Briefmarkendämmerung

Zum Verfall unseres Landes. Teil II

Geschrieben von Uwe Jochum am 18.4.2026

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Mohrenstraße

Zum Beginn des Jahres 2026 stellte die dänische Post die Briefzustellung ein. Das geht, wie die »Tagesschau« meldete, mit einem Abbau von 1500 Stellen und der Demontage sämtlicher öffentlicher Briefkästen einher. An die Stelle der dänischen Staatspost tritt nun ein privates Unternehmen, das die Briefzustellung und -einsammlung übernimmt, freilich mittels eines stark reduzierten Netzes von Briefkästen, die in einigen ausgewählten Supermärkten auf die Fütterung mit Briefen warten.

Drawing[Briefkasten am Hauptpostamt in Eberswalde, ca. 1890. Quelle: Ralf Roletschek (talk), via Wikimedia Commons.]

Daß etwas mit dem guten alten Brief als Medium persönlicher oder geschäftlicher Mitteilungen auch hierzulande ins Schwimmen gekommen ist, merkt man nicht nur an der immer wieder aufkeimenden Debatte, auch in Deutschland die Anzahl der Briefkästen zu vermindern, die Postlaufzeiten durch Reduzierung der Austragtage zu erhöhen — und dafür das Porto immer wieder deutlich zu erhöhen. Man merkt es auch an dem kleinen Detail der Briefmarke. Diese war einst nicht nur ein staatliches Hoheitszeichen, sondern auch ein Kunstwerk. Man konnte diese Kleinstkunstwerke sammeln, aus ästhetischen Gründen oder aus reinem Sammeldrang, man konnte sich aber auch in der Betrachtung der Marken ein Bild von der Welt machen. Denn die Marken waren immer auch Symbole ihrer Zeit: Sie bildeten auf kleinem Rechteck eine Landschaft ab, hiesig oder fremdländisch, von der man schonmal gehört hatte; sie zeigten Personen der Geschichte und Zeitgeschichte; sie kündeten vom kühnen Erfindergeist; im Minimum aber waren sie auch ohne Bild kleine graphische Kompositionen.

Drawing[Sachsen-Dreier, 1850. Quelle: J. B. Hirschfeld, Public domain, via Wikimedia Commons.]

Nehmen wir den berühmten »Sachsen-Dreier«. Nichts Spektakulären, eine Ziffer in der Mitte und erläuternder Text drumherum. Das Ganze aber mit dem Effekt einer unmittelbaren Selbsterklärung, ästhetisch rund.

Nehmen wir eine französische Briefmarke aus der Kolonialzeit: Man sieht eine Allegorie auf das fremde Land und seine Zugehörigkeit zu Frankreich.

Drawing[Madegassische Briefmarke. Quelle: Gemeinfrei, .]

Und natürlich vergessen wir auch die bedeutenden historischen Persönlichkeiten nicht, hier etwa Benjamin Franklin:

Drawing[United States Post Office Department, Public domain, via Wikimedia Commons.]

Aber diese Zeiten gehen nun zu Ende. Wer heutzutage auf der Website der Bundespost nach schönen Briefmarken sucht, die er für den Briefversand benutzen will, dem wird prominent eine sogenannte »Internet-Marke« präsentiert, die von ausgesucht-häßlicher Schlichtheit ist:

Internetmarke [Bildschirmphoto der Post-Website.]

Und wo man einst schöne Motive und gute Graphik fand, reduziert sich das Angebot nun auf die Wiedergabe von touristischen Photoperspektiven, ergänzt um einen QR-Kode, der die ganze Sache »maschinenlesbar« macht:

Erfurt [Bildschirmphoto der Post-Website.]

Natürlich: Es gibt auch die Serie »Beliebte Haustiere« (derzeit, April 2026, mit einem Papagei), es gibt »Blumengrüße« und Briefmarken mit dem Konterfei von Prominenten, etwa Hildegard Knef. Aber es gibt jetzt auch »SpongeBob« und »Bernd das Brot« und »75 Jahre ARD«. Will sagen: Es gibt viel Zeitgeistiges, es gibt die Durchsicht des Ereignis- und Sterbetagskalenders zwecks Auswurfs einer passenden Briefmarke, aber keine dieser Marken ist ästhetisch gelungen. Sie wirken allesamt lustlos zusammengebastelt mit irgendeinem modernen Graphikprogramm.

Erfurt [Bildschirmphoto der Post-Website.]

Vorbei die Zeiten, da sich ein Graveur die Mühe machte, stunden- und tagelang ein kleines graphisches Meisterwerk zu schaffen, das auch ohne buntesten Vierfarbdruck einen bleibenden Eindruck hinterläßt.

Hohentwiel [Bildschirmphoto der Philaseiten.]

Man mag das für ein beliebiges Detail handeln, über das man sich nicht weiter Gedanken machen muß. Muß man auch nicht. Man kann diese Transformation des Postwesens — von der Beseitigung der Briefkästen bis zur lustlos-bunten und technokratisch zum »Kode« verkommenen Briefmarke — aber auch als das lesen, was sie ist: Das Ende einer Kulturtechnik, die mit dem modernen Menschen und seiner individuellen Innerlichkeit aufs engste verbunden ist, im Briefroman der Zeit um 1800 wahrscheinlich ihren qualitativen Höhepunkt erreicht, um im 19. Jahrhundert zum Massenphänomen zu werden, dessen Ende nun durch ganz andere Massenmedien vom Typ »Internet« erreicht ist. Was jetzt noch folgt, hört nicht mehr auf den Namen »Brief« und »Zustellung« oder »postwendend«, sondern ist Text- und Datenverarbeitung, deren Tendenz darauf geht, daß Maschinen die Texte und Daten von Maschinen verarbeiten. Und zwar »instantan«.

Der Ort des Menschen ist aber nicht das immer übereilte Sofort, sondern die Lücke in der Zeit zwischen dem Gerade-Eben und dem Noch-Nicht. In dieser Lücke besinnt er sich, greift zum Werkzeug und denkt, in die Sache sich versenkend für einen Augenblick, der bisweilen eine Ewigkeit dauert.