Das Gleichnis vom Unkraut und den Weizen wird gerne herangezogen, wenn es um das für Christen angemessene Verhalten gegenüber dem Bösen geht. Denn es paßt überaus trefflich in jene Perspektive, die der Leser des Matthäusevangeliums schon von der Bergpredigt her kennt: Was dort prominent als eine Ethik der Sanftmut vorgeführt wird (Mt 5,5), die in der Feindesliebe kulminiert (Mt 5,44) und folglich auch keine Anstalten macht, sich dem Bösen zu widersetzen (Mt 5,39), um endlich die Frage des Gerichts und also das Urteil über Gut und Böse überhaupt zu sistieren (Mt 7,1), wird in dem wirkmächtigen Gleichnis adäquat umgesetzt: Das Unkraut, das vom »Feind« gesät wurde, wird auf dem Acker nicht ausgejätet, damit nicht etwa das Unkraut zusammen mit dem Weizen ausgerissen wird; vielmehr soll beides bis zur Ernte stehenbleiben, und dann erst wird das Unkraut verbrannt, der Weizen aber gesammelt (Mt 13,24–30).
Man kann das als eine Warnung vor ebenjenen ideologischen Fanatismen lesen, die in einer Umkehrung des mephistophelischen Prinzips zwar das Gute wollen, aber stets das Böse schaffen. Und man kann daraus den Schluß ziehen, daß es am besten sein wird, wenn wir in unserer unübersichtlichen Welt es Gott überlassen, wen er für gut oder böse hält. Und das wiederum hieße konkret: Bei Gott darf alles wachsen, und wir Menschen schauen dem einfach zu und geben »den ganzen Acker, das ganze menschliche Leben Gott in die Hände […] Mehr brauchen wir nicht.«1 Das läuft auf einen christlichen Pazifismus hinaus, der sich darüber freut, daß Gottes Sonne gleichermaßen über Gute und Böse aufgeht und Gottes Regen auf die Gerechten und die Ungerechten fällt (Mt 5,45).
Ganz offensichtlich hängt die Validität des Gleichnisses davon ab, daß es die andere Seite, die des »Feindes«, ausblendet und davon absieht, daß der es bis zum Äußersten treiben könnte: bis zur Extermination aller Guten. In der Bildsprache des Gleichnisses gesprochen: Es rechnet nicht damit, daß ein Acker dermaßen verkrauten kann, daß er keine Frucht mehr bringt. Unter dem Aspekt des Eschaton mag das eine vernachlässigbare Dimension der geschichtlichen Wirklichkeit sein; unter dem Aspekt des laufenden Äons aber macht es einen dramatischen Unterschied, ob wir auf dem Weltacker dafür sorgen, daß das Böse nicht überhand nimmt, oder ob wir die Dinge laufen lassen und dann erschreckt feststellen müssen, daß nicht die Bösen am Ender aller Zeiten im »Feuerofen« landen, sondern die Guten von ihren Feinden schon übermorgen gekeuzigt, gerädert, gevierteilt, vergast oder verbrannt werden.
Ebendiese Fokussierung des Gleichnisses vom Unkraut auf die eschatologische Heilsperspektive macht es untauglich als Lehrstück für eine christliche Alltagsmoral, die auf die realen Widrigkeiten dieses Äons angemessen reagieren muß. Allenfalls taugt es auf einer individualpsychologischen Ebene zu der Ermahnung, daß auch ein Christ damit rechnen sollte, daß er nicht der Weizen ist, für den er sich halten mag, sondern das Unkraut, das im »Feuerofen« verbrannt wird. Womit sich die Frage verschärft, wie denn von einem Christen in der realen Konflikt- und Aggressionslage dieser Welt zu handeln sei, zumal dann, wenn er aus seinem Glauben an Christus den Impuls gewinnen möchte, im jeweils aktuellen Jetzt als »Gottes Mitarbeiter« (1 Kor 3,9) tätig zu werden.
Was es für welthaftes Handeln im Hinblick auf die Verhinderung des Bösen und die Ermöglichung des Guten braucht, weiß das Neue Testament und weiß Jesus nun aber durchaus. Denn eines ist es, nicht selbst aggressionsfördernd zu handeln, ein anderes aber, sich selbst wehrlos zu machen und das Böse nicht zu verhindern. In der Sprache Jesu: Wer sich als Schaf unter die Wölfe begibt, muß sich dabei nicht auch noch dumm anstellen, sondern muß so klug sein wie die Schlangen (Mt 10,16).
Was das konkret heißen kann, zeigt ein ob seiner brutalen Nüchternheit gerne überlesenes Gleichnis im Lukasevangelium. Dort gibt es einen ungerechten Verwalter, der seinen Herrn betrügt und angesichts der Betrugsvorwürfe den Schuldnern des Herrn einen Teilschuldenerlaß gewährt und sich damit bei den Schuldnern empfehlen will; denn er hofft offenbar, sie würden zu seinen Gunsten vor dem Herrn aussagen. Das Gleichnis endet mit dem kommentierenden Wort Jesu: »Der Herr lobte den ungerechten Verwalter, weil er klug gehandelt hatte. Die Söhne dieser Weltzeit sind nämlich klüger gegen ihresgleichen als die Söhne des Lichts.« (Lk 16,8) Man kann das so übersetzen: Falsch ist moralische Prinzipientreue um jeden Preis, richtig ist ein situationsadäquates Handeln, das das Konfliktpotential entschärft und dabei ebenjene Instrumente nutzt, die in der konkreten Lage bereitstehen; hier also: das Geld nutzt, um durch Reißen der Betrugsgrenze eine Situation zu deeskalieren — gleich, ob das nun dem betrügerischen Deeskalateur selber nutzt oder nicht (in diesem Fall nutzt es ihm).
Natürlich kann man das Gleichnis auf die übliche Linie der Evangelienauslegung bringen. Danach zielt es auf eine Umverteilung von Reichtum unter den Armen, indem diesen eine Teilschuld erlassen wird. Das heißt freilich, das ausdrückliche Lob des Herrn für die Klugheit des Verwalters auszublenden: Er wird nicht für klug gehalten, weil er umverteilt, sondern weil er sich mit dem Geld eines anderen bei den Schuldnern in betrügerischer Weise angenehm zu machen versucht, die den ursprünglichen Vorwurf, er verschleudere den Besitz des Herrn, dank dieser Bestechungsmaßnahme entkräften werden. Das in der Tat ist eine sehr eindrückliche Schlangenklugheit.
Nun läßt sich allerdings nicht jeder Konflikt mit Bestechungsgeld aus der Welt schaffen. Oft genug ist es nötig, den Konflikt durchzuhalten und eine Entscheidung zwischen richtig und falsch zu treffen und dann das Richtige auch durchzusetzen. Und hier zeigen sich nun die frühen Christengruppen in ihrer menschlich-allzumenschlichen Unzulänglichkeit: Es gibt unter ihnen nicht nur allerlei Eitelkeiten, sondern auch Streit und Zorn (2 Kor 12,20), und ebenso scheinen üble Nachrede und Lüge ein Alltagsproblem unter den Christen gewesen zu sein (Kol 3,8f.). Natürlich ist auch hier die erste Reaktion das ermahnende Zureden im Hinblick auf den »Frieden Christi« und die Agape als eines »Bandes der Vollkommenheit« (Kol 3,14f.). Wenn aber das besänftigende Reden nichts nützt, finden wir eine härtere Tonart: Als der Apostel Paulus in Korinth eine zerstrittene Gemeinde vorfindet (1 Kor 3,1–7) und sein Apostolat in Frage steht, reagiert er gereizt und droht damit, »keine Schonung zu üben« und »Strenge zu gebrauchen« (2 Kor 13,2.10).
Was das heißen kann, zeigt sich ebenfalls in Korinth. Dort gibt es nämlich einen Fall von »Blutschande« (pornē), die darin besteht, daß ein Gemeindemitglied »die Frau seines Vaters hat« (1 Kor 5,1). Das Urteil des Apostels erfolgt prompt und eindeutig: Der Mann soll aus der Gemeinde ausgeschlossen und »dem Satan übergeben« werden (1 Kor 5,2.5). Diese starke Grenzziehung gilt nun aber nicht nur für Blutschande, sondern, wie der Apostel sogleich ausführt, auch für andere Arten unchristlichen Verhaltens, von denen Paulus explizit aufzählt »Habsucht«, »Götzendienst« (Bildverehrung, Idololatrie), »Lästerung«, »Saufen« und »Raub« (1 Kor 5,11). Der Passus endet in dem starken und dem Gleichnis vom Unkraut diametral entgegengesetzten Wort: »Schafft den Bösen weg aus eurer Mitte!« (1 Kor 5,13)
Die Drastik dieser Maßnahme kann gar nicht deutlich genug herausgestellt werden: Die Übergabe an den Satan ist eine Fluchformel, die nichts anderes als den Tod des Verfluchten intendiert.2 Seine Energie bezieht der Fluch aus dem »Zorn Gottes«, der angesichts der menschlichen Verfehlungen entbrennt und der über den Verflucher auf den Verfluchten gelenkt wird (Röm 1,18–2,16). Natürlich ist an dieser Stelle das Caveat eingebaut, daß der Vollzug des Zornes in Form von Rache nicht Sache des Menschen, sondern daß es Gottes Sache ist, Zorn und Rache zu üben (Röm 12,19). Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß der Blutschänder in Korinth jetzt schon (und nicht irgendwann oder nie) aus der Gemeinde ausgeschlossen wird — und danach die Folgen des Ausschlusses Gott anheimgestellt sind (1 Kor 5,13). Um es klar zu sagen: Der Heilstod des Sünders ist Gottes Sache, aber Paulus läßt keinen Zweifel daran, daß der Sünder den Ausschluß aus der Gemeinde verdient hat und daß dieser Ausschluß auch zu vollziehen ist.
Nimmt man das alles zusammen, läuft es darauf hinaus, anzuerkennen, daß das Zusammenleben der Menschen und folglich auch der Christen durch einen Komplex widriger thymotischer Energien gestört wird, die zwischen die beiden Pole der göttlichen Gnade (Heilspol) und des göttlichen Zorns (Unheilspol) eingespannt sind. Diese äußersten Pole sind dem Menschen unverfügbar, verfügen aber kann und muß er über eine Urteilskraft, die in einer konkreten Lage über den gemeinschaftsgefährdenden Sünder ein Urteil spricht, so wie es Paulus ja in wünschenswertester Deutlichkeit tut (1 Kor 5,3). So wie der Herrenbruder Jakobus als Leiter der Jerusalemer Gemeinde in einer ganz anderen Lage ebenso selbstverständlich ein Urteil spricht (Apg 15,19). Es sind Urteile, die immer dann gefällt werden müssen, wenn auch in der christlichen Gemeinde das gute Zureden und das vom Geist erfüllte Gut-Tun (Gal 6,1–10) an ein Ende gekommen sind und die Agape nicht (mehr) fruchtet.
Das hat übrigens auch Jesus so gesehen und praktiziert. Mit der Tempelreinigung (Mk 11,15–19 parr) vollzieht er ein öffentliches Urteil über den Tempelkult in Jerusalem, und laut dem Johannesevangelium benutzte er dazu eine Geißel aus Stricken (Joh 2,15). Und als Petrus endlich zu begreifen scheint, daß die Nachfolge Jesu kein Weg zu weltlichem Ruhm ist und er Jesus deshalb zur Rede stellt, antwortet Jesus mit ebenjenem Fluchwort, mit dem Paulus in Korinth operiert: »Geh hinter mich, Satan«, sagt Jesus zu Petrus (Mk 8,31–33 parr). Auch hier also: Der Zorn klärt durch die in ihm wohnende Ernergie die Lage und ermöglicht im Handeln eine Grenzziehung, die Freund und Feind trennt. Wer als Christ auf dem christlichen Weg bleiben will, tut gut daran, sich an diesen Sachverhalt beizeiten zu erinnern.
Der vorstehende Text wurde zuerst am 8. September 2026 auf dem Blog »Theologie dissidens« veröffentlicht, der einer »dissidenten Theologie« (aus allen Konfessionen) eine Plattform bietet und von dort aus die Lage, wie sie ist, beleuchtet. Denn: »Ein Riss geht durch die Gegenwart.«