eiffe ist meff

Geschrieben von Uwe Jochum am 31.3.2021

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Uwe Jochum

Wissenschaftlicher Bibliothekar

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Die nachfolgende kleine Reflexion erschien zuerst am 30. März 2020 um 13:00 Uhr auf der »Achse des Guten« unter dem redaktionellen Titel »Reflexionen über gequirlte Kacke«. Sie war ursprünglich für diesen kleinen Blog hier konzipiert, wuchs unter der Hand dann aber in eine andere Richtung, für die sich die »Achse« zuständig fühlte, wofür der Autor sich bedankt. Da ich es mir aber inzwischen angewöhnt habe, mein bibliothekarisches Lesepublikum (the happy few) monatlich mit einem kleinen Text an diesem virtuellen Ort im Internet zu unterhalten, erfolgt hiermit die digitale Umtopfung des Textes zurück an seinen schon mit etwas Erde aufgefüllten Ort. Möge der Leser, der den Text bei der »Achse« versäumt hat, das Verpaßte hier nachholen.



Zu den schönsten Erlebnissen, die man beruflich in Diskussionsrunden haben kann, gehört dieses: Es geht, wie immer, um die »Weiterentwicklung« von irgendwas. Wenn Vorgesetzte (d/m/w) an einer solchen Diskussion teilnehmen, erübrigt sich der Austausch von Sachargumenten von vorneherein, denn man weiß ja längst, daß die Argumente nur dann als relevant gehört werden, wenn sie mit der Meinung der Vorgesetzten (d/m/w) harmonieren. Also wird erwartungsgemäß die Notwendigkeit der »Weiterentwicklung« von irgendwas nicht in Frage gestellt werden, selbst dann nicht, wenn man weiß, daß das Ganze hochgradig sinnlos ist, weil sich das Irgendwas seiner »Weiterentwicklung« versagen und die »Weiterentwicklung« eine Verschlimmbesserung sein wird. Man wird vielmehr versuchen, aus Gestik und Mimik der Chefin (d/m/w) herauszulesen, welche Argumente auf deren Seite des Sitzungstisches auf Wohlgefallen stoßen werden. Wer trotz alledem, und jetzt kommt die Pointe, die Chuzpe haben sollte, mit aus der Erfahrung geschöpften Argumenten darauf hinzuweisen, daß die »Weiterentwicklung« eher so ausschaut wie ein Abbau und die erwarteten positiven Effekte durch die unerwarteten negativen vollkommen nullisiert werden, der wird dann von Chefinnenseite (d/m/w) etwas zu hören bekommen, was ungefähr so geht: »Die Zeiten ändern sich, das Umfeld ändert sich, die Erwartungen der Menschen ändern sich — und daher müssen die Prozesse rund um das Irgendwas ›angepaßt‹ werden. Usw.« Ende der Debatte.

Bullshit [Bild von Pezibear auf Pixabay.]

Sie haben die Pointe bemerkt? Nein? Na, dann verrate ich, worin die Pointe besteht: Sie haben gerade »bullshit« gehört. Das ist nicht einfach, wie man übersetzen könnte, »gequirlte Kacke«, es ist vielmehr viel mehr, und um dieses viele Mehr soll es hier gehen.

Zunächst einmal halten wir fest, daß der flatus vocis, der da dem vorgesetztinnen (d/m/w) Mund entfleuchte, im Handbuch für Unführungskräfte unter der Rubrik »Killerphrase« verzeichnet ist. Diese, so steht in dem Handbuch, benutze man, um das Gegenüber argumentativ platt zu machen. Und zwar dadurch, daß man einen Truismus von sich gibt, der mit soviel Zeitgeist aufgeladen ist, daß man sich und anderen erfolgreich suggerieren kann, man habe etwas ganz Vorzügliches gesagt. In Wahrheit hat man natürlich nur eine Binse abgesondert, und die Wortwerdung der Binse erzeugt nichts als ein Rauschen: Daß die Zeiten sich ändern, ist so, seit es Zeiten gibt; es ist geradezu der Witz von Zeit, daß sie sich ändert.

Daraus folgt natürlich nicht das geringste für die Beantwortung der Frage, ob man sich diesen geänderten Zeiten anpassen sollte oder nicht, ob eine Voll- oder Teilanpassung nötig sein könnte oder eine Voll- oder Teilbeibehaltung des Bewährten wirklichkeistadäquater wäre. An dieser Stelle müßte man konkret werden und also genau die Debatte führen, die der Truismus abschneidet, indem er etwas folgert, was aus der Sache nicht hervorgeht: daß die anderen Zeiten auch andere Prozesse nötig machten. Das dabei sich meldende Sachproblem wird vielmehr überspielt, indem man die Binse um etwas Werbesprache erweitert. Das geht so: »Bewahren heißt Verändern.« (Ich leihe mir diesen schönen Satz vom grünen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Winfried Kretschmann.) Wie man sieht, wird hier ein Gegensatz semantisch äqualisiert und vereinerleiht. Der Spruch könnte daher mit derselben Inbrunst lauten: »Verändern heißt Bewahren.« Solche Sprüche kann man vorwärts wie rückwärts aufsagen, es kommt immer dasselbe dabei heraus, weil immer dasselbe vorher hineinkam: das reine Nichts. Dieses reine Nichts ist gleichsam die vollkommene Binse.

Bullshit [Bild von Gerd Altmann auf Pixabay.]

Wenn es nun aber Wurst und Käse ist, ob man verändert oder bewahrt, hat derjenige, der mit diesem Satz in öffentlicher Rede operiert und mit ihm die Zuhörer übertölpelt, den schönen Vorteil auf seiner Seite, daß das, was er/es/sie für notwendig hält, jederzeit aus dem Truismus herausgezaubert werden kann wie das Kaninchen aus dem Hut. Denn wenn derjenige, der verändern will, denselben Satz sagen kann, wie derjenige, der bewahren will, dann hat sich der Satz von jeder denkbaren Problemlage gelöst und sich vollkommen wahrheitsunabhängig gemacht. Das binsische Stets-und-immer-Gelten des Truismus macht ihn multifunktional einsetzbar zur Durchsetzung ganz entgegengesetzer Ziele.

Woraus folgt: Die argumentative Kraft der Binse hängt nicht von dem Grad ihrer Übereinstimmung mit der Wirklichkeit ab, sondern von der Kraft, mit der die Person, die Binsenwahrheiten als Argumente einsetzt, innerhalb einer Organisation agieren kann. Kurz: Daß der binsische Satz überzeugt, liegt nicht daran, daß er wahr ist, sondern daran, daß die binsische Sprechperson die Macht hat, anderen die Binse als Wahrheit in den Verstand zu kloppen. Noch kürzer: daß sie sich durchsetzen kann. Der Binsensatz ist, so gesehen, sprachlich genau das, was im Boxkampf der Leberhaken ist. Draufhauen und Schluß.

Boxen [Bild von StockSnap auf Pixabay.]

Dieses Draufhauen ist etwas anderes als eine einfache Lüge. Bei einer Lüge weiß der Lügner, daß er lügt, weil die Hintergrundsfolie der Lüge die Wahrheit ist, die der Lügner kennt und die er im Lügen verleugnen möchte. Der Lügner wird daher der Wahrheit und sich selbst als einer wahrheitsfähigen Person untreu, und deshalb zeigt er, wenn ertappt, ein schlechtes Gewissen.

Ganz anders der binsische Bullshitter. Ihm ist die Wahrheit von vorneherein völlig schnurz. Was gilt und was nicht gilt, ob etwas wahr oder falsch ist, interessiert den Bullshitter nur unter dem Aspekt seiner Tauglichkeit zur Durchsetzung von Zielen, für die es ihrerseits völlig wurst ist, ob sie der Wirklichkeit aufhelfen oder sie zerstören. Der Bullshitter nämlich denkt sich die Welt als eine, in der es nur darauf ankommt, sich durchzusetzen, und das meint, damit man das jetzt auch genau versteht: sich durchzusetzen. Der Bullshitter also betrachtet die Welt als Wurmfortsatz seiner eigenen Person, und da die Verlängerung des Wurmfortsatzes zweckmäßigerweise der Enddarm ist, hat der Bullshitter gelernt, daß man auf die Welt scheißen kann. Er betrachtet die Welt in etwa so wie der alte Cowboy in den City Slickers, der der Menschheit den unsterblichen Satz vermacht hat: »Ich scheiß die größeren Haufen!«

Shit [Bild von Alexandra ❤️A life without animals is not worth living❤️ auf Pixabay.]

Das ist auf der einen Seite die wahrscheinlich größte anzunehmende Naivität. Sie besteht darin, allen Ernstes zu meinen, die Welt richte sich nach einem selber, man müsse eben nur mit genügend Kraft und im Zweifelsfalls auch Gewalt gegen die Welt anstinken. Dann fügt sie sich schon. Das ist, genau besehen, die kindliche Haltung einer Pippi Langstrumpf, die sich die Welt so macht, wie es ihr gefällt. Man darf daher vermuten, daß die Bullshitterin (d/m/w), von der wir hier sprechen, tatsächlich in jener kindlich-naiven Entwicklungsphase steckengeblieben ist, in der man auf äußeren Widerstand mit wütendem Trotz reagiert und es auf diese Weise geschafft hat, daß die genervten Erwachsenen irgendwann nachgegeben haben. Die Entwicklungsphase danach, in der man erfährt, daß man andere zwar nerven und terrorisieren kann, die Wirklichkeit davon aber völlig unberührt bleibt und ihr eigenes Recht hat — diese Phase hat die Bullshitterin (d/m/w) ausgelassen, weshalb sie schon kurz nach ihren terroristischen Wutattacken so langstrümpfig daherkommt wie eine Pippi: pfeifend und singend, weil sie die anderen, die es anders meinten, mal wieder in die Tasche gesteckt hat. Von schlechtem Gewissen keine Spur.

Auf der anderen Seite aber ist das, was hier geschieht, in politicis (und Politik gibt es auch im kleinen) nun zwar nicht die größte anzunehmende Katastrophe, aber es ist auch nicht mehr weit von der Katastrophe entfernt, denn es ist der Weg zur Katastrophe. Das liegt daran, daß eine Bullshitterin (d/m/w) in der ihr eigenen Unfähigkeit, Wirklichkeit wahrzunehmen und sich für Wirklichkeit überhaupt interessieren zu können, in einer signifikant hohen und immer häufigeren Zahl von Fällen gegen die Wirklichkeit entscheidet und daher, läßt man sie gewähren, die Firma, die Organisation oder der Staat, in dem sie sich nach oben getrickst hat, mit jeder Entscheidung ein Stückchen weiter an den Abgrund rückt. Bis es dann diese Entscheidung gibt, an der auch noch der Transusigste erkennen kann, daß sie direkt in den Abgrund führt: die Firma ist pleite, die Organisation funktionsunfähig, der Staat am Rande der Diktatur und/oder des Bürgerkriegs, was beides strukturell zusammengehört.

Bürgerkrieg [Bild von Steve Brandon auf Pixabay.]

Da nämlich die Bullshitterin (d/m/w) wegen ihres Desinteresses an Wirklichkeit auch kein Interesse daran hatte und hat, die unterschiedlichen Wirklichkeitswahrnehmungen zu vermitteln und in klugen Entscheidungen auszugleichen, hat sie die Firma, die Organisation oder den Staat schon zu Beginn ihres verdienstlosen Wirkens in Mitläufer und Widerständler zerlegt, die Mitläufer mit Pöstchen und Zugang zu ihrer unfruchtbaren Brust bestochen, die Widerständler unter Druck gesetzt und geächtet und damit für eine Spaltung gesorgt, die je länger desto unüberwindlicher wird. Denn die Spaltung, um die es hier geht, ist nicht der einfache Gegensatz von Meinungen und Argumenten, der im öffentlichen Widerstreit eben auch medial in Permanenz stattfindet; vielmehr handelt es sich hier um eine widerstreitslose Spaltung von Firma, Organisation und Staat, um einen einfachen Sortiervorgang, bei dem ganze Belegschaften und Bevölkerungsgruppen sich zunächst marginalisiert sehen und dann stigmatisiert. Sie haben keine andere Meinung, über die man reden könnte, ihre Meinung ist vielmehr böse, weil nicht die Meinung der langstrümpfigen Bullshitterin.

Wie man da wieder herauskommt? Nun, man muß die Pippi, die nur so tut, als sei sie Papa oder Mutti, wieder auf das ihr gemäße Pippi-Maß herunterbringen. Also zunächst einmal das Kinderbuch, aus dem sie entsprungen ist, wieder schließen. Die Augen öffnen und erkennen, daß Bullshit wie »Bewahren heißt verändern« ganz lächerlich ist und daß derjenige, der ihn von sich gibt, in dasselbe Kinderbuch gehört wie die Pippi. Erwachsene machen sich die Welt nicht zurecht; sie versuchen, in ihr verantwortungsvoll zu handeln und größeren Schaden zu vermeiden. Ihre Worte haben eine Bedeutung. Sie wissen, wann sie aufhören müssen.

Achten Sie also darauf, wenn jemand wieder einmal sagt »eiffe ist meff«. Sie dürfen diesen Satz ruhig für amüsant halten, wenn Sie seinen Kontext noch kennen (gugeln Sie, wenn Sie müssen). Aber Sie dürfen ihn nie und nimmer für einen ernsthaften Satz halten, der von jemandem gesagt wird, der sie ihre Familie, ihre Firma, ihre Behörde oder ihren Staat anvertrauen wollen.

Puppenkiste [Bild von Lenalensen auf Pixabay.]

Wenn Sie lesen möchten und können: Harry G. Frankfurt: On bullshit. Princeton, N.J.: Princeton University Press, 2005.