Zur Ontologie von Buch und Bibliothek

Geschrieben von Uwe Jochum am 29.7.2026

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Bibliothekskatastrophen


Die Selbstabschaffung der Bibliotheken

1. Wie das Buch in die Informationstechnik geriet

Die laufende Transformation der Bibliotheken, vor allem der wissenschaftlichen Universalbibliotheken, zu Informationszentralen, die im Internet die Rolle von Informationsknoten spielen sollen, wurde seit den 1960er Jahren durch eine Transformation der Bibliothekstheorie vorbereitet. Der Initialpunkt dieser Transformation war in Deutschland eine im Oktober 1969 an der Universität Köln veranstaltete Tagung, die die Bibliothekswissenschaft im Kontext der damals im Entstehen begriffenen Informationswissenschaft verortete.1 Das war getrieben von der Einsicht, daß die gute alte Bibliotheksverwaltungslehre, die man an den bibliothekarischen Ausbildungseinrichtungen den angehenden Bibliothekaren als Rüstzeug für die Praxis mitgab, keine Wissenschaft sei; eine wissenschaftliche Reflexion des Phänomens der Bibliothek aber brauche es, so der Tenor der Kölner Referate, wenn man wirklich wissen wolle, was Bibliotheken sind und welches Entwicklungspotential sie haben. Daß man dabei die Informationswissenschaft als aussichtsreichsten Kandidaten für eine wissenschaftliche Reflexion der Bibliothek in den Blick nahm und die Bibliothekswissenschaft als spezielle Informationswissenschaft aufzubauen versuchte,2 verdankte sich damals — und verdankt sich bis heute — der semantischen Unschärfe des Begriffs der »Information«, mit dem die Bibliotheken in vermeintlich sicherer Weise im vermeintlich sicheren Hafen der Informationswissenschaft verankert werden sollten.

Dazu griff man auf das Sender–Kanal–Empfänger–Modell zurück, das der amerikanische Mathematiker und Nachrichtentechniker Claude Shannon bereits 1948 entworfen hatte, um das Problem der Signalübertragung in technischen Medien — bei Shannon ging es konkret um das Telephonieren — zu visualisieren:3

Shannon [Abb. 1: Das Sender–Kanal–Empfänger–Schema aus Shannon/Weaver: The mathematical theory of communication (1949), S. 2.]

Shannon beschäftigte sich dabei explizit nicht mit der Frage, ob die im technischen Medium übertragenen Signale eine Bedeutung haben, ob also eine sinnvolle menschliche Rede, das sinnlose Gestammel eines Irren, Meeresrauschen oder Vogelgezwitscher übertragen wird.4 Es ging ihm einzig darum, ob das Signal, das der Telephonapparat als technischer Wandler aus dem Schalldruck erzeugt hatte, über eine Leitung an einen Empfänger so übertragen werden könne, daß der Empfänger in der Lage war, trotz der bei der Signalübertragung auftretenden Störungen das empfangene Signal technisch zu dekodieren, also sinnvolle Rede als sinnvolle Rede, Gestammel als Gestammel, Meeresrauschen als Meeresrauschen und Vogelgezwitscher als Vogelgezwitscher zu hören.

Das Caveat Shannons im Hinblick auf die Semantik von Nachrichten, an der sein Modell nicht interessiert war, hinderte die Bibliothekstheoretiker der 1960er Jahre und danach indessen nicht, das Sender–Kanal–Empfänger–Modell völlig konträr zur Shannon’schen Intention als Modell für die Übertragung bedeutsamer Rede oder Schrift im Medium des Buches oder der Zeitschrift zu adaptieren. Diese Adaption war dadurch ermöglicht worden, daß Shannon das Wort »Information« austauschbar mit dem fachsprachlichen Begriff der (technischen) »Nachricht« verwendete und dadurch eine Brücke schuf zum allgemeinsprachlichen Begriff der Information, der eine durch Sprache oder Schrift vermittelte Mitteilung von Neuigkeiten oder von Wissenswertem denotiert.5

Als die Bibliothekstheoretiker sich anschickten, über diese semantische Brücke zu gehen, übernahmen sie das Shannon’sche Sender–Kanal–Empfänger–Modell mit seiner visualisierenden Kraft, schrieben ihm aber den alltagssprachlichen Informationsbegriff zu. So trat nun plötzlich an die Stelle einer Nachricht oder »Information« im Sinne einer rein technischen Signalübertragung eine »Information« im Sinne einer »Bedeutungsvermittlung« mittels sprachlich-schriftlicher Zeichen, denen eine »Zeichensubstanz« genau deshalb innewohnen sollte, weil diese Substanz sich als Text in einem Buch oder in einer Fachzeitschrift fand, die von einem Sender (Autor) an einen Empfänger (Leser) transferiert wurden. Diese semantische Verschiebung findet sich prominent in dem Beitrag, den Horst Kluth 1969 zu dem erwähnten Kölner Kolloquium beigesteuert hat.6 Denn darin verabschiedet er sich nicht nur explizit von einem nachrichtentechnischen Kommunikations- oder Informationsbegriff à la Shannon,7 sondern bringt zur Untermauerung seiner Umdeutung des Sender–Kanal–Empfänger–Schemas das damals gerade erst publizierte Kommunikationsmodell des Soziologen und Kommunikationswissenschaftlers Horst Reimann, in dem das Shannon’sche Schema im Grundsatz graphisch beibehalten, der Begriff der »Information« aber als »Bedeutungsvermittlung« verstanden wird (Abb. 2).

Reimann [Abb. 2: Das Kommunikationsmodell von Horst Reimann, mit Quellenangabe abgebildet in Horst Kluths Beitrag zum Kölner Kolloquium von 1969, S. 115.]

Von hier aus war es nur noch ein kleiner Schritt, um die Bibliothek als eine Einrichtung zu betrachten, in der eine spezielle Form von kommunikativer »Bedeutungsvermittlung« stattfinde. Man mußte nur das Buch als einen »Speicher« und die Bibliothek folglich als »Metaspeicher« betrachten, in dem sich der »allgemeine Kommunikationsfluß« sammle8 — und schon konnte man die in dem bibliothekarischen Metaspeicher ablaufenden Geschäftsgänge, die dafür sorgten, daß die eintreffenden Bücher katalogisiert wurden und einen Standort in den Bibliotheksregalen fanden, als Steuerung eines Kommunikationsflusses interpretieren (Abb. 3).9 Sobald man den Begriff der »Kommunikation« gegen den der »Information« austauschte — und dieser Tausch begann bereits auf dem Kölner Kolloquium —, war von seiten der Theorie jener Stand der Dinge erreicht, der bis heute gilt: Die Bibliothek war jetzt eine Einrichtung zur Steuerung von Informationsflüssen, die der amerikanische Bibliothekar J. C. R. Licklider bereits 1965 vom Buch ablösen und dem Computer übergeben wollte, um mit seiner Hilfe einen »body of knowledge« — ein Korpus des Wissens — aufzubauen.10

Hayes [Abb. 3: Das bibliothekarische Informationsmodell von Hayes, mit Quellenangabe abgebildet in Horst Kluths Beitrag zum Kölner Kolloquium von 1969, S. 127.]

Auch wenn es noch ein paar Jahrzehnte dauern sollte, bis das Korpus des Wissens auch faktisch vom Buch zum Computer und mit diesem ins Internet zu wandern begann, es bleibt dabei: Die heute gängige Überzeugung der Bibliothekare, ihr Geschäft sei die Sammlung und Vermittlung von »Informationen« oder »Informationsressourcen« oder gar »Wissen«, das irgendwie auf »Informationen« beruhe, wurde in den 1960er Jahren grundgelegt und hat sich in etwas mehr als einem halben Jahrhundert zu einem Dogma entwickelt, das von den bibliothekarischen Lehrbüchern an die nachwachsenden Bibliothekarsgenerationen weitergereicht wird.11

Das Problem dabei ist freilich, daß bei diesem Dogmatisierungsprozeß der metaphorische Gebrauch des Wortes »Information« und damit auch die Reichweite des Shannon’schen Schaubildes unreflektiert blieb. Dadurch konnte der Eindruck entstehen, das Shannon’sche Schaubild und Schema, das einen nachrichtentechnischen Vorgang visualisiert, biete ein Modell, mit dem sich alle »Kommunikationsvorgänge« beschreiben lassen, sowohl die von Maschinen, die elektrische Signale senden und empfangen und verarbeiten, als auch die von Menschen, die sich miteinander über den Sinn von Gott und der Welt unterhalten und darüber Bücher schreiben. Dieser Eindruck aber ist falsch. Denn Maschinen welcher technischen Bauart auch immer, ob mechanisch, elektrisch oder digital, operieren, wenn sie über Prozessoren zur Maschinensteuerung verfügen, alleine auf der Ebene der Syntax von Zeichen und sind nicht in der Lage, über die Bedeutung dieser Zeichen — ihre Semantik — und den Sinn ihres Tuns nachzudenken und gehaltvoll zu kommunizieren. Das kann nur der Mensch, für den das miteinander Gesprochene eine Bedeutung hat, durch die er sich seines Standortes in der Welt versichert und mit anderen Menschen redend und schreibend und handelnd Gemeinschaften bildet.12

Wer diesen Unterschied zwischen Syntax und Semantik und damit zwischen Maschinen und Menschen nicht beachtet, kann freilich meinen, die Medien könnten unterschiedslos als »Kommunikationsmedien« beziehungsweise als »Informationsmedien« betrachtet und durch das Shannon’sche Schema beschrieben werden. Nur durch diese Nichtbeachtung war es möglich, das gedruckte Buch und die gedruckte Zeitschrift als Medium und die Bibliothek als Metamedium den Kommunikations- und Informationsmedien zuzuschlagen und sie, ganz im Schema Shannons bleibend, für einen Kanal zu halten, über den eine Information von einem Sender an einen Empfänger übertragen wird.

Schreiben wir daher an, wie sich die informationswissenschaftlich gewendete Bibliothekswissenschaft die Sache vorstellt. Im Hinblick auf das Medium Buch sieht das Modell so aus:

Sender Kanal/Signal Empfänger
Autor Buch Leser

Wechselt man auf die Ebene des Metamediums Bibliothek, gibt es zwei Möglichkeiten, die Bibliothek in Shannons Schema einzutragen: zum einen in der Funktion eines Empfängers und eines Senders von Büchern, zwischen Autor und Leser tretend, funktional aber herauskürzbar oder durch einen anderen Funktionsträger wie etwa den Buchhandel ersetzbar:

Sender Kanal/Signal Empfänger
Autor Buch Bibliothek
Bibliothek Buch Leser

Und zum andern in der Funktion eines ein Signal (Buch) prozessierenden und zwischen einem Input und einem Output vermittelnden Kanals:

Sender Kanal/Signal Empfänger
Verlag/Buchhandel Bibliothek Leser
Input Bibliothek Output

2. Das Buch als besonderes Medium

Was als Schema plausibel aussehen mag, zeigt sich bei näherem Hinsehen freilich als visuelle Metapher, die an dem, was ein Buch (und damit auch eine Bibliothek) ist und zu leisten vermag, völlig vorbeigeht.13 Das wird sofort klar, wenn man sich vor Augen hält, daß Shannons Kommunikationsmodell ursprünglich das ins Bild bringen will, was beim Telephonieren geschieht: daß sich zwei Menschen über Telephonapparate, die durch eine Telephonleitung verbunden sind, miteinander unterhalten. Diese telephonische Sprechsituation ist durch drei Eigenschaften charakterisiert: Wir haben erstens eine räumliche Trennung von Sprecher (Sender) und Hörer (Empfänger) bei gleichzeitiger Kopräsenz, zweitens eine der Rückkoppelung dienende Vertauschbarkeit von Sender und Empfänger und drittens eine völlige Abhängigkeit der gelingenden Kommunikation von den technischen Möglichkeiten der Signalwandler (der beiden Telephonapparate) und der Signaltransmission im Kanal.

Nichts davon gilt für das Buch. Erstens sind im Falle des Buches Autor und Leser nicht nur räumlich getrennt, sondern auch zeitlich: Wenn und wo der Autor schreibt, ist der Leser nicht da; wenn und wo der Leser liest, ist der Autor nicht da. Daher hat das Buch zweitens auch keinen direkten Rückkoppelungskanal, der es dem Leser erlauben würde, noch während des auktoriellen Schreibens in den Schreibprozeß einzugreifen und den Text des Autors unter Übernahme der Autorfunktion eigenhändig zu korrigieren; vielmehr bleiben beide Funktionen, die des Autors und die des Lesers, getrennt, von avantgardistisch-künstlichen Schreibszenerien einmal abgesehen. Und drittens hängt die Publikation eines Buches nicht davon ab, daß ein technisches Ensemble, ein »Technikpark«,14 das Buch und seinen Text während des Schreibens und Lesens in einer benutzbaren Form hält, die durch ein »Rauschen« permanent gestört und nach dem Schreiben und Lesen sofort wieder zerfallen würde; vielmehr ist das Buch auf Technik nur insofern angewiesen, als diese dazu dient, das Buch als ein dauerhaftes Artefakt herzustellen, das solange seine Form behält und solange benutzbar bleibt, wie die Materialien, mit denen es hergestellt wurde, nicht dekomponiert werden und dadurch den Text unlesbar machen. Wer ein Buch wann und wo liest, ist von der Zeit, dem Ort und den weiteren Umständen seiner Herstellung nicht direkt abhängig. Wollte man das in ein Schema fassen, könnte man es wie folgt anschreiben:

Buch und Zeit

Kurzum: Das Buch ist weder ein Signal noch ein Kanal, sondern ein mehr oder weniger dauerhaftes Artefakt, dessen Aufgabe und Leistung darin besteht, Schriftzeichen auf Papier (oder einem anderen Werkstoff) zu fixieren und so zu einer späteren Zeit zugänglich zu machen.15 Es gehört daher in keinem seiner Züge in den Kontext jener technischen Medien, die — seit dem Telephon und über das Radio und den Fernseher bis hin zum Computer und dem Internet — elektrische, optische oder andere Signale unablässig en- und dekodieren und die Präsenz des Gesendeten davon abhängig machen, daß der Signalfluß technisch einwandfrei prozessiert wird. Es gehört vielmehr in den Kontext all jener Gegenstände, die als Artefakte persistente Produkte handwerklich-technischer Herstellung sind, zu deren Gebrauch es keines neuerlichen Einsatzes von Technik bedarf. Das Buch kann daher von einer Kommunikations- und Informationstheorie, der es um Signalflüsse und die Prozessierung von Daten geht, als Gegenstand nur verkannt werden. Um es in seiner Leistung zu erkennen, muß man es vielmehr im Rahmen der Kulturtheorie als zeichentragendes und daher bedeutsames und bedeutendes Artefakt analysieren, dessen Relevanz nur in Abhängigkeit vom jeweiligen kulturellen Kontext, in den es eingebettet ist, bestimmt werden kann.16

3. Die kulturelle Leistung des Buches

Um das, was das Buch leistet — und was daher als sein Wesen bestimmbar ist17 —, besser verstehen zu können, ist es sinnvoll, noch einmal auf die kommunikationstechnischen Systeme zu schauen, die mit Hilfe von Shannons Modell beschrieben werden können. Diese Systeme funktionieren stets nur in der und durch die Zusammenschaltung von genau drei Komponenten: einem Sender, der dafür sorgt, daß das System einen Input in Form eines Signals erhält; einem Prozessor, der den Input in gewünschter Weise wandelt; und einem Empfänger, an den der vom Prozessor gewandelte Input als Output übergeben wird. Diese drei grundlegenden Systemkomponenten werden durch zwei Kanäle miteinander verbunden und hintereinandergeschaltet.

Fragt man sich nun, wo der Prozessor innerhalb des Systems zu lokalisieren ist, lautet die Antwort, daß sowohl der Sender als auch der Empfänger über einen Prozessor verfügen müssen, damit das System überhaupt funktionieren kann. Das aber heißt, daß jedes Systemelement in sich die ternäre Struktur von Sender–Prozessor–Empfänger aufweisen und daher auch in sich das strukturbildende Element der beiden Kanäle enthalten muß.18

Das wird mit Blick auf das hinter Shannons Überlegungen stehende Modell des Telephons sofort klar: In jenem Telephonapparat, der als Sender fungiert, muß der von der Sprechmuschel aufgenommene Schalldruck von einem Prozessor in ein elektrisches Signal gewandelt werden, das über den Kanal an einen als Empfänger dienenden Telephonapparat geschickt wird, der das eingehende elektrische Signal über einen Prozessor in eine Membranschwingung verwandelt, die über die Hörmuschel des Telephons als Schall ausgegeben wird. Kurzum: Der Sender ist nicht anders als der Empfänger in sich selbst eine technische Einheit aus Empfänger–Prozessor–Sender oder aus Input–Prozessor–Output. Diese technische Einheit prozessiert Signale und verbraucht dabei Zeit, ist also eine im Hinblick auf die in den Kanälen zirkulierenden Signale fluide und im Hinblick auf den Prozessor zeitbasiert arbeitende Einheit. Sie kennzeichnet als ternäre, aus Sender–Prozessor–Empfänger bestehende und daher fluid-zeitbasiert funktionierende Struktur sowohl die Mikro- als auch die Makroebene der nachrichten- oder informationstechnischen Systeme — vom Telephon über das Radio und den Fernseher bis zum Computer und dem Internet.

Vor diesem Hintergrund wird noch deutlicher, daß das Buch, das von den informationswissenschaftlich gewendeten Buch- und Bibliothekstheoretikern bei der Adaption des Shannon’schen Modells an der Stelle des Signals oder Kanals eingetragen wurde, fehlplaziert ist. Man hätte es an der Stelle des Prozessors in die visualisierenden Schemata eintragen müssen und dann freilich sofort gesehen, daß es an dieser Position genau deshalb nichts verloren hat, weil es das absolute Gegenteil eines fluid-zeitbasiert arbeitenden Wandlers ist: kein Buch der Welt wandelt einen Text, vielmehr fixiert jedes Buch, das wirklich und wesentlich ein Buch ist, einen Text auf oder in einem Werkstoff.

Das Buch vermag das, weil es aus einem handwerklich-technischen Herstellungsprozeß hervorgeht, dessen Grundstruktur nicht ternär ist, sondern binär: Während des Herstellungsprozesses wird einer zugrunde liegenden Materie eine Form eingeprägt, so daß ein Artefakt entsteht, in dem Form und Materie eine unauflösliche Einheit bilden. Ebendiese form-materielle Einheit sorgt für die Selbständigkeit des Artefakts nach seiner Herstellung, macht jedes Buch zu einem Gegenstand, den man benutzen kann, ohne physisch an der Nabelschnur einer Druckerei, eines Verlages oder eines Autors zu hängen. Bücher sind, so können wir daher sagen, statisch-artefaktische Medien, die Texte fixieren.

Und genau aus diesem Grund ist nicht der Computer und das aus ihm herausgesponnene Internet das Globalmedium schlechthin, sondern das Buch, dessen Globalität auf seiner Lokalität aufruht. Das läßt sich leicht erklären.

Nachrichten- oder informationstechnische Medien vom Telephon bis zum Internet können immer nur als ternäre Gesamtsysteme funktionieren: ein Telephonhörer, in dem ein Input in einen Output gewandelt wird, macht alleine kein Telephon, ein Telephon alleine macht kein Telephonieren; eine Computertastatur, die den Input des Tastendrucks in den Output eines Signal wandelt, macht alleine keinen Computer, ein Computer alleine macht kein Internet. Was in diesen Mediensystemen »da« ist — das übers Telephon vermittelte Gespräch, der im Computer bearbeitete Text —, ist stets nur da, wenn das Gesamtsystem da ist und in allen seinen Komponenten wie vorgesehen funktioniert. Mit anderen Worten: Fluid-zeitbasierte Mediensysteme bilden über Kanäle vernetzte »Medienregime«,19 in dem das Gesamtsystem und die in ihm zirkulierenden Signale und Daten nur solange da ist, wie das System insgesamt in Fluß bleibt. Und weil das so ist, ist die Frage, wo beim Telephonieren das Gespräch und wo der im Computer bearbeitete Text genau ist, sinnlos: Das telephonvermittelte Gespräch ist in dem während des aktuellen Gesprächs zusammengeschalteten Apparatesystem; der mittels des Computers bearbeitete Text ist während seiner Sichtbarmachung und Bearbeitung immer zugleich im Prozessor, im Arbeits- und im Datenspeicher und auch in der Tastatur. Und zuletzt ist natürlich auch im Internet nur »da«, was in der weltweiten Zusammenschaltung seiner Komponenten verarbeitet und im Internet-System zugänglich gemacht werden kann.

Dabei hängt der Zugang zu solchen nachrichtentechnischen Mediensystemen und also ihre Reichweite davon ab, ob man an irgendeiner Stelle auf der Erde ein Gadget in Gebrauch nehmen kann, das in sich selbst die technisch notwendige ternäre Struktur aufweist und daher in der Lage ist, sich mit dem ternären Supersystem über einen Kanal zu verbinden. Das aber ist, anders als die Rede vom »globalen Internet« suggeriert, durchaus nicht an jedem Ort auf der Erde und zu jeder Zeit möglich. Denn entweder fehlen lokal die Gadgets, mit deren Hilfe man Anschluß an das globale Supersystem finden könnte; oder es fehlen lokal die Kanäle für den Zugang der Gadgets zum System.20 Wer sich auf diese Medien einläßt, muß daher damit rechnen, daß er sie nicht überall und nicht zu jeder Zeit benutzen kann und es eine halbe Benutzbarkeit dieser Medien nicht gibt: entweder hat man Zugang zum fluid-zeitbasierten medialen Supersystem und das System funktioniert in allen seinen Komponenten — oder eben nicht.

Das Buch hingegen ist als Artefakt davor gefeit, vom Strudel der stets von Dysfunktionen bedrohten nachrichtentechnischen Mediensysteme verschlungen zu werden. Einmal hergestellt, benötigt es zum Gebrauch keine weitere Technik und behält seine funktionale Gestalt solange, wie die verwendeten Materialien dauern, will sagen: Das Buch ist von seinem technisch-handwerklichen Potential her auf Sempiternität angelegt. Als solitärer Gegenstand kann es von jedem Menschen an jeden beliebigen Ort der Erde mitgenommen werden, ist also so beweglich wie der Mensch und ebenso ubiquitär wie dieser, freilich so, daß es in seiner Sempiternität die Situationsgebundenheit des menschlichen Gesprächs überwindet.21 Zugleich aber ist seine Transportabilität und Ubiquität rückgebunden an ebenjene konkreten Orte, an denen es aufgefunden und benutzt werden kann. Dadurch ist jedes Buch wie ein Monument Teil einer lokalen Kultur, in der es als Zeiger funktioniert: Es verweist stets auf einen konkreten kulturellen Zeit-Raum, dessen »Innen« es als Buch repräsentiert.22 Weil es dies aber an jedem beliebigen Ort der Welt tun kann, und weil es dies zumeist zusammen mit anderen Büchern tut, die aufeinander verweisen und in denen sich die unterschiedlichsten Aspekte der Welt insgesamt und der lokalen Kultur — samt anderer, benachbarter und entfernter Kulturen — reflektiert finden, ist das Buch das eigentlich globale Medium.

Die Globalität des Buches ist Effekt seiner Sempiternität und Ubiquität, die aus seinen statisch-artefaktischen Qualitäten entspringen. Es reiht sich damit in die Reihe jener anderen statisch-artefaktischen Medienarten ein, die zu anderen Zeiten in anderer Gestalt dieselbe Funktion wahrgenommen haben und daher eine Gattung bilden: die im Fruchtbaren Halbmond seit etwa 8 000 v. Chr. verwendeten Zählsteine, die seit rund 3 000 v.&nbap;Chr. im Zweistromland benutzten Tontafeln, die seit ebenfalls etwa 3 000 v. Chr. in Ägypten und dem Mittelmeerraum verwendeten Papyrusrollen und schließlich die im vierten Jahrhundert n. Chr. rasch in Gebrauch kommenden Pergamentkodizes, aus denen sich in der Neuzeit unser modernes, gedrucktes Buch entwickelt hat.

Das E-Buch gehört hingegen in die Gattung der fluid-zeitbasierten Medien und daher in eine mediale Artenreihe, die vom Telephon über das Radio, den Fernseher und den Computer bis hin zum Internet reicht.

4. Die kulturelle Leistung der Bibliothek

Wenn wir von zwei verschiedenen Mediengattungen ausgehen müssen, den statisch-artefaktischen und den fluid-zeitbasierten, dann müssen wir auch davon ausgehen, daß diese unterschiedlichen Mediengattungen von Gesellschaften und Kulturen unterschiedlich organisiert werden, um den Funktionen dieser Mediengattungen Rechnung zu tragen. Deklinieren wir das kurz durch.

Wenn die statisch-artefaktischen Medien als solitäre Gegenstände Eigentum von Menschen oder von Gruppen, Gesellschaften, Staaten und Kulturen werden können, dann müssen immer auch die Eigentumsrechte an diesen Medien mitorganisiert werden. Das ist historisch auch stets geschehen, und zwar in der institutionellen Form von Bibliotheken: Sie regulieren die Archivierung von und den Zugang zu den statisch-artefaktischen Medien, die in ihrer schieren Materialität das kulturelle Erbe der jeweiligen Kultur darstellen,23 ihren »Innenraum«, der in den Räumen der Bibliotheken sinnlich wahrgenommen werden kann. In diesem Innenraum werden die Artefakte akkumuliert, weil sie je für sich in ihrer materiellen Einheit und alle zusammen in ihrem gesammelten Beieinanderstehen und Auf-einander-Verweisen an einem Ort die Identität der jeweiligen Kultur repräsentieren.24 Damit vererbt sich die Sempiternität des Mediums Buch auf die Bibliothek, die ebendadurch Dauer gewinnt, daß sie die Eigentumsrechte und die Archivierung des statisch-artefaktischen Buches vom individuellen und sterblichen Besitzer ablöst und als Institution übernimmt. Und umgekehrt ist es natürlich die institutionelle Dauer der Bibliothek, die durch ihren pflegerischen Umgang mit dem Buch dafür sorgt, daß dessen Sempiternität geschützt wird und ins Bewußtsein treten kann.

Daher ist der Bestand einer Bibliothek, also das Insgesamt der von ihr bereitgehaltenen statisch-artefaktischen Medien, immer auch ein Fingerzeig auf den Bestand einer Kultur, die sich in diesen Medien reflektiert findet und ihre überzeitliche Identität gewinnt. Wir bewegen uns auf der Basis der statisch-artefaktischen Medien daher in unserem kulturellen Gedächtnis, das unser kommunikatives Gedächtnis — also all das, was wir an aktueller Überlieferung alltagsnah erinnern und worüber wir uns mit anderen im direkten Gespräch austauschen können — bei weitem übersteigt und mit diesem nur teilsynchron läuft, bisweilen ihm gegenüber sogar eine »anachrone Struktur« aufweist, die Vergangenes als solches beharrlich festhält und daher dem Meinen und Für-wahr-Halten einer Gegenwart konflikthaft widersprechen kann.25

Die fluid-zeitbasierten Medien hingegen sind technische Systeme, für die Akkumulationsprozesse keine Rolle spielen, sondern die Akzeleration und Vergrößerung der Reichweite des technischen Gesamtsystems der relevante Faktor ist. Wo man bei den statisch-artefaktischen Medien gelassen auf einen Bestand schauen kann, kennzeichnet die fluid-zeitbasierten Systeme eine Unruhe, die nicht nur durch die systemischen, den Signal- und Datenverkehr kontrollierenden, steuernden und stets ausweitenden Prozessoren verursacht wird, sondern auch dadurch, daß das Eigentumsrecht im Hinblick auf die in fluid-zeitbasierten Mediensystemen zirkulierenden Signale und Daten versagt. Sie werden daher auch nicht durch das Eigentumsrecht reguliert und organisiert, sondern durch Nutzungslizenzen kontrolliert, die die Reichweite der fluid-zeitbasierten Medien in Form von kollektiven Zugängen zu diesen Systemen je nach Bedarf begrenzen oder ausweiten. Mit anderen Worten: Der Prozessor, der den Durchsatz und die Wandlung der Signale und Daten reguliert, kehrt auf allen technischen Ebenen der fluid-zeitbasierten Medien zusammen mit den vernetzenden Kanälen wieder und formiert sie insgesamt zu kybernetischen und also Steuerungsmedien, die ebendeshalb für gouvernementale Prozesse so interessant sind.26

Es versteht sich, daß die Politik ein Interesse daran hat, ihren Steuerungsbereich auszuweiten und daher auch die Bibliotheken zum Element einer von ihr im Hinblick auf den ökonomischen Nutzen kontrollierten Informationsinfrastruktur zu machen. Dieses Interesse meldete sich spätestens 1996, als die damalige Bundesregierung ein Programm verabschiedete, das schon im Titel »Information als Rohstoff für Innovation« betrachtete,27 und es manifestiert sich in neueren Strategiepapieren so, daß man sich ganz offen an eine Gesamtplanung der nationalen Informationsinfrastruktur macht,28 die von den Bibliotheksverbänden bereitwillig als »Gestaltung von Zukunftsfelder[n]« aufgenommen wird.29 Selbst wenn man in diesen nationalen — und sicherlich bald auch globalen — Informationsinfrastrukurplänen noch ein Restbewußtsein davon zu erkennen gibt, daß die Rolle der Bibliotheken ineins mit der kulturellen Rolle des Buches aufgrund seiner statisch-artefaktischen Eigenschaften und Funktionen darin besteht, kulturelle Sinnstiftung zu ermöglichen, bleibt dieses Restbewußtsein für die in den Infrastrukturplänen aufgelisteten konkreten Aktionsfelder ohne alle Relevanz.30 Man kann das nicht zuletzt daran ablesen, daß auf der Basis solcher Strategiepapiere und Infrastrukturpläne die besonders ehrgeizigen bibliothekarischen Einrichtungen auch terminologisch nicht mehr als »Bibliotheken« firmieren wollen, sondern sich neue Namen gegeben haben — KIM, kiz, IKMZ —, in denen offenbar das Interesse maßgeblich ist, den semantischen Anschluß an die zukunftsverheißende »Information« und damit an die digitale Postmoderne auf keinen Fall zu verpassen.31

Mit dem, was Bücher und Bibliotheken von sich her sind, hat das nichts zu tun.


Die vorstehenden Ausführungen gehen zurück auf einen Vortrag, den ich am 7. Februar 2023 am Institut für Buchwissenschaft der Universität Mainz in Tobias Christs Oberseminar über »Bibliotheken als Institutionen der Buchkultur« gehalten habe. Ich danke Tobias Christ für die Einladung und für den Anstoß, den frei gehaltenen Vortrag zum lesbaren Text werden zu lassen.

Erstveröffentlichung: Jahrbuch für Buch- und Bibliotheksgeschichte 8 (2023), S. 123–141.

Anmerkungen

  1. Die Tagungsreferate sind zu finden in Werner Krieg (Hrsg.): Bibliothekswissenschaft. Versuch einer Begriffsbestimmung in Referaten und Diskussionen bei dem Kölner Kolloquium (27.–29. Oktober 1969). Köln: Greven, 1970. 

  2. Das wurde sechzehn Jahre nach dem Kölner Kolloquium zum Motto einer weiteren Tagung: Paul Kaegbein (Hrsg.): Bibliothekswissenschaft als spezielle Informationswissenschaft. Probleme und Perspektiven. Frankfurt am Main u. a.: Lang, 1986. 

  3. Claude Elwood Shannon: A mathematical theory of communication. In: The Bell Systems Technical Journal 27 (1948), S. 379–423, 623–656. Diese Publikation fand dann Eingang in den gemeinsam mit dem Mathematiker Warren Weaver ein Jahr später veröffentlichten und seither viele Male neu aufgelegten Band Claude Elwood Shannon / Warren Weaver: The mathematical theory of communication. Urbana [u. a.]: University of Illinois Press, 1949. 

  4. In der deutschen Übersetzung des Textes von Shannon liest man es so: Daß Nachrichten eine Bedeutung haben, stehe »nicht im Zusammenhang mit den technischen Problemen.« Claude Elwood Shannon: Die mathematische Theorie der Kommunikation. In: Claude Elwood Shannon / Warren Weaver: Mathematische Grundlagen der Informationstheorie. Wien: Oldenbourg, 1976, S. 41–143, hier S. 41. 

  5. Die historischen Untiefen des Informationsbegriffs sind aufgearbeitet in der klassischen Arbeit von Rafael Capurro: Information. Ein Beitrag zur etymologischen und ideengeschichtlichen Begründung des Informationsbegriffs. München [u. a.]: Saur, 1978. 

  6. Rolf Kluth: Bibliothekswissenschaft als Kommunikationswissenschaft. In: Krieg (Hrsg.): Bibliothekswissenschaft (wie Anm. 1), S. 109–130. 

  7. Ebd., S. 109: Aus der Kommunikationswissenschaft sei »der Bereich der Kommunikations- und Nachrichtentechnik auszuklammern«, die Termini der Nachrichtentechnik würden innerhalb der Kommunikationswissenschaft »als Metaphern verwendet«. 

  8. Ebd., S. 122. 

  9. Siehe Robert M. Hayes / Joseph Becker: Information storage and retrieval. Tools, elements, theories. New York: Wiley, 1963. Hayes wirkte direkt und sofort auf die deutsche Debatte, indem sein auf der -Generalversammlung im August 1969 gehaltener Vortrag über »Information science in librarianship« von Horst Kluth unmittelbar rezipiert und in seinen im Oktober 1969 gehaltenen Kölner Vortrag zustimmend und mit Schaubild eingebaut wurde. 

  10. Joseph Carl Robnett Licklider: Libraries of the future. Cambridge, Mass.: M.I.T. Press, 1965, S. 5 f. Die in den 1960er Jahren stattfindende Umbildung der bibliothekarischen Theorie war in einen größeren politischen Kontext eingebunden, der den neuen informationswissenschaftlichen Blick auf die Bibliothek attraktiv — weil an die vom Staat gewünschte Optimierung der wissenschaftlichen Informationsflüsse anschließbar — machte. Zur Rekonstruktion dieser Hintergründe Uwe Jochum: Hermeneutik, Dekonstruktion und Information. In: Bibliothek, Forschung und Praxis 18 (1994), S. 104–110 und Uwe Jochum: Die Selbstabschaffung der Bibliotheken. In: Uwe Jochum / Armin Schlechter (Hrsg.): Das Ende der Bibliothek? Vom Wert des Analogen. Frankfurt am Main: Klostermann, 2011 (Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie; Sonderband 105), S. 11–26. Diese zeitgeschichtliche Umbildung ist wiederum in eine »longue durée« eingebettet. Dazu Uwe Jochum: Bibliotheksutopien. In: Verband der Bibliotheken des Landes Nordrhein-Westfalen: Mitteilungsblatt 44 (1994), S. 279–292 und Uwe Jochum: Medienkörper. Wandmedien, Handmedien, Digitalia. Göttingen: Wallstein, 2014. 

  11. So findet sich in Walther Umstätter: Lehrbuch des Bibliotheksmanagements. Stuttgart: Hiersemann, 2011, S. 6 die Kurzform des Shannon’sche Schaubildes samt einer Erklärung des Informationsbegriffs, der freilich im Hinblick auf den Widerspruch zwischen seiner rein kommunikationstechnischen und seiner alltagssprachlichen Bedeutung vage gehalten wird. In Konrad Umlauf: Theorie der Bibliothek. In: Konrad Umlauf / Stefan Gradmann (Hrsg.): Handbuch Bibliothek. Geschichte, Aufgaben, Perspektiven. Stuttgart, Weimar: Metzler, 2012, S. 25–32 ist auf S. 26 die Rede von einem »content-orientierte[n] Verständnis von Informationsmanagement«, und in Konrad Umlauf (Hrsg.): Grundwissen Medien, Information, Bibliothek. Stuttgart: Hiersemann, 2016 wird auf S. 3 schlicht staturiert, der bibliothekswissenschaftliche Informationsbegriff sei »inhaltsbezogen«. Hermann Rösch / Jürgen Seefeldt / Konrad Umlauf: Bibliotheken und Informationsgesellschaft in Deutschland. Eine Einführung. Wiesbaden: Harrassowitz, 2019 verbalisieren auf S. 5 f. das Shannon’sche Sender–Kanal–Empfänger–Schema und betrachten eine »Information« als eine »Mitteilung« von Teilen »subjektiven Wissens«. 

  12. Die Sache und damit den Unterschied, um den es hier geht, hat Peter Janich: Was ist Information? Kritik einer Legende. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 2006 ausführlich behandelt. 

  13. Eine eingehende Kritik der für Shannon erkenntnisleitenden Metapher der »Informationsübertragung« jetzt bei Jakob Krebs: Uninformative Information. Informationsübertragung als irreführende Leitmetapher der Informationsgesellschaft. Bielefeld: transcript, 2019. Krebs weist zurecht darauf hin, daß die Übertragungsmetapher schon deshalb verfehlt ist, weil »dem Sender ja nichts fehlt, obwohl der Empfänger etwas entgegengenommen haben soll.« (S. 11 u. S. 39 f.) Berücksichtige man außerdem, daß sich die Informativität eines Ereignisses nur relativ zum Interpreten bestimmen läßt, werde die Annahme einer Übertragung von was auch immer erst recht falsch: »Ein echter Transfer kann nicht festgestellt werden, wenn sich das Empfangene nur relativ zum Vorwissen des Empfängers bestimmen lässt. Wenn Verschiedenes empfangen werden kann, während nur eine Sendung vorliegt, ist es begrifflich widersinnig, eine Übertragung zu behaupten.« (S. 179) 

  14. Jochum: Medienkörper (wie Anm. 10), S. 40. 

  15. Zum Buch als Artefakt ausführlich Uwe Jochum: Lesezeug. Das Buch zum Buch. Heidelberg: Winter, 2021. Außerdem Michael Schikowski: Warum Bücher? Buchkultur in Zeiten der Digitalkultur. Frankfurt am Main: Bramann, 2013 und Roland Reuß: Die perfekte Lesemaschine. Zur Ergonomie des Buches. Göttingen: Wallstein, 2014. 

  16. Armin Schlechter: Textträger, archäologisches Objekt und historischer Mosaikstein. Was bleibt vom Alten Buch? In: Jochum / Schlechter (Hrsg.): Das Ende der Bibliothek? (wie Anm.  10), S. 101–114. 

  17. Ich spiele hier natürlich auf die aristotelische Bestimmung des Wesens einer Sache an, wie sie Aristoteles vor allem im siebten und zwölften Buch seiner Metaphysik reflektiert hat: Was etwas ist, ist nicht durch seine Gestalt gegeben, die durch die Einprägung einer Form in eine Materie erreicht wird, sondern durch das, was diese Gestalt »leistet«, was sie »kann«, welchem Zweck sie dient oder welche Funktion sie erfüllt. Die in einer Gestalt realisierte »Leistung« einer Sache ist ihr ergon, ihr »Werk«, das etwas vermag oder dem ein Potential innewohnt, eine dynamis, die man im konkreten Umgang mit der Sache im Vollzug als ihre energeia erkennen kann. Dazu Arbogast Schmitt: Denken ist Unterscheiden. Eine Kritik an der Gleichsetzung von Denken und Bewusstsein. Heidelberg: Winter, 2020, S. 82–97. 

  18. Daß Computer im Unterschied zu Telephon und Fernseher über einen programmierbaren Prozessor verfügen, kann hier außer Betracht bleiben: Es geht mir um die Unterschiede auf seiten der Hardware. 

  19. Dieter Mersch: Ordo ab chao. Order from Noise. Zürich: Diaphanes, 2013, S. 34 f. 

  20. Dieses Fehlen von Zugangsmöglichkeiten ist weder eine allein technische noch eine allein ökonomische Frage, sondern eine eminent politische und zugleich eine für unser Weltverständnis insgesamt metaphysische. Uwe Jochum: Kritik der Neuen Medien. Ein eschatologischer Essay. München: Fink, 2003, S. 40–50 und ders.: Landnahme. Ein Essai. Wien: Karolinger, 2022, S. 59–74. 

  21. Dazu und zum Unterschied von mündlicher, schriftlicher und monumentaler Kommunikation Jan Assmann: Im Schatten junger Mädchenblüte. Ägypten und die Materialität des Zeichens. In: Hans Ulrich Gumbrecht / K. Ludwig Pfeiffer (Hrsg.): Materialität der Kommunikation. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1988, S. 141–160, hier S. 151. 

  22. Jochum: Lesezeug (wie Anm. 15), S. 15–17. 

  23. Robert Hauser: Der Modus der kulturellen Überlieferung in der digitalen Ära. Zur Zukunft der Wissensgesellschaft. In: Caroline Y. Robertson-von Trotha / Robert Hauser (Hrsg.): Neues Erbe. Aspekte, Perspektiven und Konsequenzen der digitalen Überlieferung. Karlsruhe: KIT Scientific Publishing, 2011, S. 15–38, hier S. 19. 

  24. In diesem Sinne ist die Bibliothek das »Metamedium« des Buches. Siehe Markus Krajewski: Die Bibliothek als Meta-Medium. In: Umlauf / Gradmann (Hrsg.): Handbuch Bibliothek (wie Anm. 11), S. 81–89. 

  25. Dazu Jan Assmann: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen. München: Beck, 1992, S. 24, 227 u. vor allem S. 280–292. 

  26. Dazu James R. Beniger: The control revolution. Technological and economic origins of the information society. Cambridge, Mass.: Harvard University Press, 1986. Wie Vernetzung über eine Ausweitung der Kanäle läuft und eine kybernetische Kontrolle der gesellschaftlichen Prozesse intendiert, ist dargestellt bei Mersch: Ordo ab chao (wie Anm. 19), hier S. 23–30 u. S. 78. Leider unterscheidet Mersch nicht zwischen kybernetischen im Sinne von fluid-zeitbasierten Medien, die nur als technische Gesamtsysteme funktionieren können, und statisch-artefaktischen Medien, die ohne Einbindung in technische Gesamtsysteme auskommen. Daß am Anfang der zivilisatorischen Geschichte die gouvernementale Steuerung durch statisch-artefaktische Medien vorgenommen wurde — siehe Uwe Jochum: Bücher. Vom Papyrus zum E-Book. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 2015, Kap. 2 —, ist ein uneigentlicher Mediengebrauch. Sobald ein neues Medium zur Verfügung steht, das den intendierten Zweck der Steuerung besser verwirklicht, verschwindet der uneigentliche Gebrauch des alten Mediums und geht vollständig auf das neue Medium über. Die Geschwindigkeit, mit der das geschieht, indiziert das Maß der Uneigentlichkeit. 

  27. Information als Rohstoff für Innovation. Programm der Bundesregierung 1996–2000. Bonn 1996. 

  28. Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur: Gesamtkonzept für die Informationsinfrastruktur in Deutschland. Empfehlungen der Kommission Zukunft der Informationsinfrastruktur im Auftrag der Gemeinsamen Wissenschaftskonfe- renz des Bundes und der Länder. O. O., 2011. 

  29. Deutscher Bibliotheksverband: Wissenschaftliche Bibliotheken 2025. Berlin, 2018, S. 2. 

  30. Dieses Restbewußtsein zeigt sich in den Einleitungen, die den Aktionsplänen der Strategiepapiere vorgeschaltet sind. Dort ruft man noch einmal die historische Rolle der Bibliotheken und ihre Aufgabe als Einrichtungen zur Wahrung eines kulturellen Bestandes auf, um sie aber als historisch obsolet werdende Aufgabe im Rest der Strategiepapiere beiseite zu schieben. Siehe etwa ebd., S. 3–5 als Beispiel für eine solche relevanzlose Pflichterinnerung. 

  31. Hier die Auflösung der Worträtsel: KIM = Kommunikations-, Informations,- [und] Medienzentrum (Universität Konstanz, Universität Hohenheim); kiz = Kommunikations- und Informationszentrum (Universität Ulm), IKMZ = Informations-, Kommunikations- und Medienzentrum (Technische Universität Cottbus).