Religiöse Phänomene »mittels der Physiologie, der Psychologie, der Soziologie, der Wirtschaftswissenschaft, der Sprachwissenschaft, der Kunst usw. einzukreisen, heißt, [sie] zu leugnen«. Da in dieser hiermit beginnenden Serie »Homo religiosus« nicht der Ort ist, zu leugnen, wird auf eine solche Einkreisung im Folgenden verzichtet.
»Uns wurde gelehrt, allem, was wir sehen, Aufmerksamkeit zu schenken.« So sprachen die Pawnee-Indianer aus den Great Plains im Hako, ihrer Lebenserneuerungszeremonie, wie es eine Forscherin zu Beginn des 20. Jahrhunderts im Moment des Erlöschens der Traditionen dokumentierte, als dieser Stamm bereits schwer dezimiert in Reservationen sein Dasein fristete.
[Mutter Mais, komme herab und bringe Leben]
Das Hako, »die Stimme aller Dinge« — ein Lobpreis für das Geschenk des Lebens. Es findet statt »im Frühling, wenn die Vögel sich paaren, im Sommer, wenn die Vögel ihre Jungen großziehen, oder im Herbst, wenn die Vögel sich sammeln; niemals aber im Winter, wenn alles schläft«. Das Gebet richtet sich an Atira, die Mutter und Fruchtbarkeit der Erde. Sie ist anwesend im Maiskolben, dessen blaue Spitze die Kuppel des Himmels zeigt — »the dwelling place of the powers«, Sitz der Allmächte.
In der Zeremonialhütte entfaltet sich eine lange Liturgie mit vorgeschriebenen Handlungen und Gesängen. Eingangs müssen die Kultobjekte lebendig werden (»Vivifying the Sacred Objects«), indem man sie an einen Platz bringt, wo die ersten Sonnenstrahlen des Tages sie bestreichen und ihnen so Leben geben. Wir tun dies, sagen die Pawnee, damit die Götter und Mächte wie die Winde sehen, daß alles bereit ist für die Zeremonie. Nun kann Mutter Mais (»Mother Corn«) in die Mitte des Volkes gerufen werden.
H’Atira hu weto ariso!
H’Atira hu weti arisut!
Das Lied beginnt mit einem Atemstoß H’, der Atira, Mutter Erde, im Ritual anwesend als Maiskolben, Leben einhaucht, möge herabkommen aus ihren Sphären, sie möge das Leben bringen zu denen, die dieses Lied singen, wie sie Leben gebracht hat zu den Ahnen und bringen wird zu den, die nach ihnen kommen. Die zweite Zeile bezeugt, daß Atira, die Mutter des Lebens, nun gekommen ist, wie sie gerufen wurde, um voranzugehen auf dem Weg, den die Pawnee in ihrer Zeremonie zu gehen gedenken.
[Wenn die Vögel ihre Jungen großziehen:
Turmfalken-Nest in der Fensternische eines gotischen Kirchturms in
Steinekirch]
Im Hako-Ritual zeigt sich wie in einer Nuß-Schale alles, was den Homo religiosus umtreibt: Seine Abhängigkeit von Göttern und Mächten, die er willig akzeptiert; die Heiligung, die er seinem Leben und den Dingen, die ihn ernähren, zuspricht; seine Andachtsorte, in denen er die Mächte im Ritus von Liturgie und Anbetung sinnlich verehrt; die Priester, die er achtet als Mittler nach oben; seine behutsame Sprache, in der er die tiefe Verehrung für das, was er nicht selbst in der Hand hat, ausdrückt; seinen Weg durchs Leben als eine Pilgerschaft.
Der Mais gibt Leben. Er ist eine Gottesgabe, die verehrt wird. Aber weder Mensch noch Mais, noch Götter noch Welt waren immer schon. Die Welt, in die der Mensch eintritt, ist geschaffen, aus dem Nichts.
Das Nichtseiende
Zuerst war »die Welt vor der Schöpfung«, wie es im Alten Ägypten heißt, damals,
als der Himmel noch nicht entstanden war,
als die Erde noch nicht entstanden war,
als die Menschen noch nicht entstanden waren,
als der Tod noch nicht entstanden war.
Im Zweistromland gab es »eine Zeit vor der Zeit, als es weder nach oben hin noch nach unten irgendetwas gab und das All nichts war als das gestaltlose Gemisch der Wasser von Apsu [Süßwasser] und Tiamtu [Urmeer]: keine Himmel, keine Erde, keine Götter — nichts, dessen distinktes Wesen nach einem eigenen Namen verlangt hätte.« In China ist zunächst alles ein »strudelndes Einerlei« (hundun), eine »wogende Unermeßlichkeit« (menghong), eine Art Urozean, gewiß ein wäßriges Element. Und wenn es im ersten Satz der Genesis heißt: »Im Anfang erschuf Gott Himmel und Erde«, zeigt dieser Beginn des Alten Testaments, jedenfalls der priesterschriftliche Schöpfungsbericht, daß auch im Gelobten Land außer der Allmacht, Jahwe, im Uranfang nichts Bestand hatte. Auf der von Gott geschaffenen Erde herrscht zunächst Tohuwabohu, alles ist wüst und leer. Es ist nicht mehr Nichts, aber noch weit entfernt von etwas, das ein bewohnbarer Ort sein könnte.
Das Wessobrunner Gebet schließlich, in karolingischer Zeit als einer der jüngsten Weltschöpfungsmythen entstanden, führt noch einmal in eine Epoche, als »niuuiht ni uuas«, als da »gar nichts war«, weder Erde noch (Ober)Himmel, nicht Baum noch Berg, als die Sonne nicht schien und kein Mond leuchtete:
Dat ero ni uuas noh ufhimil\
noh paum noh pereg ni uuas\
[...] noh sunna ni scein\
noh mano ni liuhta
[Als kein Baum war: Die Welt vor und nach der Schöpfung]
Jenes Nichts, das vor Anbeginn der Schöpfung war, erscheint als etwas gänzlich anderes als das Nichts, dem Michael Ende in der Unendlichen Geschichte seine Reisenden so nahe kommen läßt, daß sie darin beinahe eingesogen werden.
Wenn ihr da hineingeraten seid,
dann haftet es euch an, das Nichts.
Ihr seid wie eine ansteckende Krankheit,
durch die die Menschen blind werden,
so daß sie Schein und Wirklichkeit
nicht mehr unterscheiden können.

Wer dem Sog in dieses Nichts nicht widerstehen kann, wird dort transformiert zu einem, der Wahnideen in die Köpfe der Menschen pflanzt, ihnen Angst einredet und sie zur Verzweiflung treibt, wo es nichts zu fürchten gibt, sie zu Begierden nach Dingen anstachelt, die sie krank machen. Wer in ein solches Nichts gerät, wird zum Verführer.
Dieses Nichts ist zerstörerisch und gefährlich, lebensbedrohlich, die Hölle eines Wahngebildes; das uranfängliche Nichts hingegen bildet die Grundlage für den Beginn göttlichen Schöpfungswerks, eines Aufbaus der Welt, in der alle Kreatur, so auch der Mensch, leben kann. »Do dar niuuit ni uuas, enti do uuas der eino almahtico cot« — als Nichts war, da war der eine allmächtige Gott, der Schöpfer aller Dinge.
Das Geschöpfte
Die Schöpfung bringt nicht irgendetwas hervor, in was sich der Mensch nicht einrichten kann, sie erschafft nicht Dinge, mit denen der Mensch nichts anfangen kann. Die Schöpferkraft weiß, was nötig ist fürs Leben. So erzählen es die Buschmänner in der Kalahari sich und ihren Kindern:
Ganz am Anfang, als die Sonne noch nicht am Himmel erglüht war, und es auf der Erde kein Leben gab, schuf Nodima, der allmächtige Gott, einen Mann und eine Frau; dann bevölkerte Er die Welt mit Tieren. Bald hatte ein Strauß glühende Holzkohle in seiner Achselhöhle versteckt, und als das Tier die Flügel spreizte, um Beeren zu pflücken, stahl der Mann die Glut und schleuderte sie an einem Speer in den Himmel, wo die Holzkohle sich in die Sonne verwandelte.
Der Strauß bevölkert, neben kleineren umherstreifenden Buschmanngruppen, das Land der ausgetrockneten Wasserläufe. Wie alle archaischen Jäger und Sammler haben auch die Buschleute kaum materiellen Besitz, welcher ihnen bei ihren Wanderungen nur lästig wäre. Etwas existentiell Notwendiges aber führen sie stets mit: ein Straußenei, gefüllt mit Trinkwasser. So verwundert es nicht, gerade dieses Tier, dessen Gelege für das Überleben in der Savanne unentbehrlich ist, im Mythos an zentraler Stelle zu finden.
Der seßhafte, landbebauende Mensch benötigt eine andere Schöpfung. Er braucht festen Boden unter den Füßen, weshalb in den Meeresweiten der Südsee bewohnbares Land geschaffen wurde durch das Krokodil, das sich dauerhaft aus dem Meer erhob und so die Insel Timor gebar. Ein Mensch, der das Land bebaut, wird auf entsprechende Weise geboren, wie im sumerischen Hymnus auf die Hacke:
Enlil [›Herr Wind‹, Göttervater],
der den Samen der Menschheit schaffen wird,
beeilte sich, den Himmel von der Erde zu trennen, […]
›Wo das Fleisch empor steigt‹ [in der Erde] ließ er die Hacke
arbeiten. […]
Die Menschen begannen, den Boden zu durchbrechen.
Ohne die Hacke gäbe es keine Menschen — in einer älteren Übersetzung heißt es: »da waren in der Erdhöhlung, die die Hacke schlug, die ersten Menschen«. Und der landwirtschaftende Mensch braucht die Hacke — als »Barbier der Wasserläufe«, die er mit ihr reinigt; als Jäterin des Unkrauts und Pflegerin des Brotgetreides auf dem Feld; als Helferin beim Hausbau; als Gewährleisterin für das Begräbnis der Verstorbenen. Der Hymnus auf die Hacke ist einer der ältesten Belege — wenn nicht der früheste — für die Heiligung von Arbeit und Arbeitsgerät, die sich durch die Geschichte des Homo religiosus zieht, und die erst in den Säkularisationsbewegungen der Neuzeit abzureißen beginnt.
Nun fehlt am Land aber noch der Mensch. So wie das Götterpantheon Ägyptens aus dem Schweiß Amuns entstand, so der Mensch aus seinen Tränen, weshalb am Nil Mensch und Träne mit demselben Wortstamm benannt werden. Im »Monolog des Allherrn« heißt es:
Ich habe die Götter entstehen lassen aus meinem Schweiß
aber die Menschen aus den Tränen meines Auges.
Der Weihrauch im ägyptischen Tempelkult — er ist »Götterschweiß«, ein Wohlgeruch, der betörend duftet wie die Reliquien in der Orthodoxie.
Andernorts wirkt Gott als Töpfer, der Menschen schafft: In Babylonien läßt der Schöpfer sie aus dem Erdboden hervorgehen, in Israel knetet er den Menschen aus Staub von der Erde, in China aus gelber Erde.
Das Benannte
Die Welt und alles, was in ihr ist, kann der Mensch nicht erschaffen; sie wird ihm gegeben. Die Namen der Dinge aber hat der Mensch zu geben.
Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter dem Himmel und brachte sie zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so solle es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Himmel und Tier auf dem Felde seinen Namen.
Aber nicht alles darf beim Namen genannt werden — es gibt Tabus. Im Alten Ägypten ist ein Gott so erhaben, daß er eigentlich keinen Namen hat, sondern »der Verborgene« (jmn) heißt, der, dessen Namen, den die Griechen Amun aussprachen, nicht genannt werden darf.
Amun ist der Gott, der im Uranfang war,
als noch kein Gott entstanden war,
als noch nicht der Name
irgendeines Dinges genannt worden war.
Von den Dingen der Welt kann nur existieren, was auch benannt ist. Was vor Anbeginn war, erscheint im babylonischen Enuma Elisch beinahe als Nichts, weil
droben die Himmel noch nicht benannt waren
(und) drunten der Grund namenlos
[Droben die Himmel]
Die Litanei der fünfzig Namen Marduks, welche die großen Götter dem größten unter ihnen gaben, der »fürwahr der Rückhalt von Land, Stadt und ihren Bewohnern«, der »Geber des Ackerlands« ist, bildet den Kern des babylonischen Schöpfungsmythos Enuma Elisch. Was mit der Namenlosigkeit des Nichts begann, wird durch die Namensgebung abgeschlossen; in ihr vollzieht sich die »Wesens- und Schicksalsbestimmung«. Nicht nur in Babylonien sind Namen sprechend, sie charakterisieren das damit Benannte.
Letztlich wird die Welt ins Leben gerufen durch Benennung der Wesen und Dinge, die da sind. Durch die Namensgebung für das Geschöpfte akzeptiert der Mensch, dem allein die Sprache eigen ist, eine Ordnung, deren Voraussetzungen er selbst nicht hervorbringen kann. Dieser benennende Homo religiosus ist ein erdgebundener Mensch — und es ist alles andere als Zufall, wenn das sumerische Wort für »schreiben« mit dem gleichen Zeichen ausgedrückt wird wie das Wort für »pflanzen, wachsen lassen« — zwei Getreideähren, die dem Boden entsprießen.
Das Erkannte
Vor der Benennung aber steht die Wahrnehmung. Von der Menschwerdung bis in jüngste Zeit zieht sich eine bis vor kurzem ununterbrochene Geschichte der sensibelsten Wahrnehmung dessen, was ist. Wir sehen Menschen, deren Sinne den »alltäglichen Wundern mit einer Intensität geöffnet« sind, die sich ein moderner Zeitgenosse nur schwer vorstellen kann.
Man sagt, China wäre »von alters her das Land genauester Naturbeobachtung und genialer Anpassung des Menschen an seine Umwelt[;] wohl nirgends sonst hat der Mensch Elemente und Geschöpfe so hellsichtig und einfühlend belauscht, sich in die Eigenheiten, die an ihnen zutage liegen, eingelebt und dazu ihr geheimeres Wesen ausgespürt«. Doch es scheint, daß diese Veranlagung allen Menschen eigen ist:
Das wilde Denken, die Geisteswelt des archaischen Menschen, wie sie bis vor kurzem in den Naturvölkern existierte, ist gekennzeichnet durch »eine gewissenhafte, ganz und gar dem Konkreten zugewandte Aufmerksamkeit«. Es wird greifbar nicht nur im umfassenden Wissen um jeden Baum, jede Pflanze, jedes Tier, in deren exakter sprachlichen Klassifizierung und taxonomischen Ordnung: Pinatubo-Pygmäen auf den Philippinen unterscheiden 450 Pflanzen mit ihren spezifischen Eigenschaften; die Tewa in Neumexiko verteilen differenzierte Namen für Nadelhölzer, die moderne Botaniker kaum auseinander halten können; Kinder der Kabira auf Riukiu im ostchinesischen Meer sind spielerisch fähig, den kleinsten Holzsplitter einer Baumart zuzuordnen; die sibirischen Burjaten wissen um sieben Heilkräfte im Bärenfleisch, fünf in seinem Blut, neun im Fett und siebzehn in seiner Galle. Dieses Wissen fließt offensichtlich aus der Akzeptanz der Schöpfung, wie sie ist — sie sahen, daß es gut war.
Jedes Kind erschließt sich die Welt, indem es die Dinge, die es umgibt, benennt: In der Stadt sind es eher die Errungenschaften der Zivilisation wie der »Nüssel« (Schlüssel), der es dem Nachbarmädchen gerade angetan hat; für natur- und damit gottverbundene Menschen gilt, was über die australischen Aborigine und ihre Erziehungsmethoden gesagt wurde: Sie geben ihren Kindern das Land, indem die Mütter alles, was sie an Eßbarem finden, dem Kleinkind auf ihrem Rücken in die Hand drücken und erklären. Wer genauer auf das Land, auf die Welt, die einen umgibt, sieht, wird gewahr, wie bunt und vielfältig sie ist: Die Maori unterscheiden dutzende verschiedene Rot-Töne, die Eskimo halten ihre Umgebung nicht einfach für weiß, sondern kennen viele Abstufungen; auf der Arabischen Halbinsel entwickelten sich über hundert Begriffe für Kamel. Man sieht nur, wenn man achtsam ist, oder achtsam sein muß.
Hätte der Urmensch nicht allem Aufmerksamkeit geschenkt, was er sah, vor allem dem, was seine Existenz sicherte, hätte er nicht überleben können. Der Homo habilis, wie er vor zwei Millionen Jahren in kleinen Horden durch die ostafrikanische Savanne streifte, benutzte zwar bereits Werkzeug, einfachstes Geröllgerät, war aber weder mit dessen Hilfe noch mit seinem nicht raubtierartig ausgeprägten Gebiß fähig, Beute zu machen. Als reiner Pflanzenesser wäre er an zu wenig Phosphor gekommen, was das zunehmende Gehirnwachstum des Urmenschen aber benötigte. Der Homo habilis brauchte Fleisch und Knochenmark, ohne ein Tier töten zu können. Hätte er abwarten wollen, bis seine Gruppe zufällig auf ein verendetes Tier gestoßen wäre, wären ihm Löwen, Hyänen und Schakale längst zuvorgekommen oder das Fleisch bereits in der Sonne vergammelt. Der Homo habilis hatte nur eine Chance: Er mußte seinen aufrechten Gang, seine schnellen Beine, nutzen, um als erster bei frisch verendeten Tieren zu sein. Woher aber wußte er, wo diese Stelle ist? Sein ausgeprägtes Sehvermögen ließ ihn den Flug der Geier über der Savanne beobachten; ihr Kreisen über einem toten Tier zeigte an, wohin die Gruppe eilen musste. Würde religiöses Denken bereits im sich vergrößernden Gehirn des Homo habilis möglich gewesen sein, wäre es eine verlockende Denkfigur sich vorzustellen, wie dieser Frühmensch im Geier, der ihn zur Nahrung führt, ein verehrungswürdiges Wesen erblickte.
[Eine gewissenhafte, dem Konkreten zugewandte Aufmerksamkeit: Himmlisch
blaue Blüten zeigt die heilende Wegwarte am Morgen]
Den Mann vom Similaunjoch, despektierlich Ötzi genannt, und den letzten Bauern unserer Breiten verband eine ausgeprägte Achtsamkeit für das, was ist: Der Steinzeitmensch führte in seiner Gürteltasche zwei walnußgroße Klumpen eines Birkenporlings mit sich, weil er wußte, daß dieser Baumpilz desinfizierend wirkt; seine abführenden Wirkstoffe waren ihm höchst willkommen, da ihn ein Darmparasit plagte, der heftige Schmerzen verursachte. Auch der Bauer bis in unsere Tage verschwendet nichts, was er an Brauchbarem sieht und kennt das Nützliche, das die Natur ihm bietet: Seine Hausapotheke ist bestückt mit allerhand Kräutern, die man nur pflücken muß.
Der Homo religiosus reißt aber nicht unbedacht an sich, was die Natur ihm bietet, sondern tut dies in gläubiger Ehrfurcht, wie es ein Segensspruch aus England für das 16. Jahrhundert, als bereits die Neuzeit mit ihrer Rationalität angebrochen war, bezeugt: »Du bist heilig, Verbene, die du auf der Erde wächst, denn zuerst hat man dich auf dem Kalvarienberg gefunden. Du hast unseren Erlöser Jesus Christus geheilt und seine blutigen Wunden geschlossen.« Vor der Aneignung des blutstillenden Eisenkrauts steht die Anrufung: »Im Namen Jesu pflücke ich dich.«
Schwäbische Bauern hörten in den 1950er Jahren, kurz bevor der »Strukturwandel« ihre Welt verschlang, einen Vortrag zu »Gottes Wunderwelt im Tier- und Pflanzenreich«. Kein Baumeister, so der Geistliche Rat Leopold Schwarz, Jahrgang 1897, als Leutnant Frontkämpfer im Ersten Weltkrieg, nachmals Männerseelsorger in seinem Heimatbistum Augsburg, wäre in der Lage, einen Bau zu erstellen, der die hundertfache Höhe seiner Breite habe. Beim Roggenhalm aber sei das der Fall — ein Beleg für »die göttliche Allmacht und Weisheit«. Jeder Schmetterlingsflügel in seiner Pracht genüge, »um einen Gottesleugner zu zermalmen.« Diese Bauern sangen, wenn sie in feierlicher Prozession des Flurumgangs »ums Korn« gingen, ein Lied:
Himmelsau, licht und blau, wieviel zählst du Sternlein?
Gottes Welt, wohlbestellt, wieviel zählst du Stäubelein?
Sommerfeld, uns auch meld, wieviel zählst du Gräselein?
Ohne Zahl! Sovielmal sei gelobet Gott, der Herr!
Das katholische Liedbuch Gotteslob führt den volksfrommen Lobpreis der Schöpfung seit 1975 nicht mehr (wohingegen er zwanzig Jahre später ins Evangelische Gesangbuch geriet, unter »Natur und Jahreszeiten«). Die Purifizierung im Gefolge des Zweiten Vatikanums hat hier ganze Arbeit geleistet und vollständig eliminiert, während die Segensformel der Kräuterweihe zu Maria Himmelfahrt (15. August; in Bayern noch ein Feiertag) vom Schöpferlob auf die Heilkraft der Kräuter gereinigt wurde – der moderne Gläubige darf sich lediglich noch an deren Farbvielfalt erfreuen. Ein greifbares Beispiel für die Säkularisierung des Volksglaubens von oben, welche dem Wesen des gläubigen Menschen, der Gott überall in der Welt wiedererkennt, fundamental widerspricht.
Die Wiederkehr der Ordnung
Im Ungeordneten kann kein Leben sein. Das gilt für China, wo uranfänglich nur strudelndes Einerlei war, für das Tohuwabohu in Israel — und allüberall, wo noch keine Schöpfertat gewaltet hat. Nahezu jeden Schöpfungsmythos durchzieht der Kampf der Ordnung gegen die Unordnung: Schöpfung ist Beseitigung des Chaos.
Doch die ursprüngliche Schöpfung ist stets bedroht durch Unordnung, Chaos, Tohuwabohu. Urkräfte der Auflösung und Zerstörung bedürfen der Bändigung, das Geschöpfte braucht Ordnung und Struktur — und den menschlichen Geschöpfen tut die regelmäßige Wiedervergegenwärtigung des so Gesetzten not. Genau dies unterscheidet die profane Welt vom Heiligen: »Indem [der religiöse Mensch] die Mythen wieder gegenwärtig macht, kommt er seinen Göttern nahe und nimmt teil an der Heiligkeit.« Das religiöse Fest ist dabei stets »Vergegenwärtigung eines uranfänglichen Ereignisses«. Die Festteilnehmer sind periodische »Zeitgenossen der Götter«.
Beim babylonische Neujahrsfest werden Schlüsselszenen der Schöpfungsgeschichte im Ritual erfahrbar vergegenwärtigt, besonders der Triumph über die Urkräfte des Chaos und der ordnende Schöpfungsakt. Der Kriegszug gegen die Urkräfte des Chaos wurde vom Volk auf der Straße als feierliche Prozession der Kultstatuen aus dem Tempel ins Neujahrsfesthaus erlebt. Dort trägt ein Tempelpriester das Enuma Elisch vor, das Generationen von Schülern, die das Schreiben lernten, memorierten. Mündlich weitergegeben wurde bei den Pawnee die Liturgie des Hako, das Zeremoniell der alljährlichen Herabrufung von Mutter Mais.
An jedem Weihnachtsfest, daran glaubt zumindest der christliche Volksmund, wird »Gott von neuem geboren«. Wenn es nach der Wandlung von Brot und Wein im Meßopfer der katholischen Kirche heißt: »Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir und Deine Auferstehung preisen wir«, dann ist in diesem tiefsten »Geheimnis des Glaubens« jedes Mal das Erlösungswerk des Kreuzestodes Jesu Christi gegenwärtig, mit dem er die Menschheit erlöst hat aus dem Tod. Und in jeder Osternacht wird die Schöpfungsgeschichte erneut lebendig, in dem der Anfang der Genesis gelesen wird — so hat begonnen, was Christus vollendet hat.
[Deinen Tod, oh
Herr, verkünden wir, und Deine Auferstehung preisen wir: Epitaph für
Pfarrer Johannes Dexenbach in Steinekirch, gestorben 1554]
In der Steiermark gab es bis vor wenigen Generationen Bauern, die an Weihnachten die Ankunft des Heilandes in ihren Stuben nachspiel(t)en. Spieler und Zuschauer, alle sind sie Anteilnehmende, »Andächtige, Verwandelte, die das alte Geschehen immer wieder aufs Neue lebendig werden lassen«. Das Spiel ist »ganz lebendige Wirklichkeit«, die scheinbar nur spielerische »Begegnung von Göttlichem und der ihnen [den Bauern] so vertrauten Hirtenwelt«. Die Heilige Familie tritt in die Stube, Maria hat — dieses Requisit genügt — ein »winziges Kripperl mit dem Kind« im Schoß: »Die alten Frauen, die Kinder falten die Hände: Das Spiel ist Gebet, ist Andacht geworden.«
Das ist Fest, das ist Sinngebung im Alltag, Strukturierung des Jahreslaufs, fester Halt im Leben. Lösen sich Religion und Glaube auf, »verlieren Feste ihren Tiefgang und Sinngehalt«, erstarren zu inflationär wiederholten, besinnungslos abgespulten »beliebigen Versatzstücken«, profaniert in eine »Festzeltwelt«. Wenn in einem solchen Bierzelt der Weihbischof eine Messe hält, in der er nach dem Segen und statt der Sendung auffordert: »Bleibet und esset«, wo schon vor dem Auszug der Geistlichkeit die Schankpforten geöffnet werden, zeigt selbst diese Verirrung, wie sehr auch der modern profanierte Mensch ein Homo religiosus ist, dessen Gespür für Religiosität zwar unter Eventisierung verschüttet ist, als Sehnsucht aber vorhanden.
Die Schöpfung, der Ursprung von allem, muß stets neu vergegenwärtigt werden in Ritus und Fest. Es ist eine Rückkehr in jene heilige Zeit, in der alles begann. Durch die stete Erneuerung des Anfangs bestätigt sich das Gewesene, durch die immerwiederkehrende Aufrufung der Anfänge vergewissert sich der Mensch des Grundes, auf dem er steht. Mit der ursprünglichen Ordnung verband er sich mit dem Kosmos, richtete sich die Welt ein, in der er leben kann. Die Schaffung einer Ordnung im Chaos und gegen das Chaos, soweit der Mensch darauf Einfluß hat, erfolgt durch Benennen und Sich-Aneignen, nicht durch Verändern nach Gusto.
Ordnung ist entstanden, durch göttliche Schöpfung, mit deren Wahrnehmung und Benennung und somit Akzeptanz durch den Menschen. Diese Ordnung lebt von Voraussetzungen, die der Mensch nicht in eigenen Händen hält. Der Mensch steht, das will die nächste Folge zeigen, in Abhängigkeit von über ihn ragenden Mächten, die der Homo religiosus Götter bzw. Gott nennt. Ob diese Abhängigkeit begrüßenswert ist oder zu bekämpfen, vielleicht gar abzustreifen, stellt keine sinnvolle Fragengrundlage dar. Entscheidend ist, was durch den Lauf der Menschheitsgeschichte dem Mensch gemäß war, was sämtliche Kulturen unabhängig voneinander, jenseits von Zeit und Raum, an gemeinsamen Vorstellungen von Göttlichkeit und Transzendenz entwickelt haben.
Quellen in der Reihenfolge im Text
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Alice C. Fletcher: The Hako. A Pawnee Ceremony. 22nd Annual Report of the Bureau of American Ethnology to the Secretary of the Smithonian Institution 1900-1901. U.S. Government Printing Office, Washington, D.C., 1904, S. 81, S. 18, S. 23f., S. 22, Tafel nach S. 44 (Abb. Mutter Mais), S. 58-63.
Hellmut Brunner: Ägyptische Texte. In: Walter Beyerlin (Hrsg.): Religionsgeschichtliches Textbuch zum Alten Testament. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, ²1985, S. 34 (Welt vor der Schöpfung).
Adrian C. Heinrich: Der babylonische Weltschöpfungsmythos Enuma Elisch. München: C.H. Beck, 2022, S. 15 (eine Zeit vor der Zeit), S. 32 (droben die Himmel), S. 158 (Namensnennung), S. 147 (Neujahrsfest).
Andrea Keller: Kosmos und Kulturordnung in der frühen chinesischen Mythologie. In: Das alte China. Menschen und Götter im Reich der Mitte, 5000 v. Chr. — 220 n. Chr. München: Hirmer, 1995, S. 136-146, hier S. 138 (strudelndes Einerlei), S. 139 (Menschen aus gelber Erde).
Genesis 1,1-2; 2,7; 2, 19-20.
Ludwig Köhler, Walter Baumgartner: Lexicon in Veteris Testamentis Libros. Brill: Leiden, 1985, S. 1019 (tohu), S. 110 (bohu): Das hebräische Tohuwabohu, zusammengesetzt aus zwei Eigenschaftsbezeichnungen, wird in nahezu jeder Bibelausgabe anders übersetzt. Unstrittig ist der erste Wortbestandteil, tohu (thh, thw): wüst; bezeichnend die Wüste, das Wasserlose und Unwegsame, einen Ort, an dem man umkommt. Hingegen bohu (bhh, bhw; Öde, Leere): leer (Stuttgarter Erklärungsbibel, 2005; Lutherbibel, 2017), wirr (Neue Jerusalemer Bibel, 1985), ungeordnet (Die gute Nachricht der Deutschen Bibelgesellschaft, 1978), öde (Zürcher Bibel, 2007); auch lexikalisch ergibt sich keine Klarheit in diesen widersprüchlichen Übersetzungsdeutungen — was leer ist, kann nicht ungeordnet sein, denn ordnen kann man nur etwas, was ist; noch unklarer wird es, wenn bohu auch als Nichts verstanden werden kann: denn Nichts ist weder leer noch wirr, sondern eben Nichts.
Ernst und Erika von Borries: Deutsche Literaturgeschichte, Band 1: Mittelalter, Humanismus, Reformationszeit, Barock. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1991, S. 30f. — Hans Pörnbacher: Das Wessobrunner Gebet. Lindenberg: Fink, 5. Auflage 2020.
Michael Ende: Die unendliche Geschichte. Stuttgart: Thienemann, 1979, S. 142f. (Das Nichts).
Giselher W. Hoffmann: Die Erstgeborenen. Zürich: Union, 1994, S. 83f. (Schöpfungsmythos der Buschmänner).
Hartmut Schmöckel: Mesopotamische Texte. In: Walter Beyerlin (Hrsg.): Religionsgeschichtliches Textbuch zum Alten Testament. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, ²1985, S. 101f. (Hymnus von der Hacke).
Erik Hornung: Der Eine und die Vielen. Ägyptische Gottesvorstellungen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1971, S. 141f. (Götter aus Schweiß, Menschen aus Tränen).
Ägyptisches Handwörterbuch. Bearbeitet und herausgegeben von Adolf Erman und Hermann Grapow. Nachdruck der Ausgabe von 1921. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1981, S. 13 (jmn, Amun).
Heinrich Zimmer: Maya. Der indische Mythos. Zürich: Rascher, 1952 (Erstausgabe Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1936), S. 1 (Naturbeobachtung in China).
Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968, hier ²1977 (französische Originalausgabe: La pensée sauvage. Paris: Librairie Plon, 1962), S. 254 (Zitat), S. 15f. Und S. 20 (Beispiele für Aufmerksamkeit).
Bruce Chatwin: Traumpfade. München: Hanser, 1990 (englische Originalausgabe: The Songlines. London: Jonathan Cape, 1987) (sie geben ihnen das Land).
Josef H. Reichholf: Das Rätsel der Menschwerdung. Die Entstehung des Menschen im Wechselspiel der Natur. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1993, S. 132f. (Homo habilis).
Luigi Capasso: 5300 years ago, the Ice Man used natural laxatives and antibiotics. In: The Lancet. Volume 352, Nr. 9143, 5. Dezember 1998 (Baumpilz gegen Darmparasit).
Ferdinand Ohrt: Herba, Gratia plena. Die Legenden der älteren Segenssprüche über den göttlichen Ursprung der Heil- und Zauberkräuter. Helsinki: Suomalainen tiedeakatemia, 1929, S. 17. Zitiert nach: Eliade, Religionen (a.a.O.), S. 342 (Heilkräuter).
Zeitungsausschnitte der Augsburger Lokalpresse, 1950er Jahre (Vorträge von Geistlichem Rat Leopold Schwarz).
Michael Fischer: Himmelsau licht und blau (2007, zuletzt verändert 2012). In: Populäre und traditionelle Lieder. Historisch-kritisches Liederlexikon, herausgegeben vom Deutschen Volksliedarchiv, http://www.liederlexikon.de/lieder/himmelsau_licht_und_blau/: Gesungen »beym feyerlichen Umgang« (so eine Ausgabe von 1833), also bei den Flurumgängen »ums Korn«, wie auch bei der Fronleichnamsprozession, daher lautete der Refrain im Erstdruck 1767 »ehret dieses Sacrament« — mit Sakrament ist gemeint die geweihte Hostie in der Monstranz, der Leib Gottes, den der Priester durch die Felder und die Straßen der Dörfer trägt, womit sich dieses Lied in seiner ursprünglichen Fassung als gegenreformatorisch verstanden hat.
Walter Pötzl: Brauchtum. Von der Martinsgans zum Leonhardiritt, von der Wiege bis zur Bahre. Der Landkreis Augsburg, Band 7. Augsburg 1999, S. 183-188, bes. S. 183 (Kräuterweihe an Maria Himmelfahrt).
Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. Band 1. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1976, hier 10. Auflage, 1993 (Erstausgabe: München: Beck, 1927–1931), S. 266: »Inhalt und Zweck aller schöpferischen Tätigkeiten besteht in nichts anderem als in dem Nachweis, daß das Gute, der Sinn, kurz: Gott in der Welt überall vorhanden ist. Diese höchste, ja einzige Realität ist immer da, aber meist unsichtbar. Der Genius macht sie sichtbar: dies ist seine Funktion. Die Tatsache ›Gott‹ erfüllt ihn derart, daß er sie überall wiederfindet, wiedererblickt, wiedererkennt. Dieses Wiedererkennen Gottes in der Welt ist die eigentümliche Fähigkeit jedes großen Menschen.«
Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Köln: Anaconda, 2008 (deutsche Erstausgabe: Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1957), S. 78, S. 77 (Fest als Wiedervergegenwärtigung des Uranfangs).
Matthias Gaudron: Die Messe aller Zeiten. Ritus und Theologie des hl. Messopfers. Bobingen: Sarto, 2006.
Felix Timmermans: Das Triptychon von den Heiligen Drei Königen. Leipzig: Insel, 1940, S. 10 (Gott von neuem geboren).
Dorothee Kieselbach, Leopold Kretzenbacher: »Seid's ruhig und merkt's auf mit Fleiss«. Ein bäuerliches Hirtenspiel aus der Steiermark. In: Unbekanntes Bayern. Band 6: Das Komödi-Spielen. Nach einer Sendereihe des Bayerischen Rundfunks herausgegeben von Alois Fink. München: Süddeutscher Verlag, 1961 (hier: Fotomechanischer Nachdruck 1978), S. 39-51, hier S. 40, S. 47, S. 48f.
Hans Roth: Die Inflation der Jubiläen und Feste. In: Schönere Heimat — Erbe und Auftrag. Zeitschrift des Bayerischen Landesvereins für Heimatpflege 1998, Heft 4, S. 239f. (Titelzusatz »Erbe und Auftrag« seit 2010 »Bewahren und Gestalten«).