Ach, die teuren Bücher!

Geschrieben von Uwe Jochum am 4.2.2017

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Neulich las ich auf einer Mailingliste die freilich schon etwas in die Jahre gekommene Mitteilung, daß »innovative Verlage im Wissenschaftsbereich« für schlappe 350 Euro ein Buch produzieren können, bei dem der Ladenpreis unter 20 Euro liege und das dann auch noch vom Autor ohne juristische Restriktionen auf einen Volltextserver hochgeladen werden dürfe. Der Autor Eric W. Steinhauer verschwieg den Haken bei der Sache nicht: Daß es sich bei diesen »innovativen Verlagen« um Kleinverlage ohne Renommee handelt, für deren Produktion sich niemand interessiert; und auch der auf irgendeinen Server hochgeladene Text des Buches macht die Sache nicht besser, denn ohne Aufmerksamkeitslenkung ist der Hochladevorgang so ziemlich dasselbe wie der sofortige Eingang des Buches ins Nirwana.

Drawing[Abb. 1: Das renommierte Buch: Seite aus der Gutenberg-Bibel. Quelle: Exemplar des Ransom Center of the University of Texas at Austin auf der Wikipedia.]

Nun, mich hat das natürlich interessiert: Da Eric W. Steinhauer im Jahr 2006 nicht nur über »innovative Kleinverlage« schrieb, sondern im selben Jahr auch seine Dissertation bei Monsenstein und Vannerdat herausgekommen war, liegt es nahe, daß er in seinem Mailinglistenbeitrag die Erfahrungen mit diesem Verlag und der Veröffentlichung seiner 395-Seiten-Dissertation zum Maßstab nahm. Das Geschäft zwischen Autor und Verlag sah demnach so aus, daß der Autor dem Verlag 350 Euro gab und dafür zehn gedruckte Belegexemplare erhielt (oder waren es fünfzehn?). Mehr gedruckte Bücher scheint es anfangs auch nicht gegeben zu haben, denn der Verlag lebt, wie sich leicht feststellen läßt, z. T. davon, daß er erst bei Bestelleingang ein Buch herstellen läßt, »Publishing on demand« also. Oder vielmehr: Der Verlag lebte davon. Denn er ist inzwischen insolvent.

Das kann selbstverständlich viele Gründe haben, über die der Verlag ungern sprechen möchte. Aber es kann auch schlicht daran liegen, daß der Verlag sich bei seinem »Publishing on demand« vertan hat. Denn in dem Moment, wo ein Buch in gedruckter und parallel in digitaler Form hergestellt wird und die digitale Version frei im Internet verfügbar ist — die elektronische Parallelveröffentlichung soll ja mit zu den innovativen Elementen dieses innovativen Verlages gehören —, bricht natürlich der Absatz des gedruckten Buches ein, der aber für die Verlagskalkulation und damit das ökonomische Überleben des Verlages entscheidend ist: Bleibt der Verkaufserlös hinter den Kosten zurück, wird es für den Verlag eng. Und das scheint hier der Fall gewesen zu sein: Die 350 Euro, die der Verlag vom Autor als Druckkostenbeitrag erhalten hat (350 Euro, von denen die Herstellungs- und Gemeinkosten des Verlages zu bestreiten sind), haben zusammen mit den laut Karlsruher Virtuellem Katalog deutschlandweit verkauften 42 gedruckten Exemplaren die Kosten des Verlags nicht eingespielt.[1]

Drawing[Abb. 2: Der Geist kündigt sich an: Geburt von Johannes dem Täufer aus dem Turin-Mailänder Stundenbuch. Maler: Jan van Eyck. Quelle: Wikimedia.]

Warum das so ist, kann man leicht feststellen, wenn man sich ein wenig mit der Materie der Verlagskalkulation beschäftigt. Das ist reichlich trocken Brot; und je tiefer man da einsteigt, desto trockener wird es, zugegeben. Aber es ist auch ein wunderbar geistheilendes Mittel, um auf den Sirenengesang derer nicht hereinzufallen, die meinen, ein Verlag ohne Renommee bekomme billig und in derselben Qualität hin, was bei einem großen und renommierten Verlag einiges kostet. Aber weil das Trockenbrot nun vielleicht doch zu trocken ist, schlage ich hier einen anderen Weg ein: Machen wir uns doch einfach mal die Mühe, ein paar Buch- und Seitenpreise von richtigen Büchern zu vergleichen, also solchen, mit denen ein bekannter Verlag mit einem professionellen Lektorat, einer professionellen Herstellung und einem ebenso professionellen Marketing Qualität unters Lesevolk zu bringen versucht.

Das könnte dann so aussehen:

  • Die »Buddenbrooks« von Thomas Mann als Fischer-Taschenbuch mit 841 Seiten kosten 9,99 Euro. Das macht 1 Cent pro Seite.

  • Die »Summa contra gentiles« von Thomas von Aquino kostet 39 Euro (2314 Seiten). Das macht 2 Cent pro Seite.

  • Die »Gutenberg-Galaxis« von McLuhan kostet als gebundene Ausgabe 22,90 Euro (416 Seiten). Das macht 5 Cent pro Seite.

Drawing[Abb. 3: Zweibändige Erstausgabe der »Buddenbrooks«. Quelle: © Foto H.-P.Haack auf Wikimedia.]

Mit anderen Worten: Bücher, die gut gehen — und das sind beileibe nicht nur die Hits der Belletristik —, sind auch billig zu kalkulieren und liegen im Seitenpreis zumeist nicht nur unter dem, was ein Copyshop für eine Kopie verlangt, sondern auch unter dem, was ein »Publishing-on-Demand«-Anbieter als angeblich preiswertes Buch zu kalkulieren in der Lage ist. (Man mache einmal einen Kalkulationstest mit BoD!)

Nun liegt das Problem der wissenschaftlichen Bücher natürlich darin, daß sie allzu oft keine Auflagen erzielen, die eine derart günstige Kalkulation des Seitenpreises erlauben: Je kleiner die Auflage, desto teurer wird das einzelne Exemplar, weil der Verlag ja seine Gemein- und sonstigen Kosten auf das einzelne Exemplar umlegen muß. Das ist eine Binsenweisheit, aber man kann ja an dem o.g. »innovativen Verlag« sehen, daß manch einer durchaus weiser als die Binse sein will.

Und nun die Frage: Wenn ein Verlag sich an die Binsenweisheit hält, was passiert dann? Antwort: Das Erwartbare passiert: Kleine Auflagen bewirken teure Bücher, und in ein und demselben Verlag kann es dann sehr interessante Preisunterschiede geben. Nehmen wir als Beispiel den de-Gruyter-Verlag, der unter seinem Verlagsleiter Fund den digitalen Befreiungsschlag in Richtung »Open Access« versuchte, ein Versuch, der aber offenbar nicht zu höherem Umsatz und Gewinn, sondern zur Entlassung des Verlagsleiters führte. Und so macht de Gruyter also weiterhin Bücher, die je nach erwartetem Absatz und also nach Auflagenhöhe kalkuliert werden müssen:

  • Der Titel »Risikoethik«, herausgegeben von Julian Nida-Rümelin u.a. kostet als gebundenes Buch 19,95 Euro (274 Seiten). Das sind 7 Cent pro Seite.

  • Das Buch von Schöllhuber über »Independent Verlage« kostet dagegen satte 99,95 Euro (353 Seiten). Das sind 28 Cent pro Seite.

  • »Getruckt zu Augspurg« von Künast kostet 74 Euro (373 Seiten). Das macht 20 Cent pro Seite.

Drawing[Abb. 4: Günter Zainers Meditatione de vita Christi. Gedruckt in Augsburg 1468. Quelle: Wikimedia.]

Wie man sieht, ist bei kleinen Auflagen für spezielle Fachliteratur die Sache deutlich teurer als bei erwarteten großen Auflagen. Aber wie teuer sind denn die 20 oder 30 Cent, die man da für die Druckseite eines teuren Buches als Käufer bezahlen muß, wirklich?

Das scheint zumeist eine Sache des Gefühls zu sein: Wäre das Buch ein Trendobjekt wie das allerneueste galaktische Ixxiwixy-Teeneeweeny-Smartphone, hätte kein Studierendes ein Problem damit, 700 Euro für die Anschaffung hinzulegen und nochmal 10 Euro im Monat für die freiwillige Datenübertragung nach Cupertino oder Taiwan, im Datenluxussegment können es dann auch gerne 35 Euro im Monat sein. Das macht im Jahr einen Betrag zwischen 820 und 1120 Euro fürs Plaudern, Fingerwischen und Websiteanstarren. Ich habe noch nie gehört, daß jemand meinte, dabei habe man es mit viel zu teuren Websites zu tun, weshalb man Apple™, Samsung™ und Google™ enteignen müsse. Im Bibliothekswesen hört man sowas aber im Hinblick auf die Verlage alle Monat, und man hat in diesem Milieu keine Probleme damit, die armen Studenten zu bedauern, die sich die teuren Bücher einfach nicht mehr leisten könnten und deshalb in der Bibliothek ihre Smartphones auf Steuerzahlerkosten aufladen müßten (und dort auch gleich noch einen kostenlosen Internetzugang geschenkt bekommen…).

Drawing[Abb. 5: Moleskin verlangt für paginale Leere soviel wie Buchverlage für volle Seiten. Quelle: M. Fister auf Wikimedia.]

Aber lassen wir das und kommen zu den Kosten für Gedrucktes zurück. Ich würde mich nicht wundern, wenn ein junger studentischer Hipster neben seinem Smartphone (gerne selbst bezahlt) und seinem de-Gruyter-Lehrbuch (vom Steuerzahler als Bibliotheksbuch bezahlt) nicht noch ein schickes Moleskin-Notizbuch im Rucksack hätte (wieder gerne selbst bezahlt). Dafür hat er wahrscheinlich 14,37 Euro hingeblättert und 192 leere Seiten bekommen; macht 7 Cent pro leerer Seite. Man vergleiche das mit dem 1 Cent für die »Buddenbrooks« und den 2 Cent für die »Summa contra gentiles«, und man versteht sofort, warum es Moleskin blendend geht.

Aber auch, wenn unser Hipster als junger Startup-Unternehmer im Pizzadienst fußfassen wollte, bräuchte er u. U. Gedrucktes, nämlich einen Quittungsblock von Avery Zweckform oder ein Haushaltsbuch. Das eine kostet 1,54 Euro (für 50 Blatt), das andere 5,22 Euro (für 36 Blatt); macht einen Seitenpreis von 3 Cent bzw. von 15 Cent pro Seite. Auch hier wundern wir uns nicht, warum es dieser Firma so gut geht: Man vergleiche das mit den 20 Cent für die Druckergeschichte Augsburgs oder den 28 Cent für die Aufklärung über die unabhängigen Verlage — und dann frage man sich, wo hier die Geldscheffelmaschinen wirklich stehen.

Ich weiß schon: Das alles wird meine Freunde in den Bibliotheken nicht davon abhalten, diesen oder jenen Verlag — und besonders einen der großen und bösen — für die zu hohen Buchpreise zu schelten, auch wenn die Erfahrungen mit einem »innovativen Verlag« eigentlich Anlaß zur Zurückhaltung sein sollten:

Steinhauer


Anmerkung

[1]: Ursprünglich stand in diesem Text die Angabe, die Dissertation sei nur von zwölf Bibliotheken angeschafft worden. Richtig ist: Im Karlsruher Virtuellen Katalog gab es zwölf Treffer, hinter denen sich aber 42 angeschaffte Exemplare verbergen. Das sei gerne korrigiert, auch wenn es dem Verlag, um den es geht, nicht im geringsten geholfen hat: Er ist nach wie vor insolvent. Und bevor wir uns jetzt ablenken lassen durch Tweets wie diesem

Steinhauer

sei an das erinnert, um was es in diesem Beitrag geht: darum, daß das angeblich teure Buch gar nicht so teuer ist, wie es scheint; und darum, daß das angeblich so günstige digitale Publizieren (mit oder ohne Papierbeilage) ökonomisch arg danebengehen kann, wenn die Kalkulationsbasis auf der Verlagsseite nicht stimmt, und dabei ist es gleich, ob sich der Verlag mit zwölf oder mit 42 Exemplaren verrechnet und die Deckungsauflage nicht erreicht hat. Da hilft dann auch — ökonomisch gesehen — kein Hinweis auf mehr als 1000 Downloads der kostenlos verfügbar gemachten digitalen Version des Buches; denn der Verlag ist dennoch und vielleicht auch deswegen pleite. Und jetzt? (zurück)