Homo religiosus I

Seine Welt — Kosmos, Schöpfung, Ordnung

Geschrieben von Jürgen Schmid am 16.9.2026

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Homo non religiosus


Homo non religiosus

Religiöse Phänomene »mittels der Physio­logie, der Psycho­logie, der Sozio­logie, der Wirtschaftswissenschaft, der Sprach­wis­sen­schaft, der Kunst usw. ein­zukreisen, heißt, [sie] zu leugnen«. Da in dieser hiermit be­ginnenden Serie »Homo reli­giosus« nicht der Ort ist, zu leugnen, wird auf eine solche Ein­kreisung im Folgenden verzichtet.


»Uns wurde gelehrt, allem, was wir sehen, Auf­merk­sam­keit zu schenken.« So sprachen die Pawnee-Indianer aus den Great Plains im Hako, ihrer Lebens­erneuerungs­zere­monie, wie es eine For­scherin zu Be­ginn des 20. Jahr­hunderts im Moment des Er­löschens der Tra­ditio­nen doku­men­tierte, als dieser Stamm be­reits schwer dezi­miert in Reser­va­tionen sein Dasein fristete.

Wuppertal [Mutter Mais, komme herab und bringe Leben]

Das Hako, »die Stimme aller Dinge« — ein Lob­preis für das Geschenk des Le­bens. Es findet statt »im Früh­ling, wenn die Vögel sich paaren, im Sommer, wenn die Vögel ihre Jungen groß­ziehen, oder im Herbst, wenn die Vögel sich sam­meln; niemals aber im Win­ter, wenn alles schläft«. Das Gebet rich­tet sich an Atira, die Mut­ter und Frucht­bar­keit der Erde. Sie ist an­wesend im Mais­kolben, dessen blaue Spitze die Kuppel des Him­mels zeigt — »the dwelling place of the powers«, Sitz der All­mächte.

In der Zeremonialhütte ent­faltet sich eine lange Litur­gie mit vor­ge­schriebenen Hand­lungen und Ge­sän­gen. Eingangs müssen die Kult­objekte leben­dig werden (»Vivi­fying the Sacred Ob­jects«), indem man sie an einen Platz bringt, wo die ersten Son­nen­strahlen des Tages sie be­streichen und ihnen so Leben geben. Wir tun dies, sagen die Pawnee, damit die Göt­ter und Mächte wie die Winde sehen, daß alles bereit ist für die Zere­mo­nie. Nun kann Mutter Mais (»Mother Corn«) in die Mitte des Volkes ge­rufen werden.

H’Atira hu weto ariso!
H’Atira hu weti arisut!

Das Lied beginnt mit einem Atemstoß H’, der Atira, Mutter Erde, im Ritual an­wesend als Mais­kolben, Leben einhaucht, möge herabkommen aus ihren Sphären, sie möge das Leben bringen zu denen, die dieses Lied singen, wie sie Leben gebracht hat zu den Ahnen und bringen wird zu den, die nach ihnen kom­men. Die zweite Zeile bezeugt, daß Atira, die Mutter des Lebens, nun gekommen ist, wie sie gerufen wurde, um voran­zugehen auf dem Weg, den die Pawnee in ihrer Zere­mo­nie zu gehen ge­denken.

Turmfalkennest [Wenn die Vögel ihre Jungen großziehen: Turmfalken-Nest in der Fensternische eines gotischen Kirchturms in Steinekirch]

Im Hako-Ritual zeigt sich wie in einer Nuß-Schale alles, was den Homo reli­gio­sus umtreibt: Seine Ab­hängig­keit von Göttern und Mächten, die er willig ak­zep­tiert; die Hei­ligung, die er seinem Leben und den Dingen, die ihn ernähren, zuspricht; seine An­dachts­orte, in denen er die Mächte im Ritus von Liturgie und An­betung sinn­lich ver­ehrt; die Priester, die er achtet als Mittler nach oben; seine behut­same Spra­che, in der er die tiefe Verehrung für das, was er nicht selbst in der Hand hat, aus­drückt; seinen Weg durchs Leben als eine Pilger­schaft.

Der Mais gibt Leben. Er ist eine Gottes­gabe, die ver­ehrt wird. Aber weder Mensch noch Mais, noch Götter noch Welt waren immer schon. Die Welt, in die der Mensch ein­tritt, ist ge­schaffen, aus dem Nichts.

Das Nichtseiende

Zuerst war »die Welt vor der Schöpfung«, wie es im Alten Ägypten heißt, damals,

als der Himmel noch nicht entstanden war,
als die Erde noch nicht entstanden war,
als die Menschen noch nicht entstanden waren,
als der Tod noch nicht entstanden war.

Im Zweistromland gab es »eine Zeit vor der Zeit, als es weder nach oben hin noch nach unten irgendetwas gab und das All nichts war als das gestaltlose Gemisch der Wasser von Apsu [Süß­wasser] und Tiamtu [Urmeer]: keine Himmel, keine Erde, keine Götter — nichts, dessen distinktes Wesen nach einem eigenen Namen verlangt hätte.« In China ist zunächst alles ein »strudeln­des Einer­lei« (hundun), eine »wo­gende Un­ermeß­lich­keit« (menghong), eine Art Ur­ozean, gewiß ein wäßri­ges Ele­ment. Und wenn es im ersten Satz der Ge­nesis heißt: »Im An­fang erschuf Gott Himmel und Erde«, zeigt dieser Be­ginn des Alten Test­aments, jedenfalls der priester­schrift­liche Schöpfungs­bericht, daß auch im Ge­lobten Land außer der Allmacht, Jahwe, im Ur­anfang nichts Be­stand hatte. Auf der von Gott ge­schaf­fenen Erde herrscht zunächst Tohu­wa­bohu, alles ist wüst und leer. Es ist nicht mehr Nichts, aber noch weit ent­fernt von etwas, das ein be­wohn­barer Ort sein könnte.

Das Wessobrunner Gebet schließlich, in karo­lingi­scher Zeit als einer der jüng­sten Welt­schöpfungs­mythen ent­standen, führt noch einmal in eine Epoche, als »niuuiht ni uuas«, als da »gar nichts war«, weder Erde noch (Ober)Him­mel, nicht Baum noch Berg, als die Sonne nicht schien und kein Mond leuchtete:

Dat ero ni uuas noh ufhimil\
noh paum noh pereg ni uuas\
[...] noh sunna ni scein\
noh mano ni liuhta

Holzstapel [Als kein Baum war: Die Welt vor und nach der Schöpfung]

Jenes Nichts, das vor Anbeginn der Schöpfung war, erscheint als etwas gänz­lich anderes als das Nichts, dem Michael Ende in der Unend­lichen Geschichte seine Reisenden so nahe kommen läßt, daß sie darin beinahe ein­ge­sogen werden.

Wenn ihr da hineingeraten seid,
dann haftet es euch an, das Nichts.
Ihr seid wie eine ansteckende Krankheit,
durch die die Menschen blind werden,
so daß sie Schein und Wirklichkeit
nicht mehr unterscheiden können.

Wer dem Sog in dieses Nichts nicht widerstehen kann, wird dort trans­for­miert zu einem, der Wahn­ideen in die Köpfe der Menschen pflanzt, ihnen Angst ein­redet und sie zur Verzweiflung treibt, wo es nichts zu fürchten gibt, sie zu Be­gierden nach Dingen anstachelt, die sie krank machen. Wer in ein solches Nichts gerät, wird zum Verführer.

Dieses Nichts ist zerstörerisch und gefährlich, lebens­bedroh­lich, die Hölle eines Wahn­gebildes; das uranfängliche Nichts hin­gegen bildet die Grund­lage für den Beginn gött­li­chen Schöpfungs­werks, eines Auf­baus der Welt, in der alle Kreatur, so auch der Mensch, leben kann. »Do dar niuuit ni uuas, enti do uuas der eino almahtico cot« — als Nichts war, da war der eine all­mächtige Gott, der Schöpfer aller Dinge.

Das Geschöpfte

Die Schöpfung bringt nicht irgendetwas hervor, in was sich der Mensch nicht einrichten kann, sie erschafft nicht Dinge, mit denen der Mensch nichts anfangen kann. Die Schöpfer­kraft weiß, was nötig ist fürs Leben. So erzählen es die Busch­männer in der Kala­hari sich und ihren Kindern:

Ganz am Anfang, als die Sonne noch nicht am Himmel erglüht war, und es auf der Erde kein Leben gab, schuf Nodima, der all­mächtige Gott, einen Mann und eine Frau; dann bevölkerte Er die Welt mit Tieren. Bald hatte ein Strauß glühende Holz­kohle in seiner Achselhöhle versteckt, und als das Tier die Flügel spreizte, um Beeren zu pflücken, stahl der Mann die Glut und schleuderte sie an einem Speer in den Himmel, wo die Holzkohle sich in die Sonne verwandelte.

Der Strauß bevölkert, neben kleineren umher­streifenden Busch­mann­gruppen, das Land der aus­ge­trockneten Was­ser­läufe. Wie alle archa­ischen Jäger und Samm­ler haben auch die Busch­leute kaum mate­riel­len Be­sitz, welcher ihnen bei ihren Wan­derungen nur lästig wäre. Etwas exi­sten­tiell Not­wen­diges aber führen sie stets mit: ein Straußen­ei, gefüllt mit Trink­wasser. So verwundert es nicht, gerade dieses Tier, dessen Ge­lege für das Über­leben in der Sa­vanne unent­behr­lich ist, im Mythos an zen­traler Stelle zu finden.

Der seßhafte, land­bebauende Mensch be­nötigt eine an­dere Schöpfung. Er braucht festen Boden unter den Füßen, wes­halb in den Meeres­weiten der Süd­see be­wohn­bares Land ge­schaffen wurde durch das Krokodil, das sich dauer­haft aus dem Meer erhob und so die Insel Timor gebar. Ein Mensch, der das Land bebaut, wird auf entsprechende Weise geboren, wie im sumerischen Hymnus auf die Hacke:

Enlil [›Herr Wind‹, Göttervater],
der den Samen der Menschheit schaffen wird,
beeilte sich, den Himmel von der Erde zu trennen, […]
›Wo das Fleisch empor steigt‹ [in der Erde] ließ er die Hacke arbeiten. […]
Die Menschen begannen, den Boden zu durchbrechen.

Ohne die Hacke gäbe es keine Menschen — in einer älteren Über­setzung heißt es: »da waren in der Erd­höhlung, die die Hacke schlug, die ersten Menschen«. Und der land­wirt­schaf­tende Mensch braucht die Hacke — als »Bar­bier der Was­ser­läufe«, die er mit ihr reinigt; als Jäterin des Un­krauts und Pflegerin des Brot­ge­treides auf dem Feld; als Hel­ferin beim Haus­bau; als Gewähr­leisterin für das Be­gräbnis der Ver­stor­benen. Der Hymnus auf die Hacke ist einer der älte­sten Be­lege — wenn nicht der früheste — für die Heiligung von Arbeit und Arbeits­gerät, die sich durch die Geschichte des Homo reli­gio­sus zieht, und die erst in den Säku­la­risa­tions­be­wegungen der Neu­zeit ab­zu­reißen beginnt.

Nun fehlt am Land aber noch der Mensch. So wie das Göt­ter­pan­theon Ägyp­tens aus dem Schweiß Amuns ent­stand, so der Mensch aus seinen Tränen, weshalb am Nil Mensch und Träne mit dem­selben Wort­stamm be­nannt werden. Im »Mono­log des All­herrn« heißt es:

Ich habe die Götter ent­stehen lassen aus meinem Schweiß
aber die Men­schen aus den Tränen meines Auges.

Der Weihrauch im ägyptischen Tempel­kult — er ist »Götter­schweiß«, ein Wohl­geruch, der betörend duftet wie die Re­liquien in der Ortho­doxie.

Andernorts wirkt Gott als Töpfer, der Menschen schafft: In Baby­lo­nien läßt der Schöpfer sie aus dem Erd­boden hervorgehen, in Israel knetet er den Menschen aus Staub von der Erde, in China aus gelber Erde.

Das Benannte

Die Welt und alles, was in ihr ist, kann der Mensch nicht er­schaf­fen; sie wird ihm ge­geben. Die Namen der Dinge aber hat der Mensch zu geben.

Und Gott der HERR machte aus Erde alle die Tiere auf dem Felde und alle Vögel unter dem Him­mel und brachte sie zu dem Menschen, daß er sähe, wie er sie nennte; denn wie der Mensch jedes Tier nennen würde, so solle es heißen. Und der Mensch gab einem jeden Vieh und Vogel unter dem Him­mel und Tier auf dem Felde seinen Namen.

Aber nicht alles darf beim Namen genannt werden — es gibt Tabus. Im Alten Ägyp­ten ist ein Gott so erhaben, daß er eigentlich keinen Namen hat, sondern »der Ver­borgene« (jmn) heißt, der, dessen Namen, den die Griechen Amun aus­sprachen, nicht ge­nannt werden darf.

Amun ist der Gott, der im Uranfang war,
als noch kein Gott entstanden war,
als noch nicht der Name
irgendeines Dinges genannt worden war.

Von den Dingen der Welt kann nur exi­stieren, was auch benannt ist. Was vor An­beginn war, erscheint im baby­lo­ni­schen Enu­ma Elisch bei­nahe als Nichts, weil

droben die Himmel noch nicht benannt waren
(und) drunten der Grund namenlos

[Droben die Himmel]

Die Litanei der fünfzig Namen Marduks, welche die großen Götter dem größten unter ihnen gaben, der »fürwahr der Rück­halt von Land, Stadt und ihren Bewohnern«, der »Geber des Acker­lands« ist, bildet den Kern des babylo­nischen Schöpfungs­mythos Enu­ma Elisch. Was mit der Namen­losig­keit des Nichts begann, wird durch die Namensgebung abge­schlossen; in ihr voll­zieht sich die »Wesens- und Schicksals­bestimmung«. Nicht nur in Baby­lo­nien sind Namen sprechend, sie charak­teri­sieren das damit Be­nannte.

Letztlich wird die Welt ins Leben gerufen durch Be­nennung der Wesen und Dinge, die da sind. Durch die Namens­gebung für das Geschöpfte akzeptiert der Mensch, dem allein die Sprache eigen ist, eine Ordnung, deren Voraus­setzungen er selbst nicht her­vor­bringen kann. Dieser be­nennende Homo reli­gio­sus ist ein erd­gebun­dener Mensch — und es ist alles andere als Zu­fall, wenn das sume­ri­sche Wort für »schrei­ben« mit dem gleichen Zeichen ausgedrückt wird wie das Wort für »pflan­zen, wach­sen las­sen« — zwei Ge­treide­ähren, die dem Boden ent­sprießen.

Das Erkannte

Vor der Benennung aber steht die Wahrnehmung. Von der Menschwerdung bis in jüngste Zeit zieht sich eine bis vor kurzem un­unter­bro­chene Ge­schichte der sensi­bel­sten Wahr­nehmung des­sen, was ist. Wir sehen Menschen, deren Sinne den »all­täg­li­chen Wun­dern mit einer In­ten­sität geöffnet« sind, die sich ein moderner Zeit­ge­nosse nur schwer vorstellen kann.

Man sagt, China wäre »von alters her das Land genauester Natur­beob­ach­tung und genialer An­passung des Men­schen an seine Umwelt[;] wohl nirgends sonst hat der Mensch Ele­mente und Geschöpfe so hell­sichtig und ein­fühlend be­lauscht, sich in die Eigenheiten, die an ihnen zutage liegen, ein­ge­lebt und dazu ihr geheimeres Wesen aus­gespürt«. Doch es scheint, daß diese Ver­anlagung allen Menschen eigen ist:

Das wilde Denken, die Geisteswelt des archaischen Men­schen, wie sie bis vor kurzem in den Natur­völkern exi­stier­te, ist ge­kenn­zeichnet durch »eine gewissenhafte, ganz und gar dem Kon­kreten zugewandte Aufmerksamkeit«. Es wird greifbar nicht nur im um­fassen­den Wis­sen um jeden Baum, jede Pflanze, jedes Tier, in deren exakter sprachlichen Klassi­fi­zierung und taxo­nomi­schen Ord­nung: Pinatubo-Pygmäen auf den Philippinen unter­scheiden 450 Pflanzen mit ihren spezifischen Eigen­schaften; die Tewa in Neu­mexiko verteilen differenzierte Namen für Nadel­hölzer, die moderne Botani­ker kaum auseinander halten können; Kinder der Kabira auf Riukiu im ost­chine­si­schen Meer sind spielerisch fähig, den kleinsten Holz­split­ter einer Baum­art zuzuordnen; die sibirischen Bur­jaten wissen um sieben Heil­kräfte im Bären­fleisch, fünf in seinem Blut, neun im Fett und siebzehn in seiner Gal­le. Dieses Wis­sen fließt offen­sicht­lich aus der Akzep­tanz der Schöpfung, wie sie ist — sie sahen, daß es gut war.

Jedes Kind erschließt sich die Welt, indem es die Dinge, die es um­gibt, benennt: In der Stadt sind es eher die Errungen­schaften der Zivi­li­sa­tion wie der »Nüssel« (Schlüssel), der es dem Nach­bar­mädchen gerade angetan hat; für natur- und damit gott­ver­bun­dene Menschen gilt, was über die austra­li­schen Abo­ri­gine und ihre Er­ziehungs­metho­den gesagt wurde: Sie geben ihren Kindern das Land, indem die Mütter alles, was sie an Eß­barem finden, dem Kleinkind auf ihrem Rücken in die Hand drücken und erklären. Wer genauer auf das Land, auf die Welt, die einen umgibt, sieht, wird gewahr, wie bunt und viel­fältig sie ist: Die Maori unter­schei­den dutzende ver­schie­dene Rot-Töne, die Eskimo halten ihre Um­gebung nicht einfach für weiß, sondern kennen viele Ab­stu­fungen; auf der Arabischen Halb­insel entwickelten sich über hundert Be­griffe für Kamel. Man sieht nur, wenn man achtsam ist, oder achtsam sein muß.

Hätte der Urmensch nicht allem Aufmerksamkeit geschenkt, was er sah, vor allem dem, was seine Exi­stenz sicherte, hätte er nicht über­leben können. Der Homo habi­lis, wie er vor zwei Millionen Jahren in kleinen Horden durch die ost­afri­ka­nische Savan­ne streifte, benutzte zwar bereits Werkzeug, einfachstes Geröll­gerät, war aber weder mit dessen Hilfe noch mit seinem nicht raub­tier­artig aus­ge­prägten Gebiß fähig, Beute zu machen. Als reiner Pflanzen­esser wäre er an zu wenig Phos­phor gekommen, was das zu­nehmen­de Gehirn­wachstum des Ur­menschen aber benötigte. Der Homo habilis brauchte Fleisch und Knochen­mark, ohne ein Tier töten zu können. Hätte er abwarten wollen, bis seine Gruppe zufällig auf ein ver­endetes Tier ge­stoßen wäre, wären ihm Löwen, Hyänen und Schakale längst zu­vor­gekom­men oder das Fleisch bereits in der Son­ne ver­gammelt. Der Homo habilis hatte nur eine Chance: Er mußte seinen auf­rech­ten Gang, seine schnellen Beine, nutzen, um als erster bei frisch ver­endeten Tieren zu sein. Woher aber wußte er, wo diese Stelle ist? Sein aus­geprägtes Seh­ver­mögen ließ ihn den Flug der Geier über der Sa­van­ne beobachten; ihr Kreisen über einem toten Tier zeigte an, wohin die Gruppe eilen musste. Würde religiöses Denken bereits im sich ver­größern­den Ge­hirn des Homo habilis mög­lich gewesen sein, wäre es eine ver­lockende Denkfigur sich vorzustellen, wie dieser Früh­mensch im Geier, der ihn zur Nahrung führt, ein ver­ehrungs­würdi­ges Wesen erblickte.

[Eine gewissenhafte, dem Konkreten zugewandte Aufmerk­samkeit: Himm­lisch blaue Blüten zeigt die heilende Wegwarte am Morgen]

Den Mann vom Similaunjoch, despektierlich Ötzi genannt, und den letzten Bauern unserer Breiten verband eine aus­ge­prägte Acht­sam­keit für das, was ist: Der Stein­zeit­mensch führte in seiner Gürtel­tasche zwei walnuß­große Klumpen eines Birken­porlings mit sich, weil er wußte, daß dieser Baum­pilz des­infi­zierend wirkt; seine ab­führen­den Wirk­stoffe waren ihm höchst will­kom­men, da ihn ein Darm­parasit plagte, der heftige Schmerzen ver­ur­sachte. Auch der Bauer bis in unsere Tage ver­schwendet nichts, was er an Brauch­barem sieht und kennt das Nütz­liche, das die Natur ihm bietet: Seine Haus­apo­theke ist bestückt mit aller­hand Kräutern, die man nur pflücken muß.

Der Homo religiosus reißt aber nicht un­bedacht an sich, was die Natur ihm bie­tet, son­dern tut dies in gläubi­ger Ehr­furcht, wie es ein Segens­spruch aus Eng­land für das 16. Jahr­hundert, als bereits die Neu­zeit mit ihrer Ratio­na­lität an­ge­brochen war, bezeugt: »Du bist heilig, Ver­bene, die du auf der Erde wächst, denn zuerst hat man dich auf dem Kal­va­rien­berg ge­fun­den. Du hast unseren Er­löser Jesus Christus ge­heilt und seine blutigen Wun­den ge­schlos­sen.« Vor der An­eignung des blut­stil­lenden Eisen­krauts steht die An­rufung: »Im Namen Jesu pflücke ich dich.«

Schwäbische Bauern hörten in den 1950er Jahren, kurz bevor der »Struktur­wandel« ihre Welt verschlang, einen Vortrag zu »Gottes Wunderwelt im Tier- und Pflanzenreich«. Kein Baumeister, so der Geist­liche Rat Leopold Schwarz, Jahrgang 1897, als Leut­nant Front­kämpfer im Ersten Welt­krieg, nachmals Männer­seel­sorger in seinem Heimat­bistum Augs­burg, wäre in der Lage, einen Bau zu erstellen, der die hundert­fache Höhe seiner Breite habe. Beim Roggen­halm aber sei das der Fall — ein Beleg für »die gött­li­che All­macht und Weis­heit«. Jeder Schmet­ter­lings­flügel in seiner Pracht genüge, »um einen Gottes­leugner zu zer­malmen.« Diese Bauern sangen, wenn sie in feierlicher Pro­zession des Flur­umgangs »ums Korn« gingen, ein Lied:

Himmelsau, licht und blau, wieviel zählst du Sternlein?
Gottes Welt, wohlbestellt, wieviel zählst du Stäubelein?
Sommerfeld, uns auch meld, wieviel zählst du Gräselein?
Ohne Zahl! Sovielmal sei gelobet Gott, der Herr!

Das katholische Liedbuch Gotteslob führt den volks­frommen Lob­preis der Schöpfung seit 1975 nicht mehr (wohin­gegen er zwanzig Jahre später ins Evange­li­sche Ge­sang­buch geriet, unter »Natur und Jahres­zeiten«). Die Puri­fi­zierung im Ge­folge des Zweiten Vati­ka­nums hat hier ganze Arbeit ge­leistet und voll­ständig eli­mi­niert, während die Se­gens­formel der Kräuter­weihe zu Maria Him­mel­fahrt (15. August; in Bayern noch ein Feier­tag) vom Schöpfer­lob auf die Heil­kraft der Kräuter gereinigt wurde – der moder­ne Gläubige darf sich ledig­lich noch an deren Farb­viel­falt er­freuen. Ein greif­bares Bei­spiel für die Säku­la­ri­sierung des Volks­glaubens von oben, welche dem Wesen des gläubi­gen Men­schen, der Gott überall in der Welt wieder­erkennt, funda­mental wider­spricht.

Die Wiederkehr der Ordnung

Im Ungeordneten kann kein Leben sein. Das gilt für China, wo ur­anfäng­lich nur strudelndes Einer­lei war, für das Tohu­wabohu in Israel — und all­überall, wo noch keine Schöpfer­tat gewaltet hat. Nahezu jeden Schöpfungs­mythos durch­zieht der Kampf der Ordnung gegen die Un­ordnung: Schöpfung ist Be­seitigung des Chaos.

Doch die ursprüngliche Schöpfung ist stets bedroht durch Un­ord­nung, Chaos, Tohuwabohu. Urkräfte der Auf­lösung und Zer­störung be­dürfen der Bändi­gung, das Ge­schöpfte braucht Ord­nung und Struk­tur — und den mensch­lichen Geschöpfen tut die regel­mäßige Wieder­ver­gegen­wärtigung des so Ge­setzten not. Genau dies unter­scheidet die profane Welt vom Heiligen: »Indem [der religiöse Mensch] die Mythen wieder gegen­wärtig macht, kommt er seinen Göttern nahe und nimmt teil an der Heilig­keit.« Das religiöse Fest ist dabei stets »Ver­gegen­wärtigung eines ur­anfäng­li­chen Ereig­nis­ses«. Die Fest­teil­nehmer sind periodi­sche »Zeit­ge­nos­sen der Götter«.

Beim babylonische Neujahrsfest werden Schlüsselszenen der Schöpfungs­geschichte im Ritual er­fahr­bar ver­gegen­wärtigt, be­sonders der Triumph über die Ur­kräfte des Chaos und der ordnende Schöpfungs­akt. Der Kriegs­zug gegen die Ur­kräfte des Chaos wurde vom Volk auf der Straße als feier­li­che Pro­zession der Kult­statuen aus dem Tempel ins Neu­jahrs­fest­haus erlebt. Dort trägt ein Tempel­priester das Enuma Elisch vor, das Genera­tio­nen von Schülern, die das Schreiben lernten, memo­rier­ten. Münd­lich weiter­gege­ben wurde bei den Pawnee die Liturg­ie des Hako, das Zere­mo­niell der all­jähr­lichen Her­ab­rufung von Mutter Mais.

An jedem Weihnachtsfest, daran glaubt zumindest der christ­liche Volks­mund, wird »Gott von neuem geboren«. Wenn es nach der Wandlung von Brot und Wein im Meß­opfer der katho­li­schen Kirche heißt: »Deinen Tod, oh Herr, ver­künden wir und Deine Auf­erstehung preisen wir«, dann ist in diesem tiefsten »Geheimnis des Glaubens« jedes Mal das Er­lösungs­werk des Kreuzes­todes Jesu Christi gegen­wärtig, mit dem er die Mensch­heit er­löst hat aus dem Tod. Und in jeder Oster­nacht wird die Schöpfungs­geschichte er­neut leben­dig, in dem der An­fang der Gene­sis gelesen wird — so hat be­gonnen, was Christus vollendet hat.

[Deinen Tod, oh Herr, verkünden wir, und Deine Auferstehung preisen wir: Epitaph für Pfarrer Johannes Dexenbach in Steinekirch, gestorben 1554]

In der Steiermark gab es bis vor wenigen Genera­tionen Bauern, die an Weih­nachten die An­kunft des Heilandes in ihren Stu­ben nach­spiel(t)en. Spieler und Zu­schauer, alle sind sie An­teil­nehmende, »An­dächtige, Verwandelte, die das alte Ge­schehen im­mer wieder aufs Neue lebendig werden lassen«. Das Spiel ist »ganz lebendige Wirk­lich­keit«, die schein­bar nur spiele­rische »Be­gegnung von Gött­lichem und der ihnen [den Bauern] so vertrauten Hirten­welt«. Die Heilige Fami­lie tritt in die Stube, Maria hat — dieses Re­quisit genügt — ein »win­ziges Kripperl mit dem Kind« im Schoß: »Die alten Frauen, die Kinder falten die Hände: Das Spiel ist Gebet, ist Andacht geworden.«

Das ist Fest, das ist Sinngebung im Alltag, Strukturierung des Jahres­laufs, fester Halt im Leben. Lösen sich Religion und Glaube auf, »ver­lieren Feste ihren Tief­gang und Sinng­ehalt«, er­starren zu infla­tionär wieder­holten, be­sinnungs­los ab­ge­spulten »be­liebigen Ver­satz­stücken«, pro­fa­niert in eine »Fest­zelt­welt«. Wenn in einem solchen Bier­zelt der Weih­bischof eine Messe hält, in der er nach dem Segen und statt der Sen­dung auf­fordert: »Bleibet und esset«, wo schon vor dem Aus­zug der Geist­lich­keit die Schank­pforten geöffnet werden, zeigt selbst diese Ver­irrung, wie sehr auch der modern pro­fanier­te Mensch ein Homo religio­sus ist, dessen Gespür für Religio­sität zwar unter Eventi­sierung ver­schüttet ist, als Sehnsucht aber vor­handen.

Die Schöpfung, der Ursprung von allem, muß stets neu ver­ge­gen­wärtigt werden in Ritus und Fest. Es ist eine Rückkehr in jene hei­lige Zeit, in der alles begann. Durch die stete Erneuerung des An­fangs be­stätigt sich das Ge­wesene, durch die im­mer­wieder­kehrende Auf­rufung der An­fänge ver­ge­wissert sich der Mensch des Grundes, auf dem er steht. Mit der ur­sprüng­li­chen Ordnung verband er sich mit dem Kosmos, richtete sich die Welt ein, in der er leben kann. Die Schaffung einer Ord­nung im Chaos und gegen das Chaos, soweit der Mensch darauf Ein­fluß hat, erfolgt durch Benennen und Sich-Aneignen, nicht durch Ver­ändern nach Gusto.

Ordnung ist entstanden, durch göttliche Schöpfung, mit deren Wahr­nehmung und Be­nennung und somit Ak­zeptanz durch den Menschen. Diese Ordnung lebt von Vor­aus­setzungen, die der Mensch nicht in eigenen Händen hält. Der Mensch steht, das will die nächste Folge zeigen, in Ab­hängig­keit von über ihn ragenden Mächten, die der Homo religiosus Götter bzw. Gott nennt. Ob diese Ab­hängigkeit be­grüßens­wert ist oder zu bekämpfen, vielleicht gar ab­zu­streifen, stellt keine sinn­volle Fragen­grund­lage dar. Entscheidend ist, was durch den Lauf der Mensch­heits­geschichte dem Mensch gemäß war, was sämtliche Kultu­ren un­ab­hängig von­ein­ander, jenseits von Zeit und Raum, an ge­mein­samen Vor­stel­lungen von Gött­lich­keit und Tran­szendenz ent­wickelt haben.

Quellen in der Reihenfolge im Text

Mircea Eliade: Die Religionen und das Heilige. Elemente der Reli­gions­ge­schichte. Insel: Frank­furt am Main, 1986 (französische Origi­nal­aus­gabe: Traité d'histoire des religions. Paris: Editions Payot, 1949; deut­sche Erst­aus­gabe Salzburg: Otto Müller, 1954), S. 13 (Leugnung), S. 65f. (alltägliche Wunder).

Alice C. Fletcher: The Hako. A Pawnee Ceremony. 22nd Annual Report of the Bureau of American Ethno­logy to the Secre­tary of the Smithonian In­stitu­tion 1900-1901. U.S. Government Printing Office, Washington, D.C., 1904, S. 81, S. 18, S. 23f., S. 22, Tafel nach S. 44 (Abb. Mutter Mais), S. 58-63.

Hellmut Brunner: Ägyptische Texte. In: Walter Beyerlin (Hrsg.): Religions­ge­schichtliches Text­buch zum Alten Testa­ment. Göttingen: Vanden­hoeck & Ruprecht, ²1985, S. 34 (Welt vor der Schöpfung).

Adrian C. Heinrich: Der babylonische Weltschöpfungsmythos Enuma Elisch. Mün­chen: C.H. Beck, 2022, S. 15 (eine Zeit vor der Zeit), S. 32 (droben die Himmel), S. 158 (Namens­nennung), S. 147 (Neujahrsfest).

Andrea Keller: Kosmos und Kultur­ordnung in der frühen chinesischen Mythologie. In: Das alte China. Men­schen und Götter im Reich der Mitte, 5000 v. Chr. — 220 n. Chr. München: Hirmer, 1995, S. 136-146, hier S. 138 (strudelndes Einer­lei), S. 139 (Menschen aus gelber Erde).

Genesis 1,1-2; 2,7; 2, 19-20.

Ludwig Köhler, Walter Baumgartner: Lexicon in Veteris Testamentis Libros. Brill: Leiden, 1985, S. 1019 (tohu), S. 110 (bohu): Das hebräische Tohu­wabohu, zu­sammen­ge­setzt aus zwei Eigen­schafts­bezeich­nungen, wird in nahezu jeder Bibel­ausgabe anders über­setzt. Un­strittig ist der erste Wort­bestand­teil, tohu (thh, thw): wüst; bezeichnend die Wüste, das Wasser­lose und Unweg­same, einen Ort, an dem man um­kommt. Hin­gegen bohu (bhh, bhw; Öde, Leere): leer (Stutt­gar­ter Erklärungs­bibel, 2005; Luther­bibel, 2017), wirr (Neue Jeru­sa­le­mer Bibel, 1985), ungeordnet (Die gute Nachricht der Deut­schen Bibel­ge­sell­schaft, 1978), öde (Zürcher Bibel, 2007); auch lexi­ka­lisch er­gibt sich keine Klar­heit in diesen widersprüchlichen Über­setzungs­deutungen — was leer ist, kann nicht un­geord­net sein, denn ordnen kann man nur etwas, was ist; noch un­klarer wird es, wenn bohu auch als Nichts ver­stan­den werden kann: denn Nichts ist weder leer noch wirr, sondern eben Nichts.

Ernst und Erika von Borries: Deutsche Litera­tur­geschichte, Band 1: Mittel­alter, Huma­nis­mus, Re­for­ma­tions­zeit, Barock. München: Deut­scher Taschen­buch Verlag, 1991, S. 30f. — Hans Pörnbacher: Das Wesso­brun­ner Gebet. Linden­berg: Fink, 5. Auflage 2020.

Michael Ende: Die un­end­li­che Geschichte. Stuttgart: Thienemann, 1979, S. 142f. (Das Nichts).

Giselher W. Hoffmann: Die Erst­geborenen. Zürich: Union, 1994, S. 83f. (Schöpfungsmythos der Buschmänner).

Hartmut Schmöckel: Meso­po­ta­mische Texte. In: Walter Beyerlin (Hrsg.): Reli­gions­ge­schichtliches Text­buch zum Alten Testa­ment. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, ²1985, S. 101f. (Hymnus von der Hacke).

Erik Hornung: Der Eine und die Vielen. Ägyptische Gottes­vor­stel­lungen. Darm­stadt: Wissen­schaft­liche Buch­ge­sell­schaft, 1971, S. 141f. (Götter aus Schweiß, Menschen aus Tränen).

Ägyptisches Handwörterbuch. Bearbeitet und herausgegeben von Adolf Er­man und Her­mann Grapow. Nach­druck der Ausgabe von 1921. Darmstadt: Wis­sen­schaft­li­che Buch­ge­sellschaft, 1981, S. 13 (jmn, Amun).

Heinrich Zimmer: Maya. Der indische Mythos. Zürich: Rascher, 1952 (Erst­aus­gabe Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1936), S. 1 (Natur­beob­achtung in China).

Claude Lévi-Strauss: Das wilde Denken. Frankfurt am Main: Suhrkamp 1968, hier ²1977 (franzö­si­sche Original­aus­gabe: La pensée sauvage. Paris: Librai­rie Plon, 1962), S. 254 (Zitat), S. 15f. Und S. 20 (Beispiele für Auf­merk­sam­keit).

Bruce Chatwin: Traumpfade. München: Hanser, 1990 (englische Original­aus­gabe: The Song­lines. London: Jonathan Cape, 1987) (sie geben ihnen das Land).

Josef H. Reichholf: Das Rätsel der Mensch­werdung. Die Ent­stehung des Men­schen im Wechsel­spiel der Natur. München: Deutscher Taschenbuch Ver­lag, 1993, S. 132f. (Homo habilis).

Luigi Capasso: 5300 years ago, the Ice Man used natural laxa­tives and anti­bio­tics. In: The Lancet. Volume 352, Nr. 9143, 5. Dezem­ber 1998 (Baum­pilz gegen Darm­parasit).

Ferdinand Ohrt: Herba, Gratia plena. Die Le­genden der älteren Se­gens­sprüche über den gött­li­chen Ur­sprung der Heil- und Zauber­kräuter. Helsinki: Suoma­lainen tiede­aka­temia, 1929, S. 17. Zitiert nach: Eliade, Re­li­gionen (a.a.O.), S. 342 (Heil­kräuter).

Zeitungsausschnitte der Augs­burger Lokal­presse, 1950er Jahre (Vorträge von Geist­li­chem Rat Leo­pold Schwarz).

Michael Fischer: Himmelsau licht und blau (2007, zuletzt verändert 2012). In: Popu­läre und tra­di­tionel­le Lieder. Historisch-kritisches Lieder­lexikon, her­aus­ge­ge­ben vom Deut­schen Volks­lied­archiv, http://www.liederlexikon.de/lieder/himmelsau_licht_und_blau/: Gesungen »beym feyerlichen Umgang« (so eine Ausgabe von 1833), also bei den Flurumgängen »ums Korn«, wie auch bei der Fron­leich­nams­pro­zession, daher lautete der Refrain im Erst­druck 1767 »ehret dieses Sacra­ment« — mit Sakra­ment ist gemeint die ge­weihte Hostie in der Monstranz, der Leib Got­tes, den der Priester durch die Felder und die Straßen der Dörfer trägt, womit sich dieses Lied in seiner ursprünglichen Fassung als gegen­re­for­ma­torisch ver­standen hat.

Walter Pötzl: Brauchtum. Von der Martinsgans zum Leon­hardi­ritt, von der Wiege bis zur Bahre. Der Land­kreis Augs­burg, Band 7. Augsburg 1999, S. 183-188, bes. S. 183 (Kräuterweihe an Maria Him­mel­fahrt).

Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der euro­päischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Welt­krieg. Band 1. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1976, hier 10. Auflage, 1993 (Erst­aus­gabe: München: Beck, 1927–1931), S. 266: »Inhalt und Zweck aller schöpferischen Tätigkeiten besteht in nichts anderem als in dem Nach­weis, daß das Gute, der Sinn, kurz: Gott in der Welt überall vor­handen ist. Diese höchste, ja einzige Realität ist immer da, aber meist un­sicht­bar. Der Genius macht sie sichtbar: dies ist seine Funktion. Die Tat­sache ›Gott‹ er­füllt ihn derart, daß er sie überall wieder­findet, wieder­erblickt, wieder­erkennt. Dieses Wieder­erken­nen Gottes in der Welt ist die eigen­tüm­li­che Fähig­keit jedes großen Menschen.«

Mircea Eliade: Das Heilige und das Profane. Vom Wesen des Religiösen. Köln: Ana­con­da, 2008 (deutsche Erstausgabe: Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1957), S. 78, S. 77 (Fest als Wieder­ver­gegen­wärtigung des Ur­anfangs).

Matthias Gaudron: Die Messe aller Zeiten. Ritus und Theologie des hl. Mess­opfers. Bobingen: Sarto, 2006.

Felix Timmermans: Das Triptychon von den Heiligen Drei Königen. Leipzig: Insel, 1940, S. 10 (Gott von neuem geboren).

Dorothee Kieselbach, Leopold Kretzenbacher: »Seid's ruhig und merkt's auf mit Fleiss«. Ein bäuer­li­ches Hirten­spiel aus der Steiermark. In: Un­be­kanntes Bayern. Band 6: Das Komödi-Spielen. Nach einer Sendereihe des Bayeri­schen Rund­funks heraus­ge­ge­ben von Alois Fink. München: Süd­deut­scher Ver­lag, 1961 (hier: Foto­mechan­ischer Nach­druck 1978), S. 39-51, hier S. 40, S. 47, S. 48f.

Hans Roth: Die Inflation der Jubiläen und Feste. In: Schönere Heimat — Erbe und Auf­trag. Zeitschrift des Bayerischen Landesvereins für Heimat­pflege 1998, Heft 4, S. 239f. (Titel­zusatz »Erbe und Auf­trag« seit 2010 »Bewah­ren und Gestalten«).