Ostern 2026

Ein Nachruf

Geschrieben von Uwe Jochum am 10.4.2026

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Ein halbes Jahr Papst

Ostern ist vorbei.

Aber diesmal war etwas anders. Damit meine ich nicht den Ablauf der Festzeit, die ungetrübt von spektakulären liturgischen Fehlgriffen war und sich damit positiv von den Skandalen der zurückliegenden Weihnachtszeit abhob. Ich meine auch nicht die phrasenhaften Verlautbarungen, die wie immer von Repräsentanten der beiden Großkirchen im Vorfeld des Festes an die Medien durchgereicht wurden.

Ich meine vielmehr das hilflose Reden und laute Schweigen auf der Seite der Politik. Mitten in Europa und vor allem in seinem Kernland, das wie kein anderes europäisches Land durch einen langen religiös motivierten Bürgerkrieg und eine lange religiöse Spaltung gekennzeichnet ist — mitten in diesem Land gähnt zu Ostern ein intellektueller und verbaler Abgrund.

Schauen wir auf den Bundespräsidenten. Der sprach Ende März noch ausführlich über militärische Stärke und europäische Geschlossenheit. Am Gründonnerstag kam von seiner Pressestellte dann aber nichts weiter als die Meldung, wer demnächst den Verdienstorden der Bundesrepublik erhalten werde. Zu Ostern kam zunächst nichts. Erst am Ostersamstag ließ der Präsident eine aus zwei Sätzen bestehende Osterbotschaft nachreichen, die in aller Dürftigkeit erklärte, Ostern erinnere uns daran, daß »immer wieder ein neuer Anfang möglich ist«.

Schauen wir auf den Bundeskanzler. Auch von ihm kam zu Ostern zunächst nichts. Aber weil dieses Nichts auf den sozialen Medien dann wohl doch zu heftig kritisiert wurde, reichte der Kanzler am Ostersonntag ein Videobotschaft nach. Diese bestand immerhin aus mehr als zwei Sätzen, brachte aber in 34 Sekunden auch nicht mehr zustande als das, was der Bundespräsident so dürr erklärt hatte: nämlich daß Ostern das Fest des »Neuanfangs« sei.

Man kann es auch so sagen: Zweimal kam von unseren bundesdeutschen Höchstrepräsenten im Vorfeld zu Ostern nichts; und als dann endlich doch etwas kam, war es im Grunde wieder nichts.

Das haben Präsident und Kanzler übrigens mit dem britischen König Karl gemein. Der ließ als Oberhaupt der Anglikanischen Kirche erklären, daß es in diesem Jahr von ihm keine Osterbotschaft an sein Volk geben werde. Der höchste britische »Verteidiger des Glaubens« — so sein offizieller Titel — hat offenbar Besseres zu tun, als den christlichen Glauben wenigstens verbal zu verteidigen.

Bleibt noch ein Blick auf Frankreich als Dritten im österlichen Bunde. Wie nicht anders zu erwarten, diskutierte man in dem Land, das sich auf seinen Laizismus viel zugute hält, angesichts des Osterfestes zwar die Frage, wo sich das Präsidentenpaar übers Osterwochenende aufhalten werde. Aber eine Osterbotschaft des Präsidenten gab es nicht.

Alle diese das Osterfest begleitenden verbalen Verlegenheiten und öffentlichen Beschweigungen ratifizieren, was als kulturelle Verschiebung sich schon seit Jahrzehnten bemerkbar macht und nun ganz offensichtlich einen Kipp-Punkt erreicht hat, nämlich: Das Christentum zählt nicht mehr.

Die Politik hat daraus die Konsequenzen gezogen. Sie schaut sich um nach neuen Aufmerksamkeitsfeldern, von denen sie meint, daß dort etwas zu holen ist. Man muß nicht lange suchen, um zu finden, was die Politik längst gefunden hat. Wenn wenige Wochen vor dem christlichen Osterfest der Bundespräsident zum islamischen Fest des Fastenbrechens eine umfangreiche Grußbotschaft auf Deutsch, Englisch, Arabisch und Türkisch herausgibt; wenn der Bundeskanzler zum Ramadan in Deutsch, Türkisch und Arabisch Grüße an die hierzulande lebenden Muslime sendet; wenn endlich die Grünen das islamische Fastenbrechen ganz offiziell in den Räumen des Bundestags begehen — dann wissen wir, daß im Kalkül dieser Leute das Christentum eine Brachfläche und der Islam die Religion ist, die es jetzt zu bestellen gilt.

Wären diese Politiker religiös gebildet, wüßten sie freilich, daß das Christentum seit jeher nicht die Religion des machtpolitischen Triumphs war, sondern des Opfers. Nicht aus schierer Macht entsteht eine die Menschen motivierende Zukunft, sondern aus dem Durchgang durchs gemeinsame Opfer, wie es an Ostern gefeiert wird.

Drehen wir also unsere Gedanken zu Ostern einmal noch um: Nicht mit Ostern ist es vorbei, sondern mit einer Politik, die glaubt, es sei mit Ostern vorbei.


Der vorstehende Text wurde zuerst am 7. April 2026 als Tageskommentar auf »Kontrafunk« gesendet. Ich veröffentliche ihn hier erneut, ergänzt um Links zu den Quellen.