Unterschied zu Telephon und Fernseher über einen
programmierbaren Prozessor verfügen, kann hier außer Betracht
bleiben: Es geht mir um die Unterschiede auf seiten der Hardware. &amp;#8617;
    
    
      Dieter Mersch: Ordo ab chao. Order from Noise. Zürich: Diaphanes,
2013, S. 34 f. &amp;#8617;
    
    
      Dieses Fehlen von Zugangsmöglichkeiten ist weder eine allein
technische noch eine allein ökonomische Frage, sondern eine eminent
politische und zugleich eine für unser Weltverständnis insgesamt
metaphysische. Uwe Jochum: Kritik der Neuen Medien. Ein
eschatologischer Essay. München: Fink, 2003, S. 40–50 und ders.:
Landnahme. Ein Essai. Wien: Karolinger, 2022, S. 59–74. &amp;#8617;
    
    
      Dazu und zum Unterschied von mündlicher, schriftlicher und
monumentaler Kommunikation Jan Assmann: Im Schatten junger
Mädchenblüte. Ägypten und die Materialität des Zeichens. In: Hans
Ulrich Gumbrecht / K. Ludwig Pfeiffer (Hrsg.): Materialität der
Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988, S. 141–160, hier
S. 151. &amp;#8617;
    
    
      Jochum: Lesezeug (wie Anm. 15), S. 15–17. &amp;#8617;
    
    
      Robert Hauser: Der Modus der kulturellen Überlieferung in der
digitalen Ära. Zur Zukunft der Wissensgesellschaft. In: Caroline
Y. Robertson-von Trotha / Robert Hauser (Hrsg.): Neues Erbe.
Aspekte, Perspektiven und Konsequenzen der digitalen
Überlieferung.  Karlsruhe: KIT Scientific Publishing, 2011,
S. 15–38, hier S. 19. &amp;#8617;
    
    
      In diesem Sinne ist die Bibliothek das »Metamedium« des
Buches.  Siehe Markus Krajewski: Die Bibliothek als
Meta-Medium. In: Umlauf / Gradmann (Hrsg.): Handbuch Bibliothek
(wie Anm. 11), S. 81–89. &amp;#8617;
    
    
      Dazu Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift,
Erinnerung und politische Identität in frühen
Hochkulturen. München: Beck, 1992, S. 24, 227 u. vor allem
S. 280–292. &amp;#8617;
    
    
      Dazu James R. Beniger: The control revolution. Technological
and economic origins of the information society. Cambridge,
Mass.: Harvard University Press, 1986. Wie Vernetzung über eine
Ausweitung der Kanäle läuft und eine kybernetische Kontrolle der
gesellschaftlichen Prozesse intendiert, ist dargestellt bei
Mersch: Ordo ab chao (wie Anm. 19), hier S. 23–30
u. S. 78. Leider unterscheidet Mersch nicht zwischen
kybernetischen im Sinne von fluid-zeitbasierten Medien, die nur
als technische Gesamtsysteme funktionieren können, und
statisch-artefaktischen Medien, die ohne Einbindung in
technische Gesamtsysteme auskommen. Daß am Anfang der
zivilisatorischen Geschichte die gouvernementale Steuerung durch
statisch-artefaktische Medien vorgenommen wurde — siehe Uwe
Jochum: Bücher. Vom Papyrus zum E-Book. Darmstadt:
Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2015, Kap. 2 —, ist ein
uneigentlicher Mediengebrauch. Sobald ein neues Medium zur
Verfügung steht, das den intendierten Zweck der Steuerung besser
verwirklicht, verschwindet der uneigentliche Gebrauch des alten
Mediums und geht vollständig auf das neue Medium über. Die
Geschwindigkeit, mit der das geschieht, indiziert das Maß der
Uneigentlichkeit. &amp;#8617;
    
    
      Information als Rohstoff für Innovation. Programm der
Bundesregierung 1996–2000. Bonn 1996. &amp;#8617;
    
    
      Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur: Gesamtkonzept
für die Informationsinfrastruktur in Deutschland. Empfehlungen der
Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur im Auftrag der
Gemeinsamen Wissenschaftskonfe- renz des Bundes und der Länder.
O. O., 2011. &amp;#8617;
    
    
      Deutscher Bibliotheksverband: Wissenschaftliche
Bibliotheken 2025. Berlin, 2018, S. 2. &amp;#8617;
    
    
      Dieses Restbewußtsein zeigt sich in den Einleitungen, die den
Aktionsplänen der Strategiepapiere vorgeschaltet sind. Dort ruft man
noch einmal die historische Rolle der Bibliotheken und ihre Aufgabe
als Einrichtungen zur Wahrung eines kulturellen Bestandes auf, um
sie aber als historisch obsolet werdende Aufgabe im Rest der
Strategiepapiere beiseite zu schieben. Siehe etwa ebd., S. 3–5 als
Beispiel für eine solche relevanzlose Pflichterinnerung. &amp;#8617;
    
    
      Hier die Auflösung der Worträtsel: KIM = Kommunikations-,
Informations,- [und] Medienzentrum (Universität Konstanz,
Universität Hohenheim); kiz = Kommunikations- und
Informationszentrum (Universität Ulm), IKMZ = Informations-,
Kommunikations- und Medienzentrum (Technische Universität Cottbus). &amp;#8617;
    
  

</description>
        <pubDate>Wed, 29 Jul 2026 00:00:00 +0000</pubDate>
        <link>https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/07/29/ontologie-buch-bibliothek/</link>
        <guid isPermaLink="true">https://uwejochum.github.io/5artikel/2026/07/29/ontologie-buch-bibliothek/</guid>
        
        <category>Buch</category>
        
        <category>Bibliothek</category>
        
        <category>Bibliothekstheorie</category>
        
        <category>Digitalisierung</category>
        
        <category>Information</category>
        
        
      </item>
    
  </channel>
</rss>
