Faites vos jeux!

Geschrieben von Uwe Jochum am 21.11.2018

Vom selben Autor:


»Open Access« als Scheinblüte


Uwe Jochum

Wissenschaftlicher Bibliothekar

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Roulette ist kein schwer zu verstehendes Spiel: Es gibt einen Spieltisch, in den ein Rouletterad eingelassen ist, um dessen äußeren Rand Nummernfächer mit den Zahlen 1–36 (plus der Null) laufen, die abwechselnd rot und schwarz gefärbt sind (außer der Null). Der Spieltisch ist mit einem grünen Tuch bespannt, auf dem sich die sechsunddreißig Zahlen und die Null wiederfinden, gegliedert in drei Zwölferblöcke, um die herum es sechs Felder gibt: eines für die Wahl aller roten, eines für die Wahl aller schwarzen Zahlen, eines für die geraden, eines für die ungeraden und schließlich eines für die niedrigen Zahlen von 1–18 (manque) und eines für die hohen Zahlen von 19–36 (passe). Der Spieler setzt mittels eines Jetons einen Geldbetrag auf eine der Zahlen oder eine ganze Zahlengruppe (alle roten, alle geraden, alle niederen usw.), der Croupier — er repräsentiert die das Roulette betreibende Spielbank und überwacht den Spielablauf — wirft eine kleine weiße Kugel in das in Drehung versetzte Rouletterad und gibt bekannt, in welches Nummernfach die Kugel gefallen ist. Und dann haben manche der Spieler einen Gewinn einzustreichen, während andere sich mit dem Verlust ihres Einsatzes abfinden müssen.

Drawing[Abb. 1: Roulettetisch. Quelle: Lévy et Neurdein réunis, Wikimedia Commons, Public Domain.]

Interessant daran ist nun die Logik des Spiels: Setzt man auf die Gruppe der roten (schwarzen) oder geraden (ungeraden) oder niedrigen (hohen) Zahlen, kann man mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, daß die betreffende Zahlengruppe gewinnt. Und da man beim Setzen auf diese sog. »einfachen Chancen« außerdem das Doppelte des Einsatzes als Gewinn zurückerhält, könnte man es sich mit der reinen Spielfreude ganz bequem machen: Man müßte nur zugleich auf beide jeweils konträren Zahlengruppen wetten — also beispielsweise zugleich auf alle roten und alle schwarzen Zahlen —, um einen ganzen Rouletteabend lang ein entspanntes Nullsummenspiel zu spielen. Also: 10 Euro auf rot und zugleich 10 Euro auf schwarz gesetzt, rot gewinnt, der Einsatz für schwarz ist verloren, für das gewinnende Rot gibt es den doppelten Einsatz als Gewinn zurück Euro, eh voilà: 20 Euro gesetzt, 20 Euro gewonnen, alles ist pari.

Je länger ich über »Open Access« nachdenke, desto stärker bin ich davon überzeugt, daß die »Open-Access«-Aktivisten davon ausgehen, bei »Open Access« handle es sich um eine Art internationales Wissenschaftsroulette, bei dem das, was die Roten im einen Land setzen (publizieren), von den Schwarzen im anderen Land gewonnen (kostenlos gelesen) wird, aber im selben Moment das, was die Schwarzen gesetzt (publiziert) haben, von den Roten gewonnen (kostenlos gelesen) wird. Ein wunderbares wissenschaftliches Nullsummenspiel, bei dem jede Menge »Content« auf dem Roulettetisch namens »Wissenschaftssystem« hin und her geschoben wird: Keiner kann dabei jemals etwas verlieren und keiner jemals etwas auf Kosten der anderen gewinnen, weshalb sich alle Wissenschaftsspieler als sozial vorbildlich-verantwortliche Akteure fühlen dürfen. Wir stehen vor einem egalitären System des wissenschaftlichen Gebens und Nehmens. Und das, so sagt man uns, sei ja auch der Clou der Sache; denn »Open Access« als Nullsummen-Wissenschaftsroulette ist ja nichts anderes als die perfekte Umsetzung einer »Sharing Economy«.

Drawing[Abb. 2: Wissenschaftsroulette in Las Vegas. Quelle: Boston Public Library Tichnor Brothers collection (Nr. 74663). Smith & Chandler, Las Vegas, Nevada. »Tichnor Quality Views«, Reg. U. S. Pat. Off. Made Only by Tichnor Bros., Inc., Boston, Mass. Wikimedia Commons, Public Domain.]

Aber es geht dieser »Sharing Economy« nicht anders als dem gemeinen Roulettespieler: Aus dem entspannten Geben und Nehmen wird nichts, weil es nicht nur die Roten und die Schwarzen, die Geraden und Ungeraden, die Hohen und die Niedrigen gibt, sondern immer auch eine Null. Und diese Null ist es, die die Chancen beim Roulette und damit auch die »Sharing Economy« von »Open Access« zum Kippen bringt. Fürs Roulette ist das einfach auszurechnen: Wegen der Null stehen die Chancen auch beim einfachen Spiel gar nicht 50:50, sondern nur bei 48,6 Prozent; und es sind diese kleinen 1,4 Prozent an entgangener Chance, die dafür sorgen, daß à la longue nicht die Schwarzen und die Roten sich die Gewinne und Verluste geschwisterlich teilen und ein Nullsummenspiel spielen dürfen, sondern die Bank gewinnt.

Beim »Open-Access«-Spiel ist es genau dasselbe. Selbst wenn wir den von den »Open-Access«-Spielern intendierten Fall annehmen, daß fast alle Länder mitspielen bei diesem Wissenschaftsroulette, es genügt eine kleine Anzahl von Ländern, die nicht mitspielen, um die Hoffnung auf gleiche Spielchancen zu zerstören: Zwar darf, wer mitspielt, sich Kosten und Gewinne mit jenen Ländern teilen, die ebenfalls mitspielen; aber die Länder, die nicht mitspielen, bekommen von den »Open-Access«-Spielern die wissenschaftlichen Jetons frei Haus übern Tisch geschoben und dürfen sich darüber freuen, daß die »Open-Access«-Junkies, die da am Roulettetisch sitzen, mit schwitzigen Händen ihnen abkaufen müssen, was sie jenseits des Spieltischs an Begehrenswertem feilbieten. Dabei ist es völlig gleichgültig, ob die »Open-Access«-Nichtspieler eine große oder eine kleine Null bilden aus vielen oder nur wenigen Nichtspielern. Es genügt für die Chancenstatistik des »Open-Access«-Wissenschaftsroulettes, daß ein einziges Land nicht mitspielt, um das Spiel zugunsten dieses einen Landes ausgehen zu lassen: Dieses eine Land gerät automatisch in die Rolle der Bank, die einstreicht, was sich in der Position des Nichtspielers und also der Null einstreichen läßt. Und das ist auf lange Sicht schlicht und einfach alles, was diejenigen, die meinen, sie könnten das Wissenschaftsroulette zu ihren Regeln als eine Art Perpetuum mobile des fairen Gebens und Nehmens spielen, auf den Roulettetisch werfen.

Drawing[Abb. 3: Kinderspiele. Pieter Bruegel d.Ä. Quelle: Wikimedia Commons, Public Domain.]

Man kann es ganz kurz auch so sagen: So wenig wie beim Roulette wird es beim »Open Access« fair zugehen; wer mitspielt, wird zugunsten der nicht mitspielenden Bank seinen Einsatz verlieren; wer aber nicht mitspielt und sich dadurch auf die Nullposition der Bank begibt, wird ohne eigenen Einsatz die schönsten Gewinne einstreichen können.