Aus dem Trend gefallen

Geschrieben von Uwe Jochum am 15.9.2018

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Die TIB in Hannover und das Scheitern von »Open Access«


Die TIB in Hannover und das Scheitern von »Open Access«

»Open Access« als der große Publikationstrend der Wissenschaften ist faktisch gescheitert. Der Grund dafür — so habe ich es kürzlich hier ausgeführt — ist einfach: Während die offiziellen Akteure in der Wissenschaftsverwaltung und ihrem politischen Umfeld immer noch verkünden, daß »Open Access« die Zukunft gehöre, zeigen die real verfügbaren statistischen Daten, daß sich die globale Zunahme an »Open-Access«-Veröffentlichungen der einfachen Tatsache verdankt, daß »Open Access« institutionell zwar in die Breite geht (immer mehr machen mit), an den einzelnen Institutionen aber ein bisweilen sehr deutlicher Rückgang an »Open-Access«-konform veröffentlichten Wissenschaftsbeiträgen zu verzeichnen ist. Das gilt — und das macht die Sache so interessant — zumal von jenen Einrichtungen, die sich überaus ehrgeizig an die Umsetzung einer »›Open-Access‹-Policy« gemacht haben. Wenn nicht einmal dort, wo man sich besonders anstrengt, die Sache mehr läuft, dann darf man vermuten, daß sie ihre besten Tage bereits hinter sich hat.

Nun hat mich ein Leser darauf aufmerksam gemacht, daß diese Analyse sich mit einer statistischen Erhebung der Europäischen Kommission deckt. Statt einer stetig (und womöglich steil) steigenden Erfolgskurve findet sich im offiziellen »Open-Access«-Trendbericht der Kommission, der Daten der von Elsevier betriebenen Scopus-Datenbank auswertet, eine flach und ab 2014/2015 auch klar abwärts weisende »Open-Access«-Publikationskurve:

Wachstum [Abb. 1: Prozentanteil der »Open-Access«-Publikationen in der Europäischen Union. Quelle: Europäische Kommission.]

Ernüchternd auch die Details, die die Kommission zusammengestellt hat und die einmal mehr zeigen: »Open Access« erfreut sich größerer Beliebtheit nur in den Agrar-, Bio- und medizinischen Wissenschaften, in etwa der Hälfte der von der Kommission berücksichtigten Wissenschaftsfächer aber kommt das »Open-Access«-Publikationsvolumen (grün und golden) nicht über 20 Prozent der Gesamtpublikationen hinaus, bleibt in den meisten Fällen gar bei um die 12 Prozent stehen:

Prozentanteile [Abb. 2: Prozentanteil der »Open-Access«-Zeitschriftenpublikationen in den Wissenschaften. Quelle: Europäische Kommission.]

Soviel zum statistischen Stand der »Open-Access«-Dinge. Sie lassen sich in den einfachen Satz zusammenfassen: Ein Trend, dem die Zukunft gehört, sieht anders aus.

Wie prekär die Lage für »Open Access« ist, zeigt sich jenseits der Statistik daran, daß dort, wo man besonders viel versprochen hat, auf dem Feld Publikationskosten nämlich, die Kollision von »Open Access« mit der Realität zu dem erwartbaren Resultat geführt hat: Nun, da die Forschungsförderer ihre »Open-Access«-Subventionen allmählich zurückzufahren beginnen, zeigt sich mit einem Mal nicht nur, daß »Open Access« etwas kostet, sondern auch, daß es viel kostet. Der Autor dieser Zeilen hat das schon vor vielen Jahren vorgerechnet,1 aber damals meinte man, man könne die Berechnungen mit der einfachen Geste beiseite wischen, es handle sich um nicht tragfähige Zahlenspiele, die angesichts der prognostizierten glänzenden Zukunft unerheblich seien. Dabei war es im Grunde ganz einfach: Eine nicht allzu komplizierte Recherche in der verfügbaren Fachliteratur machte es wahrscheinlich, daß ein wissenschaftlicher Fachaufsatz rund 1800 Euro an Publikationskosten verursacht; das war der Stand der Dinge im Jahr 2009.2

Und nun müssen wir zur Kenntnis nehmen, daß die im Jahre 2012 gegründete biomedizinische »Open-Access«-Zeitschrift eLife, die als Konkurrenz zu Nature, Science und Cell aus der Taufe gehoben worden war und anfangs eine kostenlose Publikation von Fachaufsätzen ermöglicht hatte, seit dem Januar 2017 pro Aufsatz eine Publikationsgebühr von 2500 USD erhebterheben muß, weil die anfängliche Nullkostenpublikationspolitik nur dadurch möglich gewesen war, daß das Howard Hughes Medical Institute, der Wellcome Trust und die Berliner Max Planck Gesellschaft fünf Jahre lang — von 2012 bis Ende 2016 — insgesamt 26 Mio. USD an Subventionen (euphemistisch »Fördermittel« genannt) in die Sache gesteckt hatten. Zwar hatten die eLife-Förderer erklärt, man werde bis zum Jahr 2022 subventionieren, aber seit dem Januar 2017 ist klar: Subventionen hin oder her, sie reichen nicht, um die Kosten zu decken, und daher zahlt der Autor, der bei eLife veröffentlichen will, nun eben 2500 USD pro zu veröffentlichendem Aufsatz. Daß dieser Betrag keineswegs kostendeckend ist, hat einer der Herausgeber von eLife in einem Blog offengelegt: Die realen Kosten pro Aufsatz liegen bei 3085 £ oder rund 3400 Euro. Aber das ist nur ein Teil der eLife-Kosten. Denn da man »heavily« in die Softwareentwicklung und allerlei »Open-Source-Tools« investiere, brauche es dafür natürlich weitere Subventionen — über die man freilich nichts erfährt, die sich dafür aber umso zukunftsträchtiger lesen:

elife-Innovationen [Abb. 3: eLife fördert Innovationen. Quelle: Website von eLife.]

Zurück zur Realität: 3400 Euro pro Aufsatz — das ist in etwa der Betrag, der sich ergibt, wenn man davon ausgeht, daß ein wissenschaftlicher Fachaufsatz im Jahre 2009 rund 1800 Euro gekostet hätte und seither die Kosten pro Jahr um sieben Prozent — soviel ich weiß, ist das eine sehr realistische Annahme – gestiegen wären. Mit anderen Worten: Beim derzeitigen Stand der Dinge ist es alles andere als ein nicht nachvollziehbares Zahlenspiel, wenn man davon ausgeht, daß ein wissenschaftlicher Fachaufsatz wirklich und wahrhaftig Kosten von 3400 Euro verursacht (und im Jahre 2009 1800 Euro an Kosten verursachte) — auch dann und gerade dann, wenn er à la »Open Access« veröffentlicht wird. Wenn also eine Fachzeitschrift, die nach dem »Open-Access«-Modell Publikationsgebühren verlangt, diese Gebühren unter 3400 Euro pro Aufsatz ansetzt, dann zahlt sie drauf — und muß entweder subventioniert werden (das Modell eLife, bei dem 900 Euro pro Aufsatz subventioniert werden müssen) oder eingehen.

Der Leser weiß nun, warum »Open Access« kein ganz großer Trend werden wird: Sobald im »Open-Access«-Subventionsdschungel die realen Kosten der Sache sichtbar werden, zeigt sich, daß die Behauptung der »Open-Access«-Bewegung, sie könne es besser und billiger als die Verlage, schlicht und einfach verdampft.

Wie weit dieser Verdampfungsprozeß inzwischen fortgeschritten ist, zeigt sich schließlich daran, daß die Not, die realen Kosten von »Open Access« nicht mehr verstecken zu können, dazu geführt hat, daß sich eine »Fair Open Access Alliance« (FOAA) gebildet hat, die u.a. die Sache mit den Kosten nun doch noch reißen will. Die FOAA ist nämlich der Meinung, die überall zutage tretenden hohen »Open-Access«-Publikationsgebühren und die nicht mehr zu verheimlichende »Open-Access«-Kostensteigerungsrate, die über der von »kommerziellen« Zeitschriften liegt, seien »nicht fair« — und zwar einfach deshalb, weil sie zu hoch seien. Die FOAA will daher nur solche »Open-Access«-Zeitschriften »promoten«, die pro Aufsatz eine Publikationsgebühr von höchstens 1000 USD verlangen. Daß diese »Promotion« mit realer Ökonomie rein gar nichts zu tun hat, sieht auch ein Blinder: Es geht offenbar nur noch darum, die reine Lehre zu retten, und zwar in einem Umfeld, in dem ebendiese reine Lehre von Woche zu Woche kontrafaktischer daherkommt und daher als reine Ideologie umso kenntlicher wird. Wie man die Ideologie über die scharfkantigen Klippen der Realität retten will, ohne zum Schluß schlicht als trotziges Kind dazustehen, ist mir ein Rätsel.

FOAA-Logo [Abb. 4: Das FOAA-Logo: kunter- und kinderbunt. Quelle: Website der FOAA.]

Einstweilen möge der Leser aber nicht nur über die kindliche Trotzigkeit nachdenken, die sich in der Gründung der FOAA enthüllt und die, mit dem Fuß stampfend, nichts dabei findet, die sonst stets perhorreszierten »kommerziellen« Verlage dann doch wieder als Partner mit ins FOAA-Boot zu holen (wenn der böse Mann das Eis spendiert, ist er ein guter böser Mann). Vielmehr möge der Leser insbesondere über den schönen Widerspruch nachdenken, daß die FOAA die mit so viel Ehrgeiz aus der Taufe gehobene und mit sovielen Steuersubventionen bedachte »Open-Access«-Vorzeigezeitschrift eLife nicht »promoten« wird — denn sie ist, wie der Leser nun weiß, mit einer Publikationsgebühr von 2500 USD einfach »nicht fair«.

Anmerkungen

  1. Uwe Jochum: »Open Access«. Zur Korrektur einiger populärer Annahmen. Göttingen: Wallstein, 2009, S. 24–52. 

  2. Ebd., S. 24–52, bes. S. 33–35.