Homo non religiosus

Geschrieben von Jürgen Schmid am 4.9.2026

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Sprechen wir über einen Sonderweg, jenen des Protestantismus, also über »Die deutsche Religion«, wie Egon Friedell diesen Weg nennt. Religions­anthro­po­logisch betrachtet sind die Kirchen der Refor­mation ein Solitär — die einzige »Religion« der Mensch­heits­geschichte, der fast alle Kriterien für Religio­sität fehlen, nicht zuletzt, weil jede Sinn­lich­keit, die das Gött­liche erfahr­bar macht, abgeschafft wurde.

Evangelischer
Gottesdienst [Evangelisch-Reformierter Gottesdienst in Möriken, 2020, Quelle: YouTube]

Was sehen wir, wenn wir ein Bild betrachten wie dasjenige, das diesen Text eröffnet? Wir sehen einen schmuck­losen Raum, den außer einer Holz­vertäfelung nichts ziert. Eine Möblierung, wie sie dem Konferenz­raum eines billigen Tagungs­hotels an­gemessen wäre. Eine Beleuch­tung von solcher Kälte und Unnah­barkeit, daß es einen fröstelt. Und schließlich sehen wir in dieser ab­weisenden Szenerie zwei Menschen, die gekleidet sind, als hätten sie sich schick gemacht für ein Meeting im Büro, als würden sie business as usal treiben. Tun sie ja auch: Es sind priester­liche Ver­treter der re­for­mierten Kirche bei einer Zere­monie, die sie »Gottes­dienst« nennen.

Religiöse Symbolsysteme

Was haben sämtliche religiösen Formen aller Völker, Zeiten und Welt­gegenden gemeinsam? Was haben Menschen, völlig unabhängig vonein­ander, für ein Symbol­system erdacht, wo sie etwas verehren, was außer­halb ihrer Macht steht? Und was davon fehlt dem Pro­testan­tismus mit seiner einseitigen Vergottung des Wortes?

Wenn Menschen existentielle Dinge wie Religio­sität »entwickeln«, zeigt sich, daß stets Ähnliches entsteht, ein­fach deshalb, weil derartige Existentialia gar keine anderen Lösungen zulassen als jene, derer sie bedürfen. Wenn Menschen auf das, was sie bedrängt, zu reagieren haben, wenn sie sich die Welt und ihre Un­erklär­lich­keiten er­klären wollen, entstehen Mythos und Re­ligion, wobei religio nichts anderes heißt als Rück­ver­bindung zu etwas, was außer­halb der mensch­lichen Sphäre liegt.

Nun gibt es unter­schied­liche Erklärungs­modelle für das Phänomen »Religion«, etwa die funktionalistische, welche Religio­sität Angstreduktion, emotionale Stabili­sierung des »In­dividuums« sowie Vermittlung von Sinn und ethisch-mora­lischer Werte zuschreibt. Dieses Modell haben Marxisten entwickelt, nicht um das Phä­nomen Re­ligion aus seiner Wirk­lich­keit heraus zu beschreiben, sondern um es seines Wesens­kerns zu entkleiden und postmodern beliebig zu machen, weil nach dieser subtanz­losen Ober­flächen-Definition alles und damit nichts darunter verstanden werden kann, seien es Fan­kulte im Sport oder politische Über­zeugungen. Es versteht sich, wie wenig diese Definition aussagt über echte Religio­sität und wie anschluß­fähig sie ist für säkulare verkappte Religionen, wie sie gegenwärtig mit »Energiewende«, »Kampf gegen rechts« oder »Anti­rassismus« im Handel sind.

Wenn in einem bayerischen Religionsunter­richts­buch der Theo­loge Dietrich Zielleßen, Ver­treter einer dekonstruktivistischen »Pro­fanen Religions­päd­agogik«, Autor des Buchs Gegenreligion (ein Plädoyer dafür, sich davon zu befreien, »etwas [Gott] für absolut zu halten«, eine »Recht­fertigung des Gott­losen«), sagen darf, »Religion« sei »nicht länger mit Begriffen wie ›Trost‹, ›Halt‹, ›Geborgen­heit‹, ›Heimat‹, ›Grund‹, ›Beruhigung‹, ›Gewissheit‹ zu assozi­ieren, sondern eher mit Vor­stellungen von ›Fremdsein‹, ›Heimat­losigkeit‹, ›Suche‹, ›Ver­unsicherung‹, ›Auf­bruch‹, ›Unruhe‹«, dann ist das Ende von allem erreicht, was den Menschen trägt und hält. »Veränderung schafft Halt«, dieses orwellianische Doppel­denk scheint beim »Theo­logen« Zilleßen sicher nicht zufällig ebenso auf wie (hier wörtlich!) im Grünen Partei­programm anno 2020.

Ernstzunehmende Definitionen von Religion, wie sie von den Substan­zialisten (von »Sub­stanz«, sprich: Gehalt, Wert, Kern, das Wesentliche) vorge­tragen werden, eint die Betonung der Sinn­lichkeit im Erfahrungs­raum zwischen Mensch und Höherer Macht. Für Friedrich Schleiermacher ist Religion »weder Denken noch Handeln, sondern Anschauung und Ge­fühl«, für Gustav Mensching »erlebnis­hafte Begegnung mit dem Heiligen«. Bei Rudolf Otto gewinnt »Das Heilige« (1917), »was über aller Kreatur ist«, Gegenwart erst in jenen irratio­nalen Momen­ten, wo der Gläubige das »schauer­volle Geheim­nis« (myste­rium tre­mendum) erlebt, zugleich mit dem Ab­schreckenden und Be­droh­lichen aber auch die licht­volle Seite, das Anziehende, Be­glückende, ja Entzückende (mysterium fascinans). Ottos Lese­anleitung für Das Heilige bildet fast eine eigene Bestimmung dessen, was den »Homo Religiosus« vom nur-profanen Menschen scheidet: »Wir fordern auf, sich auf einen Moment starker und möglichst ein­seitiger religiöser Erregt­heit zu besinnen. Wer das nicht kann oder wer solche Momente über­haupt nicht hat, ist gebeten nicht weiter zu lesen.«

Denjenigen, die diesem Text weiterhin folgen, sei Mircea Eliades Vor­stellung der »Hiero­phanie« ans Herz gelegt — eine Mani­festation des Heiligen, das »sich zeigt«: »Das ›ganz andere‹, eine Reali­tät [!], die nicht von unserer Welt ist, mani­festiert sich in Gegenständen, die inte­grierende Bestand­teile unserer ›natürlichen‹, ›profanen‹ Welt sind«. So kann sich das Heilige »in Steinen oder Bäumen« zeigen, gewisser­maßen »verding­lichen«, die dann eben »nicht mehr Stein oder Baum« sind, »sondern ›das Heilige‹, das ›Ganz andere‹«.

Für dieses »Ganz andere« haben sich die unterschied­lichsten Namen etabliert — das Heilige, das Transzendente, das Ab­solute, das Numi­nose, das All­umfassende, die Ein­heit, ganz Ver­wegene sagen sogar Gott. Wie Menschen den Sehn­suchts­punkt ihrer Religio­sität auch immer nennen mögen — eines eint alle Religiösen: Sie trachten danach, den Unter­schied zwischen Oben und Unten, zwischen Heilig und Profan greif­bar, sehbar, hörbar, riechbar, sinn­lich erfahrbar, vor alle Sinnesorgane von den Ohren über Augen, Mund und Nase ge­führt zu bekommen, ihren Glauben buch­stäblich begreifen zu können, um vom Heiligen ergriffen zu werden.

Einige Beispiele aus der Glaubenspraxis der Völker der Welt mögen — ohne Anspruch auf Voll­ständigkeit — diese Einigkeit veranschaulichen und gleich­zeitig klar machen, wie sehr der deutsche Sonder­weg Protestan­tismus aus diesem still­schweigenden Ein­ver­nehmen des Homo Religiosus ausschert.

Wandlung

»Mit Hilfe der Riten kann der religiöse Mensch von der gewöhn­lichen zeit­lichen Dauer in die heilige Zeit ›über­wechseln‹«. Eine Ver­wandlung, eine eigene Zeit, wie sie Eliade als konstituierend für alles Religiöse, das er »das Heilige« nennt in Abgrenzung zum »Profanen«, voraus­setzt, das Über­wechseln, Wandlung und Ver­wand­lung — in diversen Spiel­arten ist dies allen Religionen gemein.

Im Islam tritt der Betende in einen »Weihezustand« ein: »Der Beginn des rituel­len Gebets markiert die Grenze, bei deren Über­querung man den Raum betritt, in dem einzig Allahs Gegen­wart zählt«, so Tilman Nagel in seinem Buch Das islami­sche Pflicht­gebet (2024). Im Hinduismus vermag es der Priester, im Ritual des prana pratishta (»Her­stellen von Leben«), die Murti, die Götterbilder, von bloßer Materie »zur Inkar­nation der Gott­heit« zu verwandeln, die — durch Berühren der Herzregion der Statue und begleitende Gebete — »in ihr nun tatsächlich auf Erden an­wesend ist« (Vasudha Narayanan, Hinduismus, 2005), mithin lebendig gemacht.

Religion ist stets der Eintritt in eine lebendige Gegenwart des »ganz anderen«, die (Ver)Wandlung aus der Pro­fanität, aus der Mate­rialität ins Heilige. Der Scha­mane wandelt sich selbst in ein Medium, das außer sich treten kann, zur Reise in die Anderswelt — durch Ekstase­tech­niken mit Räucher­werk, Trom­meln, Trancetanz, Gesang, manchmal durch psyche­delische Drogen wie Fliegen­pilze. In der katho­li­schen Litur­gie steht die Wand­lung von Wein und Brot (Hostie) in Blut und Leib Jesu Christi (Hoc est enim corpus) im Zentrum allen Glaubens.

Wort

Nichts von einer Wandlung im Protestantismus, dessen Liturgie, also der Gottes­dienst­ablauf, zwar aus dem Katho­lizismus übernommen ist, aber die Lutheraner haben diese sinn­liche Feier (im Wort­sinne, weil religiöse Zeremonien grundsätzlich alle Sinne ansprechen) verkürzt auf das Hören, wo das »Wort Gottes« (und nichts anderes) gelten soll. Diese Beschränkt­heit bedeutet eine Ent­kernung der Liturgie, ähnlich einem Haus, das — seines Innen- und Seelenlebens beraubt — zur leeren Theaterkulisse werden muß, wo der übernommene Außen­bau nur noch Fassade ist, welche innere Kälte, Rationalität, Glatt­heit, Steri­lität, letzt­lich: Säkula­rität nicht verdecken kann.

»Wir Reformierte haben keine Liturgie« — so beginnt der Leitfaden »Refor­mierte Litur­gie« von 1999, um auf über 600 Seiten dar­zulegen, was darunter zu ver­stehen ist. Warum seine Autoren »manchen« unterstellen, »re­formiert geprägten Gottes­diensten dürftige Armut« zu »unter­stellen«, wo sie doch selbst wort­reich darlegen, daß Sinnes­entleert­heit ge­wollte Praxis ist, bleibt rätselhaft. Denn alleine im Zentrum steht »das Wort Gottes« — erfahrbar nur im »Hören und Reden, Singen und Schweigen«. Die Gottes­dienst­ordnung läßt zwischen »Eingangs­wort«, »Predigt« (als »Mittel­punkt«) sowie »Bekannt­machungen und Abkündigungen« wenig Raum für Sinn­lich­keit. Es gibt »keine liturgi­schen Gesänge«, alle Kirchen­musik bleibt wort­gebunden. Keine »gottes­dienstlichen Ge­wänder«. Keine Bilder, keine litur­gischen Farben, nicht einmal das Kreuz. Kein Weih­rauch, kein Weih­wasser, mit dem sich der Gläubige bekreuzt oder segnend besprengt wird.

Heiliges und Allerheiligstes

Was der Katholizismus (und mit ihm praktisch jede Religion analog) »Sakra­ment«, sprich: Heilmittel, nennt, ist dem Reformierten bloßes »Zeichen«, be­schränkt auf Taufe und Abend­mahl, Vor­gänge nichts weiter als »Symbole«. Von »weiteren Zeichen, Gesten und be­gleitenden Riten« hat man »Abstand genommen«.

Zu den Sakramentalien, »heiligen Zeichen«, gehört im Katholi­zismus wie in der Ortho­doxie ein Reper­toire höchst sinnlich-symbolischer Handl­ungen durchs ganze Kirchen­jahr, angefangen mit der Segnung von Kreide am Dreikönigstag, um mit ihr die Haus­türen mit dem Zeichen der Drei Könige C + M + B und der Jahreszahl zu bezeichnen — Caspar, Melchior und Balthasar, aber auch dem Gebet für den Schutz des Hauses: Christus mansionem benedicat. Das Aschenkreuz als Symbol der Vergäng­lich­keit. Das Osterfeuer, das den Auferstandenen als Licht der Welt symbo­li­siert. Oder die geweihten Oster­speisen am Auferstehungs­morgen.

Auch Volksfrömmigkeit, Wallfahrtswesen, Heiligenverehrung, Devotiona­lien­kult gibt es außer im deutschen Protestan­tismus in allen Religionen, auch im Islam, wie es der katholische (!) Volks­kundler Rudolf Kriss (Volksglaube im Bereich des Islam) dargelegt hat. Nicht sehr überspitzt gesagt, wäre meine Rosenkranz betende Groß­mutter — hätte sie seine Sprache gesprochen — mit jenem Mohamed, der seine Gebets­kette durch die Finger gleiten läßt, über diese sinnliche religiöse All­tags­praxis sehr viel eher ins Einvernehmen gekommen als mit ihrer protestan­tischen Nach­barin. Nicht nur Islam und Christen­tum kennen, was Protestanten wesensfremd ist — ein taktiles Hilfs­mittel, um sich in Gebet und Andacht zu versenken: Was dem Katho­liken der Marienverehrung dient, dem Mos­lem der Anrufung der 99 Namen Allahs, ist dem Buddhisten Ver­körperung der 108 Bände aller Lehren Buddhas in der gleichen An­zahl Perlen, im Hinduismus jener Götter, denen der Gläubige sein An­liegen darbringt.

Religionsverbindend ist die Realität des Allerheiligsten als gebaute Wirk­lichkeit: Bereits das Adyton (»das Unzugängliche«) im antiken Tempel­kult zeugt davon; im Judentum die Bundeslade, enthaltend die Stein­tafeln mit den Zehn Geboten vom Berg Sinai, mit der das Gottes­volk durch die Wüste zieht, später die Cella des Jerusalemer Tempels, heute der Tora­schrein in der Synagoge; im Katholizismus der Taber­nakel mit den konsekrierten Hostien, dem Leib Christi. Im Protestantismus: Fehl­anzeige — schon deshalb, weil die Reformation keine geweihten Hostien kennt.

Es bleibt, auf die Herausgehobenheit des Vermittlers zur Tran­szendenz, des Priesters, hinzu­weisen, dessen Gewand ihn weltweit und religions­über­greifend sinn­lich sichtbar erhebt aus jeder Profani­tät. Man vergleiche Schamanen, orthodoxe und katholische Priester, buddhi­stische Lamas, japanische Shinto-Priester, um deren Gemein­sam­keit zu sehen — und in bewußt schroffer Abgrenzung davon die Profani­tät refor­mierter Busineß-Religions­ver­künder (unser Eingangsbild). Nicht viel sinn­licher nimmt sich die jede Körperform verschleiernde Schwärze des protestan­tischen Talars aus, einer Verlegenheitsübernahme aus akade­mi­schen Kleider­ordnungen — damit wiederum auf die Wort­zentriert­heit verweisend.

Es scheint, als würden sich die reformierten Kirchen des Pro­testantis­mus in einzigartiger Weise bewußt außerhalb jener anthro­polo­gischen Grund­konstituenten bewegen, die unabdingbar zu jenem Wesen gehören, das Mircea Eliade »Homo religiosus« nennt.


Ausgehend von diesen Überlegungen, die ich auf dem vom Herausgeber jüngst ge­löschten Blog TWASBO am 29. Dezember 2023 unter dem Titel »Die Abs­chaffung der Sinnlichkeit« veröffentlicht hatte, sollen nun auf 5artikel in loser Folge Beiträge unter dem Serientitel »Homo religiosus« erscheinen, welche der Frage nachspüren wollen, was den Gläubigen aller Epochen und Religions­sy­steme gemein­sames Fundament ist, wobei nicht verschwiegen werden soll, daß der aktuelle Anlaß zur Neuauf­nahme dieses Nach­denkens in der Exkommunikation der Pius­bruder­schaft durch den Vatikan gründet — und daß die anzustellenden Über­legungen nicht zuletzt eine Antwort auf die Frage suchen, welche Partei in diesem Streit zwischen Traditionalisten und progressiven Reformern die besseren religionsanthropologischen Argumente auf ihrer Seite hat, wobei letztere nach Ansicht ersterer die katholische Kirche seit dem Zweiten Vatikanum immer weiter in Richtung einer »Protestantisierung des Kirchenverständnisses« und damit einer »Säkularisierung« gedrängt haben und weiter dorthin verschieben wollen. Um es, vielleicht unverdächtiger, mit Egon Friedell zu sagen: Die Refor­mation brachte »keineswegs den Durchbruch eines reineren, tieferen, ursprünglicheren Verhältnisses zur Gottheit« mit sich, »sondern ganz im Gegenteil den Sieg der Wissenschaft vom Glauben über den Glauben selbst«. Im Endresultat triumphiere »nicht die Religion, sondern die Theologie«. Mit der Reformation komme »etwas flach Praktisches, profan Nützliches, lang­weilig Sach­liches, etwas Düsteres, Nüchternes, Zweckmäßiges in alle Betätigungen.« »Die deutsche Religion« bedeute somit »nicht mehr und nicht weniger als den Versuch, Leben, Denken und Glauben der Menschheit zu säkularisieren.«1

  1. Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. Band 1. 10. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1993, S. 316, S. 333.