Aus dem Tagebuch eines Bibliotheksbenutzers.

Teil II — Zwei Staatsbibliotheken — zwei Welten

Geschrieben von Jürgen Schmid am 7.11.2022

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Jürgen Schmid

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Lieber Herr Schmid,

was Sie aus eigenem Erleben beschreiben, kann ich nur bestätigen: In den vergangenen zehn Jahren (etwa) begannen sich die Bibliotheken zu füllen, aber, wie Sie selbst erlebt haben, zunehmend mit Studenten, die sich dort eben aufhalten wollen, ohne zu lesen und zu arbeiten. Ich vermute, daß das eine Kompensation der medienbedingten Vereinzelung ist: Während man zu Hause am Bildschirm sitzt, aber alleine bleibt (selbst wenn man per Twitter Gemeinschaft simuliert), sieht man in den Bibliotheken endlich wieder Mitstudenten und holt sich dort das Gemeinschaftsgefühl, das in den WGs offenbar nicht mehr vorhanden ist. Aber das ist nur eine Spekulation.

Herzlichen Gruß vom Bodensee, Uwe Jochum


Lieber Herr Jochum,

Ihre These einer »Kompensation der medienbedingten Vereinzelung« bei Leuten, die in Bibliotheken sitzen, ohne sie zu benutzen – da ist sicherlich sehr viel dran. Mich erinnerte Ihre Einschätzung sofort an einen Artikel im SZ-Magazin aus dem Jahr 2007, daß die Münchner Staatsbibliothek eine Art Kontaktbörse und Heiratsmarkt sei.

Der lange Mittelgang im Lesesaal der Münchner Staatsbibliothek ist eine Art Laufsteg. Die Stühle in den Reihen links und rechts von ihm weisen zwar gar nicht in seine Richtung, die Zuschauer sitzen parallel zu ihm – dennoch ist das Interesse an den Vorbeilaufenden nicht viel weniger ausgeprägt als beim Publikum von Modeschauen.

Titel: Kritik der reinen Vernunft (schon etwas arg gewollt). Autor: Andreas Bernard, damals genialer Kolumnist von »Das Prinzip« (zum Beispiel »Öko-Lifestyle«), ein Kulturwissenschaftler von Geblüt und alter Schule, u.a. beim Münchner Volkskundler Helge Gerndt ausgebildet, der sein Beobachten und Schreiben an Roland Barthes’ Mythen des Alltags geschult hat. Geschrieben zu einer Zeit, als die Süddeutsche Zeitung noch eine Zeitung war und das ihr angeschlossene Magazin zwar schon trendig lifestylig urban cool, aber eben noch lesbar.

Und trendig ist auch das Bild, das Bernards Kritik der reinen Vernunft illustriert: »Janine trägt BH von Blush und Höschen von Divided (H & M)«. Bibliotheken sind heute nicht mehr Staubfänger für bedrucktes Papier, sondern hippe Locations für kommerzielle Foto-Shootings. (Schandhaft natürlich die Schleichwerbung in einem redaktionellen Beitrag.)

Lesendes Frauenzimmer [Bild von Pexels auf Pixabay.]

In dieser Location, besagter bayerischer Staatsbibliothek zu München, platzte mir eines Tages — ich glaube, es war im Musikalien-Lesesaal — der Kragen, weil ein Jura-Jüngling im rosa Kaschmir-Pullunder (so ungefähr jedenfalls) meinte, langfristig den Computer des Recherche-Opac als Suchmaschine für irgendetwas bibliotheksfremdes Privates benutzen zu müssen. Ihn zu überzeugen, einen echten Benutzer heranzulassen, war unmöglich. Daraufhin bin ich in den Verwaltungstrakt gelaufen — und dort im Büro des Leiters der Benutzung (heißt das so?) gelandet. Der Mann hörte sich meine Klage geduldig an, begann dabei immer heftiger mit dem Kopf zu nicken — und meinte schließlich, ich würde mit meiner Ansicht von den Aufgaben einer Bibliothek bei ihm offene Türen einrennen. Was meinen Sie, fuhr er fort, wie oft ich das hier schon intern gepredigt habe? Aber die Bibliotheksleitung wolle, mit Blick auf die Jahresberichte, die sie ins Ministerium zu schicken hätte, möglichst viele Benutzer melden können — und da sei es ihr egal, ob diese »Benutzer« tatsächlich etwas im bibliothekarischen Sinne benutzen würden oder aus welchen Gründen auch immer ins Haus kämen, Hauptsache, es kämen möglichst viele. Die Aufsicht am Einlaß zu den Lesesälen zählt alle demokratisch gleich und macht für jeden einen Strich auf die Liste. Und am Ende des Tages zählt nur, daß die Stabi möglichst hohe Zahlen nach oben melden kann. Der Mann wurde während dieser Rede immer wütender, er steigerte sich so hinein in seine Frustration darüber, daß ihm Ministerialbürokratie und Bibliotheksleitung verunmöglichten, seinen Job im Sinne der Definition ausüben zu können, daß er mich, der ich schon die Türklinke in der Hand hatte, noch einmal zurückrief mit den Worten: »Warten Sie mal, ich drucke Ihnen noch was aus.« Und er entlockte seinem Computer einen Brief, den er ans Ministerium gerichtet hatte mit seinen Überlegungen, wie eine bibliothekarisch verantwortliche und den Benutzern, die diesen Namen verdienen, gerecht werdende Benutzungsordnung aussehen müsse. »Aber«, so rief er, »was glauben Sie, was das alles nützt?«

Unterwäsche in der Bibliothek [Bild von Victoria Model auf Pixabay.]

Mir fällt heute, wenn ich an diese Episode denke, der deutsche General in Athen ein, der Erhart Kästner beschied, er hätte unrecht, wenn er annehmen würde, daß seiner Versetzung nach Griechenland »ein Sinn einwohnen müsse, es sei vielmehr eine rein militärische Maßnahme gewesen«. Das Ergebnis dieser »Maßnahme« kennen wir: Der Soldat Kästner blieb während des Zweiten Weltkriegs in Griechenland — und schrieb sein Buch Ölberge, Weinberge. Auf unser Beispiel übertragen: Der Benutzungsordnung, über die sich der Leiter des Benutzerressorts so echauffiert hatte, wohnte kein Sinn inne. Sie war eine rein bürokratische Maßnahme.

Die beste Einführung in die Münchner Stabi-Welt ist und bleibt R.W.B. McCormacks Beststeller Tief in Bayern. Eine Ethnographie von 1991. Irgendwann wurde das Pseudonym gelüftet und unter der Tarnkappe kam der Münchner Amerikanist Gert Raeithel hervor. Unter »Bildung und Erziehung« lesen wir bei ihm: »Die Ausleihbedingungen der öffentlichen Bibliotheken [in Bayern] sind so konstruiert, daß der Lesehunger der Bevölkerung unterstimuliert wird.« Dann folgt ein signifikantes Beispiel:

Die Bayerische Staatsbibliothek ist der größte Blankziegelbau Deutschlands und mit ihren 255 Metern Länge nicht nur länger als jedes andere Gebäude an der Ludwigstraße, sondern auch noch 10 Meter länger als das Haus der Kunst. An der Vorderfront erblickt man die Statuen bedeu­tender Gelehrter in Kopie. Die Medaillonporträts von Newton, Shakespeare, Leibniz und Goethe sind nach dem Krieg gedankenlos, mutwillig oder aus Scham überputzt worden. Seitdem lastet auf dem Haus ein Scham- und Schuldkomplex, der auf die Leser projeziert wird. Die Leser werden »Benutzer« genannt. Ihnen wird auf vielfältige Weise nahegebracht, daß die Nutzung der Bibliothek ein jederzeit kündbares Privilegium ist. Das Ausleih­amt mit seinen Ausleihschaltern ist für den Benutzerverkehr nur wenige Stunden geöffnet. Eine kaum übersehbare Zahl von Bestimmungen erschwert das Entleihen der Bände. Illustrierte Werke dürfen nur im Lesesaal benutzt werden, weil anders der Benutzer in Versuchung geraten könnte, sich an den Bildern in den eigenen vier Wänden zu ergötzen. Schmale Bände sind unentleihbar, sie können, so die unwirsch vorgebrachte Begründung, »leicht hinters Nachtkastl obarutschn«. Nazibücher und Erotica, diese beiden darf der Lesepöbel nur bei Nachweis des wissenschaftlichen Verwendungszweckes einsehen. Das Schalterpersonal wird nach retentiven Verhaltenskriterien ausgewählt und ist geneigt, jedes Buch grundsätzlich wie das Wessobrunner Gebet zu behandeln. Dra­konisch fallen die Strafen für überschrittene Leihfristen aus. Die erste Aufforderung zur Rückgabe (Mahnung) kostet 15 Mark, ein Betrag, von dem ärmere Benutzer zwei Tage lang leben müssen. Tätige Reue wird nicht honoriert: »Die Gebühren sind auch dann zu entrichten, wenn die Werke vor der Zustellung der Aufforderung zurück­gegeben werden.« Benutzern von Gefängnisbibliotheken werden etwas größere Freiheiten eingeräumt, weil dort die rituellen oder doch stark formalisierten Konnotationen fehlen. Am Ausleihschalter der Staatsbibliothek vernimmt der Benutzer nach Rückgabe des letzten Buches den Satz: »Ich entlaste Sie.« Das klingt nach Beichtzettel oder Spruchkammerbescheid. In der Karwoche wird die Bayerische Staatsbibliothek ganz zugesperrt. Warum, konnte nicht erforscht werden, es sei denn, die Angestellten sollen Gelegenheit zur Buße erhalten.

Domina in der Bibliothek [Bild von Victoria Model auf Pixabay.]

Wer das Glück hat, nicht nur die Münchner Staatsbibliothek zu kennen, sondern auch in ihrem Augsburger Pendant jahrelang aus- und eingegangen zu sein, kann über die verschiedenen Welten ein und derselben Institution — nicht mehr als eine halbe Zugstunde voneinander getrennt — nur verwundert den Kopf schütteln. Zur Verabschiedung des Augsburger Bibliotheksdirektors Dr. Helmut Gier in den Ruhestand durfte ich mich über die himmelschreiende Differenz in einem Regionalmagazin äußern:

»Ob es der Stil des ›Chefs‹ ist, der auf die Mitarbeiter abfärbt, oder glückliche Fügung des Zusammentreffens, die Augsburger Staats- und Stadtbibliothek ist eine Behörde, die eigentlich gar nicht existieren dürfte: kompetent, freundlich, unkompliziert, ebenso auskunftsfreudig wie -fähig, unbürokratisch, inspiriert und inspirierend. Jeder Benutzer wird dieses Hohelied des Lobes unter Garantie beglaubigen. Dem, der die Münchner ›Stabi’, wie der Studentenmund sagt, jemals erleiden musste, wird das klassizistische Gebäude in der Schaezlerstraße wie ein Paradies für Bücher und deren menschliche Freunde vorkommen. Wenn ich im deutschen Bürokratie-Dschungel eine Lieblingsbehörde benennen müsste — die Wahl würde unfehlbar und ohne Zögern auf Helmut Giers Reich fallen.

Sowohl in München wie auch in Augsburg gehört die Rede von ›der Stabi‹ zu den geflügelten Worten unter Studenten und sonstig Forschenden. Doch während man in der kleineren Stadt stets voller Hochachtung und Wohlwollen von einem Besuch im dortigen Büchertempel spricht, grummelt und brodelt das akademische Volk der Landeshauptstadt. Noch nie hat der selbst leidgeprüfte Berichterstatter einen Stabi-Benutzer getroffen, der nicht in schrillsten Tönen über die Rücksichtslosigkeiten und pedantischen Sturheiten der Münchner Bibliotheks-Bürokratie geklagt hätte. Die Mythen der Unerfreulichkeit sind Legende, sie finden sogar ihre Würdigung in Richard McCormacks berühmter Ethnographie ›Tief in Bayern‹. Dabei, so versichern Altgediente, seien die Zeiten ja längst vorbei, in denen man Angstzustände gehabt habe vor einem unaufschiebbaren Gang in die Bücher-Verwahranstalt an der Ludwigstraße, als der nichtswürdige Benutzer — zum Todfeind von Bestand und Personal gebrandmarkt — mit schlotternden Knien vor den hermetisch gesicherten Schaltern stand, hinter denen sich die grantigen Mitarbeiter verschanzt hatten. Es war die heroische Zeit, als es jedem Studenten als Heldentat angerechnet wurde, wenn er der Stabi ein Buch entreißen konnte.

Eine glückhafte Versammlung von Mitarbeitern hat sich hingegen in der Augsburger Staats- und Stadtbibliothek getroffen, die sich wirklich für ihr berufliches Tun interessieren: für das Buch und seinen Inhalt — aber auch weit darum herum.

Die Liebe zum Buch [Bild von Engin Akyurt auf Pixabay.]