»In dem Dasein eines Volkes ist es der substantielle Zweck, ein
Staat zu sein und als solcher sich zu erhalten; ein Volk ohne
Staatsbildung (eine Nation als solche) hat eigentlich keine
Geschichte […].«
Hegel: Enzyklopädie (1839), § 549.
Hegel führt hier im Hintergrund seiner Ausführungen die historische Erkenntnis mit, daß in der Tat die Heraufkunft des Staates als Organisation eines oder mehrerer Völker und der Beginn der durch Schriftzeugnisse dokumentierten Geschichte am Ende des vierten Jahrtausends v.Chr. zusammenfallen. Damit aber ist der Staat seit mehr als fünftausend Jahren immer »der Geist, der in der Welt steht«, nämlich »als gegenwärtiger, sich zur wirklichen Gestalt und Organisation einer Welt entfaltender Geist«, wie Hegel in seinen Grundlinien der Philosophie des Rechts (§ 258 Zusatz und § 270 Zusatz) schreibt.
Das meint: Kein Staat ist bloße Organisation, sondern jeder Staat ist die historische Gestalt eines je eigenen Geistes, der mehr ist als die Summe der einzelnen Interessen seiner Bürger, der vielmehr diesen Interessen immer vorausliegt als »das Sittliche«, das die Bürger als allgemeinverbindlich erachten und wonach sie sich richten, um in dieser Ausrichtung auf die allgemeine Sitte auch einen allgemeinen Willen zu verwirklichen.
Dieses »Sittliche« — also das, was in einem Staat Sitte ist, was man so macht, was als gebührlich gilt und was nicht — macht sich nicht von alleine, sondern braucht die Menschen, die darauf reflektieren, wie sich das, was sie wollen, zu dem verhält, was von den Vorfahren gewollt wurde und in dem Staat, in dem sie leben, zur politischen Form geworden ist: mit den Kirchen in den Zentren der Dörfer und Städte, mit der Landschaft, die über Jahrhunderte von Bauern und Gärtnern gestaltet wurde, mit den Garten- und Grenzzäunen, die Mein und Dein schiedlich-friedlich trennen und zugleich zu Nachbarn erklären; mit der Art, wie Familien zusammenleben und die Kinder erziehen und ob die Liebe dabei eine Rolle spielt; mit der Gesellschaft, die Interessen organisiert und Konflikte in geordneter Form austrägt und die Jungen so erzieht, daß es weitergehen kann mit dem Staat; mit der Religion, die von dem Unwandelbaren jenseits der sich verändernden Wirklichkeiten kündet und davon, daß es eine Wahrheit gibt, die nicht verhandelbar ist.
Wir leben freilich in einem Land, in dem vor sechzig oder siebzig Jahren mit der Austreibung des Geistes begonnen wurde. Es ist ein Land, dessen rapide zunehmende Desorganisation eben nicht nur ein Organisationsversagen ist, sondern aus einer Aushöhlung des Sittlichen resultiert, in deren Folge das Verständnis für Ordnung jeder Art und die vor aller Ordnung liegende Wirklichkeit der Wahrheit abhanden gekommen ist. Das Ergebnis ist die frivole Vorstellung, man können geordnetes Zusammenleben tagtäglich neu aushandeln und die Ordnungsrahmen nach Belieben verschieben. Tatsächlich gehört es längst zum schicken Ton, im Wohnzimmer einen dickbäuchigen Buddha aufzustellen und von den erleuchtenden Aufenthalten bei Osho (Bhagwan Shree Rajneesh) zu berichten, während man es als eher peinlich empfindet, wenn überm Essenstisch ein Kreuz hängt und vor der Mahlzeit ein Gebet gesprochen wird.
Wer es noch schicker möchte, der versucht dem Islam etwas Positives abzugewinnen und sich darüber zu freuen, daß nicht erst seit 2015, seit 2015 aber in Scharen junge virile Männer ins Land strömen, die den Verlust der hiesig-abendländischen Sitten durch in aller Öffentlichkeit vollzogene muselmanische Massengebete kompensieren. Das Resultat ist die Zurschaustellung von Verhaltensweisen, die man bisher planetaren Zonen mit völlig anderen Sitten zuordnete, die sich nun aber überall im Staate breitmachen und, indem sie die hiesigen Sitten verschieben, natürlich auch den Staat verschieben.
Der Aktivist Martin Sellner hat ein schlagendes Beispiel für die Verschiebung kürzlich in Bild und Text festgehalten:
[Quelle: Martin Sellners Post auf
X.]
Sellners Nachricht auf X hat, wie nicht anders zu erwarten, für einige Aufregung gesorgt, die von völligem analytischem Unverständnis bis zu haßgetriebenem Schäumen reichte.
Dabei ist die Lage, die es zunächst festzustellen gilt, recht einfach zu beschreiben: Cem Özdemir ist der Sohn eines aus der Türkei stammenden Tscherkessen, der mit seiner Frau zu Beginn der 1960er Jahre nach Deutschland kam, wo Cem 1965 geboren wurde und eine erstaunliche politische Karriere hinlegte; und er ist ganz offensichtlich ein Moslem, wie das Bild in der Moschee zeigt, das es ja nur gibt, weil er sich in dieser Weise öffentlich geben wollte.
Und hier liegt nun das Problem: Wie soll man sich dazu verhalten, daß Cem Özdemir durch seine Herkunft und seinen Glauben, wie distanziert er zu ihm auch immer stehen mag, an dem, was hierzulande bisher »Sitte« war, nicht teilgenommen hat? Denn die hiesigen Sitten sind nunmal nicht tscherkessisch, auch nicht türkisch oder muslimisch oder anatolisch oder nahöstlich geprägt; sie sind christlich-europäisch mit einer gehörigen Portion Judentum, das über lange Zeiträume in Faszination und Abwehr mit Europa verbunden war und in Restspuren bis heute verbunden ist.
Sellner hat das Problem zu erläutern versucht:
[Quelle: Martin Sellners Post auf
X.]
Natürlich kann man das Problem ignorieren und so tun, als sei es gleichgültig, was einer glaubt oder nicht glaubt, und als sei es gleichgültig, woher einer kommt und welche Sitten er von dort mitgebracht hat. Man redet dann vom Geburtsort und von der als Kind gelernten Sprache und meint, damit alles gesagt zu haben.
[Quelle: X.]
Oder man versucht, sich dem Problem mit soziologischem Instrumentarium zu nähern und aus dem Dazugekommenen einen deutschen Spießer zu machen — ein Manöver, das ganz offensichtlich dem Verdacht vorbauen will, daß eine Unterscheidung nach Herkunft und überkommener Sitte in irgendeiner Form als rassistisch wahrgenommen werden könnte.
[Quelle: X.]
Beide Manöver blenden aus, was hier in Frage und auf dem Spiel steht: Welche sittliche Grundlage hat der deutsche Staat bisher gehabt und welche soll er weiterhin haben? Sprache spielt dabei eine Rolle, Religion spielt eine Rolle, und Herkunft spielt eine Rolle. Wie sehr, kann man daran ablesen, daß es in anderen Kontexten völlig selbstverständlich ist, über die unbewußte transgenerationelle Weitergabe von Traumata zu reden und sich Gedanken darüber zu machen, wie sehr die einschneidenden Erlebnisse der Väter und Großväter als unverarbeitete Traumata an die Kinder und Enkel weitergegeben werden und deren Leben prägen und viel zu oft aus dem Gleichgewicht bringen. Wenn sich das aber so verhält, dann ist es eben nicht gleichgültig, ob jemand in einer Abstammungslinie steht, in der Erfahrungen wie der Dreißgjährige Krieg, die Schlesischen Kriege, die Napoleonischen Kriege, die Freiheitskriege, der Deutsch-Französische Krieg 1870/71, die beiden Weltkriege zu einer Folge von Traumata geführt haben, die von Generation zu Generation weitergegeben wurden und nicht nur das in den Schulen vermittelte Geschichtsbild prägten, sondern auch zu einem Teil der individuellen und nationalen Seele und also der hiesigen Sitten wurden.
Das alles ist keine Sache nur für die abstrakte Reflexion und die Wahrheitssuche, es ist — bei den Hiesigen — ein Fall, der in den Alltag fällt und diesen prägt: Immer dann, wenn sich die Schleusen der Vergangenheit öffnen und mit den Erinnerungen die Gefühle zu fluten beginnen, weiß man nicht nur, was die Vorväter durchmachen mußten, sondern man bemerkt, daß man selbst noch in dieser Flut steht, die einem schneller als es einem lieb ist plötzlich am Hals steht. Und dann bemerkt man, was es heißt, dazuzugehören.
[Quelle:
X.]