Der Bibliothekar als linker Kulturkämpfer

Jan-Pieter Barbian aus Duisburg als Beispiel

Geschrieben von Uwe Jochum am 14.1.2026

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Das Scheitern der Bibliothekare an der Demokratie

Beobachtungen zum totalitären Bibliothekspersonal

Jan-Pieter Barbian war von 1999 bis 2025 Direktor der Stadtbibliothek Duisburg. Seinen beruflichen Lebensweg begann er, ausweislich seiner in der Wikipedia zu findenden Biographie, mit einem Studium der Geschichte, Germanistik und Philosophie an der Universität Trier. Es folgte eine Promotion im Fach Geschichte über »Literaturpolitik im ›Dritten Reich‹«, die als Buch bei S.Fischer erschien. Nach einer Zeit als wissenschaftlicher Assistent im Fachbereich Neuere und Neueste Geschichte an der Trierer Universität wechselte Barbian 1991 an die Volkshochschule Duisburg und wurde »Fachbereichsleiter für kulturelle Bildung«. Von diesem Posten war es dann nur noch ein kleiner Schritt zum leitenden Direktor der Duisburger Stadtbibliothek.

Bemerkenswert an dieser Biographie ist, daß es Barbian gelungen ist, ohne bibliothekarische Ausbildung — für den höheren Bibliotheksdienst, der Leitungsaufgaben wahrnehmen soll, ist ein zweijähriges Referendariat vorgesehen — und ohne allmähliche Aufstiegsbeförderung — für die Sachkompetenz im jeweils übertragenen Aufgabengebiet maßgeblich ist — sofort zum Bibliotheksdirektor bestellt zu werden. Wer die bibliothekarische Szene kennt, der weiß natürlich, daß die Leitungskompetenz immer nur die eine Seite der Aufstiegsmedaille ist, deren andere Seite die Abbildung des kulturellen Milieus des jeweiligen Bibliotheksträgers ist. Bei einer Stadtbibliothek ist der Träger die Stadt, und in Duisburg ist es eine Stadt, die solide in der Hand von SPD, CDU und Grünen ist, die derzeit 34, 18 und 10 Gemeinderatsmitglieder stellen und damit über die kulturpolitische Ausrichtung der städtischen Behörden bestimmen können.

Drawing[In Duisburg tagt der Gemeinderat in der Mercatorhalle. Quelle: Stadt Duisburg.]

Daß Barbian als ein Exponent der politischen und kulturpolitischen CDU-SPD-Grünen-Verhältnisse angesehen werden darf, wurde zum ersten Mal im Pegida-Jahr 2015 erkennbar. Am 19. Oktober jenen Jahres hatte der bekannte Schriftsteller Akif Pirinçci in Dresden eine »Wutrede« gehalten, auf die es ein starkes (negatives) Medienecho gab und die ihm eine Anzeige wegen »Volksverhetzung« eintrug. Die Wikipedia stellt die Ereignisse umfänglich dar, mit den für dieses Erzeugnis typischen linken Wertungen. Nicht dargestellt wird allerdings, daß es im unmittelbaren Anschluß an die Dresdner Wutrede und offenbar im Zusammenhang mit der skandalisierenden Medienfalschbehauptung, wonach Pirinçci die Überstellung von Flüchtlingen in Konzentrationslager gefordert habe, zu einem hier buchenswerten Ereignis kam: Jan-Pieter Barbian ließ als Direktor der Stadtbibliothek Duisburg die Bücher Pirinçcis sofort aus dem Bibliotheksbestand entfernen — lange bevor es nach der Anzeige überhaupt zu einem Gerichtsverfahren gegen Pirinçci, geschweige denn zu einer rechtskräftigen Verurteilung des Autors gekommen war. Den Grund für diese Aktion lieferte Barbian einige Zeit später in einem Artikel für die bibliothekarische Fachzeitschrift bub nach: »Das Lektorat und die Leitung waren sich einig, dass Bücher von menschenverachtenden und demokratiefeindlichen Autoren nichts in den Beständen einer Öffentlichen Bibliothek zu suchen haben. Meinungsfreiheit und freie Meinungsbildung in einer Demokratie dürfen in keinem Fall dazu missbraucht werden, die Grundwerte einer demokratischen Gesellschaft verbal und physisch mit Füßen zu treten. Im Fall von Pirinçci gibt es keine Trennung zwischen dem Autor ›harmloser‹ Katzenkriminalromane und dem Autor politisch fragwürdiger und abzulehnender ›Sachbücher‹. Die Verirrungen Pirinçcis in die rechte Szene und Gedankenwelt desavouieren seine eigenen Leistungen als Romancier.«

Daß Barbian mit seiner Aussonderungsaktion und ihrer Begründung selbst gleich zwei Grenzen überschritten und damit seine eigene Leistung als demokratieverteidigender Bibliotheksdirektor desavouiert hatte, kam ihm nicht in den Sinn und wenn doch, war ihm das offensichtlich gleichgültig. Er ritt ganz oben auf der Welle des Zeitgeistes, die von rechtlichen Bedenken unerreicht blieb und also souverän ignorierte, daß die von ihm vorgenommene Aussonderung ohne Rechtsgrundlage war (und ist). Denn natürlich gibt es kein Gesetz und keinen ministeriellen Erlaß (geschweige denn einen Gemeinderatsbeschluß), der es legitimieren könnte, die Bücher eines in öffentliche Ungnade gefallenen Autors aus dem Bestand einer Bibliothek zu entfernen. Barbian handelte also auf eigene politische Rechnung. Und das tut ein Bibliotheksdirektor nur, wenn er weiß, daß die Rechnung von seinen Oberen, dem Kulturdezernenten der Stadt Duisburg und dem Gemeinderat, gebilligt wird. Diese zu erwartende Billigung stellt den Bibliotheksdirektor als Behördenleiter aber nicht über Recht und Gesetz. Zu dieser einfachrechtlichen Grenzüberschreitung kam die verfassungsrechtliche Grenzüberschreitung hinzu: Während Barbian nämlich meinte, er habe mit seinem Tun die Werte des Grundgesetzes geschützt, verstieß er ganz offenkundig gegen Art. 5 (1) des Grundgesetzes, der ihn verpflichtet, den Zugang zu in Wort, Schrift und Bild geäußerten Meinungen nicht zu behindern — was er bei Pirinçci freilich ohne zu zögern tat. Und Barbian verstieß gegen Art. 3 (3) des Grundgesetzes, als er den Autor Pirinçci aufgrund von dessen politischen Anschauungen dadurch benachteiligte, daß er einfach alle Bücher von Pirinçci wegwarf. Würde so etwas allgemeine Praxis werden und der Bibliotheksbestand sich nach den politischen Anschauungen des Bibliotheksdirektors zu richten haben, wir hätten alsbald keine Bibliotheken mehr, die, wie es der Bundesverband »Bibliothek & Information Deutschland« noch 2016 in Reaktion auf Barbians Aussonderungsaktion gefordert hatte, ihre kulturelle Rolle gerade dadurch spielen, daß sie für »die Bereitstellung von gesellschaftlich und politisch kontrovers diskutierten Werken« sorgen und dadurch »ein vielfältiges Spektrum an Meinungen gewährleisten.«

Drawing[Kalispera Dell, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons.]

Nimmt man das alles zusammen, muß man feststellen: Barbian hat im Jahre 2016 die verfassungsrechtlichen Hürden, mit denen das Grundgesetz die Bürger vor dem übergriffigen Staat schützen wollte, glatt gerissen. Der Duisburger Direktor handelte nicht nur gesetz-, sondern auch verfassungslos. Und blieb danach im Amt.

Daß das kein Ausrutscher war in einer medial sehr aufgeladenen Situation, in der ein braver Bibliotheksdirektor irgendwo im Ruhrgebiet nach Lektüre der Morgenzeitung und ihrer Propaganda gegen Andersdenker-als-Merkel und Ablehner der illegalen Massenmigration meinte, er müsse für die Demokratie in unserem Land alles geben, zeigte sich durch einen weiteren Artikel Barbians, den er im Mai 2025 kurz vor dem Ende seiner Amtszeit wiederum in der Fachzeitschrift bub veröffentlichte.

Darin hält er mit seiner politischen Auffassung kein bißchen mehr hinterm Berg: Es geht los mit der Bedrohung Europas und der USA durch den »politischen Populismus«, was das übliche Codewort ist für »Afd und Donald Trump«, der sodann als Person die bemerkenswerte Ehre hat, in Barbians Artikel dies genannt zu werden: »ein Feind der Gewaltenteilung und des Rechtsstaats, der freien Presse und der freien Wissenschaft«, ein Klimaleugner und Leugner der ökologischen Frage, »ein Rassist«, »ein Verächter von Frauen, Homos, Lesben und Transsexuellen«, »ein rechtsextremer Populist mit einem autoritären Staatsverständnis als ›Führer‹ einer Weltmacht«. Offenbar saß Barbian in den langen Monaten der hierzulande durchgeprügelten Corona-Ausgangssperren, teilweisen Impfzwangs und Eingriffen in die Berichterstattung der Medien in irgendeiner Dunkelkammer, in der ihm in Dauerschleife der Film vom »Besten Deutschland aller Zeiten« vorgespielt wurde.

Nach diesem Einstieg ins Populismus-Thema rührt Barbian alles zusammen, was seit Monaten und inzwischen Jahren in den Zeitgeistmedien bemüht wird, um den Nazi-Teufel an die Wand zu malen und die staatlichen Freiheitseingriffe, die wir überall bemerken, als »Kampf gegen rechts« zu legitimieren. Es kommen also die Musks, Zuckerbergs und Bezos vor, die »ins Lager von Trump gewechselt« sind, es kommt Trumps Einleitung von Remigrationsmaßnahmen vor, die geframt werden als »Abschiebung von eingewanderten oder Asyl suchenden Menschen aus ärmeren Ländern«, und es endet mit einem Zwischenfazit, das sich so liest: »Die USA zeigen überdeutlich, was geschieht, wenn eine liberale, rechtsstaatliche Demokratie durch einen autoritären Populisten und seine Gefolgsleute im Rahmen eines Staatsstreichs [!!!] gekapert wird.«

Also wäre das noch nicht genug Wahnsinn, versteigt sich Barbian sodann dahin, daß er den eigentlichen Zweck des »Staatsstreichs« angibt: Die Populisten verkaufen den Staatsstreich als Durchsetzung des Volkswillens, wobei sie unter »Volk« — Barbian zitiert hier sicherheitshalber einen Politikwissenschaftler — ein moralisch reines und homogenes Volk verstehen, das sich den korrupten Eliten entgegenstelle. Daß das aber nur ein Trick ist, weiß Barbian schon deshalb, weil er den Verfassungsschutzbericht gelesen hat, dem er entnimmt, daß die AfD eine »in Teilen« als gesichert rechtsextrem eingestufte Partei ist. In Wahrheit, so scheint Barbian also zu meinen, geht es beim Thema »Volkswille« um die Durchsetzung irgendeines kulturellen Reinheitsgebots, und den Beweis dafür liefern ihm die USA, in der es im Jahre 2024 zu 3362 Buchverboten an Schulbibliotheken gekommen sei, von Büchern nämlich, die, wie Barbian erklärt, sich gegen Rassismus, Sexismus und Homophobie gestellt hätten.

Drawing[Stadtbibliothek Duisburg, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.]

Diesem großen Übel, das von jenseits des Atlantiks droht, hat Barbian jedenfalls schonmal dadurch die Stirn geboten, daß er am 24. Februar 2024 in der Stadtbibliothek Duisburg die ukrainische Flagge aufziehen ließ. Und danach machte er flugs das, was man in Fällen, in denen man nicht weiß, wie weit der Feind von jenseits des Atlantiks schon im eigenen Land ist und wieviele Mitarbeiter der Duisburger Stadtbücherei womöglich schon AfD-Sympathien hegen, immer zu tun pflegt: Man beglückt alle (!) Bibliotheksmitarbeiter mit einem Workshop, in dem sie unter dem für Workshops typischen Sozialdruck lernen, wie man mit »demokratiefeindlichen Konflikten« in der Bibliothek umzugehen hat. Woran sich die üblichen Projekte anschlossen: Projekte gegen Fake News, Bereitstellung von »Medienkoffern« zum Thema »Demokratie«, bibliothekarische Aufrufe zur Wahrnehmung des Wahlrechts, Kontexttualisierung von Büchern mit »problematischen« Inhalten. Das seit Jahren in Bibliotheken Übliche halt, und das seit Jahren Falsche.

Daß es falsch ist, sollte ein Barbian, der über »Literaturpolitik im ›Dritten Reich‹« promoviert hat, eigentlich wissen können. Denn das Falscheste alles Falschen, das Bibliothekare tun können und im 20. Jahrhundert bereits zweimal getan haben, ist, sich der staatlichen Propaganda und ihren Eingriffen in die Meinungsfreiheit bereitwillig zur Verfügung zu stellen. Das geschah nie motivations- und legitimationslos, und es geschieht auch bei Barbian in der mächtigen Legitimationsfigur des »Kampfes gegen rechts« und der »Verteidigung von UnsereDemokratieTM«. Dabei wird das Grundgesetz reinterpretiert zu einem Wertekanon, der es gebiete, gegen alle Tendenzen vorzugehen, die die in Art. 1 prominent gesetzte »Menschenwürde« in Frage stellen. Daß der Kern dieses Artikels darin liegt, dem Staat im Umgang mit seinen Bürgern die Hände zu binden und ihm beispielsweise zu untersagen, die Bürger im Rahmen von Strafverfahren zu foltern, will man nicht mehr wissen. Statt dessen will man aus diesem Artikel seit einigen Jahren herauslesen, daß wir uns jederzeit allen Menschen aus allen Weltgegenden gegenüber in dem Sinne »menschenwürdig« zu verhalten hätten, daß wir sie diskriminierungslos in unserem Land willkommen heißen und alimentieren. Daß die negativen Effekte dieser absichtlichen Fehlinterpretation inzwischen deutschlandweit in jeder Stadt und längst auch auf dem Land zu besichtigen sind und von immer mehr Menschen wahrgenommen und kritisiert werden, will man nicht wahrhaben. Lieber schiebt man den zunehmenden Unmut und die zunehmende Verzweiflung der Menschen aufs Konto der Populisten und noch besser der verkappten Nazis, die die schöne neue Welt des globalistischen Bürgertums mit seinem konfliktfreien Multikulturalismus durch einen Staatsstreich beseitigt hätten.

Drawing[Staatlich angeordnete Vernichtung von Schmutz- und Schundliteratur in der DDR. Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-30858-001 / Klein / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE, via Wikimedia Commons]

Es ist diese grobe Fehlsicht auf die Dinge, die Barbian überall Demokratiefeinde sehen läßt, wo sich in Wahrheit die populären Verteidiger der Demokratie gegen ihre unpopulär-globalistischen Gegner zu wehren beginnen. Man kann diese Rollenvertauschung sehr schön daran erkennen, daß Barbian Trump und den republikanisch geführten Bundesstaaten der USA Bücherzensur vorwirft, wo es doch in Wahrheit um die Frage geht, ob die Eltern von schulpflichtigen Kindern bei der Bestückung der Schulbibliotheken und dem benutzten Lehrmaterial nicht ein Wörtchen mitzureden haben sollten. Es geht, um es kurz zu machen, in den USA um einen Konflikt zwischen Eltern und linkswoken Lehrern, die seit Jahren die Schulbibliotheken und Unterrichtsmaterialien mit Büchern durchsetzt haben, in denen queere und hochgradig sexualisierte Themen verhandelt werden, ohne daß die Eltern das mitbekamen; es geht darum, daß die Eltern das nun aber mitbekommen haben und über die demokratisch gewählten Schoolboards in bisher knapp neunzig Schulbezirken dafür gesorgt haben, daß solche Bücher aus den Schulbibliotheken entfernt und den linken und woken Lehrern die Hände gebunden werden. Wir habe also, um es noch kürzer zu machen, keinen Konflikt zwischen Freiheit und Autoritarismus vor Augen, sondern wir haben einen mit den Mitteln der Demokratie ausgetragenen kulturellen und pädagogischen Konflikt: Die von den Eltern demokratisch gewählten Schoolboards setzen den Elternwillen durch.

Schaut man vor hier aus auf die sonstigen Ausführungen Barbians, sieht man rasch, daß sie noch substanzloser als seine Ausführungen zur angeblichen Bücherzensur in den USA sind. Sie sind im wesentlichen nichts weiter als ein langes Statement, in dem Barbian ein politisches Bekenntnis ablegt. Das darf er gerne, und er darf es auch gerne in einer biblithekarischen Fachzeitschrift, die ein ganzes Themenheft mit solchen Bekenntnissen gefüllt hat. Das ist freilich kein gutes Zeichen. Erstens nicht für die Fachzeitschrift bub, die hier den Schritt gemacht hat von einem professionellen Fachorgan zu einem weltanschaulichen Kampfblatt. Und zweitens nicht für die zusammen mit Barbian in dem Themenheft »gegen rechts« Kämpfenden, denn das Themenheft suggeriert zwar, daß hier eine starke einheitliche Linksfront bibliothekarischer Demokratieverteidiger gegen die populistische rechte Flut kämpft. In Wahrheit aber stammt die Mehrzahl der Artikel nicht von Bibliothekaren, sondern wurde von der üblichen Mischung aus Projektmitarbeitern und staatlich finanzierten Aktivisten verfaßt, die hier, indem sie ihr ideologisches Spielfeld verteidigen, natürlich zugleich um ihren Kopf schreiben. Denn sollten die Populisten obsiegen, wäre es bald aus mit dem steuerfinanzierten Aktivismus und der »gegen rechts« kämpfenden Projektstelle.

Barbian hat sich dieser Perspektive rechtzeitig entzogen. Er hat aus dem System herausgeholt, was für ihn herauszuholen war, und jetzt ist er im Ruhestand.

Drawing[Jan-Pieter Barbian. Quelle: Stadtbibliothek Duisburg, CC BY 4.0, via Wikimedia Commons.]


Der vorstehende Beitrag erschien am 11. Januar 2026 auf Achgut.com unter dem Titel »Wenn ein Bibliotheksleiter zum Kulturkämpfer wird«. Ich veröffentliche ihn hier erneut in klassischer deutscher Orthographie und angereichert durch Bildmaterial.