Gewinne privatisieren, Kosten sozialisieren — durch »Open Access«

Geschrieben von Uwe Jochum am 7.6.2018

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»Open Access« als Scheinblüte


Uwe Jochum

Wissenschaftlicher Bibliothekar

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Die »Bankenrettung«, so lese ich bei telepolis, die durch die Euro-Schuldenkrise nötig war und ist, hat den europäischen Steuerzahler 747 Milliarden Euro gekostet. Hinzu kommen 1,2 Billionen Euro für Bürgschaften und Garantien, die jederzeit fällig werden können. 213 Milliarden Euro sind bei all dieser Retterei bereits verbrannt worden, davon 50 Milliarden zulasten des deutschen Steuerzahlers.

Die Logik, die hinter der »Bankenrettung« stand und steht, ist inzwischen wohl jedermann deutlich geworden. Sie besteht zunächst und sehr sichtbar darin, daß die Banken, die sich selbst für »systemnotwendig« halten, nicht von den Regierungen, sondern von den Steuerzahlern gerettet werden. Dahinter aber, und schon weniger gut sichtbar, steht die alles überformende Logik, wonach die Gewinne der Akteure privatisiert werden; die Kosten aber, die auf seiten der Akteure anfallen, sozialisiert man, indem man sie an das Kollektiv der Steuerzahler weiterreicht. Man kann also als systemnotwendige Bank über Jahre hin Fehlentscheidungen treffen; solange man trotz der Fehlentscheidungen Geld verdient, gilt das als gut, und das Geld landet selbstverständlich bei den Eignern der Bank (bzw., bei Aktiengesellschaften, zum Teil auch bei den Anteilseignern). Geht die Sache aber schief und häuft die Bank Schulden an, wird die Bank den Teufel tun und die Schulden abbezahlen, vielmehr wird man unter tätiger Mitwirkung des Staates dafür sorgen, daß die Schulden vom Steuerzahler übernommen werden.

Daß diese ganze Sache faul ist und zum Himmel stinkt, weiß inzwischen alle Welt. Man kann das nicht nur am Ansehensverlust der Bankenbranche und ihres ein- und zweireihertragenden Führungspersonals sehen, sondern auch daran, daß ein politisches System, das das mitträgt, in eine Schieflage gerät: Die bisher das System stützenden und darstellenden Parteien sehen sich in einer Legitimationskrise, und neue Parteien beginnen sich mit dem Versprechen ins Spiel zu bringen, die Schieflage des Systems radikal zu beenden.

Wir dürfen uns also darüber freuen, daß in der richtigen Welt alle wissen, daß es unethisch und systemgefährdend ist, wenn jemand meint, er könne seine Gewinne in die eigene Tasche stecken und die Kosten auf die Allgemeinheit abwälzen. Der Bürger reagiert dann zurecht empört, denn er erwartet, daß vom Privatmann bis zum internationalen Konzern alle ihre Schuldigkeit tun.

In der verkehrten Welt von »Open Access« ist das freilich anders — und hier vergeht die Freude recht schnell. Denn in der verkehrten Welt von »Open Access« findet man rein garnichts dabei, diese einfache Moral- und System-Logik glatt umzukehren, will heißen: die gewinnorientierten Firmen aus dem Kostenspiel zu entlassen und die Kosten schnurstracks alleine den Steuerzahlern aufzubürden. Dieses Konzept hält man in der verkehrten »Open-Access«-Welt für »sozial«.

Sie verstehen nicht, was ich meine? Nun, dann will ich mich verständlich machen.

»Open Access«, so hören wir es jahrein-jahraus, ist der Versuch, die bösen privatkapitalistischen Verlage, die mit den bei ihnen erscheinenden Fachzeitschriften Gewinne machen, aus dem Spiel zu drängen, um statt dessen ein internetbasiertes Veröffentlichungssystem aufzubauen, das ohne Verlage und also ohne kapitalistisches Gewinnstreben auskommt, vollständig finanziert vom Steuerzahler. Das sei, so sagt man uns, billiger als all das, was wir über Jahrhunderte hin als »wissenschaftliches Publikationswesen« hatten. Daß das, schon ökonomisch gesehen, auf Sand gebaut ist, kann man wissen, wenn man die einschlägigen kritischen Veröffentlichungen zu »Open Access« zur Kenntnis nimmt (und/oder diesen Blog hier liest), was aber natürlich sowohl von den Apologeten von »Open Access« als auch von der »Open-Access«-unterstützenden Politik tunlichst vermieden wird. Statt dessen verlassen sie sich darauf, daß trotz aller Kritik die Sache mit »Open Access« schon »irgendswie« hinhauen wird.

Nun ist diese Sache aber nicht nur aus Gründen der einfachen Kostenrechnung auf Sand gebaut, sondern auch deshalb, weil sie einen wesentlichen Faktor des Wissenschaftssystems ausblendet und daher auch auf dieser Seite sich auf einer abschüssigen Bahn bewegt. Der ausgeblendete Faktor heißt »Öffentlichkeit«. Er manifestierte sich nicht nur in öffentlichen Vorlesungen für ein interessiertes Laienpublikum, sondern auch darin, daß die wissenschaftlichen Fachzeitschriften ihre Abonnenten durchaus jenseits der universitär-fachwissenschaftlichen In-Groups fanden und finden. In diesem Jenseits treffen wir auf Privatiers, die sich aus welchen Gründen auch immer die Historische Zeitschrift oder den Euphorion halten; wir treffen dort aber vor allem auf Industriebetriebe und Konzerne, die sich eigene Forschungsabteilungen leisten, in denen man über die Fachzeitschriften die universitäre Grundlagenforschung mitverfolgt, um zu schauen, an welchem Punkt aus den erforschten Grundlagen etwas für die industrielle Verwertung abfällt. So kommt es, daß Fachzeitschriften, wenn sie gut eingeführt sind und als hinreichend relevant gelten, oftmals mehr Abonnenten hatten und haben als es Universitäten bzw. universitäre Fachinstitute gibt.

Das ist keine Marginalie des Wissenschaftsprozesses. Denn es heißt sehr konkret, daß relevante Wissenschaft eben stets eine solche ist, die über die universitären Kreise hinauswirkt; und es heißt ebenso konkret, daß die Kreise jenseits der Universitäten sich durch die Abonnements der Fachzeitschriften an der Forschung beteiligen: indem sie durch ihre Abonnements die Kosten der Fachzeitschriften mittragen. Das erklärt übrigens auch die teilweise hohen Preise vor allem naturwissenschaftlich-technischer Fachzeitschriften. Sie rechtfertigen sich nicht nur durch die aufgrund der hohen Spezialisierung kleinen Adressatenkreise, auf die sich die hohen Herstellungskosten verteilen müssen; sie rechtfertigen sich vor allem auch dadurch, daß die hohen Kosten und daher hohen Preise dieser Zeitschriften von den Industriebetrieben und internationalen Konzernen allemal aus der Portokasse bezahlt werden.

»Open Access« kündigt diese Mischfinanzierung der Fachzeitschriften mit einem Federstrich auf und halst die Kosten des wissenschaftlichen Publizierens einseitig dem Steuerzahler auf. Die Industrie darf sich ins Fäustchen lachen: Sie wird aus der Mitfinanzierung des wissenschaftlichen Publikationswesens entlassen und darf in Zukunft kostenlos übers Internet auf alles Veröffentlichte zugreifen. Das eben meine ich, wenn ich davon spreche, daß bei »Open Access« nicht anders als bei der »Bankenrettung« alleine der Steuerzahler zur Kasse gebeten wird, wenn es darum geht, die Kosten des jeweiligen Systems (des Finanzsystems, des Veröffentlichungssystems) zu tragen.1

Die Profiteure des Systems aber, die Banken und Industriebetriebe, dürfen ihre Gewinne ungeschmälert in die eigene Tasche stecken und müssen sich keine Gedanken darüber machen, ob und in welchem Umfang sie all jenen moralisch und auch ökonomisch verpflichtet sind, von deren geistiger Arbeit sie eigentlich leben. Gretchen Müller darf sich dann darüber freuen, daß sie nach dem Sieg von »Open Access« zusammen mit allen anderen Steuerzahlern aus ihren Steuermitteln die wissenschaftlichen Fachartikel, die bis dato beispielsweise in Tetrahedron erschienen sind, ganz alleine finanzieren wird, nämlich als »Open-Access«-Publikationen auf universitären und anderen Servern, lauter Artikel, die sie garantiert niemals lesen und verstehen wird; während die Manager von BASF sich darüber freuen werden, den »Content«, den sie früher über ein Tetrahedron-Abonnement mitfinanzieren mußten (pro Firmenstandort mit rund 20000 Euro), nun übers Internet von den Steuerzahlern geschenkt zu bekommen.

Anmerkung

  1. Natürlich ist im Hinblick auf Deutschland auch die hierzulande steuerpflichtige Industrie über die von ihr entrichteten Steuern bei der Finanzierung von »Open Access« mit im Boot (sofern sie das Steuerzahlen sich überhaupt leistet und nicht vielmehr vermeidet). Im jetzigen System aber ist sie nicht nur als Steuerzahler mit in der Pflicht, fröhlich wollend oder reichlich unwillig den geforderten Steueranteil für die Wissenschaft zu erbringen, vielmehr ist sie jetzt als direkter Interessent an bestimmten Themen eben auch direkter Finanzier der diese Themen abdeckenden Fachzeitschriften. Das ist ein System von Angebot und Nachfrage mit klar motivierten Zahlungsströmen. »Open Access« ist dagegen ein abstrakt-bürokratisches Verteilungssystem — einerseits von fachwissenschaftlichen Artikeln, andererseits von Steuergeldern zur Publikationsfinanzierung — ohne Rückkoppelung zwischen dem, was die Wissenschaft zu bieten hat, und dem, was außerhalb der Wissenschaft interessiert und relevant ist und dann auch gerne bezahlt wird.