Digitale Wissenschaftskontrolle

Geschrieben von Uwe Jochum am 20.2.2021

Vom selben Autor:


Fiktion und Wirklichkeit


Uwe Jochum

Wissenschaftlicher Bibliothekar

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Das größte Mißverständnis im Hinblick auf die Digitalisierung der Wissenschaften durch Einführung eines »Open-Access«-Publikationssystems liegt in der Annahme, die Wissenschaft werde dadurch freier und demokratischer.

Diesen Befreiungs- und Demokratisierungsschub denkt man sich so: Wenn die Wissenschaftler ihre Aufsätze nicht mehr in gedruckten Fachzeitschriften veröffentlichen würden, sondern digital auf Volltextservern ihrer Universitäten, müßten sie die Verwertungsrechte an ihren Veröffentlichungen nicht mehr an Verlage abtreten, die mit ebendiesen Rechten Geld verdienen. Statt dessen soll die digitale Publikation auf den universitären Volltextservern zu »Open-Access«-Konditionen erfolgen, d.h. eine beliebige und für die interessierten Leser kostenfreie Nachnutzung (Lesen, Kopieren, Umbauen, Speichern, Weiterverbreiten) der Veröffentlichung erlauben. Das, so glaubt man, sei so etwas wie die gelungene Synthese aus einer digital sich selbst organisierenden und dank Ausschaltung der Verlage ökonomiefreien und daher billigeren Wissenschaft, die übers Internet mit der interessierten Öffentlichkeit direkt in Kontakt kommen und in diesem Direktkontakt die Demokratisierung der Gesellschaft weiter voranbringen könne.

Nun darf man freilich bezweifeln, daß ein Wissenschaftssystem, in dem anstelle der konkurrierenden Intermediäre vom Typ Verlag ein vom Staat als Monopol betriebenes »Open-Access«-System installiert wird, das Publizieren wirklich billiger macht. Denn keines der politischen Systeme, die nichtstaatliche Konkurrenz ausgeschaltet haben, hat die systemischen Kosten wirklich gesenkt, sondern immer nur kreativ versteckt, bis zum finalen Ruin des Systems. Bezweifeln darf man allerdings auch, daß ein staatliches Publikationsmonopol die Wissenschaft freier und demokratischer macht. Denn noch jedes System, das auf eine Monopolisierung der gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Kommunikationsprozesse setzte, hat im selben Atemzug die Freiheitsgrade seiner Bürger und Wissenschaftler drastisch beschnitten.

Kontrollraum [Bild von Pexels auf Pixabay.]

Das sei nun aber, so hören wir, dank des Digitalen alles ganz anders: Milliarden digitaler Rezeptoren sollen weltweit dafür sorgen, daß die Wirklichkeit so breit und tief wie noch niemals zuvor gerade auch ins System der Wissenschaften gelangt und von dort in verarbeiteter Form über die digitalen Massenkanäle ihren Weg in die Köpfe der Menschen findet. Und weil das System vollständig transparent sein könne, wäre dadurch auch jedem staatsmonopolistischen Mißbrauch gesteuert.

Man darf auch das bezweifeln. Denn das Digitale, wie es in den 1930er und 1940er Jahren grundgelegt wurde, folgt einer Logik, die nicht nur das Buch durch ein assoziations- und denkfreundlicheres Medium ablösen möchte (Vannevar Bushs »Memex«), sondern alles Problemlösen als algorithmische Prozessierung von wohldefinierten Einzelschritten betrachtet (Alan Turings Rechnermodell), die von real baubaren Maschinen erledigt wird (Nobert Wieners Kybernetik). Aus dieser Logik ging der Computer hervor, der seither munter das tut, was er laut Norbert Wiener tun soll: Er betreibt das Geschäft von »Kommunikation und Kontrolle«, indem er die analoge Fülle der Welt in binäre Häppchen zerlegt und daraus Daten generiert, deren Fluß er kontrolliert und überwacht. Mit anderen Worten: Die Logik des Computers ist die Logik einer Kontrolltechnik, die dank des Internet inzwischen weltweit operiert und dabei Welt-, Kommunikations- und Datenkontrolle zu Synonymen gemacht hat.

Kopf im Netz [Bild von Gerd Altmann auf Pixabay]

Es liegt auf der Hand, daß das keine guten Voraussetzungen für Demokratie und Freiheit sind. Wie schlecht sie jetzt schon sind, zeigt ein Blick auf die in den Naturwissenschaften populären Nachweisinstrumente für wissenschaftliche Aufsätze, das Web of Science (WoS) und den SciFinder. Sie punkten auf der Nutzerseite mit einem bequemen Zugang zu bibliographischen Informationen und digitalen Volltexten. Und auf der Seite der Universitätsverwaltungen punkten sie damit, daß sich mit ihrer Hilfe leicht ermitteln läßt, welche Aufsätze welcher Professoren wie oft zitiert wurden; und daraus kann man dann Kennzahlen ableiten, mit denen man die monetären Belohnungsflüsse in den Universitäten steuert.

Kippt an dieser Stelle schon die Bequemlichkeit der Nutzung in eine Kontrolle der Nutzer um, zeigt sich der Charakter der Kontrolltechnik vollends, wenn man sich vor Augen führt, daß das WoS und der SciFinder die IP-Adressen der Computer abgreifen und der SciFinder sogar ein personalisiertes Login-Verfahren benutzt, so daß die an einem Computer und von einer Person durchgeführten Recherchen mitgeschnitten und statistisch ausgewertet werden können. Und das Verb »können« meint in diesem Kontext keine schwache Möglichkeit, sondern eine starke Realität: Die wissenschaftlichen Bibliotheken, die ihren Nutzern einen Zugang zu WoS und SciFinder anbieten, erhalten nicht nur monatliche Statistiken mit allgemein gehaltenen Nutzungsdaten dieser Instrumente, sondern können bis zur IP-Adresse und dem einzelnen Nutzer herunter sehen, wer an der jeweiligen Universität wie lange zu welchen Themen recherchiert hat. Man darf vermuten, daß das, was den Bibliotheken als statistisches Servicepaket zur Verfügung gestellt wird, nur ein Bruchteil dessen ist, was im Hintergrund erfaßt und ausgewertet wird. Mit anderen Worten: Das internationale Investorenkonsortium, in dessen Besitz sich WoS seit 2016 befindet, und die American Chemical Society als Eigentümer des SciFinder sind in der Lage, das Rechercheverhalten ihrer Nutzer weltweit minutiös zu beobachten und für kommerzielle, aber natürlich auch für politische Zwecke auszuwerten. Wer woran forscht, ist jetzt kein Geheimnis mehr. Kurz: Wir haben hier keine Instrumente vor uns, die für universitäre Kontrollzwecke und für die Wissenschafts- und Industriespionage mißbraucht werden können, sondern Instrumente, zu deren Design die Kontrolle samt der Wissenschafts- und Industriespionage gehören.

Stummschaltung [Bild von Thorsten Frenzel auf Pixabay.]

Es gibt keinen Grund, von »Open Access« etwas anderes zu erwarten. Denn der von den Bibliotheken zu »Open-Access«-Konditionen bereitgestellte »Content« — die Aufsätze der Wissenschaftler, gerne auch deren Bücher — wird wie bei WoS und SciFinder weltweit bequem übers Internet zugänglich gemacht. Zugleich aber lassen sich die Downloadzahlen der Aufsätze und Bücher mit den Personendaten der Wissenschaftler verknüpfen, um die in den Naturwissenschaften seit langem schon verbreiteten bibliometrischen Zitationsindizes endlich auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften einzuführen. Das läuft auf eine Ausweitung der Kontrollzone der Universitätsverwaltungen hinaus.

Damit ist die Logik der Kontrolle aber keineswegs erschöpft. Denn der von den Bibliotheken zu »Open-Access«-Konditionen ins Netz gestellte »Content« wird zuletzt von jenen Akteuren angeeignet, die die Datenflüsse im Netz steuern und kontrollieren. Wobei der Staat hier weniger einen Anlaß für eine Intervention sieht, sondern die Gelegenheit zu Kooperation, denn über die in amerikanischer Hand befindlichen Monopolisten vom Typ Google™, Amazon™ und Facebook™ erfährt auch er, was seine Bürger denken und tun. Und so gelingt es diesen Monopolisten, unbehelligt vom Staat und ohne demokratische Legitimation, aber unter dem Zuckerbergguß der Bequemlichkeit Kontrollsysteme als gesellschaftlich-technischen Normalzustand zu installieren; Kontrollsysteme, deren Aufgabe à la Norbert Wiener die Synthese von »Kommunikation und Kontrolle« ist; Kontrollsysteme, in denen die Lieferung von »Content« nur noch der Anlaß für eine Datenerhebung ist, deren Ziel die vollständige Erfassung der »User« und ihres Datenverkehrs ist. Und jedem Internetnutzer sollte inzwischen klar sein: Es sind diese Personen- und Verkehrsdaten, mit denen im Netz das eigentliche Geld verdient wird, nicht der »Content«. Klar sollte aber auch sein, daß mit dem verdienten Geld eine Politik finanziert wird, die auf einen weiteren Ausbau der nichtstaatlichen Kontrollzone zielt, in der die Daten und das Geld nur so fließen können.

Netzwerk [Bild von Ugochukwu Ebu auf Pixabay.]

Das erklärt, warum ein als Philanthrop auftretender Investor wie George Soros von Anfang an zu den Finanziers und Impulsgebern der »Open-Access«-Bewegung gehört. Er hat ganz offensichtlich verstanden, daß »Open Access« das ideale Instrument darstellt, um die neoliberale Agenda nun auch in den Wissenschaften durchzusetzen. Man muß dazu nur erstens der Öffentlichkeit und Politik einreden, daß »Open Access« dank der Ausschaltung der Verlage aus dem wissenschaftlichen »Content« ein kostenloses Gut macht; zweitens kann man es dann den in diesen Köder beißenden staatlichen Akteuren in der Forschungsförderung und den Universitäten überlassen, die auf seiten des Staates bei der Erstellung von digitalem »Content« anfallenden Kosten kreativ zu verstecken; und schon kann man drittens den von den Bibliotheken frei Haus ins Netz gelieferten kostenlosen »Content« zur Basis von allerlei »Geschäftsmodellen« machen, die davon leben, daß sie den um diesen freien »Content« sich formierenden Datenverkehr zur Handelsware machen. Am Ende hat der Staat seine Wissenschaft verschenkt, aber es ist in Wahrheit kein Geschenk an seine Bürger, sondern ein Geschenk an Google™ und Konsorten.

Viele glauben, das alles sei kein Problem, weil dadurch eine Win-Win-Situation entstehe: die Bürger bekommen im Netz eine bequeme und kostenlose Wissenschaft, und Google™ & Co verdienen damit auch noch Geld. Daß die Verlage bei diesem Spiel nichts mehr zu melden haben, sei ein hinnehmbarer Kollateralschaden. Sie übersehen aber, daß der eigentliche Schaden in der Wissenschaft angerichtet wird. Denn um wissenschaftliche Publikationen zu verschenken, muß man über die Geschenke auch verfügen können. Und hier liegt die eigentliche Crux: Die wissenschaftlichen Veröffentlichungen sind das Eigentum der Autoren; so will es das Grundrecht der Wissenschaftsfreiheit, so will es das Urheberrecht, und so wollen es die Autoren. Denn nur wenn das, was sie veröffentlichen, ihr Eigentum bleibt, greift die Logik des Widerstands, die in jedem Eigentum liegt: Es gehört mir, nicht dir und auch nicht dem Staat; und weil das so ist, habe ich in meinem Eigentum die Sphäre meiner Freiheit, die meine Mitbürger und den Staat auf Abstand hält, wenn sie meine Freiheit beschneiden wollen.

Public Domain [Bild von Gerd Altmann auf Pixabay.]

George Soros und seine »Open-Access«-Freunde haben auch das verstanden: Sie setzten von Anfang an auf eine Reduktion des Urheberrechts auf das einfache Recht der Autoren, »daß ihre Arbeit angemessen anerkannt und zitiert wird«, wie es in der initialen Budapester »Open-Access«-Erklärung aus dem Jahr 2001 heißt. In der Tat: Mehr als das Recht auf einen korrekten bibliographischen Beleg bleibt den Wissenschaftsautoren nicht, wenn sich der Staat anmaßt, ihre Arbeiten als einen »Content« zu verschenken, mit dem die digitalen Kontrolleure ihre lukrativen Überwachungssysteme am Laufen halten.

Nachbemerkung

Der vorstehende Text war am 25. November 2016 in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht worden. Ich habe lediglich eine sachliche Kleinigkeit, die sich in den seither vergangenen fünf Jahren verändert hatte, den neuen Umständen angepaßt, das ™-Zeichen eingefügt, wo es hingehört, und einen kleinen der Wahrheit verpflichteten Scherz eingebaut. Ich bringe den Text in dieser leicht veränderten Form als Zeugnis dafür, daß sich die Dinge nicht verbessert, sondern entlang der im Text analysierten Entwicklungslinien verschlimmert haben. Was damals noch Zukunft war, eine strukturell vorhersehbare freilich, ist seit einigen Monaten Realität geworden. Sich zu ihr aufgeklärt und verantungsbewußt zu verhalten heißt, an ihrer Veränderung zu arbeiten. Dazu braucht es keine Fünfjahrespläne, die wir getrost den Digitalisten in und außerhalb der Regierungen überlassen wollen, dazu braucht es neben Klugheit den kleinen Mut, im unmittelbaren Alltag, dem privaten und dem beruflichen, die Dinge anders zu machen.