Tiefe Offenheit

Zu Christian Illners »Die Tiefe Rechte«

Geschrieben von Uwe Jochum am 21.7.2026

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Christian Illner hat sich seit knapp zehn Jahren auf YouTube als »Ourdoor Illner« eine solide Aufmerksamkeitsbasis erarbeitet. 11700 Abonnenten sehen ihm dort dabei zu, wie er als »Waldschrat, wilder Mann, Zausel, Sasquatch« — so die Eigenbeschreibung — durch Feld und Wald streift oder zu Hause sitzt und über Gott und die Welt in launiger Weise philosophiert. Die Summe seines Schaffens beläuft sich inzwischen auf 255 Videos, die es auf etwas mehr als 1,8 Millionen Aufrufe gebracht haben. Das sind 7059 Aufrufe pro Video und damit deutlich mehr als die YouTube-durchschnittlichen 5868 Aufrufe pro Video. Illner nähert sich damit dem oberen YouTube-Aufmerksamkeits- und -Resonanzsegment und darf, kurzum, als erfolgreich gelten.

Das ist, wie könnte es bei Erfolg anders sein, auch Illners Gegnern nicht verborgen geblieben, die sich beeilen, sein Werk als eine »Mischung aus Blödelei und Menschenverachtung« und rundheraus als »nervtötend« abzuqualifizieren. Der Grund für diese Abqualifizierung ist einfach zu benennen: Illner ist nicht einfach erfolgreich, sondern er ist auch noch »rechts«, wenn nicht gar »extrem rechts«, wie auf einer Website der »Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft« (GEW), Landesverband Berlin, zu lesen steht, die ihm den ungeheuren Vorwurf macht, er habe in einem Gespräch mit Martin Sellner Naturverbundenheit und Technikkritik miteinander verbunden und die Lektüre von Martin Heidegger empfohlen. Offenbar hat eine Lehrer-und-Lehrerinnengewerkschaft, die in den frühen 1970er Jahren zur Zeit von Radikalenerlaß und Berufsverboten eine durchaus unrühmliche Rolle spielte, ein Problem damit, wenn zwei Menschen miteinander reden und Bücher lesen und sich dadurch in ebenjenen Raum begeben, den die GEW als ihr alleine gehörenden Raum zu betrachten scheint: den Raum des gemeinsamen Redens und Denkens, in dem sich allererst zeigen kann, was die Welt im Innersten zusammenhält.

Das ist eine denkpolitische Konstellation, die danach drängt, aufgehoben zu werden: Man müßte den Linken von der GEW und allen ihren GesinnungsgenossInnen nur endlich einmal bündig beweisen, daß sie seit 1789, als sich im Zuge der Französischen Revolution eine »Linke« erstmals etablierte, falsch liegen und die Rechten dagegen richtig — so, wie es der Wortsinn trotz aller revolutionären Verdrehungen seit bald 240 Jahren treu bewahrt hat: das Rechte als das Richtige sollte sich, recht besehen, eigentlich von selbst verstehen. Davon kann freilich keine Rede sein, ganz im Gegenteil: Die »Rechte« steht seit bald einem Vierteljahrtausend unter dem Druck, ihre Positionen vor einer »Linken« zu verteidigen, die Zug um Zug alle kulturpolitischen Schaltstellen besetzt und dadurch die »Rechte« in eine Position getrieben hat, in der diese immer nur reagieren kann und also, auch hier wiederum im Wortsinne, zu einem »reaktionären« Unternehmen geworden ist.

Womit ich wieder bei Christian Illner wäre, der in seinem jüngst erschienenen Buch Die Tiefe Rechte auf ebendiese denkpolitische Konstellation reagiert. Er tut es in der Weise, daß er aus der von linker Seite aufgespannten dialektischen Konstellation ausbricht: Sobald die Rechte begreife, so sein Argument, daß sie der Linken nur dazu diene, daß diese in ihrem »Kampf gegen rechts« ihre linke Identität aufbauen könne, und sobald die Rechte außerdem begreife, daß die linke Identität damit nichts weiter sei als die Negation der rechten Identität, verkehrten sich die Verhältnisse; denn in dieser Dialektik sei das eigentlich Positive das Rechte, von dem sich die Linke in einem permanenten Akt der Negation zu unterscheiden versuche. Aber sie kann es eben nur so, daß sie alles »Positive« im Sinne von »Gegebenheiten« und »Sachverhalten« und »Wahrheiten« und schließlich »Sein überhaupt« als »rechts« verbucht, um sich sodann an ihre auflösende und vermeintlich kritische Arbeit zu machen, eine Arbeit, die ihre Energie einzig und allein aus der Negation des Positiven bezieht: der Völker und Nationen, der unterschiedlichen Kulturen, der naturgegebenen Geschlechter, der tradierten Sprachen und ihrer Orthographien.

Diese von links losgetretene Dialektik bricht in dem Moment zusammen, da man ihr die Energie nimmt, und das heißt für Illner: die rechte Identität nicht aus dem dialektischen Ping-Pong abzuleiten und sich von der Linken in einer Negation der Negation die Themen zuspielen zu lassen — sondern einfach aus dem dialektischen Spiel auszusteigen. Dazu braucht es wenig: Sobald die Rechten ihre Identität als Rechte bejahen und nicht in einer reaktiv-reaktionären Bewegung gegen die Linken abzuwehren versuchen, läuft das linke Spiel der dialektischen Feindmarkierung ins Leere. Die Rechte ist dann die Rechte – so what?

Das ist der grundlegende Gedankenzug, mit dem Illner sein Buch beginnt: nicht krampfhaft danach zu suchen, was einen Rechten zu einem Rechten macht und dann Listen von gültigen Kriterien für »Rechtes« anlegen, sondern schlicht darauf zu achten, wer rechts ist (S. 8). Alle jene nämlich, die als rechts von links her »befeindet« werden und daher, noch ehe sie wissen, wie und warum ihnen geschieht, was ihnen geschieht, schon »rechts« sind.

Damit ersetzt Illner die Was?- und also Wesens-Frage durch die Frage des Wer?: Wer wir auch sein mögen, wir sind, was wir sind, immer schon dank der Zuschreibungen von außen; unsere Identität beginnt als eine von außen gesetzte Identität und entwickelt sich dann allmählich weiter. Aber — und das ist Illners Pointe —, was sich da entwickelt, ist ja anfangs gar kein bekanntes und erkanntes Was, es ist nichts weiter als die Annahme einer völlig äußeren Zuschreibung und daher, wiederum im Wortsinne, die Annahme einer Annahme: daß das Rechte einen Inhalt hat. Diesen Inhalt hat es anfangs keineswegs, es ist vielmehr leer, oder, in Illners Worten: »Das Rechte ist sein eigener Inhalt«, es ist ein »leere[r] Verweiszirkel« (S. 16).

Und ebendaraus gewinnt Illner seine nächste Pointe: Der anfangs leere Inhalt setzt die Suche nach ebendiesem Inhalt frei, und das kann nur gelingen durch eine Offenheit für das, was die Leere an Fülle umgibt. »Werden wir also offen und schauen, was die Welt uns in unsere Leere hineingibt«, sagt Illner (S. 18). Dadurch modelliert sich die Rechte als eine »Bewegungsgemeinschaft« (S. 85), die nicht zusammengehalten wird durch eine anfänglich-positive Setzung dessen, was allgemein als »rechts« zu gelten hat, sondern zusammengehalten wird durch die gemeinsame Suche nach Welt; »rechts« ist nichts anderes als diese Welt- und Sinnsuche, und das ist, recht besehen, eine »Haltung« und ein »Verhalten« und keine abfragbare »Gesinnung« (S. 69, S. 83–85.). Es ist eine Haltung, die sich über alle, die sich auf denselben Weg gemacht haben, als »Gefährten« freut und von ihnen nichts weiter verlangt als ebendiese Gefährtenschaft. Freilich eine Gefährtenschaft, die weiß, daß jeder einzelne auf diesem Weg seinen eigenen Teilabschnitt zu gehen und daher unterwegs verschiedene Positionen einzunehmen hat: sei es die Position eines Öffners von Räumen, in denen die Bewegung der Sinn- und Weltsuche überhaupt stattfinden kann (»Tiefe Rechte«), sei es die Position eines Kämpfers gegen die »Befeinder« (»Flache Rechte«), sei es die Position eines institutionellen Architekten (»Mittlere Rechte«), der die Raumöffner und Frontkämpfer zueinander bringt.

Würde das glücken, könnte am Ende und aus einer »tiefrechten« Perspektive gesprochen so etwas wie »das Heranwachsen eines neuen Weltenbaumes« gelingen, »der einen neuen Kosmos einräumt und einen neuen Horizont stiftet.« (S. 96) Das ist nicht nur in hohem Ton gesprochen, sondern auch ein deutlicher Anklang an Heidegger, für den der Lauf der Weltgeschichte von einem »Sein« abhing, das sich in ebendiesem Welt- und Geschichtslauf selbst enthüllt (und verhüllt) und sich in seinem »Seinsgeschick« den Menschen zuschickt, die die Aufgabe zu übernehmen haben, ebendieses Sein nicht zuletzt sprachlich zu »hüten«. Illner folgt diesem Heideggerschen Denk-Zug, wenn er am Ende seines Buches das »Schicksal« aufruft (S. 91ff.), das darin liege, den »Ruf« der Aufgabe zu hören — und das meint: die den Rechten vom Schicksal beschiedene Aufgabe des Rechtsseins zu übernehmen und dadurch das Rechte als ein »Ereignis« (S.  96) nicht nur zu denken, sondern sich auch flach- und mittelrechts als Agenten des Seins zu bewähren.

Das Problem ist freilich, daß der »neue Kosmos«, den Illners organisch sich entwickelnde Gefährtenschaft schließlich verwirklichen können soll, davon abhängt, daß die sich auf den Weg machenden Gefährten ungefähr wissen, von wo sie losgehen, und daß sie ebenso ungefähr wissen, wo sie hinwollen. Denn niemand bricht aus einem Nirgendwo auf, um in ein anderes Nirgendwo zu gelangen; man braucht eine Vorstellung von der Lage, in der man ist, und eine Vorstellung von dem Ziel, das man erreichen möchte; sonst läßt sich nicht abschätzen, ob sich der Aufbruch lohnt, ob man genug Kraft für den Weg hat und ob das Ziel überhaupt erstrebenswert ist. Illner überspringt diese lebensweltlichen Konkretionen und setzt an ihre Stelle die Offenheit einer Bewegung und das Bild vom »neuen Kosmos« oder dem »neuen Horizont« — und beleiht damit das weite Metaphernfeld, das vom frühen Christentum aufgespannt wurde, als es sich selbst als »Weg« bezeichnete (Apg 9,2; 19,23) und das Ziel, um das es ging, als »neue Schöpfung« (2 Kor 5,17 und Gal 6,15).

Das heißt nun aber nicht im geringsten, daß Illner die »Bewegungsgemeinschaft« auf einen christlichen Pfad führen möchte. Die Heideggerschen Anklänge legen vielmehr nahe, daß er dem Christentum und seinem Himmelreich (was immer das sein mag) eine neopagane Weltfülle vorziehen würde. Aber man darf und muß an dieser Stelle festhalten, daß die Attraktivität des Illnerschen Denkens sich aus der Quelle der christlichen Heilsgeschichte speist, die die Menschheit seit 2000 Jahren »nach vorne« ruft in eine bessere Welt, an deren Zustandekommen sie sich als »Mitarbeiter Gottes« beteiligen sollen (1 Kor 3,9). Nimmt man aus dem christlichen Entwurf die Transzendenz heraus — also die Vorstellung, daß das bessere Ende der Welt nicht innerhalb der Welt liegt und zuletzt trotz aller menschlichen Mitarbeit das Werk Gottes bleibt —, landet man auch mit Illner in jener neuzeitlichen Grundtendenz, die seit Rolf Peter Sieferle auf den Namen »Realtranszendenz« hört. Das meint eine innerweltliche Verzeitlichung des Jenseits, die das Bessere und erst recht das Beste nicht am Ende aller Zeiten in einem zeitübersteigenden Jenseits erhofft, sondern glaubt, es in der Zeit der Welt erreichen zu können — mit dem Resultat, daß es seither einen weltanschaulichen Überbietungswettbewerb in der Beantwortung der Frage gibt, wie schnell und mit welchen Mitteln der innerweltliche Himmel erreicht werden könne.

Und das heißt auch für Illner, daß er um die alte Wesens-Frage nicht herumkommt. Denn sosehr man sich bemüht, sich innerhalb eines offenen historischen Prozesses zu bewegen und die Bewegungsenergie wie ein Perpetuum mobile aus der Bewegung selbst zu generieren, so sehr benötigen reale Personen unter den realen Bedingungen der Welt ein Ziel, das sie erreichen möchten und das ihrem Tun die antreibenden Motive liefert — kurzum, sie brauchen eine Antwort auf die Frage nach dem Warum? und nach dem Was? Illner liefert diese Antwort, und er liefert sie in der klassischen Weise einer Besinnung auf »das Rechte in seinem Wesen« (S. 91). Allerdings in der unklassischen Variante, daß das Wesen der Rechten die Vermeidung der Wesensfrage sei, an deren Stelle, siehe oben, die von der Bewegung einzunehmende rechte Haltung der reinen Offenheit zu treten habe.

An dieser Stelle wird es schwierig. Denn seit rund sechzig Jahren gibt es eine Linke, die genau das zu ihrem Prinzip gemacht hat: Sie hat die Wesensfrage gestrichen und an ihre Stelle eine linke Haltung plaziert, die seither darüber befindet, wann ein Mann ein Mann und eine Frau eine Frau ist — und das wechselt bekanntlich in ebenjenem Rhythmus, in dem die linke Bewegung die Wirklichkeit mit neu-bewegten Begriffen überzieht. Ich vermute, Illner würde an dieser Stelle einwenden, daß gerade die Offenheit der rechten Bewegungsgemeinschaft dafür sorgt, daß soviel Wirklichkeit wie möglich von der Bewegung aufgesaugt und so ins Politische transformiert werden kann, daß die kosmische Sinnstiftung nicht verfehlt wird. Aber dann steht sinnstiftende linke Bewegung gegen sinnstiftende rechte Bewegung und die rechte Haltung ist ein Akt reiner Dezision (siehe S. 69), die ihren Anstoß von der linken »Befeindung« erfährt, der sie sich in einer Eigenbewegung zu entziehen versucht. Woraus zu lernen wäre, daß es einen reinen Anfang bei Null ebensowenig gibt wie die reine Offenheit als Ziel: Man muß sich immer (dialektisch) von etwas abstoßen, um sich in Bewegung zu setzen.

Diese Bewegung ist ohne maßgebliche Beweger aber gar nicht möglich. Sie liefern eine anfängliche Besinnung auf das Was? und damit das Wesen der Bewegung, und sie bürgen mit ihrer Person dafür, daß es sich lohnt, sich auf diesen und keinen anderen Weg zu machen, eben weil es ein wesentlicher Weg ist. Illner nennt als solche Bürgen Martin Sellner und Götz Kubitschek, Björn Höcke und Aron Pielka. Illners YouTube-Kanal und die Aufmerksamkeiten, die er erfährt, zeigen, daß auch er längst zu den Bürgen der Bewegungsgemeinschaft gehört, die er in seinem Buch analysiert. Und damit ist er ein Sinn-Sucher ebenso wie ein Sinn-Macher, der anderen zu sagen versucht, was es mit dem Sinn, der ihm so wesentlich ist, auf sich hat. Also noch einmal: Um die Wesensfrage kommt auch er nicht herum.