Bibliothekskatastrophen

Geschrieben von Uwe Jochum am 15.7.2026

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Wer »Bibliothekskatastrophe« sagt, denkt zumeist an brennende Bibliotheken: ein Funke, und schon ist völlig und auf immer vernichtet, was Generationen mühsam gesammelt hatten. Diese bibliothekarische Maximalkatastrophe, die sich ob ihrer sinnlichen Qualitäten dem kulturellen Gedächtnis auf Generationen so einzubrennen vermag, daß sie sich auch bei kleineren Brandanlässen publikums- und spendenwirksam reaktivieren läßt, markiert jedoch nur den katastrophischen Höhenkamm, der den Blick von all dem ablenkt, was in den Niederungen geschieht und, sähe man nur schärfer und öfter hin, ebenfalls als Katastrophe zu qualifizieren wäre. Das hat der Duc de Bury noch gewußt, der im frühen 14. Jahrhundert in seinem Philobiblon die Vernachlässigung der Bücher durch die Mönche der Bettelorden beklagte, die entgegen dem Armutsgebot üppig speisten, schöne Kleider trügen und in hochgetürmten Häusern wohnten, aber nur noch Heftchen von geringem Wert in die Hände nähmen.1 Zweifellos wohnt der Vernachlässigung, die den Büchern die ihnen gebührende Aufmerksamkeit entzieht, um sie sich selbst und also einem dekompositierenden Naturprozess zu überlassen, dasselbe Zerstörungspotential inne wie dem plötzlichen Feuer. Aber es ist ein Potential, das sich unbemerkt in den Alltag schleicht und dort sein Werk über Jahre und Jahrzehnte verrichtet, so daß die Mitlebenden kaum Bemerkenswertes zu berichten wissen. Wo sie es aber wie der Duc de Bury dennoch einmal bemerken, wird die Aufmerksamkeit auf die schleichende Vernachlässigung sofort absorbiert vom starren Blick auf das Feuer, dessen dramatische Plötzlichkeit nicht nur archaische Ängste weckt, sondern sich in ihrer Dramatik rhetorisch ausgestalten und damit bemerkbar und merkbar machen läßt. Wir haben dann wie beim Duc de Bury eine — falls man das sagen darf — entflammte Rhetorik, für die der Brand der großen Bibliothek von Alexandria nicht nur ein entsetzliches Unglück ist, sondern ein »Brandopfer, wo statt Blutes Tinte dargebracht ward, wo das im Feuer aufgehende Weiß knisternden Pergaments blutigrot erglühte, wo die gefräßige Flamme soviel Tausende Unschuldiger verzehrte, in deren Munde keine Lüge erfunden wurde, wo das unbarmherzige Feuer soviel Schreine ewiger Wahrheit in stinkende Asche verwandelte.«2

Feuer [Bild von Pete Linforth auf Pixabay.]

Man tut gut daran, diese Rhetorik wieder zurückzufahren und gegen und zugleich mit dem Duc de Bury den Blick auf die Zonen jenseits der schauerlichen Brand-Rhetorik zu richten, auf Zonen, in denen Desinteresse und Vernachlässigung dafür sorgen, daß die Dinge sang- und klanglos verschwinden und am Ende alle froh sind, daß es so ist. Diese Zonen, so werden wir sehen, sind die eigentlich interessanten bibliothekskatastrophischen Zonen, weil sie als ein im wesentlichen rhetorikfreier Raum uns in aller Nüchternheit mehr über Katastrophen verraten, als uns lieb ist. Bleiben wir aber zunächst bei dem, was als große Bibliothekskatastrophe Teil unseres kulturellen Gedächtnisses geworden ist.

1. Die große Katastrophe als Ereignis

Von einer großen Bibliothekskatastrophe wird man dann sprechen, wenn Bedeutendes abrupt vernichtet wird und dieses Bedeutende den literarischen Kanon bildet, durch den sich eine Kultur ihre Identität verschafft und worin sie diese Identität repräsentiert sieht.3 In einer Bibliothekskatastrophe wird daher die Identität einer Kultur plötzlich und unmittelbar gefährdet, und das führt im Extremfall zum Untergang der von der Katastrophe betroffenen Kultur oder zu ihrer vollständigen Neuerfindung. Daher nimmt es nicht wunder, daß die großen Bibliothekskatastrophen im Zuge kriegerischer Aktionen eintraten, bei denen zum politischen und ökonomischen Vernichtungswillen der kulturelle Vernichtungswille hinzukam.

Schauen wir uns das an einem frühen Beispiel an: Als die Seleukiden im 2. Jahrhundert v. Chr. versuchten, eine reichseinheitliche Religion durchzusetzen, traf das auf den Widerstand der Juden, die mit der Thora über eine transportable Bibliothek ihrer heiligen Schriften verfügten, in denen das ganz besondere Bundesverhältnis zwischen Gott und Israel Wort geworden und damit die Identität Israels aufbewahrt war. Folglich mußten die Seleukiden alles daran setzen, durch Vernichtung der Thora die religiöse Identität der Juden auszulöschen, um ideologischen Raum für die seleukidische Reichsreligion zu gewinnen. Wie das geschah, weiß das erste Makkabäerbuch zu berichten: »Alle Buchrollen des Gesetzes, die man fand, wurden zerrissen und verbrannt. Wer im Besitz einer Bundesrolle angetroffen wurde oder zum Gesetz hielt, wurde aufgrund der königlichen Anordnung zum Tod verurteilt.« (1 Makk 1,56f.) Die Juden reagierten auf diese Pressionen mit einem Aufstand, an dessen Ende die Dynastie der Hasmonäer stand, deren theokratisches Regime sich in der Zweideutigkeit von göttlichem Regiment und weltlichen Interessen allmählich aufrieb und den nationalen Untergang des Judentums nur aufschieben, aber nicht aufhalten konnte. Aber immerhin reichte die Kraft, um wenn schon nicht den jüdischen Staat, dann doch wenigstens die kanonischen Schriften der Juden zu bewahren und in der fortdauernden Lektüre dieser Schriften eine neue und dauerhafte, wenn auch andere jüdische Identität zu finden.

Drawing[Aufstand der Makkabäer. Deror avi, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.]

Das Beispiel zeigt in nuce, daß es nach der Bibliothekskatastrophe — selbst wenn ihr ultimativer Ausgang, wie hier, verhindert und der Kanon bewahrt wird — keinen Weg zurück in die Welt vor der Katastrophe gibt. Das Beispiel zeigt aber auch, daß Bibliothekskatastrophen, um stattfinden zu können, tatsächlich einen Kanon brauchen, dessen Umfang und Konzentration den Grad der möglichen Katastrophe anzeigt. Dabei markiert die religiöse Kultur der Juden den Extremfall äußerster Kanonverdichtung, bei dem es genügt hätte, durch die Vernichtung eines einzigen Buches (freilich in allen seinen verfügbaren Exemplaren) die jüdische Kultur auszulöschen. Aber auch in nichtreligiösen Kulturen bleibt der Kanon etwas, das auf einen physisch überschaubaren Raum zusammengedrängt werden kann, nur daß das nun zumeist ein Korpus ganz unterschiedlicher Texte sein wird, die nicht in ein Buch, aber immer noch in eine Bibliothek passen. In diesen Fällen ist die Kanon- und Identitätsauslöschung etwas aufwendiger, aber immer noch handstreichartig machbar. Zwei solche Handstreiche sind in der Geschichte des Abendlandes erfolgreich durchgeführt worden.

Der erste Handstreich war die Eroberung Konstantinopels durch die Türken unter Sultan Mehmed II. im Jahr 1453. Damals ging durch Brandschatzung in der Residenz der oströmischen Kaiser verloren, was seit dem Ende Westroms im Jahre 476 noch beinahe 1000 Jahre lang an antiker Tradition bewahrt worden war.4 Enea Silvio Piccolomini spricht als Zeitgenosse der Ereignisse von 120 000 vernichteten Büchern und klagt darüber, daß nun die Quelle der Musen ausgetrocknet und damit das Abendland, das aus dieser Quelle gewässert wurde, in Gefahr sei.5 Tatsächlich bedeutete die türkische Eroberung für die Stadt Konstantinopel das Ende der abendländischen Schriftkultur, denn nun traten an die Stelle der griechischen und lateinischen die arabischen Zeichen, an die Stelle der Bibel trat der Koran, und der Platz der griechisch-lateinischen Literatur und Philosophie wurde von ihrem islamischen Pendant eingenommen. Danach und seither gab es für Konstantinopel kein Zurück mehr ins Abendland, danach und seither ist die griechisch-römische Antike wirklich zu Ende. An ihre Stelle tritt die Renaissance, die zwar an die Antike anknüpfen will, aber schon in dem Versuch der Anknüpfung zeigt, daß von nun an eine Trennlinie zu überwinden ist und nichts mehr sich von selbst versteht. Denn ab jetzt muß man zusammentragen, was im ehemaligen byzantinischen Kulturkreis an Schriften eventuell noch vorhanden ist — das tun Sammler wie Laskaris und Bessarion6 —, und man muß das Gesammelte an völlig neuen Orten im Westen zusammenführen, wo es zum Grundstock neuer Bibliotheken und einer neuen Kultur wird.

Drawing[Die Eroberung Konstantinopels. Philippe de Mazerolles zugeschriebene Miniatur, Public domain, via Wikimedia Commons.]

Der zweite Handstreich war der Raub der Bibliotheca Palatina nach der im Herbst 1622 erfolgten Eroberung Heidelbergs durch katholische Truppen.7 Das zielte direkt auf die Stellung Heidelbergs und seiner Universität als Zentrum des deutschen Calvinismus, das in den 12 000 Drucken und 3500 Handschriften der Bibliotheca Palatina über die wichtigste calvinistische Bibliothek des Deutschen Reiches verfügte. Indem man die Bücher nach Rom in die Vaticana brachte, entzog man dem deutschen Calvinismus seine kulturelle Grundlage und zerstörte zugleich ein wichtiges Element der pfälzischen Infrastruktur. Nun mußte man nur noch die verbliebenen protestantischen Geistlichen des Landes verweisen, die protestantischen Kirchen und die Universität schließen und konnte sich daran machen, Heidelberg in eine katholische Stadt zu verwandeln. Auch wenn das nicht gelang: mit der Auslöschung Heidelbergs als calvinistisches Zentrum mußten die Reformierten im Deutschen Reich sich umorientieren und nach einer neuen Basis suchen.

Diesen echten Katastrophen stehen absichtliche oder unabsichtliche Bibliotheksvernichtungen gegenüber, die den literarischen Kanon einer Kultur nicht gefährden und daher nur in einem uneigentlichen Sinne und in Anführungszeichen »Bibliothekskatastrophen« sind. Eines der am frühesten dokumentierten Beispiele einer solchen uneigentlichen Bibliothekskatastrophe ist der gleich dreimalige Brand des Apollotempels von Delphi, der 548/547 v. Chr., am Anfang des 4. Jahrhunderts v. Chr. und schließlich nocheinmal 83 v. Chr. durch Feuer vernichtet wurde8 Da ein Tempel in der Antike nicht nur Kultstätte war, sondern auch Schatzhaus, Bank, Archiv und Bibliothek (letztere waren funktional noch nicht getrennt),9 ist es wahrscheinlich, daß bei diesen Bränden auch jedesmal die Bibliothek beziehungsweise das Archiv des Tempels verlorenging.10 Aus der Tatsache aber, daß der Tempel dreimal in Flammen aufging, darf man schließen, daß man sich nach jedem Brand daran machte, das Zerstörte wieder aufzubauen und die durch den Brand beeinträchtigten Funktionen zurückzugewinnen. Ähnlich muß es sich in Rom mit der Regia verhalten haben, dem Amtslokal der Pontifices, in dem u. a. ein Marsheiligtum untergebracht war und neben Gesetzen auch die von den Pontifices geführten Annalen der Stadt Rom lagerten: mehrfach brannte sie nieder, und immer wieder wurde sie neu aufgebaut.

Dabei hängt der Wiederaufbau davon ab, daß es andernorts Kopien der verbrannten Dokumente und Schriftstücke gibt, die man nun ihrerseits kopieren kann, um mit diesen Kopien das Verlorene zu rekonstruieren.11 Damit das möglich ist, muß die betroffene Bibliothek Element einer Schriftkultur sein, die ihren identitätsbildenden Literaturkanon nicht an einer Stelle konzentriert, sondern ihn als distributiv begreift. Das aber war bei den griechischen Stadtstaaten, den hellenistischen Reichen und später dem Römischen Imperium der Fall, die ihre Identität nicht aus einem engen religiösen Kanon bezogen, sondern aus einem breiten Textkorpus, das polis- und später reichsübergreifend auf viele Bibliotheken verteilt war, so daß die Zerstörung einer der Bibliotheken durch die vielen anderen jederzeit aufgefangen werden konnte.

Das gilt erst recht für die Bibliotheksgeschichte der Neuzeit, in der eine neue Produktionstechnik für Bücher dafür sorgte, daß eine »Bücherflut« über die Bibliotheken hereinbrach und die Unzahl der seither gedruckten Texte in einer Unzahl von Kopien und Ausgaben an einer Unzahl von Bibliotheken verfügbar ist. Das senkt die Chance auf den Eintritt einer echten Bibliothekskatastrophe drastisch, wie die Ereignisse des Zweiten Weltkrieges deutlich machten. Damals kam es alleine in den deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken zum Verlust von einem Drittel der Bestände (25 von 75 Millionen Bänden), weshalb Zeitzeugen von einer »Bibliothekendämmerung« und einem »Massenuntergang« sprachen.12 Zu unrecht, wie die weitere Bibliotheksgeschichte zu berichten weiß, denn der Antiquariatsmarkt erlaubte es den Bibliotheken, in den Jahren nach dem Krieg wiederzubeschaffen, was im Krieg zerstört worden war. So konnte Münster schon zwei Jahre nach dem Krieg stolz melden, daß man von fast allen deutschen Dichtern wieder Gesamtausgaben zur Verfügung habe, von Goethe sogar die Sophienausgabe. Will sagen: der Kanon war trotz der Zerstörungen des Krieges noch intakt, in den Köpfen und in den Antiquariaten abrufbar und daher rekonstruierbar.13

Drawing[Nach dem alliierten Bombenangriff auf Hamburg im Juli 1943. Bundesarchiv, Bild 146-1983-122-05A / UnknownUnknown / CC-BY-SA 3.0, CC BY-SA 3.0 DE via Wikimedia Commons]

Wie sehr es in puncto Bibliothekskatastrophe nicht auf die Menge des Vernichteten, sondern auf dessen kanonischen Status ankommt, macht endlich die am häufigsten zitierte Bibliothekskatastrophe der Weltgeschichte deutlich: die Vernichtung der Großen Bibliothek in Alexandria im Jahre 47. v. Chr. während einer Militäraktion Caesars. Daß diese Katastrophe niemals stattfand, ist inzwischen so gut dokumentiert, daß darüber kaum noch ein Wort zu verlieren ist: Was während Caesars Militäraktion in Rauch aufging, waren Hafenmagazine mit Buchrollen, nicht aber die Große Bibliothek.14 Daß aber im Laufe der Jahrhunderte durch kreative Quellenlektüre aus dem Brand der Hafenmagazine ein Brand der Großen Bibliothek wurde, hängt damit zusammen, daß die Große Bibliothek von den Ptolemäern als ein Institut gegründet worden war, das aus hellenistischer Perspektive den Orbis litterarum zu sammeln und zu verzeichnen hatte und damit zugleich als eine Einrichtung gedacht war, mit deren Hilfe die hellenistische Kultur sowohl repräsentiert als auch durchgesetzt werden sollte. Die Gefährdung dieser Bibliothek war daher gleichzusetzen mit der Gefährdung der hellenistischen Kultur, die sich anderen Kulturen gegenüber als die durchaus überlegene gab. Daß Jahrhunderte nach dem Nicht-Brand daraus eine veritable Bibliothekskatastrophe wurde, hat also mit den Amputationsschmerzen der hellenistischen Kultur zu tun, die zuerst vom Christentum unterwandert und dann vom Islam realpolitisch ausgeschaltet wurde. Daher ist es konsequent, wenn die Legenden nicht nur von einem katastrophalen Brand dieser Bibliothek wissen, sondern von dreien, in denen sich eben diese Unterwanderung und Ausschaltung spiegeln: auf den Untergang unter Caesar folgt ein Untergang unter dem christlichen Kaiser Theodosius, der im Jahre 390 n. Chr. die Bibliothek habe verbrennen lassen, um die lesende Welt von den Einflüssen der in Alexandria gesammelten heidnischen Literatur zu befreien, und endlich folgt der Untergang unter dem Kalifen Omar, der nach der Eroberung Alexandrias im Jahre 642 n. Chr. befohlen habe, all jene Bücher, die mit dem Koran nicht übereinstimmten, als nutzlos, und all jene, die dem Koran widersprächen, als schädlich zu zerstören.

Was mit der Großen Bibliothek wirklich geschah, ist viel prosaischer: Irgendwann war sie nicht mehr chic, irgendwann war ihr Unterhalt zu teuer, irgendwann scherte sich niemand mehr darum, was dort geschah, irgendwann kumulierten Desinteresse und Vernachlässigung zu einem spurlosen Verschwinden. Und damit sind wir bei jener Bibliothekskatastrophe, die die Zeit ist.

2. Die große Katastrophe der Zeit

Die Fixierung auf die großen Katastrophen, ob real oder fiktiv, läßt leicht übersehen, daß die größten Buch- und Bibliotheksverluste nicht auf große Katastrophenereignisse zurückzuführen sind, sondern auf den Faktor Zeit. Denn in einer Welt, in der die Dinge nur eine begrenzte Dauer haben und diese Dauer wiederum davon abhängt, ob und wie sehr man die Dinge pflegt, läuft jede Vernachlässigung der Pflege darauf hinaus, die Dauer der Dinge zu verkürzen. Welche Dimensionen das hat, zeigt die Lektüre von Diogenes Laertius’ Leben und Meinungen berühmter Philosophen, das zu vielen der darin erwähnten Philosophen auch eine Werkbibliographie bietet, die aus heutiger Sicht zumeist als Verzeichnis von völlig Verschwundenem gelesen werden muß: Wo sind die 17 Dialoge Kritons? Wo die 33 Dialoge Simons? Wo die 76 Werke des Xenokrates? Diese Verluste summieren sich zu einer Gesamtmenge der verschwundenen antiken Literatur, die bei rund 95 Prozent liegt.15 In dieses Bild fügt es sich, daß von den 28 öffentlichen Bibliotheken, die Rom zu Beginn des 4. Jahrhunderts n. Chr. besessen haben soll, kaum eine Spur übrig geblieben ist.

In der Tat liegt die Hauptursache für dieses massenhafte Verschwinden in der Dekomposition der Dinge, die im Falle der Bücher weniger durch katastrophales Feuer als durch feuchtes Klima und Schädlinge bewirkt wird. Vitruv hat das im 1. Jahrhundert v. Chr. an einer klassisch gewordenen Stelle ausgeführt: »Schlafzimmer und Bibliotheken müssen gegen Osten gerichtet sein, denn ihre Benutzung erfordert die Morgensonne, und ferner modern dann in den Bibliotheken die Bücher nicht. In Räumen nämlich, die nach Süden und Westen liegen, werden die Bücher von Bücherwurm und Feuchtigkeit beschädigt, weil die von dort ankommenden feuchten Winde Bücherwürmer hervorbringen und ihre Fortpflanzung begünstigen und dadurch, daß sie ihren feuchten Hauch (in die Bücher) eindringen lassen, durch Schimmel die Bücher verderben.«16 Wie wenig das Nachrichten aus fernster Vergangenheit sind, zeigt ein Blick in das nur einhundert Jahre alte bibliothekarische Lehrbuch von Gräsel, das sich vier Seiten lang den Problemen der Bibliotheks- und Buchreinigung widmet, mit deren Hilfe bücherzerstörende Schädlinge ferngehalten werden sollen.17 Gräsel zögert nicht, die notierenswerten Fortschritte auf diesem Gebiet festzuhalten, namentlich den Abschied von Holzregal und hölzernem Buchdeckel als Nistplätzen der Gattung Anobium, und er ist ganz offensichtlich stolz darauf, daß »endlich sorgfältigere Behandlung und Reinhaltung der Bücherschätze seitens der Bibliotheksverwaltungen« dazu beigetragen haben, »einen angenehmen Wandel zu schaffen, den aufrecht zu erhalten das Bestreben eines jeden Bibliothekars sein muß.«18 Aber genau hier liegt das Problem.

Drawing[Anobium. David Short from Windsor, UK, CC BY 2.0, via Wikimedia Commons ]

Zum einen nämlich ist die seit Gräsel eingetretene klimatechnische Hochrüstung von Bibliotheksmagazinen und Lesesälen Komponente einer größeren Veränderung der Bibliotheken, die an die Stelle zurechenbarer persönlicher Verantwortung technische Systeme setzt, in denen seither Verantwortung in Form von technischen Prozeduren abgearbeitet wird. Das führt nicht nur dazu, daß Veranwortung in diesen Systemen keinen Platz mehr hat (statt Fehlentscheidungen haben wir jetzt Systemfehler), sondern auch dazu, daß die Objekte, die in diesen Systemen bearbeitet werden, ihre Relevanz nur noch daraus beziehen, daß sie innerhalb des Systems als systemkonforme Elemente zu bearbeiten sind. Um das konkret zu machen: An die Stelle bewahrenswerter Bücher treten systemisch zu prozessierende Medieneinheiten, so daß es historisch angesagt ist, Bibliotheken nicht mehr über ihren Bestand zu definieren, sondern darüber, welche Medieneinheiten sie in welcher Zeit prozessieren können. Damit werden die konkreten materiellen Objekte (Bücher), die einst an konkreten Orten (Bibliotheken) zu pflegen waren, durch die reine Prozessionsrate von in ihrer Physis nicht weiter interessierenden Medien und Daten verdrängt, und es ist alleine diese Prozessionsrate, die den Maßstab für das abgibt, was man jetzt »Service« nennt, dessen Ort der Nicht-Ort des Systems ist.19 Anders gesagt: In diesem systemischen Prozessieren ist das Verschwinden der Dinge zum System geworden.

Zum andern sind es natürlich gerade die vom System selbst bereitgestellten Sicherungsmittel, die das Problem des Verschwindens in der Zeit verschärfen. Man erkennt das sehr schön daran, daß Gräsel die um 1900 in einigen Bibliotheken neu eingeführte Zentralheizung lobt, weil sie die von den Öfen ausgehende Feuergefahr reduziert, dann aber ergänzen muß, daß ebendiese Zentralheizung »bei Rohrbrüchen den Büchern verderbliche Wasserschäden« zufügen kann; ebenso muß er, nachdem er die Vorteil des elektrischen Lichts erwähnt hat, »einen eigentümlichen Uebelstand« erwähnen, »nämlich Vergilbung des Papieres.«20 Wo immer man also hinschaut, ist der technische Fortschritt zugleich ein Rückschritt. Daß das insgesamt anders und der Fortschritt als Fortschritt und nur so erscheint, kann folglich nicht in den vom Fortschritt generierten technischen Innovationen liegen, sondern ist darauf zurückzuführen, daß mit jeder dieser technischen Innovationen der Mensch ein bisschen mehr aus dem System gedrängt wird, bis es am Ende als ein reines, sich selbst regulierendes System ohne menschliche Dazwischenkunft erscheint.

Solche Systeme gibt es nicht erst seit dem Siegeszug der Digitaltechnik, sondern seitdem man, um Zeit zu gewinnen, den Menschen auszuschalten begonnen hat. So kam mit den Leitungen, die vor einhundert Jahren das elektrische Licht in die Bibliotheken brachten, eine zweite Art von Leitungen in die Bibliotheken, mit deren Hilfe die Temperatur der Bibliotheksräume gemessen wurde und bei Überschreitung einer bestimmten Grenze ein Feuermelder einen akustischen Alarm in einer Meldezentrale innerhalb der Bibliothek auslöste.21 In Prag nun wollte man sich auf ein solches System nicht verlassen, sondern installierte gleich zwei Feuermeldesysteme und instruierte das Personal, daß es bei der Feuermeldung durch das eine System zunächst das andere System einschalten sollte, um mit dem zweiten System das erste zu kontrollieren. Erst bei einer Positivmeldung durch das zweite System sollte die Feuerwehr benachrichtigt werden. Die nächste Stufe der Systementwicklung liegt natürlich darin, daß bei der Feuermeldung durch das eine System das zweite System automatisch gegenprüft und die Bibliotheksfeuermelder das Feuer auch nicht mehr dem Bibliothekspersonal melden, sondern gleich dem nächsten Feuerwehrposten. Und wieder eine Stufe weiter rückt auch gar keine Feuerwehr mehr aus, sondern wird eine Sprinkleranlage in Gang gesetzt, die das Feuer selbsttätig löscht.

Drawing[Gerbil, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.]

Am Ende dieser Entwicklung, die den Menschen durch Techniksysteme ersetzt, spielt ganz gewiß eines keine Rolle mehr: das »Bestreben eines jeden Bibliothekars« im allgemeinen, und im besonderen das Bestreben, die Bücher der Bibliothek zu bewahren. Und warum sollte das auch eine Rolle spielen? Ist es nicht so, wie ein Bibliothekar schon 1899 feststellte, daß man eine abgebrannte Bibliothek nur mit solchen Büchern wieder aufbauen würde, »die die heutige Wissenschaft zu ihren Arbeiten braucht«? Und er nannte auch den Grund dafür: »Die auf diese Weise entstehende Bibliothek wäre vielleicht für den Bibliophilen weniger interessant als die abgebrannte, ihr Nutzen für wissenschaftliche Zwecke wäre aber unvergleichlich viel größer.«22

Stellen wir also fest: Sobald sich selbst steuernde bibliothekarische Systeme implementiert werden, wird das Bestreben der Bibliothekare auf Bestandserhalt ausgeschaltet, so daß sich das System auf immer neuen Innovationsstufen entfalten und zum Verschwinden bringen kann, was ihm widersteht. In den Bibliothekssystemen ist das ein kanonischer Bestand von Büchern, der ersetzt wird durch den vom System nach Maßgabe des Zeitgeistes up-to-date zu haltenden Zugriff auf das gerade Interessierende. Und das ist die eigentliche Katastrophe.

3. Die große Katastrophe der instrumentellen Vernunft

Kein System der Welt implementiert sich selbst, sondern alle sind sie abhängig von Menschen, die die Systeme in Betrieb nehmen und erhalten und damit Verantwortung für ebendiese Systeme tragen. Wir müssen daher abschließend nach den Gründen fragen, aus denen die Bibliothekare den Gedanken des zu pflegenden Bestandes verabschiedet und dem System der Datenprozession zum Durchbruch verholfen haben.

Die Gründe dafür liegen in der Geschichte des modernen Staates, der sich gegen konkurrierende Interessen und Institutionen durchsetzen mußte, und das hieß im wesentlichen, daß er sich als säkularer Staat gegen die Kirche durchsetzen mußte.23 Das begann in Österreich, wo man 1773 nicht nur der Jesuitenorden auflöste, sondern 1782 eine große Zahl kontemplativer Orden samt ihrer Klöster; es setzte sich fort während der Französischen Revolution, die bereits im ersten Revolutionsjahr verfügte, daß sämtlicher Klosterbesitz einzuziehen sei; und es setzte sich dann wieder auf deutscher Seite fort, als man die Fürsten, die ihre linksrheinischen Territorien im Zuge der Französischen Revolution verloren hatten, mit rechtsrheinisch gelegenen geistlichen Herrschaften entschädigte und dabei den Besitz zahlloser Klöster verstaatlichte. Diese Vorgänge sind für Bayern besonders gut untersucht. Dort bedeutete die Säkularisierung die Auflösung von rund 150 Klöstern, in deren Bibliotheken sich etwa 1,5 Millionen Büchern befanden, über deren weiteres Schicksal eine »Aufhebungskommission« wie folgt entschied: Neben »merkwürdigen Handschriften« und Seltenheiten sollte von den staatlichen bayerischen Bibliotheken, insbesondere der Münchener Hofbibliothek, nur »das Gute und Brauchbare« übernommen, der Rest an Papiermüller verkauft werden. »Gut und brauchbar« war aber in den Augen der Aufhebungskommission nur dasjenige, was vor dem Forum der Vernunft bestehen konnte, alles andere galt als »gemeinschädlich« und konnte eingestampft und damit »außer Kurs« gesetzt werden.

Die Quantitäten, die man auf diese Weise außer Kurs setzte, sind enorm: In Bayern hielt man weniger als die Hälfte dessen, was in den Klosterbibliotheken gesammelt worden war, für gut und brauchbar. Auch wenn die exakten Zahlen fehlen, um das auf die anderen von Revolution und Säkularisierung betroffenen Territorien hochzurechnen, genügt das verfügbare Material dennoch, um festzustellen, daß damals mitten in Europa, im revolutionären Frankreich und dem säkularisierenden Deutschen Reich, mehrere Millionen Bücher planmäßig vernichtet wurden und wir folglich die bis dahin größte planmäßige Büchervernichtungsaktion der Geschichte vor Augen haben. Daß das nicht als Katastrophe wahrgenommen wurde, sondern als eine Aktion, die man mit dem besten Gewissen der Welt durchführen und beobachten konnte, lag daran, daß die agierenden Bibliothekare und die beobachtende Öffentlichkeit davon überzeugt waren, das Vernichtete sei wert, vernichtet zu werden. Und in der Tat: Wenn die instrumentelle Vernunft, die hier agiert und die die Dinge dem Maßstab der von den Zeitgenossen vorausgesetzten Zwecke unterwirft, die Oberhand gewinnt, dann kann von dem, was andere Zeiten aus anderen Gründen und für andere Zwecke für bewahrens- und sammelnswert hielten, nicht mehr viel übrigbleiben. Es ist dann kein Fremdes und Anderes mehr, das man dulden, bestaunen und wertschätzen lernen sollte, sondern, wie die bayerische Aufhebungskommission feststellte, ein »gemeinschädliches« Etwas, das auszumerzen ist. Und genau deshalb konnte Freiherr von Aretin, der u. a. in München als Oberbibliothekar der Hofbibliothek amtierte, am 1. April 1803 ganz scherzfrei und mitten in der größten Büchervernichtungsaktion der Geschichte schreiben, daß durch die Säkularisierung »die sittliche, geistige und physische Kultur des Landes eine ganz veränderte Gestalt gewinnen [wird]. Nach tausend Jahren noch wird man die Folgen dieses Schrittes empfinden.«24

In der Tat schiebt sich hier ein völlig neues bibliothekarisches Qualitätskriterium nach vorn, das den Bestand einer Bibliothek nicht mehr aus der Warte einer möglichst umfangreichen kanonischen Sammlung betrachtet, zu der gerne auch das Falsche und Skurrile, das Empörende und Häretische aller Zeiten und Völker gehören kann; vielmehr blickt man jetzt nur noch aus der Warte ihres Nutzens auf die Bibliothek und geht ganz selbstverständlich davon aus, daß dieser Nutzen ein Nutzen für die gerade Lebenden zu sein habe.25 Genau das macht aus der Bibliothek als Ort, an dem die Vernunft in der Konfrontation mit dem ihr Widerstehenden ihren eigenen Maßstab zu finden versucht, eine Bibliothek als Ort, an dem die rein instrumentell gewordene Vernunft das Widerstehende eliminiert, weil es in seiner Widerständigkeit den vom Zeitgeist vorgegebenen Nutzen beeinträchtigt. Und genau das macht eine Bibliothek als System so sinnvoll. Denn das System dispensiert die Bibliothekare von ihrer Verantwortung für den instrumentell gesehen widersinnigen Bestand, um sie statt dessen zu erfolgreichen Systemkonstrukteuren von bibliothekarischen Zeitgeistschleifen zu machen, in denen der reine Nutzen und nichts als dieser zutage treten soll. Seither kann man als Bibliothekar Bücher vernichten und sich wohl dabei fühlen.

Daß es sich hier wirklich um das Wohlbefinden einer instrumentell gewordenen Vernunft handelt, die keinen anderen Maßstab als die Zweckrationalität anerkennt, zeigt sich daran, daß dieses ursprünglich in revolutionärem Kontext aufgetretene Wohlbefinden sich in ganz anderen Kontexten zurückmelden kann. So etwa in Preußen, wo der Ministeriale Althoff im Jahre 1904 bei der Geschäftsstelle des Preußischen Gesamtkatalogs anfragt, »ob nicht in der Königlichen Bibliothek hierselbst und in den Universitätsbibliotheken Teile der älteren Bücherbestände als wertlos ausgeschieden werden können, entweder in der Weise, daß alle vorhandenen Exemplare eines Buches entfernt werden, oder aber so, daß nur auf einer dieser Bibliotheken ein Exemplar des Buches erhalten bleibt.«26 Daß sich Althoff mit seinem Ansinnen damals bei den preußischen Bibliotheksdirektoren nicht durchsetzen konnte, muß als letzte Spur einer bibliothekarischen Bestandsorientierung verstanden werden, die noch anderes als den reinen Nutzen kannte. Diese Spur war siebzig Jahre nach Althoffs Anfrage vollständig verweht, als man in großem Stil dazu überging, nach dem Nutzen von Bibliotheken zu fragen, deren Bücher überwiegend nicht ausgeliehen werden und damit am »Bedarf« einer »Klientel« vorbei angeschafft wurden,27 wobei man den »Bedarf« als aktuelle Ausleihe und die »Klientel« als die Mitgeborenen identifiziert und folglich überall ein rasantes Veralten der Bücher feststellt, gegen das es nur noch eine sinnvolle Maßnahme gibt: die Aussonderung des Ungenutzten.

Drawing[Friedrich Althoff. Quelle: Wikipedia.]

Zweihundert Jahre nach der Französischen Revolution ist das kein die Bibliothekare oder die Öffentlichkeit empörendes Ansinnen mehr, sondern bibliothekarische »best practice«, die in Handbüchern sich selbst dokumentiert und in Statistiken als »Abgang« belegt, daß sie von 1999 bis 2007 in den deutschen wissenschaftlichen Bibliotheken rund zehn Millionen Bände entsorgt hat, so daß man erwarten kann, daß nach weiteren acht friedlichen Aussonderungsjahren die Verlustquote des Zweiten Weltkriegs erreicht werden wird.28 Und in der Tat, wenn das, was früher einmal als kultureller Kanon im Guten und Bösen als sammelnswert galt, durch den Nutzen für den jeweils aktuellen Zeitgeist ersetzt wird, muß man sich nicht wundern, wenn ebendieser Zeitgeist das, was er für veraltete und obsolete Informationen, Triviales, schlecht Geschriebenes, Fehlinformationen, Unbenutztes, doublette Serien, veraltete Auflagen, Werke jenseits des gerade für wichtig Erachteten (»not on standard lists«) und schließlich »biased or sexist terminology or views« hält, zusammen mit den unverlangt eingegangenen Buchgeschenken umstandslos und in großer Zahl wegwirft.29

Verstärkt wird diese Praxis durch den Medienwandel, den viele Bibliothekare für einen Medienwechsel halten, so daß man meint, die älteren Medien, also Bücher und Zeitschriften aus Papier, schadlos aussondern zu dürfen, sobald ein digitaler Ersatz, etwa in Form der Nationallizenzen, dafür bereitsteht. Die Quantitäten, die hiervon betroffen sind, werden mit Sicherheit die Menge dessen, was bisher aufgrund von Einzelprüfungen eher konservativ als Dublette oder veraltete Auflage ausgeschieden wurde, bei weitem übertreffen, denn nun kann man generalstabsmäßig vorgehen und ganze Publikationstypen und Fächergruppen wegwerftechnisch kombinieren, etwa so: alle chemischen Zeitschriften vor dem Jahr X, alle ausländischen Zeitungen vor dem Jahr Y. Wie das in der Realität der Bibliotheken dann ausschaut, zeigt das Beispiel der UB Oslo, wo man sich schon im Jahr 2004 von 3000 Regalmetern ausländischer Zeitungen mit dem Argument trennen wollte, daß diese nun ja digital verfügbar seien.30 Deutsche Universitätsbibliotheken tun das Oslo längst nach und nehmen Papierzeitschriften ganzer Fachgebiete aus dem Regal, um auf diese Weise pro Wegwerfaktion viele hundert Regalmeter freizumachen. Geht man davon aus, daß bei diesen Aktionen 600 Regalmeter geradezu ein Nichts sind, und geht man weiters davon aus, daß sämtliche der rund 250 wissenschaftlichen Bibliotheken in Deutschland in den kommenden 10 Jahren nach diesem Muster Papierzeitschriften wegwerfen werden, dürfen wir im Minimum 150 freiwerdende Regalkilometer erwarten, was in etwa 4,5 Millionen entsorgten Bänden entsprechen wird. Daß wir uns in diese Richtung bewegen, läßt sich auch daraus schließen, daß die in der Deutschen Bibliotheksstatistik erfasste jährliche »Abgangsquote« sich von 1999 bis zum Jahr 2007 von rund 800 000 Bänden auf 1,6 Millionen Bände glatt verdoppelt hat.

Stellen wir also fest: Die größte Bibliothekskatastrophe ereignete sich nicht in der Vergangenheit und war auch nicht Resultat eines schaurigen Brandes oder unsäglicher Kriegsgewalten, die größte Bibliothekskatastrophe ereignet sich vielmehr unter den Augen der Lebenden, hier und jetzt, und ihr Katalysator ist nichts anderes als die auf den zeitgeistigen Nutzen schielende instrumentelle Vernunft der Bibliothekare, die das Verschwinden der Bücher zum System erhebt und mit dem besten Gewissen der Welt zu beschleunigen trachtet.


Der vorstehende Artikel erschien (ohne Abbildungen und in reformierter Orthographie) zuerst in der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie 56 (2009), S. 159–166.

Anmerkungen

  1. Richardus <de Bury>: Philobiblon. Ins Deutsche übertr. u. eingel. von Max Frensdorf. Eisenach : Kühner, 1932, Kap. VI. 

  2. Ebd., Kap. VII. 

  3. Das ist das, was Jan Assmann als »kulturelles Gedächtnis« namhaft gemacht hat. Siehe Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis : Schrift, Erinnerung und Identität in frühen Hochkulturen. 6. Aufl. München : Beck, 2007. 

  4. Zur byzantinischen Buchkultur Hunger, Herbert: Schreiben und Lesen in Byzanz : die byzantinische Buchkultur. München : Beck, 1989. Zur kaiserlichen Bibliothek Burr, Viktor: Der byzantinische Kulturkreis. In: Leyh, Georg (Hrsg.): Handbuch der Bibliothekswissenschaft. Bd. III/1. Wiesbaden : Harrassowitz, 1955, S. 146-187, hier S. 148-153. 

  5. Pius <Papa, II.>: Opera quae extant omnia : Aeneae Sylvii Piccolominei Senensis, qvi post adeptvm pontificatvm Pivs eivs nominis Secvndvs appellatvs est, opera quae extant omnia. Basel 1571. Nachdr. Frankfurt am Main : Minerva, 1967, S. 715 u. S. 446-448. Hierzu und zum Folgenden Jochum, Uwe: Die Idole der Bibliothekare. Würzburg : Königshausen und Neumann, 1995, S. 129-131. 

  6. Zu Laskaris Eßer, Ambrosius: Das abenteuerliche Leben des Johannes Laskaris Kalopheros : Forschungen zur geschichte der ost-westlichen Beziehungen im 14. Jahrhundert. Wiesbaden : Harrassowitz, 1969. Zu Bessarion Mohler, Ludwig: Kardinal Bessarion als Theologe, Humanist und Staatsmann : Funde und Forschungen. 3 Bde. Nachdr. Aalen : Scientia-Verlag, 1967. 

  7. Keunecke, Hans-Otto: Maximilian von Bayern und die Entführung der Bibliotheca Palatina nach Rom. In: Archiv für Geschichte des Buchwesens 19 (1978), S. 1401–1446. 

  8. Pomtow, H.: Die drei Brände des Tempels zu Delphi. In: Rheinisches Museum 51 (1896), S. 329–380. 

  9. Stengel, Paul: Die griechischen Kultusaltertümer. 3., zum großen Teil neubearb. Aufl. München : Beck, 1920, S. 29–31. 

  10. Zurückhaltend ist Speyer, Wolfgang: Büchervernichtung und Zensur des Geistes bei Heiden, Juden und Christen. Stuttgart : Hiersemann, 1981, S. 10. 

  11. Ebd., S. 11 u. 19 f. 

  12. Hierzu Jochum: Die Idole der Bibliothekare (wie Anm. 5), S. 131–133. 

  13. Daß für Archive eine völlig andere Zerstörungslogik gilt, hat der Einsturz des Kölner Historischen Stadtarchivs am 3. März 2009 einer breiteren Öffentlichkeit zu Bewußtsein gebracht. Machen wir uns diese Logik kurz klar: Die Aufbewahrung von singulären Dokumenten in einem Archiv ist ein Akt potentieller Kanonisierung, der über den kanonischen Status der einzelnen singulären Dokumente nichts aussagt, das Archiv aber insgesamt als Ort potentieller Kanonizität fixiert. Aufgabe der Forschung ist es, die im Archiv ruhenden singulären Dokumente Stück für Stück in den kulturellen Kanon einzufügen oder aus ihm auszuscheiden. Dabei werden die kanonisierten Dokumente zugleich als Kopie oder Faksimile in den distributiven Kreislauf von Bibliotheken und Museen eingespeist und sind hinfort, eben aufgrund ihrer Doppelgestalt als kanonisches Dokument und als Kopie, gegen Verlust gesichert. Wird nun, wie in Köln geschehen, das Archiv als Gebäude zerstört und mit ihm ein Großteil des Archivguts (was derzeit noch nicht beurteilt werden kann), bricht die Kanonisierungsbewegung gleich zu Beginn ab und hinterläßt im kulturellen Gedächtnis eine Lücke, von der im Extremfall nicht einmal gesagt werden kann, wie groß sie ist. Daß sie aber als Lücke markiert werden kann, zeigt, daß wir es hier mit einem Kanon in absentia zu tun haben. Zum Bestand des Kölner Archivs Rossmann, Andreas: Der Preis der U-Bahn. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 5.3.2009, S. 31. 

  14. Zum faktischen Nicht-Brand der alexandrinischen Bibliothek zuerst Canfora, Luciano: Die verschwundene Bibliothek. Berlin : Rotbuch, 1988. Dann Jochum, Uwe: Kleine Bibliotheksgeschichte. 3., verb. u. erw. Aufl. Stuttgart : Reclam, 2007, S. 33–38 und Jochum, Uwe: The Alexandrian library and its aftermath. In: Library History 15 (1999), S. 5–12. Zum Motiv des wiederholten Brandes jetzt Thiem, Jon: Die Bibliothek von Alexandria brennt — wieder und wieder. In: Körte, Mona; Ortlieb, Cornelia (Hrsg.): Verbergen, überschreiben, zerreißen : Formen der Bücherzerstörung in Literatur, Kunst und Religion. Berlin : Schmidt, 2007, S. 31–45. 

  15. Johnson, Elmer D.: A history of libraries in the western world. London : The Scarecrow Press, 1965, spricht S. 61 von weniger als zehn Prozent, die erhalten geblieben seien. Demgegenüber schätzt der Wikipedia-Artikel über »Bücherverluste in der Spätantike«, daß nur 0,1 Prozent der antiken Literatur auf uns gekommen seien. 

  16. Vitruv: Zehn Bücher über Architektur. Übers. u. mit Anm. versehen von Curt Fensterbusch. Darmstadt : Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1964, S. 281 (Buch IV, Kap. 4, Abschn. 1). 

  17. Gräsel, Arnim: Handbuch der Bibliothekslehre. 2., völlig umgearb. Aufl. Leipzig : Weber, 1902, S. 323–326. 

  18. Gräsel: Handbuch (wie Anm. 17), S. 327. 

  19. Zum Hintergrund insgesamt Jochum, Uwe: Zur Zeit wird hier der Raum : die digitale Inversion des Karfreitagszaubers. In: Grimm, Petra; Capurro, Rafael (Hrsg.): Informations- und Kommunikationsutopien. Stuttgart : Steiner, 2008, S. 103–114. 

  20. Gräsel: Handbuch (wie Anm. 17), S. 52 u. S. 54 f. 

  21. Dazu das Kapitel »Feuerzeug« in Jochum: Die Idole der Bibliothekare (wie Anm. 5), S. 116–119. 

  22. Schmidt, Adolf: Feuerversicherung von Bibliotheken. In: Dziatzko, Karl (Hrsg.): Beiträge zur Kenntnis des Schrift-, Buch- und Bibliothekswesens. Bd. 5. Leipzig : Spirgatis, 1900, S. 46–60, hier S. 49. 

  23. Zum Folgenden ausführlich Jochum, Uwe: Vernichten durch Verwalten. Über den bibliothekarischen Umgang mit Büchern. In: Körte, Mona; Ortlieb, Cornelia (Hrsg.): Verbergen, überschreiben, zerreißen : Formen der Bücherzerstörung in Literatur, Kunst und Religion. Berlin: Schmidt, 2007, S. 106–119. 

  24. Aretin, Johann Christoph von: Briefe über meine literarische Geschäftsreise in die baierischen Abteyen. München [u. a.] : Langen-Müller, 1971, S. 51. 

  25. Zu diesem epochalen Konflikt, der zugleich ein Konflikt der Bibliothekskulturen ist, siehe Jochum, Uwe: Am Ende der Sammlung. In: Dülmen, Richard van; Rauschenbach, Sina (Hrsg.): Macht des Wissens : Die Entstehung der modernen Wissensgesellschaft. Köln; Weimar, Wien : Böhlau, 2004, S. 273–294. 

  26. Zitiert nach Hagenau, Bernd: Der Deutsche Gesamtkatalog : Vergangenheit und Zukunft einer Idee. Wiesbaden : Harrassowitz, 1988, S. 24. 

  27. Den Stand der Diskussion der 1970er Jahre zeigt Fertig, Eymar: Probleme des Veraltens von Literatur und die Auswirkung auf die Bibliothekspraxis : Untersuchung der Nichtbenutzung von Bibliotheksbeständen an der Universitätsbibliothek Pittsburgh. In: Bibliothek 3 (1979), S. 80–83. 

  28. Zur Selbstdokumentation siehe etwa http://www.libsuccess.org/index.php?title=Weeding_Library_Collections und das Standardwerk von Slote, Stanley J.: Weeding library collections : library weeding methods. 3. Aufl. Englewood, Co. : Libraries Unlimited, 1989. Dazu auch die Vorträge auf dem Deutschen Bibliothekartag 2007 in Augsburg unter http://marvin.bibliothek.uni-augsburg.de/opus/2007.html#_Toc166576970. Die statistischen Daten zum »Abgang« kann man anhand der Deutschen Bibliotheksstatistik leicht verifizieren, siehe http://www.bibliotheksstatistik.de/

  29. Die Kriterienliste ist entnommen http://www.tsl.state.tx.us/ld/pubs/crew/background.html#criteriaforweeding

  30. Siehe http://universitas.no/kultur/4993/ und http://universitas.no/kultur/46935/