Sprechen wir über einen Sonderweg, jenen des Protestantismus, also über »Die deutsche Religion«, wie Egon Friedell diesen Weg nennt. Religionsanthropologisch betrachtet sind die Kirchen der Reformation ein Solitär — die einzige »Religion« der Menschheitsgeschichte, der fast alle Kriterien für Religiosität fehlen, nicht zuletzt, weil jede Sinnlichkeit, die das Göttliche erfahrbar macht, abgeschafft wurde.
[Evangelisch-Reformierter Gottesdienst
in Möriken, 2020, Quelle:
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Was sehen wir, wenn wir ein Bild betrachten wie dasjenige, das diesen Text eröffnet? Wir sehen einen schmucklosen Raum, den außer einer Holzvertäfelung nichts ziert. Eine Möblierung, wie sie dem Konferenzraum eines billigen Tagungshotels angemessen wäre. Eine Beleuchtung von solcher Kälte und Unnahbarkeit, daß es einen fröstelt. Und schließlich sehen wir in dieser abweisenden Szenerie zwei Menschen, die gekleidet sind, als hätten sie sich schick gemacht für ein Meeting im Büro, als würden sie business as usal treiben. Tun sie ja auch: Es sind priesterliche Vertreter der reformierten Kirche bei einer Zeremonie, die sie »Gottesdienst« nennen.
Religiöse Symbolsysteme
Was haben sämtliche religiösen Formen aller Völker, Zeiten und Weltgegenden gemeinsam? Was haben Menschen, völlig unabhängig voneinander, für ein Symbolsystem erdacht, wo sie etwas verehren, was außerhalb ihrer Macht steht? Und was davon fehlt dem Protestantismus mit seiner einseitigen Vergottung des Wortes?
Wenn Menschen existentielle Dinge wie Religiosität »entwickeln«, zeigt sich, daß stets Ähnliches entsteht, einfach deshalb, weil derartige Existentialia gar keine anderen Lösungen zulassen als jene, derer sie bedürfen. Wenn Menschen auf das, was sie bedrängt, zu reagieren haben, wenn sie sich die Welt und ihre Unerklärlichkeiten erklären wollen, entstehen Mythos und Religion, wobei religio nichts anderes heißt als Rückverbindung zu etwas, was außerhalb der menschlichen Sphäre liegt.
Nun gibt es unterschiedliche Erklärungsmodelle für das Phänomen »Religion«, etwa die funktionalistische, welche Religiosität Angstreduktion, emotionale Stabilisierung des »Individuums« sowie Vermittlung von Sinn und ethisch-moralischer Werte zuschreibt. Dieses Modell haben Marxisten entwickelt, nicht um das Phänomen Religion aus seiner Wirklichkeit heraus zu beschreiben, sondern um es seines Wesenskerns zu entkleiden und postmodern beliebig zu machen, weil nach dieser subtanzlosen Oberflächen-Definition alles und damit nichts darunter verstanden werden kann, seien es Fankulte im Sport oder politische Überzeugungen. Es versteht sich, wie wenig diese Definition aussagt über echte Religiosität und wie anschlußfähig sie ist für säkulare verkappte Religionen, wie sie gegenwärtig mit »Energiewende«, »Kampf gegen rechts« oder »Antirassismus« im Handel sind.
Wenn in einem bayerischen Religionsunterrichtsbuch der Theologe Dietrich Zielleßen, Vertreter einer dekonstruktivistischen »Profanen Religionspädagogik«, Autor des Buchs Gegenreligion (ein Plädoyer dafür, sich davon zu befreien, »etwas [Gott] für absolut zu halten«, eine »Rechtfertigung des Gottlosen«), sagen darf, »Religion« sei »nicht länger mit Begriffen wie ›Trost‹, ›Halt‹, ›Geborgenheit‹, ›Heimat‹, ›Grund‹, ›Beruhigung‹, ›Gewissheit‹ zu assoziieren, sondern eher mit Vorstellungen von ›Fremdsein‹, ›Heimatlosigkeit‹, ›Suche‹, ›Verunsicherung‹, ›Aufbruch‹, ›Unruhe‹«, dann ist das Ende von allem erreicht, was den Menschen trägt und hält. »Veränderung schafft Halt«, dieses orwellianische Doppeldenk scheint beim »Theologen« Zilleßen sicher nicht zufällig ebenso auf wie (hier wörtlich!) im Grünen Parteiprogramm anno 2020.
Ernstzunehmende Definitionen von Religion, wie sie von den Substanzialisten (von »Substanz«, sprich: Gehalt, Wert, Kern, das Wesentliche) vorgetragen werden, eint die Betonung der Sinnlichkeit im Erfahrungsraum zwischen Mensch und Höherer Macht. Für Friedrich Schleiermacher ist Religion »weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Gefühl«, für Gustav Mensching »erlebnishafte Begegnung mit dem Heiligen«. Bei Rudolf Otto gewinnt »Das Heilige« (1917), »was über aller Kreatur ist«, Gegenwart erst in jenen irrationalen Momenten, wo der Gläubige das »schauervolle Geheimnis« (mysterium tremendum) erlebt, zugleich mit dem Abschreckenden und Bedrohlichen aber auch die lichtvolle Seite, das Anziehende, Beglückende, ja Entzückende (mysterium fascinans). Ottos Leseanleitung für Das Heilige bildet fast eine eigene Bestimmung dessen, was den »Homo Religiosus« vom nur-profanen Menschen scheidet: »Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und möglichst einseitiger religiöser Erregtheit zu besinnen. Wer das nicht kann oder wer solche Momente überhaupt nicht hat, ist gebeten nicht weiter zu lesen.«
Denjenigen, die diesem Text weiterhin folgen, sei Mircea Eliades Vorstellung der »Hierophanie« ans Herz gelegt — eine Manifestation des Heiligen, das »sich zeigt«: »Das ›ganz andere‹, eine Realität [!], die nicht von unserer Welt ist, manifestiert sich in Gegenständen, die integrierende Bestandteile unserer ›natürlichen‹, ›profanen‹ Welt sind«. So kann sich das Heilige »in Steinen oder Bäumen« zeigen, gewissermaßen »verdinglichen«, die dann eben »nicht mehr Stein oder Baum« sind, »sondern ›das Heilige‹, das ›Ganz andere‹«.
Für dieses »Ganz andere« haben sich die unterschiedlichsten Namen etabliert — das Heilige, das Transzendente, das Absolute, das Numinose, das Allumfassende, die Einheit, ganz Verwegene sagen sogar Gott. Wie Menschen den Sehnsuchtspunkt ihrer Religiosität auch immer nennen mögen — eines eint alle Religiösen: Sie trachten danach, den Unterschied zwischen Oben und Unten, zwischen Heilig und Profan greifbar, sehbar, hörbar, riechbar, sinnlich erfahrbar, vor alle Sinnesorgane von den Ohren über Augen, Mund und Nase geführt zu bekommen, ihren Glauben buchstäblich begreifen zu können, um vom Heiligen ergriffen zu werden.
Einige Beispiele aus der Glaubenspraxis der Völker der Welt mögen — ohne Anspruch auf Vollständigkeit — diese Einigkeit veranschaulichen und gleichzeitig klar machen, wie sehr der deutsche Sonderweg Protestantismus aus diesem stillschweigenden Einvernehmen des Homo Religiosus ausschert.
Wandlung
»Mit Hilfe der Riten kann der religiöse Mensch von der gewöhnlichen zeitlichen Dauer in die heilige Zeit ›überwechseln‹«. Eine Verwandlung, eine eigene Zeit, wie sie Eliade als konstituierend für alles Religiöse, das er »das Heilige« nennt in Abgrenzung zum »Profanen«, voraussetzt, das Überwechseln, Wandlung und Verwandlung — in diversen Spielarten ist dies allen Religionen gemein.
Im Islam tritt der Betende in einen »Weihezustand« ein: »Der Beginn des rituellen Gebets markiert die Grenze, bei deren Überquerung man den Raum betritt, in dem einzig Allahs Gegenwart zählt«, so Tilman Nagel in seinem Buch Das islamische Pflichtgebet (2024). Im Hinduismus vermag es der Priester, im Ritual des prana pratishta (»Herstellen von Leben«), die Murti, die Götterbilder, von bloßer Materie »zur Inkarnation der Gottheit« zu verwandeln, die — durch Berühren der Herzregion der Statue und begleitende Gebete — »in ihr nun tatsächlich auf Erden anwesend ist« (Vasudha Narayanan, Hinduismus, 2005), mithin lebendig gemacht.
Religion ist stets der Eintritt in eine lebendige Gegenwart des »ganz anderen«, die (Ver)Wandlung aus der Profanität, aus der Materialität ins Heilige. Der Schamane wandelt sich selbst in ein Medium, das außer sich treten kann, zur Reise in die Anderswelt — durch Ekstasetechniken mit Räucherwerk, Trommeln, Trancetanz, Gesang, manchmal durch psychedelische Drogen wie Fliegenpilze. In der katholischen Liturgie steht die Wandlung von Wein und Brot (Hostie) in Blut und Leib Jesu Christi (Hoc est enim corpus) im Zentrum allen Glaubens.
Wort
Nichts von einer Wandlung im Protestantismus, dessen Liturgie, also der Gottesdienstablauf, zwar aus dem Katholizismus übernommen ist, aber die Lutheraner haben diese sinnliche Feier (im Wortsinne, weil religiöse Zeremonien grundsätzlich alle Sinne ansprechen) verkürzt auf das Hören, wo das »Wort Gottes« (und nichts anderes) gelten soll. Diese Beschränktheit bedeutet eine Entkernung der Liturgie, ähnlich einem Haus, das — seines Innen- und Seelenlebens beraubt — zur leeren Theaterkulisse werden muß, wo der übernommene Außenbau nur noch Fassade ist, welche innere Kälte, Rationalität, Glattheit, Sterilität, letztlich: Säkularität nicht verdecken kann.
»Wir Reformierte haben keine Liturgie« — so beginnt der Leitfaden »Reformierte Liturgie« von 1999, um auf über 600 Seiten darzulegen, was darunter zu verstehen ist. Warum seine Autoren »manchen« unterstellen, »reformiert geprägten Gottesdiensten dürftige Armut« zu »unterstellen«, wo sie doch selbst wortreich darlegen, daß Sinnesentleertheit gewollte Praxis ist, bleibt rätselhaft. Denn alleine im Zentrum steht »das Wort Gottes« — erfahrbar nur im »Hören und Reden, Singen und Schweigen«. Die Gottesdienstordnung läßt zwischen »Eingangswort«, »Predigt« (als »Mittelpunkt«) sowie »Bekanntmachungen und Abkündigungen« wenig Raum für Sinnlichkeit. Es gibt »keine liturgischen Gesänge«, alle Kirchenmusik bleibt wortgebunden. Keine »gottesdienstlichen Gewänder«. Keine Bilder, keine liturgischen Farben, nicht einmal das Kreuz. Kein Weihrauch, kein Weihwasser, mit dem sich der Gläubige bekreuzt oder segnend besprengt wird.
Heiliges und Allerheiligstes
Was der Katholizismus (und mit ihm praktisch jede Religion analog) »Sakrament«, sprich: Heilmittel, nennt, ist dem Reformierten bloßes »Zeichen«, beschränkt auf Taufe und Abendmahl, Vorgänge nichts weiter als »Symbole«. Von »weiteren Zeichen, Gesten und begleitenden Riten« hat man »Abstand genommen«.
Zu den Sakramentalien, »heiligen Zeichen«, gehört im Katholizismus wie in der Orthodoxie ein Repertoire höchst sinnlich-symbolischer Handlungen durchs ganze Kirchenjahr, angefangen mit der Segnung von Kreide am Dreikönigstag, um mit ihr die Haustüren mit dem Zeichen der Drei Könige C + M + B und der Jahreszahl zu bezeichnen — Caspar, Melchior und Balthasar, aber auch dem Gebet für den Schutz des Hauses: Christus mansionem benedicat. Das Aschenkreuz als Symbol der Vergänglichkeit. Das Osterfeuer, das den Auferstandenen als Licht der Welt symbolisiert. Oder die geweihten Osterspeisen am Auferstehungsmorgen.
Auch Volksfrömmigkeit, Wallfahrtswesen, Heiligenverehrung, Devotionalienkult gibt es außer im deutschen Protestantismus in allen Religionen, auch im Islam, wie es der katholische (!) Volkskundler Rudolf Kriss (Volksglaube im Bereich des Islam) dargelegt hat. Nicht sehr überspitzt gesagt, wäre meine Rosenkranz betende Großmutter — hätte sie seine Sprache gesprochen — mit jenem Mohamed, der seine Gebetskette durch die Finger gleiten läßt, über diese sinnliche religiöse Alltagspraxis sehr viel eher ins Einvernehmen gekommen als mit ihrer protestantischen Nachbarin. Nicht nur Islam und Christentum kennen, was Protestanten wesensfremd ist — ein taktiles Hilfsmittel, um sich in Gebet und Andacht zu versenken: Was dem Katholiken der Marienverehrung dient, dem Moslem der Anrufung der 99 Namen Allahs, ist dem Buddhisten Verkörperung der 108 Bände aller Lehren Buddhas in der gleichen Anzahl Perlen, im Hinduismus jener Götter, denen der Gläubige sein Anliegen darbringt.
Religionsverbindend ist die Realität des Allerheiligsten als gebaute Wirklichkeit: Bereits das Adyton (»das Unzugängliche«) im antiken Tempelkult zeugt davon; im Judentum die Bundeslade, enthaltend die Steintafeln mit den Zehn Geboten vom Berg Sinai, mit der das Gottesvolk durch die Wüste zieht, später die Cella des Jerusalemer Tempels, heute der Toraschrein in der Synagoge; im Katholizismus der Tabernakel mit den konsekrierten Hostien, dem Leib Christi. Im Protestantismus: Fehlanzeige — schon deshalb, weil die Reformation keine geweihten Hostien kennt.
Es bleibt, auf die Herausgehobenheit des Vermittlers zur Transzendenz, des Priesters, hinzuweisen, dessen Gewand ihn weltweit und religionsübergreifend sinnlich sichtbar erhebt aus jeder Profanität. Man vergleiche Schamanen, orthodoxe und katholische Priester, buddhistische Lamas, japanische Shinto-Priester, um deren Gemeinsamkeit zu sehen — und in bewußt schroffer Abgrenzung davon die Profanität reformierter Busineß-Religionsverkünder (unser Eingangsbild). Nicht viel sinnlicher nimmt sich die jede Körperform verschleiernde Schwärze des protestantischen Talars aus, einer Verlegenheitsübernahme aus akademischen Kleiderordnungen — damit wiederum auf die Wortzentriertheit verweisend.
Es scheint, als würden sich die reformierten Kirchen des Protestantismus in einzigartiger Weise bewußt außerhalb jener anthropologischen Grundkonstituenten bewegen, die unabdingbar zu jenem Wesen gehören, das Mircea Eliade »Homo religiosus« nennt.
Ausgehend von diesen Überlegungen, die ich auf dem vom Herausgeber jüngst gelöschten Blog TWASBO am 29. Dezember 2023 unter dem Titel »Die Abschaffung der Sinnlichkeit« veröffentlicht hatte, sollen nun auf 5artikel in loser Folge Beiträge unter dem Serientitel »Homo religiosus« erscheinen, welche der Frage nachspüren wollen, was den Gläubigen aller Epochen und Religionssysteme gemeinsames Fundament ist, wobei nicht verschwiegen werden soll, daß der aktuelle Anlaß zur Neuaufnahme dieses Nachdenkens in der Exkommunikation der Piusbruderschaft durch den Vatikan gründet — und daß die anzustellenden Überlegungen nicht zuletzt eine Antwort auf die Frage suchen, welche Partei in diesem Streit zwischen Traditionalisten und progressiven Reformern die besseren religionsanthropologischen Argumente auf ihrer Seite hat, wobei letztere nach Ansicht ersterer die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanum immer weiter in Richtung einer »Protestantisierung des Kirchenverständnisses« und damit einer »Säkularisierung« gedrängt haben und weiter dorthin verschieben wollen. Um es, vielleicht unverdächtiger, mit Egon Friedell zu sagen: Die Reformation brachte »keineswegs den Durchbruch eines reineren, tieferen, ursprünglicheren Verhältnisses zur Gottheit« mit sich, »sondern ganz im Gegenteil den Sieg der Wissenschaft vom Glauben über den Glauben selbst«. Im Endresultat triumphiere »nicht die Religion, sondern die Theologie«. Mit der Reformation komme »etwas flach Praktisches, profan Nützliches, langweilig Sachliches, etwas Düsteres, Nüchternes, Zweckmäßiges in alle Betätigungen.« »Die deutsche Religion« bedeute somit »nicht mehr und nicht weniger als den Versuch, Leben, Denken und Glauben der Menschheit zu säkularisieren.«1
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Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. Band 1. 10. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1993, S. 316, S. 333. ↩