»Open Access« – 20 Jahre Welterlösung

Geschrieben von Uwe Jochum am 28.12.2021

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Uwe Jochum

Wissenschaftlicher Bibliothekar

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Es war im Februar 2002, als die »Budapest Open Access Initiative« mit einer fulminanten Erklärung an das Licht der Medienöffentlichkeit trat: Die neuen Möglichkeiten der global vernetzten Datentechnik – vulgo: Internet – sollten genutzt werden, so die Erklärung, um zwei Dinge zu erreichen: Zum einen sollte durch Nutzung der neuesten technischen Möglichkeiten die wissenschaftliche Literatur zu geringeren Kosten als bisher zugänglich gemacht werden; und zum anderen erhoffte man sich dadurch politische Effekte, daß durch die Distribution von wissenschaftlichen Publikationen »im Netz« der Grund dafür gelegt werde, »die Menschheit in einem gemeinsamen geistigen Gespräch und einer gemeinsamen Suche nach Wissen zu vereinen« (uniting humanity in a common intellectual conversation and quest for knowledge).

Dafür, daß diese Erklärung nicht folgenlos blieb, sorgte das mächtige von George Soros initiierte »Open Society Institute«, das inzwischen als »Open Society Foundations« firmiert und auf mehr als 120 Länder unserer Welt bislang mehr als 18 Milliarden US-Dollar regnen ließ, um, wie es auf der Website der Organisation heißt, »inklusive und dynamische Demokratien aufzubauen« (building inclusive and vibrant democracies). Das ist eine klare Agenda mit einem klaren Ziel: Offenbar dank einer intellektuellen Anleihe bei Teilhard de Chardin geht man von einer Art digitaler »Noosphäre« aus, einer geistigen Sphäre, die unseren Planeten in zunehmender Dichte umhüllt und die Menschheit in einer globalen Demokratie vereinen wird. Nur daß man diese geistige Hülle ganz materiell als die digitale Infrastruktur des Internet versteht und die von Teilhard angenommene kosmische Erlösung als irgendwie »inklusive« Selbsterlösung der Menschen interpretiert. Ohne Christus, versteht sich.

Drawing[Shadow Ayush, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons]

Wie immer bei solchen ins Weltliche gedrehten Erlösungsphantasien ist es sinnvoll, den Realgehalt des hinter der Phantasie stehenden Problems von dem zu trennen, was durch die Realität nicht mehr gedeckt ist und ins Phantastische durchstartet. Dieser Realgehalt ist einfach zu benennen: Man wollte die viel besprochene »Zeitschriftenkrise«, die eine Krise der galloppierend steigenden Kosten (auf seiten der Produzenten) und Preise (auf seiten der Abonnenten) für wissenschaftliche Fachzeitschriften war und ist, dadurch lösen, daß man vom Gedruckten aufs Digitale und »das Netz« wechselte, unter der Annahme, Digitales ließe sich »im Netz« günstiger produzieren und distribuieren als Gedrucktes. Das war von Anfang an eine Milchmädchenrechnung und ist in diesem Blog vielfach dargestellt und analysiert worden. Wenn das inzwischen auch die Mainstream-Bibliothekarinnen von den Dächern pfeifen, dann darf man daraus schließen: Die bittere Realität, daß »Open Access« keineswegs kostenminimierend wirkt, läßt sich nicht mehr verleugnen.

Und ebensowenig verleugnen läßt sich, daß »Open Access« in dem Bestreben, alles irgendwie ganz einfach zu machen im Sinne von: ein einfacher Medienwechsel hin zum Global-Digitalen und, schwupp, seid ihr alle Probleme los — daß »Open Access« ganz real und ganz banal in den Bibliotheken eine bürokratische Komplexitätsmaximierung bewirkt hat. Denn seither dürfen sich Bibliotheken nicht nur mit den Abonnements für einzelne gedruckte Fachzeitschriften plagen, mit gemischten Abonnements für einzelne gedruckte und zugleich online distribuierte Fachzeitschriften, mit Paketabonnements, die über rein digitale »Paketkäufe« ganze wissenschaftliche Programmbereiche von Verlagen oder Verlagskonsortien umfassen, und natürlich mit dem Problem der Inversfinanzierung von »Open-Access«-Zeitschriftenartikeln, die nicht erst finanziert sein wollen, wenn der Artikel auch von jemandem gelesen wird, sondern schon im Moment ihrer digitalen Publikation auf einem Volltextserver: dann muß an der Publikationsquelle bezahlt werden, was an zukünftigen Kosten für Bereitstellung und dauerhafte Bereithaltung des Artikels »im Netz« so anfallen wird.

Drawing[HartiV, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons.]

Diese Komplexitätsmaximierung läßt sich leicht an zwei Parametern ablesen. Der eine Parameter ist der verbale: Wo bislang, dem Dogma von »Open Access« entsprechend, von einem »grünen« und einem »goldenen« »Open Access« die Rede war und mit sehr direktem »Nudging« dafür geworben wurde, daß die Wissenschaftler ihre Publikationen auf »goldenem Weg« und also direkt auf den Volltextservern ihrer wissenschaftlichen Institute veröffentlichen, knospt das Wortfeld von »Open Access« inzwischen munter vor sich hin. Wem »grün« und »gold« nicht genügen, der wird sich und anderen jetzt auch mit »grau« oder gar mit »bronze« einen »Open-Access«-Publikationsgefallen zu tun versuchen. Wie verwirrend das selbst für Insider ist, merkt man daran, daß einige »bronze« für »platin« oder gar für »diamanten« halten. Kurz: Wir haben hier ein metallurgisches Legierungsproblem vor Augen, das nur unzureichend überdeckt, daß unter der Legierung immer wieder dasselbe Problem zum Vorschein kommt, nämlich die sehr realen Kostenfaktoren, die bei der Erstellung, Distribution und dauerhaften Bereithaltung einer wissenschaftlichen Publikation zu Buche schlagen. Und diese Kosten steigen, völlig unabhängig davon, ob man eine Publikation drucken läßt, sie digital »ins Netz« befödert oder es — noch so ein Wort — »hybrid« mit beidem zugleich versucht.

Der zweite Parameter, an dem sich die Komplexitätsmaximierung ablesen läßt, ist der organisatorische. Denn längst ist aus der Einfachidee, man müsse nur das Medium wechseln und eine digitale Plattform fürs digitale »Open-Access«-Publizieren einrichten, ein Sammelsurium von steuerfinanzierten Projekten geworden, die diese Einfachidee organisatorisch umzusetzen versuchen und dabei munter dafür sorgen, daß sich die ganze »Open-Access«-Chose zu einem Organisationsgestrüpp verheddert. Und damit das Gestrüpp nicht zu leicht durchkämmt werden kann, ist es zu einem Doppelgestrüpp geworden, das links und rechts der munter fließenden Steuersubventionen auf der einen Seite ein dorniges Gebüsch mit steuerfinanzierten Projekten hervorgebracht hat, die nichts anderes tun als zu »erforschen«, auf welchem Wege man »Open Access« in der Wissenschaft per »Nudging« durchsetzen und der Öffentlichkeit als angemessen verkaufen kann, während auf der anderen Seite ein etwas kleineres Gesträuch von Projekten dafür sorgt, daß dort auch real in »Open Access« »gemacht« wird. Hierher gehören die »Transformationsverträge«, die man mit Verlagen abschließt, um deren Verlagsangebot (oder Teile davon) auf die »Open-Access«-Mühlen umzulenken (der berühmteste dieser Verträge ist zweifellos »DEAL«); hierher gehören aber vor allem die vielen Versuche, Organisationen auf die Beine zu stellen, die für bestimmte wissenschaftliche Segmente »Open-Access«-Publikationslösungen anbieten, als da wären »copim«, »SciPost«, »Scoap3«, »OACIP Lyrasis«, »The Open Library of the Humanities«, »Opening the Future« oder neuerdings »KOALA«.

Drawing[Nicolás Tamargo, CC0, via Wikimedia Commons.]

Man muß sich das alles nicht im Detail merken, denn das, was sich hier zum Gestrüpp ausgewachsen hat, ist phytologisch nichts weiter als eine pilzige Scheinblüte. Sie wird hervorgebracht letztlich durch einen seit zwanzig Jahren vom Steuerhimmel fallenden Dauerregen von Subventionsgeldern, mit denen so getan wird, als würden damit »Geschäftsmodelle« etabliert, bei denen es sich aber keineswegs um echte und damit risikobehaftete ökonomische Aktivitäten handelt, die miteinander konkurrieren, sondern um nichts weiter als — nun ja, um steuerfinanzierte Sumpfblüten. Sie werden, zusammen mit den zahllosen Projektstelleninhaberinnen, die diese Sumpfblüten bevölkern, in dem Moment sang- und klanglos verschwunden sein, da das politische System sich daran erinnert, daß es sich nicht durch die Konsumption von Steuermitteln erhält, sondern durch die Produktion von realen Waren und Gütern, die auf einem realen Markt auch verkaufbar sind und reale Einnahmen erzeugen. Die »Geschäftsmodelle«, deren man sich in der »Open-Access«-Community rühmt, gehören nicht auf die Linie dieser harten Realität.

Und damit sind wir bei jenem Phantastischen angelangt, das jenseits des ins Sumpfblütige strebenden Realgehalts von »Open Access« dafür sorgt, daß die ganze Sache munter weiterläuft. Dieses Phantastische ist die von Teilhard de Chardin geerbte und entchristlichte Erlösungshoffnung, die von einem »Punkt Omega« träumt, an dem die kosmischen Energien in einem Überpersönlichen zusammenfließen, das sich durch eine maximale Komplexität nach innen wendet und eine Art kosmisches Bewußtsein hervorbringt. Damit hat Teilhard das Christentum verweltlicht: Sein Christus ist als »Punkt Omega« das Resultat eines kosmischen Evolutionsprozesses, der an seinem Höhepunkt zum Erscheinen des kosmischen Bewußtseins (und nicht zur Parusie Christi) führen soll. Mehr noch: Indem die in diesem kosmischen Evolutionsprozeß wirkenden »Kräfte der Vergeistigung« eine »technisch-soziale Totalisierung« auslösen und verstärken sollen,1 hat Teilhard die Technik zu einem notwendigen Element nicht nur der kosmischen Evolution, sondern auch der am Ende dieser Evolution auftretenden Erlösung gemacht.

Drawing[Shadow Ayush, CC BY-SA 4.0, via Wikimedia Commons.]

Vor diesem Hintergrund bekommt die Rede von der Menschheit, die sich, wie es vor zwanzig Jahren in der »Budapester Erklärung zu Open Access« hieß, in einem »gemeinsamen geistigen Gespräch« vereinen soll, ihr ganzes Gewicht. Es ist das Gewicht einer Ersatzreligion, die mit der Hoffnung hausieren geht, durch eine planetare Totaltechnik wie das Internet könne nicht nur die Menschheit geeint werden, sondern die »quest for knowledge« zu ihrem Maximum gebracht werden. Daß an diesem Maximum dank maximaler Komplexität der Durchbruch zu »Omega« erfolgen soll, wird die »Open-Access«-Jüngerinnen erfreuen: Sie tragen schließlich jeden Tag, siehe oben, zu dieser Komplexitätsmaximierung bei und dürfen diese folglich als ihren ganz persönlichen Schritt auf dem Weg zur Erlösung verstehen.

Wir andern, die wir auf die Realität schauen, sehen indessen in der zunehmenden Komplexität nicht das Zeichen für einen bevorstehenden evolutionär-finalen Durchbruch zu »Omega« oder was auch immer, sondern das Vorzeichen eines Scheiterns, das um so wahrscheinlicher wird, je mehr die Komplexität gesteigert wird. Jedenfalls gibt es mit Blick auf die Realgeschichte gute Gründe, das spätantike Ende des Römischen Imperiums (im Westen) neben allerlei anderen Faktoren wie Völkerwanderung, Klimawandel und Seuchen vor allem auf überkomplex gewordene administrative Strukturen und Prozesse zurückzuführen, die die vorhandenen Ressourcen überdehnten und den Staat von innen her so aushöhlten, daß er nicht mehr handlungsfähig war.2 Da unsere Epoche in vielem damit beschäftigt scheint, auf höherem technischem Niveau in ihre eigene Spätantike einzutreten, wollen wir es mit diesem kleinen Rückblick auf eine in ihr zwanzigstes Jahr eintretende Erlösungsreligion namens »Open Access« gut sein lassen. Für alles weitere wird dann die nicht mehr nur am Horizont sichtbar gewordene Energiekrise sorgen, die als »Energiewende« begonnen hat und ganz gewiß nicht zu »Omega« führen wird.

Drawing[Julie Missbutterflies from Lannion, France, CC BY-SA 2.0, via Wikimedia Commons.]

  1. Pierre Teilhard de Chardin: Der Mensch im Kosmos. München: Beck, 1981, Fußn. 1 zu S. 289. Eine ausführliche Kritik solcher Mediengnosis bei Uwe Jochum: The Gnosis of Media. In: Library Quarterly 74 (2004), S. 21-41 (Preprint-PDF). 

  2. Joseph A. Tainter: The collapse of complex societies. Cambridge: Cambridge University Press, 1988.