Progressiv versus konservativ

Geschrieben von Jürgen Schmid am 1.10.2026

Die Gretchenfrage unserer Zeit lautet: Wie hältst Du es mit der Moderne? Alle Progressiven erklären: Nur wer mit der Zeit geht, hat Erfolg. Wäre dem so, müßten zwei konservative Organisationen — katholische Kirche und politische Union —, die stets progressiver werden, gute Bilanzen haben.


Bei der katholischen Kirche, speziell ihrer Vertreter in Deutschland, liegt die Sache klar: Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil spielt man dort »Aggiornamento«, Verheutigung, vulgo: Modernisierung, genauer: wachsende Anpassung an den jeweilig fortschrittlichst auftretenden Zeitgeist. Das Argument der »Reformer«, wie sich die seit Jahrzehnten dominante Fraktion nennt, lautet seit jeher: Wenn wir uns nicht modernisieren, in Gedanken, Worten und Taten (wobei eine Tat war, die überlieferte Liturgie bis zur Unkenntlichkeit zu »reformieren«), dann laufen uns die Menschen davon, weil sie das Ewiggestrige nicht mehr anzieht. Umgekehrt heißt das: Wer mit der Zeit geht, der hat Erfolg beim Publikum, wenn man denn die Gläubigen partout so bezeichnen will (oder werden die Gläubigen von amtskirchlichen Kommunikationsabteilungen gar nicht mehr adressiert, sondern vielmehr ein säkularer Medienmainstream, bei dem man sich unablässig anbiedert?).

Beim einstmals politisch-säkularen Arm der Kirche, den christlichen Volksparteien CDU und CSU (deren Kürzel man für die Jüngeren wohl auflösen muß: Christlich Demokratische Union Deutschlands und Christlich-Soziale Union in Bayern), stehen die Dinge etwas verzwickter: Während CSU-Vertreter wie Alexander Dobrindt eine »konservative Revolution« forderten, Friedrich Merz als Kanzlerkandidat ausrief, »links« wäre »vorbei«, um sich nach Amtsantritt in die babylonische Gefangenschaft mit eben jenen Linksparteien einzumauern, liebäugeln progressive Unionsgranden wie Hendrik Wüst oder Daniel Günther mehr oder weniger offen mit einem Linksruck ihrer Partei, wobei die Günther-Vertraute Karin Prien gar von einer Antifa-DNA spricht, die ihre Partei präge. Wie groß und mächtig auch immer der Konservatismus in den Unionsparteien intern auch sein möge, nach außen dringt davon seit längerem wenig bis nichts; inzwischen sind in der realen Regierungspolitik wie auch in der öffentlichen Außendarstellung die Modernisten am Ruder.

Zahlen lügen nicht

Beiden Organisationen gemeinsam ist ihre Vorstellung davon, wie man als genuin konservative Institution in der Moderne bestehen kann: Indem man der Moderne mit Haut und Haar beitritt. Die Reformer-Fraktion in beiden Organisationen, jene in der katholischen Kirche etwas bewußter und offensiver, erklären sich, ihren Mitgliedern und der Welt beständig, daß ohne Reformen, die stets nur in eine Richtung gehen — weg vom Überlieferten hin zu dem, was sie unter Fortschritt verstehen —, die Existenz der Organisation gefährdet wäre, weil die Parteimitglieder und Wähler beziehungsweise die Gläubigen ohne das Abtun der Tradition und die Transformation in die Moderne in Scharen davonlaufen würden. Man glaubt: Wer nicht mit der Zeit geht, geht unter. Die Grünen erklärten sogar: »Veränderung gibt Halt«.

Es ist nun hier nicht der Ort, mehr oder weniger gelehrte Diskussionen über das Für und Wider dieser Ansicht zu reproduzieren. Vielmehr möge ein nüchterner Blick auf die in Zahlen zu messende Entwicklung der sich transformierenden Organisationen die Frage beantworten helfen, ob der Selbstanspruch der Reformer sich auch in der Wirklichkeit bestätigen kann: Ist das Volk so modernisierungswillig, ja geradezu fortschrittssüchtig, wie es jene unterstellen, die behaupten, nur durch Modernisierung würde man die Menschen weiter an sich (Partei, Kirche) binden können?

Niedergang des Katholizismus in Deutschland

Beginnen wir mit der Kirche — und ihrer Mitgliederentwicklung: Evangelische Christ*innen in Deutschland Ende 2025: 17.400.000. Ein Vierteljahrhundert zuvor, im Jahr 2001, ohne Sternchen: 26.454.000. Katholiken heute: 19.220.000, zur Jahrtausendwende: 26.288.000.

Betrachtet man die Situation nach dem Zweiten Weltkrieg als Ganzes, so ergibt sich für die Jahre bis um 1970 in der Summe beider großen christlichen Konfessionen ein Anteil an Kirchenmitglieder von weit über 90 Prozent der Gesamtbevölkerung. Seit einigen Jahren ist der Punkt erreicht, an dem die Bevölkerungsmehrheit keiner dieser Kirchen mehr angehört.

Kirchenmitglieder [Anteil der katholischen und evangelischen Christen an der Gesamt­bevölkerung in Deutschland seit 1953.]

Blickt man auf das Fundament der Kirche, ihre Seelsorger, so ist für den deutschen Katholizismus von einem freien Fall zu sprechen. Die Zahl der Priesterberufungen nimmt seit langem dramatisch ab und verringert sich auf niedrigstem Niveau immer weiter, teilweise tatsächlich gegen Null — in 11 von 27 deutschen Diözesen wird es 2026 keine Priesterweihen geben, auch nicht in der Erzdiözese München und Freising, einer Herzkammer des deutschen Katholizismus, die mit Kardinal Reinhard Marx allerdings einen der wokesten Kirchenführer als Oberhirten ertragen muß.

Priesterweihen [Zahl der Priesterweihen in der katholischen Kirche in Deutschland seit 1962.]

Bis Anfang der 1960er Jahre lag die Zahl der Neupriester pro Jahr stabil bei über 500. 1969 waren es erstmals deutlich unter 400, fünf Jahre später nicht mehr ganz 200 — ein rasanter Niedergang. Auffällig ist eine kleine Delle nach oben in den 1980er Jahren, bis es wieder 300 Neuberufungen 1989/1990 waren, bevor dann der endgültige Crash erfolgt, als 2008 erstmals weniger als 100 junge Männer die Soutane wählten. 2026 sind es 30, im Jahr 1 nach dem großen Konzil, 1966, waren es 447.

Die »Forschungsgruppe Weltanschauungen in Deutschland« (fowid), von der die Zahlen dieses Beitrags stammen, macht sich Gedanken über den Anstieg zwischen 1980 und 1990. Die Hoffnung der Reformer, darin würde sich die Aufbruchstimmung des Zweiten Vatikanums, das zwischen Oktober 1962 und Dezember 1965 tagte, zeigen, teilen die Statistiker nicht. Sie halten den Ausreißer nach oben eher für eine Folge des »Baby Booms« zwischen 1955 und 1964, der sich rund 25 Jahre später auswirkte, also in den 1980er Jahren, als die akademischen Boomer (und dazu gehö­ren die Priester) ins Berufsleben eintraten. Insofern hätte dieser Anstieg »nichts mit innerkirchlichen oder gesellschaftlichen Stimmungen zu tun, sondern wäre schlicht eine Begleiterscheinung des Geburtenzyklus 1955-1964: werden mehr Kinder geboren, gibt es auch mehr Priesterweihen.«

Keinen Interpretationsspielraum läßt die Statistik zu den Gottesdienst­besuchen zu:

Gottesdienstbesuche [Gottesdienstbesuch deutscher Katholiken seit 1953.]

Bis 1965 besuchten um die 12 Millionen Katholiken, also jedes zweite Kirchenmitglied, sonntags die Heilige Messe. Heute liegt die Zahl der Kirchgänger bei etwas über einer Million — heißt im Umkehrschluß: Nur noch jeder zwanzigste eingetragene Katholik kommt zur Zeit dem nach, was man lange Zeit als »Sonntagspflicht« bezeichnete; der Rest von 18 Millionen sind Kartei-Katholiken. Nun bildet gerade diese Statistik einen harten Gradmesser für die Akzeptanz der Neuerungen, welche seit dem Zweiten Vatikanum immer mehr um sich griffen, weil als einer der wesentlichen Modernisierungs­ansätze stets die Liturgiereform galt (und gilt): Abkehr vom Latein und Hinwendung zur Landessprache; Einführung eines Volksaltars, an dem der Priester der Gemeinde zugewandt zelebriert; verstärkte Einbeziehung von Laien in den Gottesdienst; neue musikalische Formen (um nur einige nicht­theologische Neuerungen zu nennen, die dem Gläubigen sofort auffallen).

Wer schließlich bedenkt, in welch hohem Maße Deutschland über viele Jahrhunderte ein Land der Klosterkultur war, den wird die Statistik schockieren. Die Deutsche Ordensoberenkonferenz meldet als aktuellste Zahlen: Etwas mehr als 3.000 Ordensmänner in 345 Klöstern (also nicht einmal 10 pro Kloster im Schnitt) — fast die Hälfte davon ist älter als 65 Jahre, also im Rentenalter; es gibt im ganzen Land lediglich 20 Novizen. 8.770 geweihte Frauen beten und wirken gegenwärtig im besten Deutschland aller Zeiten, 815 davon etwa im Bistum Augsburg — vor hundert Jahren zählte allein der Ursberger Konvent über 1.000 Schwestern. 47 Novizinnen heute — 1955 gab es 3.500 junge Frauen, die sich berufen fühlten. Der Deutschlandfunk spricht von einer »Verzwergung« der Orden, die buchstäblich aussterben: Vier von fünf Schwestern sind im Rentenalter, nur 500 in der Pflege tätig, 250 als Erzieherinnen und Lehrerinnen — mehr ist nicht geblieben von den sichtbaren Werken der Frauenorden: Krankenbetreuung und Jugendbildung.

Jahr Mitglieder
2002 28.973
2013 18.303
2020 12.575
2022 10.953
2023 10.211
2024 9.467
2025 8.770

[Entwicklung der Frauenorden in Deutschland seit 2002.]

Für die Schweiz gibt es ein Diagramm zur Zahl der Ordensleute von 1950 bis 2023. Dort stieg die Kurve bis zum Jahr 1965 an, dem Jahr also, als das Konzil endete, seitdem geht es massiv nach unten, von fast 3.000 auf 600 Ordensmänner. Würde man ein solches Diagramm für Deutschland zeichnen, der Trend wäre derselbe.

Was man noch vor kurzem für unmöglich gehalten hätte — ein christliches Abendland ohne klösterliche Gegenwart —, zumindest in deutschen Landen steht diese (je nach Geschmackstendenzen) Vision beziehungsweise Dystopie kurz vor ihrer Verwirklichung. Aus der Öffentlichkeit ist das zur Schülerzeit des Verfassers omnipräsente Mönch- und Nonnentum ohnehin praktisch ganz verschwunden.

Katholizismus in Europa

Mit dem Bischöflichen Beauftragten für das Geweihte Leben eines traditionsreichen süddeutschen Bistums führte der Verfasser dieser Zeilen jüngst eine Diskussion darüber, ob die Säkularisierung vor allem ein Problem des »Wertewestens« wäre, oder ob diese überall gleicher­maßen um sich greife, wie der erkennbar strukturkonservative Priester — vielleicht auch zum Selbstschutz — meinte. Er widersprach der Ansicht, die Kirchen hätten in Osteuropa weniger Probleme als im Westen, wozu er auf den Niedergang des polnischen Katholizismus verwies. Auch hier helfen wieder Zahlen — soweit sie vorliegen:

27.000 Ordensleute wirken in Polen — für ein Land mit nicht einmal der halben Einwohnerzahl Deutschlands sind das mehr als zweieinhalbmal so viele Mönche und Nonnen wie westlich von Oder und Neiße. Auch die katholische Kirche in Polen verliert an Substanz, aber von einem wesentlich höheren Ausgangsniveau aus als die deutschen Katholiken, und nicht in jene Tiefen stürzend wie diese: Wenn in einem Land, in dem 90 Prozent der Bevölkerung Katholiken sind (hierzulande 23,5 Prozent), jeder dritte Katholik sonntags zur Messe geht, ist auch da die Tendenz sinkend, im Vergleich mit 5,7 Prozent Kirchgängern in Deutschland aber Gold.

Den Stand der Priesterberufungen in Europa faßt eine Schlagzeile treffend zusammen: »Wachstum in Frankreich, Krise in Deutschland«. Unser westlicher Nachbar zeige mit beachtlichen 84 Priesterweihen »unerwartete Anzeichen einer religiösen Erneuerung«, diagnostiziert Tomasz Zielenkie­wicz bei Vatican News. Und diese religiöse Erneuerung wird getragen von einer neuen Generation traditionalistischer und patriotischer Priester: Mehr als die Hälfte der jungen Pfarrer unter 35 Jahren liest die Messe im alten Ritus. Besonders beeindruckend jenseits des Rhein: der seit Jahren ständig sprunghafte Anstieg bei den Erwachsenentaufen. In der letzten Osternacht empfingen mehr als 21.000 Erwachsene und Jugendliche das Sakrament der Taufe, eine Verdreifachung innerhalb eines Jahrzehnts — in Deutschland waren es 2.269 Neuaufgenommene, ein Zehntel des Nachbarlandes, was aber offizielle deutsche Kirchenmedien nicht daran hinderte, darob in Jubelarien auszubrechen. Dabei wurde diese bescheidene Zahl alleine vom Großraum Paris mit über 3.000 Erwachsenentaufen übertroffen. Ausgerechnet das »radikal-laizistische« (David Engels) Frankreich zeigt, »daß Bekehrungen und Priesterberufungen auch in stark säkularisierten Gesellschaften entstehen können«. Oder eben gerade dort — Ausnahme Deutschland?

Wo die progressistische deutsche Amtskirche in einer tiefen Berufungskrise steckt und einen »der stärksten Rückgänge der Gläubigenzahlen in der katholischen Welt« (Zielenkiewicz) verkraften muß, platzt das Priesterseminar der traditionellen Piusbruderschaft in Zaitzkofen bei Regensburg mit 53 Seminaristen aus allen Nähten; die ebenfalls konservativen Petrusbrüder in Wigratzbad bei Lindau, Kritiker des Zweiten Vatikanums, konnten 2026 alleine 13 Kandidaten zu Priestern weihen — eine Zahl, welche die meisten deutschen Bistümer nicht einmal in einer Fünfjahresspanne erreichen. Der Druck auf die Amtskirche ist inzwischen so groß, daß sich Bischof Bertram Meier im Jahr 2023 als erster deutscher Oberhirte genötigt sah, zehn Petrusbrüder zu Priestern zu weihen — es war dies ein Jahr, in dem in Meiers großer und traditionell volksfrommer katholischer Diözese Augsburg ein einziger Kandidat in den Priesterstand trat, während es vor den Reformen dort nie weniger als zehn waren.

Während Papst Leo XIV. eine beseelte Videobotschaft an die »liebe[n] junge[n] Menschen« zum Halleluja-Festival 2026 in Brasilien richtete (»mit Freude nehme ich — wenn auch aus der Ferne — am Halleluja-Festival 2026 teil«), vernahm man etwas Vergleichbares aus dem Vatikan zur Chartres-Wallfahrt im gleichen Jahr nicht, schon gar nicht wurde »allen Teilnehmern und Organisatoren« der Traditionalisten, von denen fast 20.000 überwiegend junge Gläubige betend, singend und Heilige Messen im alten Ritus feiernd durch Frankreich zogen, der »Apostolische Segen« zuteil. Event schlägt Spiritualität.

Zahlen lügen nicht — und Bilder sagen mehr als tausend Worte: Von Papst Leo XIV. gefeiertes Jugendevent in Brasilien (oben) und vom selben Papst gleichzeitig ignorierte Wallfahrt nach Chartres (unten) …

Chartres

Chartres

Unter den schier unzähligen Beispielen aus aller Welt, welchen Zulauf traditionalistische klösterliche Gemeinschaften zur Zeit haben, sei nur ein besonders beeindruckende Ausgründung in den USA erwähnt, wo 25 junge Karmelitinnen zwischen 20 und 40 Jahren in Pennsylvania ein kontemplatives Kloster in der Nachfolge der Mystikerin Theresa von Avila gründen. Der Zeitpunkt, an dem ein solches traditionelles Kloster alleine mehr betende junge Frauen beherbergt als es amtskirchliche Novizinnen im deutschen Sprachraum gibt, scheint nicht mehr fern.

Es ist vielleicht verfrüht, so weit zu gehen wie David Engels, daß »spätestens in 15 oder 20 Jahren die Traditionalisten die katholische Kirche übernehmen«. Es dürfte mutig sein, wie Engels davon zu sprechen, daß das, was die »aussterbende Konzils-Kirche«, die »das Christentum seit dem Zweiten Vaticanum ins gesellschaftliche und spirituelle Aus geschossen« hat, überlebt, »lieber an die mittelalterliche Kirche als an die 1968er anknüpfen« wollen werde — »und damit Erfolg haben« wird. Aber der Trend hin zu dieser konservativen Renaissance und gegen die Progressisten ist unübersehbar.

Der Absturz der CDU

Bei der jüngsten Bundestagswahl 2025, vor der CDU-Vorsitzender Friedrich Merz verkündet hat, »Links« wäre mit einem Wahlsieg seiner Union und unter seiner Kanzlerschaft »vorbei«, holte seine Partei 22,6 Prozent der Stimmen. Bei den Jungwählern bis 24 Jahre liegt die CDU mit 10 Prozent hinter allen im Bundestag vertretenen Parteien, stark sind hier die Linkspartei (27,3 Prozent) gefolgt von der AfD (19 Prozent). Während die Linke zu den älteren Wählergruppen kontinuierlich an Attraktivität verliert (bei den Rentnern liegt sie zwischen 4 und 5 Prozent), steigen bei der CDU die Zustimmungswerte an, um bei den über Siebzigjährigen jeden dritten zu erreichen, der seine Stimme abgegeben hat.

Zeitraum Prozent
2001-2007 10,0
1991-2000 12,2
1981-1990 17,7
1966-1980 22,7
1956-1965 24,9
1955 und älter 33,4

[Zweitstimmenergebnis der CDU bei der Bundestagswahl 2025 nach Geburtsjahrgängen.]

Wenn die »Bundeszentrale für politische Bildung« eine erschwerte Wettbewerbssituation der CDU ausmacht, weil sie »in der bürgerlich-liberalen Mitte in zunehmender Konkurrenz zu den Grünen« stehe, klingt das — wäre dem so — zum einen merkwürdig für eine strukturkonservative Partei, die als eine Art Nachfolgerin der katholisch orientierten Zentrumspartei ihre bundesrepublikanische Karriere begonnen hat und weiterhin in »praktizierenden Christen« mit Zustimmungswerten von bis zu 60 Prozent ihre »treueste Wählergruppe« hat. Zum anderen profitieren die Grünen in den jüngsten Wählergruppen kaum von der Schwäche der Union, wenn sie dort mit 11,8 und 15,9 nur unwesentlich mehr Stimmen fischen können.

Der Trend zur Schwäche bei den Jungwählern hat sich für die CDU bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern im September 2025 noch einmal dramatisch verschärft, wo 5 beziehungsweise 2 Prozent dieser Altersgruppe ihr Kreuz beim Wahlvorschlag der Union setzte. Abgesehen davon, daß eine Partei mit solchen Werten bei den nachkommenden Wählern keine Zukunft hat, zeigen diese Zahlen, wie wenig das stete Anbiedern der Union an einen links-grünen Mainstream dieser nutzt — die Adressierten wählen in überwältigender Mehrzahl lieber das Original. Wenn Prien, Günther und Wüst von einer Antifa-DNA ihrer Partei träumen, zahlt das bei den Jungwählern nicht auf das Unions-Konto ein; ebenso wenig konnte Merz mit der Akzentuierung des Zukunftsthemas Klimawandel junge Wähler überzeugen. Wenn eine konservative Organisation nicht mehr konservativ sein will, sondern progressiven Modernisten und Umstürzlern gefallen möchte, rettet sie nicht ihre Haut damit, sondern verliert sie.

Wahljahr CDU/CSU in Prozent CDU in Prozent
2013 41,5 34,1
2017 32,9 26,8
2021 24,1 19,0
2025 28,5 22,6

[Bundestagswahlergebnisse von CDU/CSU seit 2013.]

Bei den letzten Wahlumfragen zum Bundestag ist die Union als Ganzes erstmals unter die 20-Prozent-Marke gerutscht, während der einzige Gegenspieler mit konservativem Profil, die AfD, an die 30-Prozent-Marke heranrückt. Dabei profitiert die CDU unter ihrem Vorsitzenden und Kanzler Friedrich Merz sogar noch von dem (relativ) starken Wert der bayerischen CSU, der 38 Prozent prognostiziert werden. Somit unterbietet die CDU mit etwa 14 Prozent nach jetzigem Stand als Kanzlerpartei ihren historischen Tiefstwert bei der Bundestagswahl 2021 noch einmal deutlich — und liegt damit auch hinter den Grünen, die sie imitieren möchte.

Christliche Parteien in Europa

Eine Studie der Konrad-Adenauer-Stiftung lotete 2019 »Stand und Perspektiven christlich-demokratischer Parteien in Europa« aus. Die Titelfrage »Im Sinkflug?« wird verständlich, wenn in der litauischen »Heimatlandunion« die marginalisierten Vertreter der Christdemokraten »von den dominierenden Konservativen als ›Taliban‹ verspottet« werden. Wenn christliche Parteien in letzter Zeit Erfolge bei den Wählern aufweisen konnten, so ein Fazit dieser Studie, dann nicht deshalb, weil sie ihre »christlich-demokratischen Positionen« in den Vordergrund gerückt hätten. Denn eine Fokussierung auf wertkonservative Stammwähler bringe Christdemokraten in letzter Zeit kaum etwas ein, »weil die Gruppen, die einst treue christdemokratische Wählerreservoirs bildeten, aussterben«.

Ist das »C« im Namen der CDU inzwischen mehr Ballast als Eigenwerbung? Jedenfalls kommt der christliche Aspekt im momentanen Erregungszirkus auch innerparteilich kaum mehr zur Geltung, zumindest dringen keine Spurenelemente davon in die Öffentlichkeit. Dabei schien »die klassische Christdemokratie nach der Selbstdemontage des Nationalismus wie auch des Sozialismus die einzige moralisch halbwegs glaubwürdige Tragkraft des Kontinents zu sein«.

Go woke, get broke

Die Zahlen sind eindeutig: Wenn die Modernisten in katholischer Kirche und Unionsparteien recht hätten, hätten ihre Modernisierungen die Mitglieder und Sympathisanten im System halten müssen — sie haben aber einen Massenexodus auf allen Ebenen zu verantworten. Nicht empirisch belegbar ist (wie so oft) eine direkte Kausalität, aber mehr als wahrscheinlich. Unzweifelhaft steht fest: Der Selbstanspruch der nicht mehr konservativ sein wollenden Konservativen, mit Aufgabe von Traditionsbeständen und Anpassung an die progressiven Agenden den Exodus der Mitglieder und den Niedergang ihrer Organisationen zu verhindern, ist an der Wirklichkeit gescheitert.

Von einem der »Gründerväter« der Europäischen Union, Robert Schuman, ist diese Einsicht überliefert: »Die Demokratie wird christlich sein oder wird gar nicht sein. Eine antichristliche Demokratie kann nur zu einer Karikatur werden, welche in Tyrannis oder Anarchie versinken muß.«

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