Religio V

Der Mythos. Leo Frobenius (1873–1938)

Geschrieben von Jürgen Schmid am 14.3.2025

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Jürgen Schmid

Historiker

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»Ein Mythos ist lebendig, wenn er nicht als Geschichte erzählt,
sondern gelebt wird.«

Mircea Eliade


In meinem Elternhaus, dessen Bau mein Großvater, Holzkutscher im Sägewerk, begann und nach seinem Tod der Onkel meiner Mutter, ihr Ziehvater, von Beruf Wagner und Bierfahrer, vollendete, wo vor dem Einzug meiner Eltern ein Heimatvertriebener aus Mähren mit seiner Familie wohnte — in diesem meinem Elternhaus steht ein Buch, das ich dort nicht vermutet hätte: Leo Frobenius’ Studie Vom Kulturreich des Festlandes, untertitelt »Dokumente zur Kultur­physiognomik«, heraus­gegeben vom Volks­verband der Bücher­freunde im Jahr 1923. Ein zunächst komplett unverständlicher Titel — und die Verwirrung wird nicht geringer, wenn der Leser im Vorwort auf das merk­würdige Ver­sprechen des Autors stößt: »Ich will versuchen, Euch vom Tage zu lösen.«1

Bevor ich beginne, die Geheimnisse dieses Buches zu ergründen, das mir so unerwartet in die Hände gefallen ist und auf dessen Anliegen ich mir keinen Reim machen kann, entdecke ich im Bücher­schrank weitere Volks­verbands-Ausgaben aus der Zwischen­kriegszeit — eine kleine Sammlung bildend, die sich ein Mitglied der genannten Bücher­freunde ins Bayerisch-Schwäbische senden ließ:

  • Geistige Strömungen und Sittlichkeit im 18. Jahrhundert. Beiträge zur deutschen Moralgeschichte (Curt Gebauer, 1931)
  • Charakterforschung. Meister der Menschenkenntnis (Kurt Herzberg, 1932)
  • Seelen ohne Kompaß. Nervenkrankheiten und psychische Störungen als Lebensprobleme des modernen Menschen (Ludwig Paneth, 1933)

Wer war dieser Bücherfreund? Es stellt sich heraus, daß die Bücher aus dem Besitz meines Urgroßvaters väterlicherseits stammen — geboren im Februar 1871, zwei Wochen nach Gründung des Deutschen Reichs, und damit zwei Jahre jünger als Frobenius, dessen Buch er las; hinein­geboren in die Sölde eines kleinen Bauerndorfs in der Reischenau, zeitlebens eine Landwirtschaft »umtreibend«, wie es in unserem Dialekt heißt, avanciert zum »Kultur­aufseher« — zuständig für die Organisation von Arbeiten wie das Ausputzen von Gräben in der Feldflur, allgemein für das, was heute wasser­wirtschaftliche Aufsicht genannt wird.

Was hielt mein Urgroßvater in Händen, worin hat er gelesen im Bauern­haus, in dem mein Großvater aufwuchs mit zehn Geschwistern und später mein Vater mit fünf Geschwistern, ein Haus, das mein Vater renovierte und in dessen Garten er Bienen hielt? Da das Buch einen einfachen Zu­gang verweigert, muß sich derjenige, der Einlass begehrt, zunächst ein Bild machen über den Verfasser jenes mysteriösen Werkes.

Frobenius’ Forscherleben — »eine Art Roman«2

Wer wissen will, was für ein Mensch Leo Frobenius war und was ihn umtrieb, kann das Internet durchstöbern und ein kurzes, viertelstündiges Filmporträt über den Forscher konsultieren — eine studentische Produktion aus jenem Frankfurter Institut, das heute noch seinen Namen trägt. Sub­stantieller wäre es, Frobenius zu lesen — doch sein Werk erweist sich als gewaltig, wie eine hochaufragende Bergwand, deren Besteigung aussichts­los erscheint: Die Frobenius-Biographie von Hans-Jürgen Heinrichs listet als »Hauptwerke« alleine 61 Monographien auf.3 Wo also anfangen?

Beginnen wir bei dem Begriff, der von Frobenius bleibt — dem »Paideuma«. Wiedergeben kann man diese Ideenprägung im Deutschen als »Kultur­seele«, in den Worten des Frobeniden Bernhard Streck »die schlechteste, aber häufigste« Übersetzung. Besser, so Streck, wäre es, von »Erziehung« oder im Sinne dessen, der das Wort prägte, von »Zucht« zu sprechen, wie es Frobenius in der Wendung »Kultur- oder Zuchtform« selbst tat.4

Im gleichnamigen schmalen, nur 114 Seiten umfassenden Bändchen von 1921 – Untertitel: »Umrisse einer Kultur- und Seelenlehre« — läßt uns der Gelehrte in seine Kindheit und Studentenzeit blicken, dorthin wo sich seine Vorliebe für Afrika und sein Denken formen. Frobenius muß, um zu dem Punkt zu gelangen, an dem er einen Versuch vorlegen kann, »den Leser sich in das Seelenhafte«, also das »Paideuma« als »des Wesens der Kultur einleben, einfühlen zu lassen«,5 erst selbst ein Gefühl für das entwickeln, was er Kulturseele nennt. Diese Ent­wicklung findet lebenslang statt, entlang von Lebensstationen, die Frobenius in vielen Einlassungen wie einen Roman vor seinen Lesern entrollt.

Für den Betrachter dieses Lebensromans drängen sich Fragen auf: Was treibt einen an, der beim Abitur scheitert, zeitlebens Dilettant und Außen­seiter bleibt, unermüdlich seinen Weg zu verfolgen? Wie schafft man es, zweier abgelehnter Dissertationen und einer zurückgewiesenen Habilitation zum Trotz weiter an sich und seine Mission zu glauben? Wie wird man in der Moderne zu einem Forscher und Abenteurer, einer Weltfigur, die eine französische Film-Produktion als »Indiana Jones allemand« feiern wird?

So einer könnte wie Leo Frobenius von sich sagen, er sei gewissermaßen im Berliner Zoo aufgewachsen, wo der Großvater als Direktor amtiert und Völkerschauen organisiert, was die unstillbare Sehnsucht nach Menschen, Farben und Gerüchen eines fernen Kontinents weckt — Afrika.6

Einer, der wie Frobenius »Afrika im Hirn« (Gottfried Benn) hatte, war Ernst Jünger. Langeweile in der Schule, Flucht in Literatur und Natur, mit dem Wandervogel zum »Zauber der Erschöpfung«. Afrika — für den jungen Jünger »der Inbegriff des Wilden und Ursprünglichen«, wohin sich zu be­geben hat, wer nicht unter Bürgerlichkeit begraben sein will: »Daß es noch Wildnisse gab, die nie ein Fuß beschritten hatte: dies zu wissen, bedeutete für mich ein großes Glück«. Jüngers Afrikanische Spiele (1936) schildern den Umweg über die Fremdenlegion ins »Gelobte Land« und das Scheitern des noch nicht Volljährigen in »Entzauberung« und Ernüchterung.7

Einen, den es als Kind nach Afrika verschlägt, Jean-Marie Le Clézio, prägt diese Erfahrung zum Schriftsteller: Der Afrikaner (2004) zeichnet Faszi­nation und Schrecken einer überwältigenden Natur, Eindrücke, die fremd sind, unmittelbar, existentiell: Fast brutale Körperlichkeit nackter Men­schen, Wucht von Elementargewalten, wenn Gewitter toben als würde die Welt untergehen, unaussprechliche Panik, von Ameisen, den Alles­beherr­schern dieses Land­strichs, ein­gekesselt und aufgefressen zu werden.

Was suchen Europäer wie Jünger oder Frobenius am Vorabend des Ersten Weltkriegs in Afrika? Das, was ihnen in ihrer Heimat, im technisiert-ratio­nalen Deutsch­land, fehlt: Ursprünglichkeit, Wildnis, Gefahr. Und etwas, was Fro­benius oft und oft betont: Er sehnt sich zurück in die »lebendige Märchen­welt« seiner Kindheit, die er — als das Erzählen in Mittel­europa schon kaum mehr üblich ist — gerade noch, auf dem Schoß seiner Groß­mutter, in ihrer elektri­sierenden Gegenwart antrifft. Sein Forschungs­programm entwickelt sich aus dieser Erfahrung: »Das Aussterben der lebendigen Märchen­welt habe ich daheim selbst noch miterlebt. Die Geburts­zeiten sollten nunmehr in Afrika aufgesucht werden.«8

Es ist eine Suche nach dem »ewigen Mythenstrom«, den Frobenius in dem Moment versiegen sieht, wo die Schrift Volksgut wird.9 Die Volkskunde verdankt der Begeisterung für den Mythenstrom und dem Erschrecken über sein Erlöschen ihre Existenz, jedenfalls im germani­sti­schen Teil ihres Stamm­baums: Johann Gottfried Herders europäische Volkslied-Sammlung (1778/1779, bekannt geworden als Stimmen der Völker in Liedern), die von Clemens Brentano und Achim von Arnim poetisch geformten Lieder aus Des Knaben Wunder­horn (1805/1808), die Grimm’schen Kinder- und Haus­märchen (1812/1815) — als »Rettungsaktionen« von Volksgut »in letzter Minute« romantische Vorläufer kühler Gelehrsamkeit wie der Göttinger Enzyklopädie des Märchens oder dem Deutschen Volkslied­archiv in Freiburg. Frobenius bezieht sich in seiner mytho­logischen Suche auf Herder und die Grimms; im Gegensatz zur akademi­schen Volks­kunde begnügt sich einer wie er aber nicht damit, das Verschwundene als Doku­ment einer vergangenen Zeit zu sezieren, er will nicht die Asche anbeten (oder gar nur Erkaltetes verwalten), sondern sucht die Wärme der Flamme dort, wo sie noch lodert.

Kultur durchlebt uns

Bevor Frobenius in eigener Person nach Afrika reist, macht er sich ein Bild in der Literatur, die zu seiner Zeit enorm zu wachsen beginnt, und in den Völker­kunde­museen seiner Heimat. 1894, 21 Jahre jung, will er es wissen und gründet »mit der ganzen Leidenschaft einer jungen Seele« ein »Afrika-Archiv«. Kartei­kästen werden bestellt beim Schreiner, Kartons verfertigt vom Buch­binder, alles wie im Fieber gefüllt mit den Erkenntnissen, die ein ruhelos Suchender »Tag und Nacht« zusammenträgt, in einem »Heim für das Wesen menschlichen Werdens«. In diesem Schaffens­rausch lernt Frobenius, so sagt er es rückblickend, »den Zauber kennen, der in dem ständigen Umgang mit einer organischen Materie beruht«. Nicht er selbst stand in diesen Stunden im Mittel­punkt, sondern eine Erkenntnis wie ein Blitzschlag: Das Erlebnis von Kultur als »ein selbständiges organisches Wesen«, das den Menschen innerlich formt.10

In den folgenden Jahren reift, niedergelegt vor allem in Ursprung der afri­kanischen Kulturen (1898) und der Naturwissenschaftlichen Culturlehre (1899) eine grandiose Idee: »Kultur« ist für ihn »ein Organis­mus«, ein »Lebewesen«, das »eine Geburt, ein Kindes-, ein Mannes- und ein Greisen­alter« kennt. »Nicht der Wille des Menschen bringt Kultur hervor, sondern die Kultur lebt ›auf‹ Menschen«, »sie durchlebt den Menschen«.11 Wie weit ist diese Vor­stellung entfernt vom heutigen Glauben daran, daß der Wille des Menschen alles hervorbringt, daß »Sprechakte« Bio­logie und Natur­gesetze aushebeln können12

Mit welcher Haltung erkundet einer wie Frobenius die Kultur­seele? Mit einer Fähigkeit zur Ergriffen­heit, mit Liebe zum Leben (wie sie noch weiter vorgerückt in der Moderne bei Hans Peter Duerr aufscheint, dem wir in der nächsten Folge von »Religio« begegnen werden), einer Forscher­haltung wie jener des Biologen Adolf Portmann, »in der das Lebendige in seiner Größe erscheint«, »im immerwährenden Geheimnis der Gestalten«.13 Nun ist das Wort gefallen: die Lehre von der Gestalt, griechisch morphé, derer sich Goethe in seinen Natur­betrach­tungen bedient, was viele in seiner Nach­folge anregt und von Frobenius als »Kulturmorphologie« in die Ideen­geschichte ein­geführt werden sollte. Portmann, einer der letzten, die nach dem Zweiten Weltkrieg noch einmal den Wurf einer Philo­sophischen Anthropo­logie wagten, faßt das, was alle Gestaltsuchenden bewegt, als Bio­loge beim Betrachten einer Hummel, die eine Blüte bestäubt, in ein gültiges Bild: »Ich nehme an der Aufführung eines Lebens­spiels als Beobachter teil — ein erlebendes Subjekt tritt in Beziehung zu einem anderen Lebewesen.«14

Dahin gehen, wo es brodelt

Der Berliner, der Preuße, der Deutsche, der Europäer Frobenius reist nach Afrika als einer, der — so sein Biograph Hans-Jürgen Heinrichs — »die Be­fangenheit im europäischen Ego­zentrismus und Rationalismus aufzugeben bereit ist, um sich als Schüler in eine andere, eben die afrika­nische Zivilisa­tion einzuführen [einzufühlen?] und hineinzudenken.«15 Es ist ein Zugang zum Fremden, der geprägt ist von Respekt, Frobenius selbst spricht von »Ehrfurcht«16, der »dem Anderen« seinen Eigen­wert beläßt, ohne daß der Fremdheits­erkunder den eigenen Eigen­wert gering schätzen würde oder gar das Fremde nur mißbrauchen, wie wertegeleitete Prot­agonisten der Jetztzeit, die weder das Fremde noch sich selbst Ernst nehmen, sondern Fremdheit benutzen, um das ungeliebte Eigene zu über­schreiben: »Die Hauptsache: fremd«.

Frobenius gibt dem »geschichtslosen« schwarzen Kontinent Gesicht und Geschichte; er nimmt seine Traditionen nicht nur Ernst, sondern adelt sie als hochstehend. Seine Advokatent­ätigkeit für die Eigen­ständigkeit und Wertigkeit afri­kanischer Kulturen findet ihr zeit­genössisches Pendant in Martin Gusindes Wertschätzung für die aussterbenden, nein: der Ausrot­tung preisgege­benen Feuerland-Indianer, im krassen Wider­spruch zu Darwin, der diesen Urmenschen nahezu jede Menschlichkeit absprach. Es ist eine bittere Tragik, daß der initiierte Völkerkundler von der Steyler-Mission am Ende seines Lebens, 1969, sagen muß: »Ich bin der letzte meines Stammes.«

Nicht nur Politiker des »Wertewestens« haben Frobenius’ Respekt vor dem Anderen abgelegt, obwohl sie ihn täglich beschwören; auch »die Wissen­schaft« will Fremd­heit nur aus sicherer Distanz akademisch beschwurbeln. Der Bochumer Ethno­loge Dieter Haller, Dokumentarist der deutschen »Suche nach dem Fremden«17, wirft seinen Zunftgenossen sehr zu Recht vor, »alles Mögliche und mit Vorliebe Texte [zu] untersuchen — am allerwenigsten aber das Humane am Menschen.« Statt dahin zu gehen, »wo es brodelt; da, wo es manchmal riecht, gelegentlich auch stinkt«, dorthin, wo der Platz der Ethno­logie wäre, »gefällt man sich darin, ohne ethnolo­gische Basis zu Bhabheln, zu Agamben und zu Butlern, das ist ja auch viel angenehmer als sich an den Herd mit einer Familie zu setzen und mit ihnen über ein Jahr lang Kohlsuppe zu löffeln

Reisen wir mit dem Abenteurer Leo Frobenius, ich in Gedanken an die Frobenius-Lektüre meines Urgroßvaters im Bauernhaus in der Reischenau. Reisen wir im Bewußtsein dessen, was der letzte Frobenide, der emeri­tierte Leipziger Ethnologe Bernhard Streck,18 der 2025 seinen 80. Geburts­tag feiert, mir brieflich nahegelegt hat: »Ich freue mich, daß es heute noch Menschen gibt, die sich für Leo Frobenius interessieren. Wenn Sie sich in diese archaistische Ethno­logie hineinknien, werden Sie davon nicht so leicht wieder loskommen. Aber der Gewinn an Ein- und Tiefsicht wird Sie entlohnen.«

Mit Begeisterung dem Lebendigen nachspüren, seiner Intuition vertrauen — das ist Weltbetrachtung im Sinne von Frobenius.

Die Geburt des Dämonischen


»Das Dämonische ist dasjenige, was durch Verstand und Vernunft
nicht aufzulösen ist. — Es wählt sich gern etwas dunkle Zeiten.«

Johann Wolfgang von Goethe19


Einer wie Frobenius schöpft seine Erkenntnisse stets aus Beobachtungen des Lebendigen, etwa im Spiel seiner Tochter, der er drei Streichhölzer gibt, die für sie zu Hänsel und Gretel werden. Als die Kleine in einem Streichholz die Hexe selbst erkennt, gerät sie in Angst und fleht den Vater an, diese zu entfernen, weil sie sie nicht mehr anfassen könne.20 Bronis­law Malinowski schildert, wie er in der Südsee mit den Trobrian­dern über das Meer fährt und diese — die sich in ihrem Ein­baum unerschrocken auf das offene Meer gewagt haben — plötzlich vor Angst zu zittern und zu beben beginnen, weil sich eine Hexe an Bord geschlichen hat. »Kannst Du sie nicht sehen?«, fragen sie den Forscher: »Sie ist doch da.« Wir werden in der nächsten Folge von »Religio« verfolgen, wie der Ethnologe Hans Peter Duerr auszog, um dieses Phänomen des Dämonischen, von seinen mo­dernen Fachgenossen als Auswuchs von Irrationalität zu Halluzina­tionen »rationalisiert« und abgetan, zu verteidigen als Realität dessen, der die Hexe sieht, als Schamane durch die Lüfte fliegt oder in seine Tier­natur eingekehrt ist.

Wer Frobenius darin folgt, die Kulturen als hochentwickelte Organismen zu sehen, ist Oswald Spengler.21 Auch in seiner Weltdeutung sind Kulturen »Lebe­wesen höchsten Ranges«, die in »erhabene[r] Zwecklosigkeit« wachsen »wie Blumen auf dem Felde« und somit »der lebendigen Natur Goethes« angehören und nicht »der toten Natur Newtons«.22 Spengler hat die Morphologie, die Lehre von den Gestalten, angewandt auf Hochkul­turen, die Monumen­talität erreicht haben, was Frobenius geglückt findet, nicht ohne darauf hinzuweisen, daß Spengler die Sensorik für die Urvöl­ker fehle, deren Hervor­bringungen er als stillos, chaotisch, ordnungslos gering schätze, weshalb ihm, so Frobenius, »das Phänomen der Geburt des Dämonischen verschlossen« bleibe.23 Insofern wird es kaum Zufall sein, daß Frobenius’ Paideuma drei Jahre nach Erscheinen des ersten Bandes von Spenglers Untergang des Abend­landes diese Urvölker und das Dämonische ihrer Kindheit in den Mittelpunkt rückt.

»Die fremde Welt, das bin ich«

Die Kultur führt ein Eigenleben, das nicht vom Menschen erzeugt wird, sondern diesen ergreift und »durchlebt« — so könnte man die zentrale Lehre von Leo Frobenius zusammenfassen: »Nicht der Wille des Menschen bringt die Kulturen hervor, sondern die Kultur lebt ›auf‹ den Menschen.«24 Jede Kultur durchläuft dabei alle Lebensalter, wobei das Kindes­alter das Schöpferische ist, wo das Dämonische geboren wird, während das Jugendalter sich des Verstandes bemächtigt und Ideale ausbildet, die im Mannesalter »energisch und zielbewußt« zu »Tat­sachen« erstarren, zur »Mechanei«, die im Greisenalter schließlich »kindisch« wird.25 In diesem Stadium sieht Frobenius Europa und die Tatsachenmenschen seiner Zeit. Das 19. Jahrhundert mit seiner Rationalitäts- und Technik­vergottung habe den lebendigen Organismus erstarren lassen in Organisation. »Die Kultur des Abendlandes verfällt mehr und mehr der Vergreisung.«26 Er selbst, Jahrgang 1873, hat erlebt, wie die »lebendige Märchenwelt« seiner Kind­heit ausstarb — wie mein gleichaltriger Urgroßvater. Erneuerungsideen für das Schöpferische, das lebendig Mythische, das ist es, was der Afrika­reisende nach Europa, speziell nach Deutschland mitbringen will.

In einem Durchgang durch die Mythologie der Menschheitsgeschichte (etwa: welches Geschlecht haben Sonne und Mond?), die er »Tiefenschau« nennt und deren Ergebnisse er im Weltmaßstab auf Karten verzeichnet, entdeckt und präsentiert Leo Frobenius im »Kulturreich des Festlandes« seinen Lesern sich ablösende Weltgefühle, in absteigender Folge: Hohe Mythologie, Hohe Religion, Hohe Philosophie, Materialismus.27 Es fühlt sich an wie eine Umkehrung des rationalistisch-modernen teleologischen Vor­stellungsprinzips vom angeblich steten Höherstreben des Verständnisses für die Welt: Mythos — Religion — Wissenschaft.28 Nicht »Vom Mythos zum Logos«29 verläuft bei Frobenius das Erlösungswerk, das in der Aufklärung kulminiert — das Eigenrecht des Mythos wird von ihm betont und vertei­digt. Der Mythos aber lebt nur, wo er gesprochenes Volksgut ist.

Auf einer Forschungsreise im Kongo gelangt Frobenius zu den Ba-Luba. Diesem Bantu-Stamm hat ein französischer Missionar die französische Sprache gelehrt, indem er europäische Fabeln und Märchen erzählt. Die Ba-Luba zeigen großes Interesse an diesen Geschichten, denen sie mit Vergnügen zu lauschen scheinen. In ihrer Sprache nennen sie alles, was schriftlich festgehalten ist und aus Europa kommt: »Mukanda na M’Putu«. Ihre eigenen Erzählungen, derer sie reichlich kennen, nennen sie: »Tuschi­muni«. Als nun der Geschichtensammler Leo Frobenius in näheren Kontakt mit den Ba-Luba kommt, fragt er sie, ob sie die europäischen Tuschimuni »nicht auch so schön fänden wie ihre eigenen«. Vollkommen erstaunt geben die Afrikaner die Frage zurück: Ob es denn Tuschi­muni auch in Europa gäbe? Hingewiesen auf die äsopischen Fabeln, denen sie doch so begeistert zugehört hätten, lachen die Ba-Luba: Nein, nein, das seien doch keine Tuschimuni, sondern Mukanda — und stellen klar, was für Frobenius ein Glutkern seiner afrikanischen Erkennt­nisse werden sollte:

»In den Tuschimuni leben Gabuluku (kleine Antilope, die dort die Rolle eines Reineke Fuchs spielt), Ngulu (Wild­schwein), Kaschiama (Leopard). Wenn Tuschimuni erzählt werden, sprechen Gabuluku, Ngulu und Kaschiama. In den Mukandasachen wird dagegen nur gesagt, was sie einmal getan haben, was früher einmal mit ihnen war. Tuschimuni sind alle Tage, sie sind gestern, heute, morgen; Mukandasachen sind dagegen einmal gewesen, Mukandasachen sind tot.«30

In Afrika findet Frobenius lebendige Erzählkultur, das, was er den »ewigen Mythenstrom« nennt, der in dem Moment versiegt, wo die Schriftlichkeit zum selbstverständlichen Alltag breiter Massen des Volkes wird. Wenn Mythen nur noch abgelegte Geschichten in Büchern sind, in den gelesen wird und ab und an aus ihnen vorgelesen, ist die schöpferische Kreativität versiegt, das Dämonische entzaubert, jede »Ergriffenheit« (ein zentrales Frobenius-Wort) erkaltet, der heilige Schauder, der denjenigen durch­strömt, der im Mythos lebt, abgestellt.

Der »ewige Mythenstrom« — und sein Versiegen

Für Forbenius, dem »das ›schauende Auge‹ [und, so darf man ergänzen: das hörende Ohr] wichtiger war als der messende Verstand«,31 ist Afrika ein »Kontinent der Mündlichkeit und Altgläubigkeit«, ein »pulsierendes Herz«, dessen Schöpferkraft er durch Rationalität, Zweckdenken und Zivi­lisation bedroht sah.32 Deshalb ist ihm der »Hosennigger« zutiefst suspekt, wie dies Hans Peter Kohl, einer seiner Frankfurter Nachfolger deutlich anspricht (ab Minute 12:31 im verlinkten Video); er sucht in Afrika das Authentische, nicht aufgepfropfte Zivilisation. Den Tatsachenmenschen kennt er aus der Heimat, ihm und seine »Organisation« der Welt macht er für die Zustände verantwortlich, an denen die europäische Kultur irre ge­worden ist.33 In Afrika will er ihn nicht finden, dort hat Moderne in seiner Vorstellungswelt keinen Platz. Während für deutsche Kolonialbeamte wie einen bayerischen Regierungsarzt, der in Togo fotografierte, schwarze Jungs, die im Sonn­tags­anzug stecken, »kleine Gentlemen« sind und der Nackte »ein Sprößling der Unkultur«,34 beurteilt Frobenius’ Blick dies diametral anders: »Das als ›kulturlos‹ hin­gestellte Afrika erwies sich in Wahrheit als die Kultur-Konserven­büchse des lieben Gottes.«35


»Einer der bedeutendsten Gedanken von Leo Frobenius besagt,
daß der Mensch vom Wesen der Dinge in seiner Umwelt ergriffen wird,
und daß diese Ergriffen­heit in kulturellen Gestaltungen ihren Ausdruck
findet. Wenn der schöpferische Impuls erlischt, wird die Kult­gestalt
ihres ursprüng­lichen Inhalts entleert, das vordem Ergreifende
wird zum Begriff.«

Otto Zerries36


Ein Beispiel aus der Feldforschung, aus der Beobachtung, an dem Frobe­nius seine Stufenabfolge des Paideuma, den Lebensprozess von Kultur, festmacht — die Entwicklung vom Dämonischen über die Ideale zu den Tatsachen:37

Die äthiopischen Tschamba, im Norden Kamerums, halten an einem alten Brauch fest, nachdem sie aus der Fruchtebene, wo ihre Felder lagen, in die Berge vertrieben wurden: Sie steigen im Herbst zu den verlassenen Feldern hinab, um dort die nun wildwachsenden Kornfrüchte zu sammeln. »Im Frühjahr«, so beobachtete es Frobenius, »kehrten dann die Leute zurück, schlugen einige Löcher ins Feld und säten in diese von den im Herbst gewonnenen Körnern«. Ein Vorgang von Bedeutung — »ein Opfer an die Mutter Erde«. Andere Teile dieses Korns wurden zubereitet als Tribut »an die Ahnengeister«, als Vorbereitung für deren »Wiedergeburt«. Was sonst auf diesen sich selbst überlassenen Feldern wild wuchs, konnte gesammelt werden von jedem, der das wollte — diesem Vorgang »haftete nichts von Heiligkeit an«.

Was folgert ein tiefenschauender Beobachter aus diesem Verhalten? Es müsse bei den frühen Sammlern von Korn eine dämonische Vorstellung davon gegeben haben, daß Mutter Erde durch den Kornschnitt erzürnt, vielleicht sogar als verwundet gedacht wurde. Versöhnung tat Not durch Rückerstattung eines Teils der Ernte, die man als heilige Opfer dem pro­fanen Gebrauch entzog — ein Ideal, das aus dämonischen Vorstellungen entstand. »Erst als die sorgende Kausalität die Ideale verkümmern ließ, als die nüchternen Tatsachen im Geiste herrschend wurden, stellte sich die praktische, zweckmäßige Verwertung der ›Erfindung‹ des Hackbaues als profaner Wirtschaftsbetrieb ein.«

Der Oberschlesier Helmut Straube (1923–1984),38 Schüler des Frobenius-Meisterschülers Adolf Ellegard Jensen (1899–1965), Begleiter auf vielen Ex­peditionen, nimmt frobenides Ideengut auf: In Straubes Feldforschungen gelingt — »lange vor der ›Entdeckung‹ der Ökologie« und von dieser unbe­rücksichtigt — der Nachweis, daß »der in Südäthiopien entwickelte Boden­bau ökologisch zweckmäßiger sei als viele, den dortigen Verhältnissen nicht angepaßte, aber als ›fortschrittlich‹ propagierte moderne Methoden«. In seiner Dissertation Die Tierverkleidungen der afrikanischen Natur­völker39 leuchtet zudem die Vorstellung auf, Urvölker bedienten sich Ornamenten, Masken zumal, »nicht um zu schmücken, sondern um zu schrecken«.40 Immer wieder begegnet uns der heilige Schauder, den Rudolf Otto auch für das Christentum betont,41 die Wirklichkeit des Tieres, das bei Initiationen eben mehr ist als nur eine theatrale Aufführung durch einen Stammesangehörigen, den der Initiand kennt — das Tier, das seine Zähne in ihn gräbt, ist dämonische Wirklichkeit. (Wir werden diesem Gedanken folgen, demnächst mit Hans Peter Duerr und später bei Mircea Eliade.)

Die »schöpferischen Empfindungen« des Paideuma sind für Frobenius mit einem »einzigen Ausdruck« nur zu fassen, »der sie würdig kennzeichnet« — »das Wort: heilig!« Man betrachte »den tiefinnerlichen Ernst«, »mit dem ein Kind seine ersten Sandzeichnungen ausführt« oder »seine ersten Wörter immer und immer wieder sich vorspricht«.42 Galsan Tschinag, ein Tuwa-Nomade aus der Mongolei, der im Rahmen eines sozialistischen Austausch­programms in den 1960er Jahren in der Deutschen Demokratischen Republik landet und dort Deutsch lernt, rekapituliert seine Erfahrungen so: »Mutter Leipzig«, wo er studiert, lehrt ihn eine neue Sprache, in der er es als Schriftsteller zur Meisterschaft bringen wird. Seine — nahezu paideu­matische — Methode: »Alles, was ich an Geschriebenem entdeckte, bei Schildern um mich herum angefangen, in Lehrstoff verwandel[n]«, alles, was »an Lauten, Wörtern, Sätzen« herumschwirrt, »kindisch-spielerisch« nachahmen. »Das Radio, das Fernsehen, die Zeitung, jeder Mensch, den ich sprechen hörte — alle, alle waren mir Lehrer.« Deutsche Sprache — für den Neuling bald ein »Heiligtum« [sic!]: »Mit jedem neuen Wort, das in mich hineingeht, nehme ich an Gewicht und Umfang zu. Mit jedem neuen Satz, den ich bilden kann, werde ich vollständiger und kräftiger.« Einer, der aus einer schriftlosen Kultur kommt — und sich als Erwachsener kind­lich-schöpferisches Paideuma bewahrt hat.43

Mission und Kolonialismus — die andere Sicht

Der Vorwurf, Leo Frobenius hätte Afrika mißbraucht, um von der Folie des dort gefundenen Authentischen, Schöpferischen und Heiligen aus die Erneuerung Deutschlands zu propagieren, läuft zweifach ins Leere. Zum einen, wenn man auf den Begründer einer afrikanischen Negritude blickt, auf den Dichter­präsidenten des unabhängigen Senegal, Léopold Sédar Senghor (1906–2001). Ihm war Frobenius ein Lehrmeister des Eigenen, der Afrika die Würde zurückgegeben hat, sodaß selbstbewußtes »Neger­sein«, wie Senghor Negritude im Deutschen wiedergegeben haben will,44 erst möglich wurde. Für ihn und seine Mitstreiter war der deutsche Ethno­loge weit mehr als nur »eine Anregung«,45 das Studium seiner Schriften traf sie wie ein Donnerschlag (»thunderclap«), ein reinigendes Gewitter, das ihnen als Afrikanern ihre Geschichte ausleuchtete und ihnen eine »Vision« gab.46 Zudem hat Frobenius nie einen Hehl daraus gemacht, eine geistig-moralische Erneuerung des eigenen Vaterlandes anzustreben, auch in jenem Buch, das ich in meinem Elternhaus fand. Er schreibt darin im annus horribilis 1923, angesichts Inflation, Ruhr­besetzung, Separations­bewegungen, Putschversuchen: »Die Deutschen irren an ihrer Kultur.«47 Welchen Sinn macht es, einem, der offen bekennt, die Erneuerung seines Vater­landes anzustreben, vorzuwerfen, er strebte diese Erneuerung an?

Zudem scheint es, in Teilen jedenfalls, hohe Zeit für einen differenziertere Sicht auf den Kolonialismus abseits der ewigen Schuldabbitte: Wer hätte afrikanisches Erzählgut in der ganzen Welt bekannt gemacht, wenn nicht Leo Frobenius? Was wüsste man über die Buschmann-Folklore in vorkolo­nialer Zeit, hätte sich nicht der Sprachwissenschaftler und Afrikanistik-Pionier Wilhelm Bleek (1827–1875) dieser Überlieferung angenommen?

Wie viele afrikanische Sprachen kennt man nur in Auf­zeichnungen, Wörter­büchern und Grammatiken von Missionaren? Wer heute Kiswahili spricht, die Lingua Franca Ostafrikas, fußt auf der Pionier­leistung des Missionars Johann Ludwig Krapf (1810–1881), dessen Über­setzung der Genesis ins Kiswahili Luthers Pionier­tat der Erschaffung einer Schrift­sprache auf dem afrikani­schen Kontinent wiederholte.

Wer hätte jemals von Argonauten der Südsee48 gehört, wenn nicht der polnisch-britische Völkerkundler Bronislaw Malinowski zu Kolonialzeiten die Trobriander aufgesucht und ihre Hochseefahrten aufgezeichnet hätte? Wer hat die »Songlines«49 australischer Aborigines unvergänglich in die Weltlite­ratur eingeschrieben, wenn nicht der nomadisierende Nomadenversteher Bruce Chatwin aus England? Und wer die »Aranda Traditions«50 vor dem Vergessen bewahrt, hätte es nicht der unter Eingeborenen aufgewachsene deutschstämmige Missionarssohn Theodore Strehlow getan?

Wo waren afrikanische Philologen, als es galt, die Hieroglyphen zu entzif­fern? Welcher ägyptische Ägyptologe hätte je eine solche Editionsleistung altägyptischer Quellen vollbracht wie der Berliner Kurt Sethe für die Pyra­midentexte51 oder der Deutsch-Schweizer Erik Hornung, den ich in Basel hören durfte, für die Unterweltsbücher?52

Wo bleibt in der gegenwärtigen Antikolonialismus-Hysterie der Dank an jene Europäer, die fremden Kulturen dadurch Ehrfurcht entgegenbrachten, daß sie ihre Mythen ins Heute und Morgen tradierten?

Was ist Mythos — und was zerstört ihn?

»Mythos heißt nicht nur Fabel.« So steht es im Buch meines Urgroßvaters. Für Leo Frobenius ist Mythos »Vereinigung von Raum und Zeit. Zeit- und Raumgefühl paaren sich, und aus dem Schoße der Mutter steigt eine neue Weltanschauung hervor.«53

Botho Strauß nimmt im »Anschwellenden Bocksgesang« (wie bewußt oder unbewußt auch immer) Frobenius’sche Kerngedanken auf, wenn er von »Durchdrungenheit« spricht, vom Ideal, »die Übermacht einer Erinnerung zu erleben, die den Menschen ergreift«, freilich um den Preis, »daß ihn diese ‚Durch­drungenheit’ vereinsamt und erschüttert inmitten der moder­nen, aufgeklärten Verhältnisse, in denen er sein gewöhnliches Leben führt.«

Erschüttert vom Preis, den die Moderne vom Menschen fordert, ist mit dem Weltenwanderer Frobenius auch ein notorisch sesshafter Philosoph des 20. Jahrhunderts: Martin Heidegger. »Die Technik in ihrem Wesen ist etwas, was der Mensch von sich aus nicht bewältigt.« Er hat »die Technik nicht in der Hand«. Es ist eine Illusion, sich dem modernen Machbarkeitsglauben an eine Beherrschung der Technik durch den Menschen hinzugeben: »Das Walten des Ge-stells besagt: Der Mensch gestellt, beansprucht und heraus­gefordert von einer Macht, die im Wesen der Technik offenbar wird und die er selbst nicht beherrscht.«54 Was der Spiegel als großes Interview erst nach dem Tod des Denkers veröffentlicht, liest sich in den gültigen Passa­gen, die den Schuldkultkomplex, eigentlicher Anlass dieses Verhörs, hinter sich lassen, als ein Vermächtnis — »Nur noch ein Gott kann uns retten«.

Bei Frobenius ist es die Kultur, die den Menschen ergreift und durchwirkt, bei Heidegger in der Moderne die Technik.

Mein Urgroßvater ist 50 Jahre alt, hat den Weltkrieg erlebt, als ihm die Ideen von Frobenius ins Haus kommen. Er wird konfrontiert mit den Idealen eines Erneuerers, der dem Volk im darniederliegenden Vaterland Mut zusprechen will. Frobenius zog in die Fremde, um die Heimat geistig wieder zu stabilisieren, er ist, mit Bernhard Streck gesprochen, ein »Antimodernist«, der sich »mit aller Kraft« gegen die Herrschaft des rein rationalistischen Begriffs stemmt; einer, der der Gestimmtheit der Epoche (Ernst Nolte) mit ihren Entbindungstendenzen die Nöte abliest, die sich gerade in einem Bauernhaus auf spezifisch bäuerliche Art Bahn gebrochen haben dürften, wenn man den Bauern mit Wilhelm Stapel, unserem Gewährsmann aus Folge I von »Religio«, Der Bauernstand, zutreffend als einen Beharrenden charakterisiert. Entgleitet da nicht etwas Wesentliches? »Die Ideale waren Selbstzweck, die Tatsachen haben materielle Zwecke.«55

Wilhelm Heinrich Riehl, Vater der Volkskunde, äußerte in der Mitte des 19. Jahrhunderts die Sorge, moderne Verkehrswege würden alles Leben aus dem Land aussaugen und in die Städte ziehen, die Dörfer müssten dabei ausbluten und die Städte würden weiterhin ungesunde »Korpulenz« anset­zen. In zog es nicht in eine Wildnis hinaus wie die Zivilisationsflüchtlinge Jünger oder Frobenius, er wollte — darin ein Vorreiter der Ökologie-Bewegung — »Wildnis« im eigenen Land erhalten wissen als »notwendige Ergänzung zu dem kultivierten Feldland«.

Aber es kam, wie Riehl vorhersagte: »Die Bildung und Abschließung der Großstadt als Herberge bloßer Tatsächlichkeiten bedeutet das Ende der Dämonen«56 — in den Worten von Oswald Spengler: »Statt einer Welt eine Stadt, ein Punkt, in dem sich das ganze Leben weiter Länder sammelt, während der Rest verdorrt; statt eines formvollen, mit der Erde verwach­senen Volkes ein neuer Nomade, ein Parasit, der Großstadtbewohner, der reine, traditionslose, in formlos fluktuierender Masse auftretende Tatsa­chenmensch [ein Frobenius-Gedanke], irreligiös, intelligent, unfruchtbar, mit einer tiefen Abneigung gegen das Bauerntum, also ein ungeheurer Schritt zum Anorganischen, zum Ende. […] Immer wieder taucht dieser Typus starkgeistiger, vollkommen un­meta­physi­scher Menschen auf. In ihren Händen liegt das geistige und materielle Geschick einer jeden Spätzeit.«57

Was Spengler in seinem Furor ausdrückt, liest sich wie eine Quintessenz der Lehre von Frobenius: »Die Weltstadt bedeutet den Kosmopolitismus an Stelle der Heimat, den kühlen Tatsachensinn an Stelle der Ehrfurcht vor dem Überlieferten und Gewachsenen, die wissenschaftliche Irreligion als Petrefakt der voraufgegangenen Religion des Herzens […].«58

Frobenius will, im Gegensatz zu Spengler, nicht nur »Geschichte voraus­bestimmen«,59 feststellen und bedauern, was abläuft in der Entwicklung der Kulturen, er will der Mechanei etwas entgegenstellen, was er in Afrika findet. Doch die Frage nach Fackel und Feuer bleibt und drückt: War es in den 1920er Jahren realistisch, eine Erneuerung des Mythos anzustreben als etwas Lebendiges, gab es tragfähige Fäden, an denen man Rückbin­dungsseile hätte anknüpfen können? Oder hätte man, was bewahrenswert wäre, erst wieder schaffen müssen, wie es die Denker der Konservativen Revolution annahmen? Waren diese, aber auch Frobenius, Antimodernisten — oder strebten sie nach einer Art Gegenmoderne?

Und heute? Ist der Mythos, wie Gerd-Klaus Kaltenbrunner formuliert, eine immerwährende Möglichkeit? Wo sollte der Zombie, der mit seinem Smartphone wie verwachsen wirkt und mehr Smartphone ist als Mensch, der, wenn er überhaupt mit Literatur in Berührung kommt, den Faust in einem Zwölfminutenclip als Playmobilfigurenslapstik konsumiert, diese Möglichkeit finden? Und der Reaktionär, was macht er mit seiner Vor­stel­lung, er (Nicolás Gómez Dávila) wäre gar nicht »der nostalgische Träumer abgeschaffter Ver­gangenheiten, sondern der Jäger heiliger Schatten auf den ewigen Hügeln«? Was treibt denjenigen um, der über Rück­bindungen nachdenkt: Mukandasachen — oder Tuschimuni?

Frobenius’ »Paideuma«
— ein Erziehungsprogramm


»Begriffe und Tatsachen kann der Mensch erkennen und begreifen,
Ideen und Wirklichkeit kann er dagegen nur in der Ergriffenheit verstehen
und somit nur bekennen. Wirklichkeit ist das, was erlebt wird und
lebend weiterwirkt, Tatsache das, was erlebt ist und als tote Erkenntnis
in das Wissen übergegangen ist.«
Leo Frobenius60


Afrika im Berliner Zoo des Großvaters, lebendiges Erzählen auf dem Schoß der Großmutter — ein drittes Sehnsuchtsmoment kommt bei Frobenius hinzu: Weg vom mechanistischen Lernen seiner Zeit, der Mechanei, hin und zurück zur Intuition, Lebendigkeit, Schöpferkraft des Kindesalters.

Im Studium erlebt Frobenius zwei grundverschiedene Lehrer der Philoso­phie — ein großer Stoffvermittler der eine, dessen Wissen aber »wie ein schwer bepackter Güterzug alles andere zermalmend in den Geist des Zuhörers« fuhr; ein Stimmungsmaler der andere, »wie sie etwa eine Wanderung durch eine gebirgige Landschaft in Nacht und Gewitter zu erwecken vermag; es war, als zuckten ununterbrochen, bald hier bald dort, die leuchtenden Blitze herunter, die hier einen wohlgeformten Hügel, dort eine malerische Baumgruppe, dazwischen ein anmutig gebettetes Gehöft, im Hintergrund aber imposante Bergspitzen zeigen, alles einzeln und unerwartet aus der schwarzen Nacht aufleuchtend, aber doch am Ende dem aufmerksamen Beobachter die Vorstellung eines großen, in sich abgeschlossenen und organisch verständlichen Landschaftsbildes gebend.«

Es sei klar, so Frobenius, daß der eine »ein Sammler von Tatsachen«, der zweite »ein Schöpfer von genialer Art« gewesen sei, weil er »erlebte und Erlebtes lebendig weitergab«. Der eine vermittelte »ein System geordneten Wissens«, man trug aus seinen Vorlesungen »ein klar und übersichtlich gefülltes Kollegheft nach Hause«, mit dem man »jedes Examen hätte gut bestehen« können. Aber das Gelernte verpuffte schnell, während das Lebendige eine ungeheuere Schaffens­kraft im Hörer entflammte und nach Jahr­zehnten noch nachwirkt.61 Es ist — ein klassisches Frobenius-Wort — eine Form der »Ergriffenheit«, von der auch Rudolf Otto in seiner Re­habi­litierung des Heiligen für das Christen­tum spricht.62

Frobenius’ Denken wird beschrieben als »spekulativ, weitausgreifend, visionär«.63 Er greift in der Zwischenkriegszeit aus auf eine Reform des Bildungs­systems, das er erkrankt sieht an der Mechanei. Seine Vision: Intuitives Schöpfen wieder stark machen statt mechanistischem Lernen. Sein schlagendes Beispiel: Ein Kind lernt seine Muttersprache nicht schwer­fällig, sondern intuitiv, spielerisch, leicht. »Im ›infantilen‹ Alter entdeckt das Kind in spontanen Ausbrüchen die Umwelt – das ist die schöpferische, dem seelischen Wachstum entsprechende Ent­wicklung des Dämonischen. […] Das Entdecken füllt das ganze Wachsein aus; das Sprechen geschieht unbeabsichtigt und unbewußt.«64 Solange aber, auch in der Schule, das »Tatsachen­prinzip« mit seiner technizistischen Bildungsvermitt­lung »kindlich-dämonisches Welt­gefühl tötet«, geht Bildung in die Irre.65

Hundert Jahre nach Frobenius’ bildungs­politischem Alarm­ruf sind wir in dessen Vater­land so weit vorangeschritten im Progressismus, daß deut­sche Schüler reihenweise ihre Mutter­sprache erlernen müssen wie eine Fremdsprache. Eine Sprache indes, die mechanisch erlernt werden muß, ist keine Mutter­sprache, den diese geht intuitiv in die Menschen über.

Ende oder Anfang einer Reise?


»Wenn Du ein Schiff bauen willst, dann trommle nicht Männer
zusammen, um Holz zu beschaffen, Aufgaben zu vergeben
und die Arbeit einzuteilen. Sondern lehre sie die Sehnsucht
nach dem weiten, endlosen Meer.«

Antoine de Saint-Exupéry


Eine lange Reise durch Zeiten und Räume, ins Innerste Afrikas auf der Suche nach dem Wesenskern des Menschen, nach seinen Mythen und nach dem, was uns selbst als Europäer geprägt hat, was wir verloren haben und was Not täte, wieder zu gewinnen, eine Reise in die Ideenwelt von Leo Frobenius, der diese Einsichten vermittelt.

Was hat mein Urgroßvater, als einer von vielen Frobenius-Lesern, von die­sen Einsichten für sich aufgenommen? Haben ihm die Bücherfreunde das richtige Buch ausgewählt, um in eine Geisteswelt einzutauchen, die nicht leicht zu verstehen ist — aber doch so tief blickt wie kaum eine andere? Wäre es für meinen Urgroßvater, Zeitgenosse des Autors, den er las, nicht einfacher gewesen, im »Paideuma«, nur zwei Jahre vor dem »Kulturreich des Festlandes« erschienen, sich selbst zu entdecken, wie er auf dem Schoß der Großmutter sitzend Geschichten erzählt bekommt, wie es Frobenius in Erinnerung an seine eigene Kindheit berichtet? Hätte er von dort aus nicht leichter den Gedanken über eine Kulturseele, die das Leben durchwirkt, folgen und die Erkenntnisse auf das eigene Leben und das der Seinen beziehen können? Wir wissen das alles nicht. Was wir wissen: Wie fundamental einmal Rückbindung gegeben war, was uns Frobenius lehrt; wie sehr es manchen Forschern am Herzen gelegen ist, Rückbindung aufzuspüren, zu dokumentieren, hochzuachten und alles daran zu setzen, daß diese erhalten wird, wo sie noch anzutreffen ist (in Afrika) und wieder animiert, wo sie abzusterben droht (in Europa); wie sehr Volks­bildungs­institu­tionen einmal bemüht waren, Rück­bindungs­ideen ins Volk zu bringen, zuweilen mit (über)fordernden Ansätzen.

Für mich war es eine zwei­fache Reise: Mit dem Buch meines Urgroßvaters in die Welt der Ahnen, mit Leo Frobenius zur Kulturseele. Frobenius und andere Rück­bindungs­sucher, die »Religio« vorstellt, verbindet eine charak­teristische Eigenschaft: Sie sind Sehn­suchts­wecker.

Ihnen entgegen steht das große Aber: Ist der Tatsachenmensch durch Remythisierung belebbar? Was hat Substanz, sein Sinnvakuum zu füllen? Eindrücke aus der Fremde können ein Spiegel sein für das Fehlende, ersetzen kann eine Fremde die Leerstelle im Eigenen niemals. Nur das Eigene kann den ent­fremdeten Menschen wieder in Form bringen — anders gesagt: zu seiner Gesundung beitragen. Was entbunden ist, muß wieder verbunden werden. Wem Bindung nicht Entlastung bedeutet, sondern lediglich Fesselung, die abzuwerfen ist, geht dem »Nichts« (Michael Ende) entgegen.


»Wer bringt das Neizeitliche unter die Menschen? Wer prüft,
ob es was taugt? Wer verhindert, wenn es nichts taugt,
daß es üblich wird?«
Erwin Strittmatter
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Mein Urgroßvater — war er einer unserer Vorfahren, die gespürt haben, wie sie etwas zu verlieren im Begriffe sind, ihnen etwas entgleitet, ohne das man nicht existieren kann? Er lebte noch gebunden in Bauerntum, Glauben, Gemeinschaft; meine Großeltern ebenso — das Entgleiten einer Welt müssen sie gespürt haben. Meine Eltern waren bereits freigesetzt von der Scholle, den Anfangsgründen der Drift des flexiblen Menschen ausgesetzt; meine Eltern haben mich dennoch erzogen in Gebundenheiten. Der Ort, an dem meine väterlichen Vorfahren lebten, ist indes komplett losgelöst: Ein ortsverbundener Handwerker beantwortet meine Frage, ob es in seinem Heimatdorf eine Dorfgemeinschaft gäbe, schlicht mit: »Nein.« Mieter sind zugezogen, schon für Wilhelm Heinrich Riehl in »Land und Leute« (1851) Unheilsboten auf dem Dorf; in der Dorfwirtschaft, gegen­über meines Vaters Elternhaus, in meiner Jugend in harter bäuerlicher Arbeit umgetrieben von einer Bäuerin und ihrem Knecht, haust heute eine Art Kommune, schläft mittels Bürgergeld in den Tag hinein und züchtet Cannabis.

Frobenius wollte seinen irre gewordenen Landsleuten etwas zurückgeben: Intuition, Ergriffenheit, Innerlichkeit, er wollte erinnern an das, was immer da war und beharrlich da sein sollte: das Schöpferische und Dämonische, das Heilige. Substanz jedoch ist ein verletzliches Pflänzchen im Getriebe von Organisation und Machenschaften, die alles »machen« (Frobenius) können, auch einen Renaissance-Palast an Orten, an denen es nie eine Renaissance gab, im Urwald Brasiliens ebenso wie am Südpol — und dabei ein Monstrum züchten, ein »Tatsachendasein« als »Mechanismus«, in des­sen Fängen (so Frobenius) »das Einzelwesen die Stelle eines Maschinen­rades einnimmt«.67 Hat der Mythos einen Ort in der Maschine des Tages?


Die nächste Folge von »Religio« versucht sich an einer Erkundung vormeta­physischen Denkens, auf den Pfaden eines modernen Romantikers, des Ethnologen Hans Peter Duerr, sprach­origineller Für­sprecher des sogenann­ten Irrationalen — auf der Suche nach der verlorenen »Liebe zum Leben«.


Anmerkungen

  1. Leo Frobenius: Vom Kulturreich des Festlandes. Dokumente zur Kulturphysiognomik. Volksverband der Bücherfreunde. Berlin: Wegweiser-Verlag, 1923, S. 11. — In Bernhard Strecks Frobenius-Biographie ist dieser Satz zitiert, allerdings mit einem Fehler, wenn dort »erlösen« steht: Bernhard Streck, Leo Frobenius. Afrikaforscher, Ethnologe, Abenteurer. Gründer, Gönner und Gelehrte. Biographienreihe der Goethe-Universität Frankfurt am Main. Frankfurt am Main: Societäts-Verlag, 2014, S. 173. (Wer nun aus der Sekundärquelle zitiert, ohne die Primärquelle zu konsultieren und so tut, als hätte er die Primärquelle gelesen, indem er diese zitiert und nicht auf die Herkunft des verwendeten Zitats aus der Sekundärquelle verweist, macht es dem Plagiatsforscher leicht, ihn des Betrugs zu überführen, wie es Robert Habeck in seiner Dissertation in über hundert Fällen tat.) 

  2. So Karl Reinhardt in einer Würdigung zum 100. Geburtstag von Frobenius 1973, zitiert nach: Hans-Jürgen Heinrichs: Die fremde Welt, das bin ich. Leo Frobenius: Ethnologe, Forschungsreisender, Abenteurer. Wuppertal: Edition Trickster im Peter Hammer Verlag, 1998, S. 79. 

  3. Ebd. S. 234-237. 

  4. Streck: Frobenius (2014), wie Anm. 1, S. 110. 

  5. Leo Frobenius: Paideuma. Umrisse einer Kultur- und Seelenlehre. Düsseldorf: Eugen Diederichs, ³1953 (Erstauflage 1921), S. 16. 

  6. Heinrichs: Frobenius (1998), wie Anm. 2, S. 70. 

  7. Helmuth Kiesel: Ernst Jünger. Die Biographie. Berlin: Siedler, 2007, S. 41-49. 

  8. Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 22f. 

  9. Streck: Frobenius (2014), wie Anm. 1, S. 35. 

  10. Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 8. 

  11. Ebd., S. 9. 

  12. Uwe Jochum: Wie die Wirklichkeit woke wurde. In: Sezession 125, 2025 (in Druck). 

  13. Adolf Portmann: Die Gestalt, das Geheimnis des Lebendigen. In: ders.: Vom Leben­digen. Versuche zu einer Wissenschaft vom Menschen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973, S. 49-74, hier S. 74. — Über die Begeisterung von Forschern, über eine mitfühlen­de Art der Wahrnehmung, über die Erfüllung und die Freude am emotional teilhabenden Beobachten von Pflanzen, Tier, Mensch, Kosmos, kurz: der Welt, wie sie vorliegt und uns umgibt, habe ich ausführlich in einem Zusatzteil meiner Aufheben-Serie hier auf diesem Blog gehandelt: https://uwejochum.github.io/5artikel/2024/05/21/schmid-aufheben-07-riehl-addendum/

  14. Adolf Portmann: Goethes Morphologie in unserer Zeit. In: ders.: Vom Lebendigen. Versuche zu einer Wissenschaft vom Menschen. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1973, S. 221–265, hier S. 256. 

  15. Heinrichs: Frobenius (1998), wie Anm. 2, S. 59. 

  16. Ebd., S. 66. 

  17. Dieter Haller: Die Suche nach dem Fremden. Geschichte der Ethnologie in der Bundes­republik 1945-1990. Frankfurt am Main: Campus, 2012. 

  18. In einem umfassenden, im Text verlinkten Interview von Dieter Haller spricht Bernhard Streck darüber, das er — das Gespräch fand 2008 statt — »der Einzige« sei, »der die Ideen von Frobenius und Jensen bewußt weiter gepflegt« habe. In der heutigen Zeit müsse »man sich anstrengen, um diese Ideen, die ein eigenes Kulturverständnis beinhalten, wieder zu erkennen. Etwa ein Verständnis von Kultur als Ausdruck von Ergriffenheit — so etwas läßt sich heute nicht so ohne Weiteres vermitteln. Die jungen Leute haben andere Gedanken. Auch die Geldgeber, die Wissenschaftsorganisatoren und die Interdisziplinären kommen schlecht mit solchen Ideen aus, da wird man nicht ernst genommen.« 

  19. Zitiert nach: Rudolf Otto: Das Heilige. Über das Irrationale in der Idee des Göttlichen und sein Verhältnis zum Rationalen. Breslau: Trewendt & Granier, 1917. — Neuausgabe mit einer Einführung zu Leben und Werk Rudolf Ottos von Jörg Lauster und Peter Schüz und einem Nachwort von Hans Joas. München: Beck, 2014, S. 179. 

  20. Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 57. — Vgl. Heinrichs: Frobenius (1998), wie Anm. 2, S. 102. 

  21. Oswald Spengler: Der Untergang des Abendlandes. Umrisse einer Morphologie der Weltgeschichte. Band 1: Gestalt und Wirklichkeit. Wien: Braumüller, 1918. Band 2: Welthistorische Perspektiven. München: Beck, 1922. 

  22. Ebd., Band 1, München: Beck 1923, S. 28. 

  23. Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 99f. 

  24. Ebd., S. 9. 

  25. Ebd., Tabelle S. 107. 

  26. Frobenius: Festland (1923), wie Anm. 1, S. 21. — Frobenius’ Pessimismus ist die denk­bar weitest entgegengesetzte Einschätzung dessen, was sich als »europäische Kultur« im 19. Jahrhundert herausgebildet hat, zur Euphorie eines Richard von Coudenhove-Kalergi, der in seinem in Folge III von Religio, Europa, vorgestellten Manifest »Pan-Europa« 1923 begeistert urteilt, die europäische Kultur wäre »aktivistisch und rationalistisch«, »[i]hre höchste Leistung ist die Wissenschaft und deren praktische Anwendung in der Technik«. Genau dasselbe diagnostiziert Frobenius in seinen Schriften der Zeit um 1921/1923 auch, er allerdings bewertet die reine Rationalität und die Technikfixiertheit des Tatsachen­menschen entschieden negativ, als Krankheitszeichen einer vergreisenden Zivilisation, ja geradezu als »Irrewerden« an sich selbst. Während von Coudenhove die rationalistisch-technische europäische Kultur seiner Zeit »siegreich vorschreiten« sieht, wo andere Kul­turen sich »im Verfalle« befänden, stellt sich für Frobenius die Sache diametral anders dar: Das verfallende Europa muß von der dämonischen Ursprünglichkeit Afrikas erfrischt und wieder verjüngt werden. 

  27. Ebd., S. 152f. — Vgl. Streck: Frobenius (2014), wie Anm. 1, S. 120. 

  28. Karl Heinz Bohrer (Hrsg.): Mythos und Moderne. Begriff und Bild einer Rekonstruktion. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1983. 

  29. Wilhelm Nestle: Vom Mythos zum Logos. Die Selbstentfaltung des griechischen Denkens von Homer bis auf die Sophistik und Sokrates. Stuttgart und Leipzig: Kröner, 1940. 

  30. Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 25. 

  31. Streck: Frobenius (2014), wie Anm. 1, S. 17. 

  32. Ebd., S. 18, S. 20. 

  33. Frobenius: Festland (1923), wie Anm. 1, Vorwort. 

  34. Jürgen Schmid (Hrsg.): Ein bayerischer Arzt in Togo. Perspektiven auf eine deutsche Kolonie. München: Arethousa, 2005. 

  35. Zitiert nach Streck: Frobenius (2014), wie Anm. 1, S. 156. 

  36. Otto Zerries: Holzgeschnitzte Menschen leben. In. Paideuma 19/20, 1973/1974, S. 365-443, hier S. 365; zitiert nach: Heinrichs, Frobenius (1998), wie Anm. 2, S. 104. 

  37. Das Folgende nach Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 66f. 

  38. Straube hält von 1968 bis 1984 den Lehrstuhl für Völkerkunde und Afrikanistik an der Universität München, als völkerkundlicher Kollege des Volkskundlers Leopold Kretzen­bacher, der einen Nachruf auf ihn verfasst. 

  39. Helmut Straube: Die Tierverkleidungen der afrikanischen Naturvölker. Wiesbaden: Steiner, 1955. 

  40. Streck: Frobenius (2014), wie Anm. 1, S. 175. 

  41. Otto: Das Heilige (1917/2014), wie Anm. 19. 

  42. Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 80. 

  43. Galsan Tschinag: Kennst Du das Land. Leipziger Lehrjahre. Zürich: Unionsverlag, 2018, Zitate S. 41, S. 42, S. 50. 

  44. Streck: Frobenius (2014), wie Anm. 1, S. 202. 

  45. Ebd. 

  46. Léopold Sédar Senghor: The Lessons of Leo Frobenius. In: Leo Frobenius 1873–1973. Eine Anthologie. Herausgegeben von Eike Haberland. Wiesbaden: Steiner, 1973, S. VII–XIII, Zitate S. VII, S. VIII. 

  47. Frobenius: Festland (1923), wie Anm. 1, S. 142. 

  48. Bronislaw Malinowski: Argonauts of the Western Pacific. An Account of Native Enter­prise and Adventure in the Archipelagoes of Melanesian New Guinea. London: Routledge, 1922, deutsch: Argonauten des westlichen Pazifik. Ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea. Frankfurt am Main: Syndikat, 1979. 

  49. Bruce Chatwin: The Songlines. London: Jonathan Cape, 1987, deutsch: Traumpfade. München: Hanser, 1990. 

  50. Theodore Strehlow: Aranda Traditions. Melbourne: Melbourne University Press, 1947. 

  51. Kurt Sethe: Die Altaegyptischen Pyramidentexte. Vier Bände. Leipzig: Hinrichs, 1908-1922. 

  52. Das Amduat. Die Schrift des verborgenen Raumes. Herausgegeben von Erik Hornung nach Texten aus den Gräbern des Neuen Reiches. 3 Bände. Harrassowitz: Wiesbaden, 1963–1967 (Ägyptologische Abhandlungen; 7). — Neben dieser Edition gibt es auch eine phantastische Darstellung für ein breiteres Publikum: Erik Hornung: Die Nachtfahrt der Sonne. Eine altägyptische Beschreibung des Jenseits. Zürich und München: Artemis und Winkler, 1991. 

  53. Frobenius: Festland (1923), wie Anm. 1, S. 123f. 

  54. Martin Heidegger: Spiegel Nr. 23, 1976, S. 208f. (Gespräch von 1966). 

  55. Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 66. 

  56. Ebd., S. 105. 

  57. Spengler: Untergang (1918/1923), wie Anm. 18/19, S. 43, S. 42. 

  58. Ebd. S. 44. 

  59. Ebd., S. 3. 

  60. Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 111. 

  61. Ebd., S. 70. 

  62. Otto: Das Heilige (1917/2014), wie Anm. 19, S. 8. 

  63. Heinrichs: Frobenius (1998), wie Anm. 2, S. 83. 

  64. Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 77f. 

  65. Ebd., S. 80. 

  66. Erwin Strittmatter: Der Laden. Roman in zwei Teilen. Köln: Kiepenheuer & Witsch, 1989, S. 161. 

  67. Frobenius: Paideuma (1921/1953), wie Anm. 5, S. 69.