Wir leben in vorrevolutionären Zeiten. Solche Zeiten kann man daran erkennen, daß das vor kurzem noch stabile politische System in einen sich immer schneller drehenden Abwärtsstrudel gerät, aus dem es nicht mehr herauskommt. Im Strudel verkehren sich die gewohnten Dinge in ihr Gegenteil, bis am Ende alles so verdreht und verkehrt und also im Wortsinne »pervers« ist, daß man das pervertierte System mit einer Ekelgeste abschüttelt.
Es beginnt immer mit den kleinen Details, die nicht mehr stimmen: mit den zunehmenden Verspätungen der Busse und Bahnen, mit den Gebührenerhöhungen für staatliche Leistungen, die eigentlich mit den Steuern abgegolten sein sollten.
Dann kommt das größere Versagen: Der Bau eines Flughafens, eines Bahnhofs oder einer Philharmonie soll das Prestige der Systemlinge aufwerten, führt aber nur zu dysfunktionalen Architekturmonstren. Um diesem sichtbaren Verdampfen des technischen und organisatorischen Sachverstandes etwas entgegenzusetzen, spielt man die Moralkarte und öffnet das Land für die vermeintlich Benachteiligten aller Herren Länder, aber das führt am Ende zu einer dysfunktionalen und monströsen Staatsarchitektur. Das Ende vom Lied ist, daß in diesen dysfunktionalen Architekturen das Geld der Steuerzahler auf Nimmerwiedersehen verschwindet und keine wertschaffenden und den Staat stabilisierenden Effekte mehr hat.
Auf dieser Stufe der Staatsperversion sehen wir, wie zunehmender Verfall und teure Schaufenster- und Moralprojekte eine Zeitlang nebeneinander herlaufen. Bis zu jenem Moment, da sich herausstellt, daß die angesagten Projekte ebenjene Summen verschlingen, die es brauchen würde, um den strukturellen Verfall des Staates aufzuhalten. In jenem Moment bemerkt der Bürger, daß die staatliche Infrastruktur nur noch dem Namen nach existiert: die Züge sind noch da, aber sie fahren nicht mehr, die Heizung ist noch da, aber sie gibt keine Wärme mehr ab; aus der Steckdose fließt kein Strom.
Die letzte Stufe der Staatsperversion ist erreicht, wenn sich zeigt, daß die Systemakteure nicht zum allgemeinen Besten handeln, sondern ihr Handeln von perversen Motiven getrieben ist. Die beiden perversen Hauptmotive sind wie eh und je in der Geschichte: Macht und Geld auf der einen Seite — und der Sexualtrieb auf der anderen Seite. Sobald diese Motive ans Tageslicht kommen, muß der Bürger entsetzt feststellen, daß das vermeintlich Gute nur eine Tarnorganisation des Bösen war: Er muß plötzlich damit rechnen, daß sich bei kirchlichen Repräsentanten, die nach den Evangelischen Räten und also in Gehorsam, Armut und Keuschheit leben sollten, reichlich Unrat angesammelt hat; er muß damit rechnen, daß der milliardenschwere Impfaktivist, der dem gesamten Planeten das Heil der modRNA bringen wollte, möglicherweise nichts weiter als ein Pädophiler ist. Und das ist das Schlimmste: daß der entsetzte Bürger damit zu rechnen hat, daß die moraltriefenden Tarnorganisationen ein globales Netzwerk aufgebaut haben, in dem nicht nur Macht und Geld zirkulierte, um noch mehr Macht und noch mehr Geld zu generieren, sondern in dem auch Kinder als Sexspielzeug herumgereicht wurden.
Auf dieser Perversionsstufe greift ein allgemeiner systemischer Vertrauensverlust um sich. Denn der Bürger, der nach einer neutralen Instanz sucht, die dem Unheil Einhalt gebieten könnte, stellt zuletzt fest, daß auch die Justiz von der Macht pervertiert wurde und nicht mehr in der Lage ist, im Staat stabilisierend-ausgleichend zu wirken.
Das ist der Moment, an dem der Bürger bemerkt, daß der Staat zu funktionieren aufgehört hat. An der Stelle des Staates findet der Bürger reine Machtkartelle, die jeden Versuch zu einer Restitution des Staates blockieren, weil diese Restitution sie um ihre Einkünfte, ihre Macht, ihre Drogen und ihre Sexspielzeuge bringen würde. Der Bürger findet sich wieder in der Rolle der Justine in Marquis de Sades gleichnamigen Roman: In dem Versuch, dem drohenden Unheil zu entkommen, gerät Justine ein ums andere Mal in die Hände von Betrügern und Perversen, deren Erfolg sich umgekehrt proportional zu dem Leid verhält, das Justine durch sie erfährt. Man hat den Marquis de Sade wegen seiner perversen Phantasien erst ins Gefängnis und dann in die Irrenanstalt gesteckt. Man hat ihm Unrecht getan: Seine Phantasien lassen sich als eine vorzeitige Verschwörungstheorie lesen, in der er das Drehbuch für ein Schauspiel entwickelt hat, in dem der pervertierte Staat sich rasant delegitimiert und zerstört.
Der vorstehende Beitrag erschien zuerst am 11. Februar 2026 als Tageskommentar auf »Kontrafunk«.