Reisebüro nach Digitalien

Geschrieben von Uwe Jochum am 2.1.2017

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Manch einer fliegt gerne in die Karibik, wo es schön und warm ist und einem die Brathendl in den Mund fliegen. Andere wiederum bevorzugen die Bayreuther Gegend, wo das Bier seit Jean Pauls Zeiten aus allen Quellen fließt. Was des einen Freud ist, ist dem anderen herzlich egal, und wo der eine einen medizinischen Nutzen sieht (beim Biertrinken etwa), kann der andre nur eine Kalorienbombe erkennen, die es streng zu vermeiden gilt. Im Alltag macht das keine Probleme, denn der Biertrinker aus Bayreuth trifft den Sonnenanbeter aus der Karibik gar niemals, schon mangels gemeinsamer Interessen, und erst recht mangels eines gemeinsamen Ortes, an dem man sich über die Unterschiede austauschen könnte. Das braucht man nicht, die Unterschiede bleiben konfliktfrei auf ganz verschiedene Welten verteilt, und alle kommen damit klar.

Jean-Paul-Haus [Abb. 1: Hier in Bayreuth dichtete Jean Paul. Quelle: Thomas Kees auf Wikipedia gemäß CC BY-SA 3.0 de.]

Klar kommen damit auch die Reisebüros, die davon leben, daß sie den in die Ferne Strebenden ihre Dienst anbieten, in unserem Fall also dem Karibiksüchtigen das Geld aus der Tasche ziehen, während der Bayreuther Lokalreisende kein Reisebüro braucht, um an die Quelle seiner Wünsche zu gelangen. Er macht seine Reise selber und fühlt sich gut dabei, während der Karibikmensch sich erst dann gut fühlt, wenn ihm ein fürsorgliches Reisebüro die Paßverlängerung beantragt, den Flug gecheckt, die Vollpension gebucht und auch den Wetterbericht geschickt hat. Er kann dann schon hier in Deutschland seinen Kopf abgeben und sich darauf freuen, daß er ihn in der Karibik gar niemals brauchen wird; wozu auch, in der Hitze, zwischen Palmen und auf dem Sandstrand liegend?

Rincón [Abb. 2: Hier am Strand von Rincón in der Dominikanischen Republik dichtet niemand. Quelle: Pierre Mangin auf Wikipedia gemäß CC BY-SA 2.0.]

So ist die Welt der freien Marktwirtschaft, in der jeder tun und lassen kann, was er will, und in der ihm ein Heer von bezahlten Wunscherfüllern beim Erfüllen der Wünsche hilft. Dieser Jeder würde sich bedanken, wenn einer dieser Wunscherfüller auf die Idee käme, daß die vorgebrachten Wünsche nach dem Generalrezept des Wunscherfüllers zu erfüllen seien: »Sie wollen nach Bayreuth? Das steht nicht auf unserm Programm, das müssen wir streichen. Die Karibik tuts doch auch — und ist viel wärmer und schöner.« Und zufälligerweise hat der Wunscherfüller ein Kontingent von Hotelzimmern und Flugzeugplätzen gebucht, in das auch unser Bayreuthreisender geschoben werden kann. Das komme ihn auch noch billiger als das teure Bayreuth, sagt das wunscherfüllende Reisebüro, das inzwischen alle Flugreisenden auf ein großes Charterschiff umgebucht hat, das noch billiger ist und auch bequemer sein soll als die schnellen Flugzeuge. Keine Sorgen soll der Reisende mehr haben, alles wird ihm abgenommen, und alles wird ihm billiger abgenommen, als er es haben wollte, wenigstens sagt man ihm das, weigert sich aber, die Endrechnung vorzulegen – die es ja, wie der Name dann schon sagt, erst am Ende der Reise geben wird. Aber man sei ja ein seriöses Reisebüro, sagt das Reisebüro, und daher werde es mit der billigen Endrechnung natürlich ganz seriös zugehen, da könne sich der Reisewillige drauf verlassen. Und um den Reisewilligen nicht mit zuviel Rechnerei zu behelligen, werde man ihm die Endrechnung als Sammelrechnung präsentieren, in etwa zehn Jahren, das sei so doch viel angenehmer für alle: weniger Arbeit jetzt und damit auch weniger Ungemach jetzt; und in der Zukunft wird sich’s dann bequem weisen.

Prora [Abb. 3: Der »Koloß von Prora« auf Rügen — Ferien für alle, staatlich organisiert und ganz billig. Quelle: Steffen Löwe auf Wikipedia.]

Moment mal, denkt sich der Leser. Es geht doch um jemanden, der eigentlich nach Bayreuth wollte. Ja, schon. Das Wollen durfte er freilich wollen, aber warum sollte man ihm diesen Eigenwillen durchgehen lassen, wo es doch leichter und billiger ist, in die Karibik zu kommen — jedenfalls für das Reisebüro, das sich mit andren Reisebüros seit langem in der Deutschen Ferien-Gesellschaft zusammengeschlossen hat, die der unerschütterlichen Meinung ist, daß ihre Gesellschaftsexperten besser wüßten als der Reisende, was des Reisenden wahrer Wille ist. Und darum sollte es uns gesellschaftlich ja gehen, sagt uns die Deutsche Ferien-Gesellschaft: daß wir den wahren Willen der Reiseakteure respektieren und nicht deren vermeintlichen; daß wir also alle billig in die Karibik fahren lassen (dem wahren Herzensziel) und nicht ins teure Bayreuth (dem falschen Individualziel). Das sei wahre Freiheit.

Akropolis von Athen [Abb. 4: Sonnenuntergang der Demokratie vor schönster Ferienkulisse. Quelle: Aaron Logan auf Wikipedia gemäß CC BY 1.0.]

Ich stelle mir solche kleinen Gedankenschleifen vor, und ich stelle mir vor, wie die Mehrheit der Reisenden auf dieses Angebot, das in mir ungute Erinnerungen weckt, reagieren würde. Ich stelle mir also vor, wie das Reisebüro, das so beharrlich den wahren Willen des Reisenden gegen dessen Eigenwillen durchsetzen will, an rasch schwindendem Kundenstamm zugrunde gehen würde. Und ich stelle mir vor, wie der Deutschen Ferien-Gesellschaft die Gesellschaftsmitglieder abhanden kämen und zuletzt auch die von der Gesellschaft bestallten Experten, die ein Gefälligkeitsgtachten nach dem anderen abgaben, von der Fahne gingen und plötzlich, in anderen Diensten, auch ganz andere Gutachten schrieben, mit wunderbaren Statistiken, Törtchengraphiken und auf Hochglanzpapier.

DFG [Abb. 5: Hauptsitz der Deutschen Ferien-Gesellschaft in Bonn. Quelle: Mkill auf Wikipedia gemäß CC BY 2.5.]

Das alles stelle ich mir vor — und dann schaue ich auf das Bibliothekswesen. Und dann stelle ich mir immer weiter vor, die Bibliotheken wären Reisebüros und die Bibliotheksbenutzer das, was die Bibliotheken seit einigen Jahren irrigerweise »Kunden« nennen. Und dann stelle ich mir vor, daß da ein »Kunde« kommt und gerne geistig mit einem Buch nach Bayreuth reisen würde, zu Jean Paul vielleicht, und daß die dienststellenleitende Bibliotheksdirektorin ob dieses Wunsches laut zu lachen beginnt und dem »Kunden« erklärt, daß es mit ihr und ihrem Haus nur in die digitale Karibik geht und sonst nirgendwohin. Und dann stelle ich mir das jetzt nicht mehr vor, nein, dann geht meine Phantasie mit mir durch und ich sehe, wie der Benutzer nicht einmal mit den Augen zuckt, wie er keinen Schreikrampf kriegt, wie er nicht aus dem Bibliothekslokal rennt — sondern wie er sozusagen im Sprechen des Dienststellenleiters schrumpft, bis er Dackelgröße erreicht hat, und wie er dann, auf Wadenhöhe, nicht zubeißt, sondern brav mit dem Schwanz wedelt und, als ihm die Dienststellenleiterin ein Stöckchen zuwirft, ebenso brav apportiert.

OA-T-Shirt [Abb. 6: Freizeitkleidung für Bekenntnisreisende in die digitale Karibik, steuerlich subventioniert. Quelle: open-access.net.]