Mohrenstraße

Geschrieben von Uwe Jochum am 5.3.2026

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Berlin ist eine kuriose Stadt. Wer sich ihr von Süden aus nähert, am besten von ganz weit unten im deutschen Süden, der wird ebendas verstärkt bemerken, was alle bemerken, die in diese Stadt kommen: Sie ist laut, dreckig und an viel zu vielen Stellen heruntergekommen. Sie ist unharmonisch entwickelt, will sagen: alt- und neupreußische Prachtbauten stehen neben gesichtslosem Glas- und Betonfassadenzeug aus den letzten Bauproduktionsjahren. Das Ergebnis: Die Straßenfluchten bewirken in der Tat einen Fluchtreflex; zum Verweilen laden sie jedenfalls nicht ein.

Drawing[Die Mohrenkolonnaden in den Mohrenstraße. Quelle: Axel Mauruszat, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.]

Der Mehrzahl der Berliner scheint das ebenso egal zu sein wie die Vermüllung des öffentlichen Raumes und sein Bezug durch Obdachlose, die man hier wie überall als »Penner« bezeichnet, offenbar mit dem kleinen Unterschied, daß man in Berlin auf diesen Status auch noch stolz sein kann, jedenfalls in die Zeitung kommt. Es muß schon ins Katastrophische spielen, ehe ein Berliner Mißstand nicht nur breite öffentliche Aufmerksamkeit erfährt, sondern von der Politik als irgendwie zu behebender Makel begriffen wird. Was nicht heißt, daß angemessen auf den Mißstand reagiert wird. Das einschlägige Beispiel für jahrelanges Ignorieren und Fehlreagieren bietet der Görlitzer Park, dessen deutschlandweit bekannte Drogen- und Gewaltszene sich nicht mehr übertünchen läßt — jedenfalls sah sich sogar der öffentliche Fernsehrundfunk zu kritischen Berichten veranlaßt.

Vor Ort heißt das freilich wenig mehr, als daß man eine »Arbeitsgemeinschaft Görlitzer Park« ins Leben gerufen hat, die für die anwohnenden »Kreuzberger*innen« ein »Handlungskonzept« entwickeln durfte, in der der erstaunte Berlinbesucher, der sich über die Zustände im Park wundert, Prosa dieser Art finden kann: »Viele seiner Stammbesucher*innen sehen im Görli vor allem einen Freiraum, eine widerborstige Enklave, der die Gentrifizierung bisher nicht den Garaus machen konnte und die es um jeden Preis zu verteidigen gilt; einen Ort, an dem möglich ist, was im urbanen Raum sonst immer weniger geht: sich allein oder in Gesellschaft aufzuhalten, ohne auf Stühlen sitzen und konsumieren zu müssen. Stattdessen dürfen hier alle tun und lassen, was sie wollen. Ob arm oder reich, schmutzig oder schnieke, betrunken, bekifft oder nüchtern, alle finden ihren Platz. So gleicht der Görlitzer Park in ihren Augen einer sozialen Skulptur oder einer Bühne, auf der sich seine Besucher*innen nach Belieben inszenieren können.« Immerhin rafft sich das »Handlungskonzept« dann doch noch zu einer Beschreibung der Zustände vor Ort auf, die das Problem wenigstens verbal erfassen: »Fazit: vielen Kreuzberger*innen geht die ›Freiheit‹ im Park zu weit. Sie haben Angst, fühlen sich unwohl, bedrängt oder empfinden die allge- meine Atmosphäre schlicht als angespannt und stressig. Diese Gefühle sind entscheidend dafür, dass der Park in den letzten Jahren vor allem den Anwohner*innen mehr und mehr als Freizeitort verloren gegangen ist.«

Drawing[Görlitzer Park. Quelle: Boris Niehaus, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.]

Aber — wir reden ja von Berlin — natürlich endet das alles nicht in einem klaren Konzept, auch wenn man ein »Handlungskonzept« ausgearbeitet hat. Vielmehr wird die Problemlage und ihre Behebung zum Schluß auf eine solide grüne Sprachregelung à la Göring-Eckardt gebracht, in der »Regeln neu austariert, Realitäten anerkannt, Kompromisse gefunden werden«, damit der Park »zum Labor für solch einen gesellschaftlichen Aushandlungsprozess wird und wir uns den Problemen stellen, die viele Metropolen in Europa auf Grund von Migrationsströmen, Drogenpolitik und Gentrifizierungs- prozessen beschäftigen« (S.39 des »Handlungskonzepts«). Prost Mahlzeit.

Womit wir wieder zur Mohrenstraße kommen können. Dort nämlich hat man Realitäten anerkannt und neue Regeln austariert, freilich ohne Kompromißfindung. Vielmehr hat dort die vereinigte grüne Linke oder linke Grüne ihren Kopf durchgesetzt, gegen alles historisch Gewachsene, gegen alle Gegenargumente und gegen alle pragmatische Vernunft, es im Zweifelsfall so zu lassen, wie es war. Denn daß ein so unwoker und sofort unter Rassismusverdacht gestellter Name wie »Mohrenstraße« wegmuß, war von Anfang an natürlich gesetzt. Und so kam er prompt auch weg und wurde am 18. Juli 2025 zur »Anton-Wilhelm-Amo-Straße«. Natürlich unter reichlich begleitendem Einsatz der politisch überkorrekten Hauptstrommedien, die es sich nicht nehmen ließen, immer wieder die Straßennamenumtaufaktion ins Bild zu bringen: mit symbolmächtig durchgestrichenem Rassistennamen (»Mohrenstraße«) und kolonialismusfreier Neubenennung (»Anton-Wilhelm-Amo-Straße«).

Drawing[Amo Mohrenstraße. Quelle: Ixicon, CC0, via Wikimedia Commons.]

Daß man mit dieser Umbenennungsaktion zwar politisch äußerst korrekt, sachlich aber wohl grottenfalsch lag, gehört zu Berlin wie der rote Marmeladenkleks im Berliner: Der gute Amo war nur mit grüner Brille ein Guter, ansonsten kam er, wie alsbald ermittelt wurde, mit großer Wahrscheinlichkeit aus einer Sklavenhalter- und Sklavenjägergemeinschaft, war also nicht Opfer, sondern Täter. Aber nicht um diese peinliche Volte der Realität gegen die vermeintlich richtige Gesinnung soll es hier gehen, sondern um das berlintypische Umsetzen eines Konzepts, hier also der Straßenumbenennung.

Zu diesem Konzept gehört, daß der alte Name noch sechs Monate in Gebrauch bleiben sollte, alldieweil ja erst noch die Straßenschilder auszutauschen waren und die Anwohner ihre Briefköpfe umzustellen hatten, plus all das, was eine funktionierende Verwaltung so tut, wenn ein Verwaltungsakt wie eine Straßenumbenennung zu vollziehen ist. Was in Berlin heißt: Man tut so als ob und gibt sich mit dem Anschein zufrieden. Denn die sechs Monate Namenskarenzzeit sind längst vorbei, und der Berlinbesucher darf nach wie vor mit der U-Bahn nicht nur fahren, sondern auch an der Station »Mohrenstraße« aussteigen, nachdem ihm kurz zuvor angekündigt worden war »Nächste Station Mohrenstraße, Ausstieg links«. Und richtig: Schaut der Tourist oder Handlungsreisende in seinen Stadt- und U-Bahn-Plan, findet er dort wie eh und je die Haltestelle »Mohrenstraße«; ebenso wie er in der U-Bahn auf der Anzeigetafel wie eh und je lesen kann: »Mohrenstraße«. Schaut er gar auf die Wand der U-Bahn-Station, steht dort immer noch: »Mohrenstraße«.

Mohrenstraße [Linien- und Haltestellenplan der U-Bahn in Berlin.]

Und steigt der U-Bahner dann aus dunklem Schacht nach oben ans Licht, wird er von blauen Leuchtschildern empfangen, auf denen neben dem Großen »U« immer noch steht: »Mohrenstraße«. Nur im unmittelbaren Umfeld der U-Bahn-Station hat man dann einige Straßenschilder überklebt — wie es aussieht, um den Fernsehteams der Wokesender ein sinnbildmächtiges Motiv zu bieten. Geht man aber nur eine oder zwei Straßenkreuzungen weiter auf der Mohrenstraße, findet man jede Menge Straßenschilder, auf denen der Name »Mohrenstraße« ohne alle Überklebung zu lesen ist.

Nun, in diesem Fall ist das ein gutes Zeichen. Denn wie immer, wenn eine Sache in die Mühlen der Verwaltung gerät, ist es am besten, wenn die Verwaltungsmühlen gar nicht erst mahlen, am zweitbesten aber, wenn sie langsam mahlen. Denn durch das Nicht- oder Langsammahlen besteht die Chance, daß der übereilige Zeitgeist, der sich ganz in seiner jeweils kurrenten Ideologie wälzt, von der Realität noch rechtzeitig überholt und gestoppt wird. Wie hier in der Mohrenstraße, wo die alten Straßenschilder von alter und gänzlich unwoker, dafür aber durchaus beachtenswerter, wenn nicht sogar anrührender Tradition künden, während der umbenannte Teil der Straße sich nun als genau das entpuppt, was er nicht sein wollte: als Manifest eines Rassismus, der als innerafrikanischer Rassismus kein Deut besser war als das, was der linksgrünwoke Zeitgeist seit langem so verbissen bekämpft.