Virale Digitalisierung

Geschrieben von Uwe Jochum am 12.4.2020

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Während das Coronavirus seine Bahn durch die Weltbevölkerung zieht und in vielen Ländern eine wie so oft schlecht informierte und hastig agierende Politik nichts Besseres weiß als die Menschen in ihren Wohnungen und Häusern wegzuschließen, halten die Apologeten der »großen digitalen Transformation« ihre Zeit für gekommen. Das Virus gilt in diesen Kreisen als Modernisierungsbeschleuniger, denn so wie einst die Pest ein »Wegbereiter der Neuzeit« gewesen sei, sorge jetzt das auf den Namen »SARS-CoV-2« getaufte Virus dafür, daß die Wirtschaft »per Schleudersitz in die digitale Zukunft befördert« werde. Das ist keineswegs nur die per manager magazin am 20. März 2020 verbreitete Meinung eines Jens-Uwe Meyer, seines Zeichens »internationaler Keynote Speaker« und Autor von Büchern zur »digitalen Disruption«, es ist auch die Meinung von Hannes Ametsreiter, dem Deutschland-Chef von Vodafone: Er freut sich laut dpa und per Süddeutscher Zeitung vom 29. März 2020 darüber, daß das Corona-Virus »den größten Auftrieb für die Digitalisierung in Deutschland aller Zeiten« mit sich bringe. Daß der Vodafone-Chef dabei die Zunahme des Datenverkehrs um 40 Prozent und die Zunahme der Telephonate um 50 Prozent als Beweis für den Digitalisierungsauftrieb nimmt und sich so darüber freut, daß ihm der deutsche Satzbau durcheinandergerät — wollen wir ihm gerne nachsehen.

Gasmaske [Quelle: Bild von Łukasz Dyłka auf Pixabay.]

Das eine ist die Freude über steigende Umsätze und dann womöglich auch Einnahmen, das andere aber ist die Frage, ob solche Umsatzzuwächse als »Schleudersitz in die digitale Zukunft« zu verstehen sind. Denn wo es Krisengewinner gibt, gibt es selbstverständlich auch Krisenverlierer; und wo der eine mit dem Schleudersitz vermeintlich nach oben fliegt, erkennt der andere, daß es im Schleudersitz rapide nach unten geht. Das ist dieser Tage dem Online-Modehändler Zalando passiert, der für das erste Quartal des Jahres 2020 einen Verlust von 28 Millionen Euro bekanntgeben und die für Mai geplante Hauptversammlung erst einmal verschieben mußte.

Die Möglichkeit des Absturzes interessiert unsere Krisengewinner freilich nicht die Bohne. Und warum auch? Wenn die Umsätze steigen, wie bei Vodafone oder dem breit aufgestellten Versender Amazon, muß man sich keine Fragen stellen und darf die Bedenkenträger mitleidig belächeln: »Corona lässt Bedenkenträger alt aussehen«, sagt uns das sich klein schreibende manager magazin, um aus der falschen Bescheidenheit der Minuskel heraus desto fetter volltönen zu können: »Schlechte Zeiten für Bedenkenträger«.

Durchbruch [Quelle: manager magazin.]

Wer die mentale Lage im deutschen (und nicht nur diesem) Bibliothekswesen kennt, wird sich nicht darüber wundern, daß auch dort der eine oder andere Profit aus der Viruslage zu ziehen versucht. Und damit meine ich nicht die in den letzten Wochen so zahlreich bei den Bibliotheken eingehenden Angebote von Verlagen, die einen Teil ihres E-Buch-Angebots freigeschaltet haben, um damit die Bibliotheken zu unterstützen und zugleich — warum auch nicht? — ihr E-Buch-Geschäft zu vermarkten. Ich meine vielmehr öffentlich mitgeteilte Aufforderungen wie diese:

Rechtsbruch [Quelle: InetBib.]

Die Absicht ist klar: Das Recht, das zwingend einen für alle gültigen und von allen akzeptierten Rahmen voraussetzt und nur so in der Lage ist, Konflikte überhaupt beilegen zu können, wird hier einseitig aufgekündigt, um ohne juristische Rücksichten durchsetzen zu können, was man so lange schon »disruptiv« durchsetzen will, aber wegen der vielen auch im Bibliothekswesen zu findenden Bedenkenträger bislang einfach nicht durchsetzen konnte: mehr Digitales, und eben auch mehr »Open Access«. Offenbar soll hier der Zweck die Mitteln heiligen, und wenn der Zweck nur erwünscht genug ist, dann darf er die Mittel auch verunheiligen, wie man es hier im Detail beobachten kann. Denn was den Lesern von Deutschlands meistgelesener bibliothekarischer Mailingsliste am 3. April 2020 als wünschbares Tun nahegelegt wird, ist nichts anderes als der Ersatz von Recht durch Gewalt, das sich hier aus der Gunst der Stunde speisen soll: Während die Verlage und der Buchhandel am Boden liegen, sieht der Digitalist und Disrupteur die Chance, den am Boden Liegenden auch noch zu treten, für diesen Akt straffrei auszugehen und womöglich heimliches Lob zu kassieren. Recht ist für ihn, wie wir hier erfahren, eine Sache »cura posterior«.

Man kann das so sehen und sich eine Welt erträumen, in der das Recht nur das eigene Recht ist und nicht auch das Recht der anderen. Mag eine solche Welt auch vollkommen digitalisiert sein und »Open Access« in ihr der Standardfall des Publizierens — es wäre freilich eine Welt vollkommener Rechtlosigkeit. Spätestens hier sollte in den Blick kommen, daß Digitalisierung kein Selbstzweck sein kann und angesichts der von SARS-CoV-2 ausgelösten Krise noch nicht einmal zur Lösung der Krise taugt. Freilich: Auf der Oberfläche sieht es so aus, als sei die Digitalisierung die Lösung der Viruskrise, denn wo der Kontakt von Mensch zu Mensch nicht mehr gemeinschaftsstiftend ist, sondern eine Ansteckungsgefahr mit Todesdrohung darstellt, scheint die digitalmedial-ansteckungsfreie Vergemeinschaftung das Heilmittel der Wahl, das gar nicht schnell genug wirken kann; und wenn die Situation so verschärft erscheint, daß man nichts mehr dabei findet, wohleingeübte Rechts- und Verfassungsgrundsätze aufzuheben, fällt die Aufkündigung des Urheberrechts natürlich nicht mehr ins Gewicht, schon gar nicht, wenn seine Aufhebung nun die Chance bieten soll, die digitalmedialen Vergemeinschaftungsprozesse ansteckungsfrei zu stärken. Wer sich nicht mehr frei versammeln und nicht mehr gehen und wohnen darf, wo er will, der wird sich, so das Kalkül, womöglich darüber freuen, daß er nach dem Willen der disruptiven Digitalisten nun wenigstens »im Netz« die Freiheit hat, urheberrechtlich geschützten Inhalt sich straflos anzueignen und mit anderen auszutauschen. So gesehen würde der »virtuelle Raum« die reale Welt mit ihren realen Gesetzen ersetzen, und er würde sich endlich als das zeigen, was er nach dem Willen seiner steilsten Befürworter von Anfang an sein sollte: ein rechtsfreier Raum — und in diesem Sinne dann auch ein Raum der Freiheit.

Coronavirus [Quelle: Bild von Pete Linforth auf Pixabay.]

Das ist die Oberfläche der Viruskrise. Unter dieser Oberfläche sieht es freilich ganz anders aus. Denn so wenig die Digitalisierung im weiten Reich der Ökonomie ein Selbstläufer ist und dem digitalen Handel querbeet Umsatzsteigerungen beschert, so wenig wird das digitale Publizieren mit oder ohne »Open Access« die Probleme der Wissenschaftskommunikation und -vermittlung lösen. Denn das große Problem der Wissenschaft liegt ja nicht darin, daß kein Wissenschaftler mehr schreiben will, egal ob auf Papier oder einer Tastatur — schreiben müssen längst alle, die in der Wissenschaft nur irgendwie nach oben kommen wollen, dafür sorgen die überall implementierten Evaluationsmechanismen, die geschriebene Seitenmengen und deren Zitationshäufung in handliche Kennzahlen bringen, aus denen Berufungschancen errechnet werden. Das große Problem der Wissenschaft liegt vielmehr darin, daß das immer mehr Geschriebene immer weniger und immer hastiger gelesen wird — und daß man bis hin zu den Literaturwissenschaften die Erfahrung machen kann, daß es mit der Lesefreude der Studenten eigentlich nichts mehr ist. Dabei spielt es keine Rolle, ob die Studenten keine gedruckten Bücher oder keine digitalen E-Bücher mehr lesen — das Lesen als Kulturtechnik gerät seit Jahren insgesamt unter die Räder, egal in welchem Medium. Das ist die in den Wissenschaften und Bibliothek real zu machende Erfahrung, die exakt dem entspricht, was Zalando gerade im Modesegment erfahren muß: Wenn etwas nicht (mehr) geht, dann geht es nicht (mehr), weder analog noch digital.

Woraus zu lernen wäre: Für die Wissenschaft kann es nicht darum gehen, ihre internen und externen Kommunikationsprozesse durch den Einsatz von immer mehr Digitalmedien technisch zu optimieren und dafür dann auch noch Fördermittel zu verbrauchen. Entscheidend bleibt vielmehr, was seit Platon die entscheidende Frage aller Wissenschaft war und ist: ob wir einander noch zuhören können und wie wir unterschiedliche Wahrnehmungen, von einander abweichende Befunde und fein ausgedachte konträre Theorien miteinander vermitteln. Das aber ist eine Frage der Kultur und keine Frage der Technik.

Covid-19 [Quelle: Bild von Elliot Alderson auf Pixabay.]

Daß zu dieser Kulturfrage auch das Recht gehört, erfahren wir in diesen Tagen der Viruskrise sehr deutlich. Denn auch das Recht ist kein abstraktes Corpus von Regeln, die sich digitalisieren lassen, und es ist auch kein institutionelles Korsett, das man digital in Fluß bringen muß, um es durch Algorithmen zu optimieren. Es hängt vielmehr davon ab, ob lokale politische Körper — von der Familie über die Gemeinde und die Stadt bis hin zur Region, dem Bundesland und dem Gesamtstaat — das Recht auch als ihr Recht erfahren und leben und also auch durchsetzen können. Und dabei gibt es eine unsichtbare Grenze, die aber sehr real ist: Es ist eine Grenze, die erstens die handlungskompetenten lokalen politischen Körper von den handlungsinkompetenten überlokalen politischen Körpern trennt. Diese Grenze verläuft, wie uns die Viruskrise zeigt, in Europa zwischen den Nationalstaaten und den Institutionen der Europäischen Union, und sie trennt sogar innerhalb der Nationalstaaten kompetente von inkompetenten Regionen. Und es ist zweitens eine Grenze, die den politischen Körper von der Sphäre der Ökonomie scheidet und das legitime politische Handeln in die Sphäre der Politik zurücknimmt. Vorbei sind die Zeiten, da große Firmen und internationale Konzerne der Politik den Schneid abzukaufen versuchten und sich als politische Einrichtungen sui generis zu vermarkten suchten. Seit SARS-CoV-2 ist wieder klar, daß Politik eine Sache der polis ist und damit eine Angelegenheit sehr konkreter Örter, an denen sich politische Macht zum Ausdruck bringt. Das geschieht durch Entscheidungen und ihren Vollzug, bei dessen Behinderung Sanktionen drohen, über deren Legitimität und Angemessenheit gestritten werden kann und muß, um in diesem Streit Gemeinschaft herzustellen. Die polis, so zeigt sich, ist eine Sache von Gerichten, Polizei und Militär, aber auch von öffentlicher Rede, Demonstrationen und Wahlen, weil in all dem die polis ihre Handlungskompetenz gewinnt. Und das heißt: Die polis gewinnt ihre Handlungskompetenz in einer Sphäre der Unmittelbarkeit und nicht der technischen Medien, die diese Unmittelbarkeit von Anfang an — in principio — aufgekündigt haben. Immer schon ging und geht es um das Sprechen, niemals wird es, wenn es um Wesentliches geht, um das Klicken gehen.

Lesen im Buch [Quelle: Bild von Engin Akyurt auf Pixabay.]

Und weil das so ist, muß es uns auch wieder um das Buch gehen. Denn die Viruskrise zeigt nicht nur, wie schimärisch es war, von internationalen Institutionen oder Konzernen eine Handlungskompetenz im Hinblick auf lokale Probleme zu erwarten, sie zeigt im Spiegel auch sehr deutlich — man muß nur hinschauen —, daß die globalen Netze auf denselben Sand wie die globalen Institutionen und Konzerne gebaut sind: Es genügt ein lokaler politischer Akteur, in dessen Souveränitätsbereich eine Schaltstelle zur Lenkung des globalen Netzes fällt, um das globale Netz nach seinem Geschmack zu lenken oder gar zu stören und zerstören. So wie man jetzt schon reuig sich an die lokalen Mächte wendet, um einer Infektion durch das Virus SARS-CoV-2 zu entgehen, so wird man sich an lokale politische Akteure wenden, wenn das Internet durch ganz andere Viren sich als infiziert herausstellen wird. Und dann wird man ebenso reuig zu jenen lokalen Medien zurückfinden, die unterhalb der Schwelle des Global-Digitalen virenfrei funktionieren. Und das wichtigste dieser Medien wird das Buch sein, das richtige Buch.