Heimatkunde VIII

Straßenlage

Geschrieben von Uwe Jochum am 11.5.2026

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σύνταξις | XXIV | syntaxis

Daß der öffentliche Raum in Deutschland in zunehmendem Maße verkommt, läßt sich landauf und landab beobachten. Von Berlin, das der Blogger Don Alphonso seit langem nur noch verächtlich »Reichshauptslum« nennt, bis zu den einstigen Wohlstandsperlen im Süden der Republik, wo Audi, BASF oder Daimler dafür sorgten, daß man der Illusion des »besten aller Deutschländer« anhängen konnte, wo es jetzt aber zusammen mit der Industrie rasant bergab geht.

Für den Süden liest sich ein geraffter Krisenbericht etwas so: Die Stadt Mannheim, durch ihren Ausländeranteil von beinahe fünfzig Prozent schon seit Jahren ein orientalisch anmutender urbaner Raum, ist gerade dabei, finanziell zu kollabieren; die Daimler-und-Porsche-Stadt Stuttgart kämpft mit einem historischen Einnahmedefizit von bald 900 Millionen Euro; und ganz im Süden, am Bodensee, sieht es rund um Friedrichshafen auch nicht besser aus: beim Bodensee-Airport, dem Klinikum Friedrichshafen und der Zahnradfabrik gähnen überall entweder große Finanzlücken oder droht ein gravierender Personalabbau; und selbst im zopfigen Universitäts- und also Beamtenstädtchen Konstanz mußte die finanzielle Notbremse gezogen und eine Haushaltssperre verhängt werden.

Das sind keine guten Voraussetzungen, um so etwas wie einen städtischen Normalbetrieb aufrecht zu erhalten. Man merkt es als Bürger nicht nur daran, daß man im Schweizer Grenzort Kreuzlingen für den Stadtbus sage und schreibe nur einen Franken (etwa 1,10 Euro) bezahlt, im deutschen Konstanz aber 3,10 Euro. Man merkt es vor allem an der »Hardware« des öffentlichen Raumes: den ewigen Schmierereien an den Hauswänden, den bröselnden Fassaden, den Straßen mit Schlaglöchern und wachsendem Gras.

Womit ich beim Thema wäre: Offenbar haben wir inzwischen einen Zustand erreicht, da nicht nur das Geld für die Erneuerung der Straßen fehlt, sondern es fehlt längst auch jegliches Bedürfnis, die sich in den Stadtraum vorarbeitende Natur in Form von sprießendem Gras auf Distanz zu halten. Offenbar ist es dank lange gepredigter grüner Ideologie gesellschaftlich-zivilisatorischer Normalzustand geworden, daß sich Natur und Kultur in den Städten irgendwie verschwistern sollen. Was im Konkreten nur dies heißt: Man läßt das grüne Zeug wachsen, wo es wächst.

Das Gras wachsen
lassen[Laßt tausend Gräser wachsen! Photo: Uwe Jochum.]

Und das tut es reichlich. Und zwar nicht nur in der Kontaktzone zwischen Straße und Bürgersteig, sondern auch in den Kontaktzonen zwischen Bürgersteig und Bürgerhaus: Dort wächst es an der Fassade und an den Türschwellen so, als wären die Häuser nicht mehr bewohnt, als wäre längst Gras gewachsen über eine müde und abgestorbene Kultur, die nicht mehr weiß, was sie der Natur und was sie sich selbst schuldet, ja nicht einmal mehr weiß, was »Jäten« bedeutet.

Der Übergang zwischen drinnen und
draußen[Der Übergang zwischen drinnen und draußen verschwindet allmählich. Photo: Uwe Jochum.]

Dafür hat man ein klares Bewußtsein von dem, was der woke Zeitgeist fordert: nämlich elektrische Fortbewegung um jeden Preis, auch den Preis der Verspargelung der Landschaft durch Windmühlen. Und deshalb findet man im Stadtbild jetzt solche sürrealen Ensembles wie das nachfolgende: eine politisch hochkorrekte Wandschachtel für den elektrischen Auto-Motor-Auftank-Strom (Wallbox) kontrastiert dem aus den Ritzen wachsenden Gras, dem Moos auf dem Gehweg und der farbverschmierten Hauswand.

Zeitgeist-Ensemble[Moderne House-Art, die angesagte Energietechnik mit Naturelementen kombiniert und ausdrucksstark anzeigt, wie es kulturell derzeit um uns stehen. Photo: Uwe Jochum.]

Der Gesamteindruck ist ernüchternd. Wo man früher nur ein fernes Bewußtsein davon haben mußte, daß nach dem Ende der Zivilisation die Natur sich den Raum, den der Mensch ihr genommen hatte, allmählich zurückholen werde, darf man heute verblüfft feststellen, daß diese Rückholung längst begonnen hat. Es quillt aus allen Zivilisationsritzen die Natur, über die Stadträume legt sich ein grünes Mycel, ein allgemeines Egal breitet sich aus, und aus dem Laisser-faire ist längst eine Verschlampung geworden, der niemand mehr sich entgegenstellt. Die gleichgültige Ruhe ist inzwischen so komplett, daß selbst die Ruhebänke nicht mehr davor gefeit sind, von der ruhelos wachsenden Natur überwuchert zu werden.

Ruhe- und
Wachstumszone[Ruhe- und Wachstumszone. Photo: Uwe Jochum.]

Natürlich wird man sagen: Das ist halt einmal so, da kann man nichts machen, die Natur braucht’s, der Mensch braucht’s nicht, Grün ist schön, das Wilde ist eine Bereicherung, wer wird denn gleich mit dem Zirkel durch die Stadt gehen, da ist einer aber pingelig. Und so weiter. Alles das läßt sich leicht sagen, es entlastet mit sofortiger Wirkung von der Zumutung, daß da etwas falsch sein könnte, und schon kann man weiter schlampen, was das Zeug hält und der brüchige Straßenbelag hergibt.

Aber das ist eine sehr deutsche Perspektive. Es ist das Resultat nicht nur einer lange währenden grünen Umerziehung, die Wölfe im Wald niedlich und Wanzen im Bett interessant findet. Es ist das Resultat auch einer um sich greifenden Verarmung, die eben mehr ist als die reale ökonomische Verarmung, die man daran erkennt, daß man sich immer weniger leisten kann, sondern als ästhetische Verarmung auf den Habitus der Menschen übergreift. Die Leute sind jetzt zunehmend von einer grauen Anmutung, als lege sich eine depressive Patina auf die Seelen, den Leib und die Kleidung.

Daß es auch anders geht, zeigt ein Besuch in der ausländischen Nachbarschaft. Sobald man die Grenze zur Schweiz überquert, findet man einen öffentlichen Raum vor, der Erinnerungen weckt an die besseren Zeiten unseres Landes. Da wird nicht nur das Vorhandene regelmäßig in Stand gesetzt und erneuert, da wird auch der Natur ebenjener Widerstand entgegengesetzt, der zum Ausdruck bringt, daß man nicht bereit ist, alles, was vermeintlich natürlich ist, auch hinzunehmen. Will sagen: An den Straßenrändern wächst nichts, was nicht ausdrücklich wachsen soll. Man achtet auf gerade Linien:

Straßenbau[Straßenbau in der Schweiz. Photo: Uwe Jochum.]

Und wo man doch einmal auf Grünes wert legt, ist das Grüne keine sich selbst überlassene Wucherungszone, sondern ein gestalteter Raum, bei dem sich jemand Gedanken darüber gemacht hat, was gerade und Beton und was ungerade und Gras oder Baum sein soll — und wie beides zueinander paßt. Da darf man dann auch im Schatten sitzen und genießen, ohne daß die Befürchtung aufkommen wird, daß irgendeine im Grün verborgene Schlingpflanze auf dumme Gedanken kommt. In der Schweiz sitzt man als freier Schweizer auf freien und sauberen Bänken. Und über die Schweizerstraße mit ihrem erneuerten Asphalt rollt beinahe geräuschlos der Schweizerverkehr.

Bank- und Straßenlage mit
Natur[Schweizer Bank- und Straßenlage mit Natur. Photo: Uwe Jochum.]