Der Frontmann der »Bewegung« (Astroturfing II)

Geschrieben von Uwe Jochum am 1.8.2017

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Uwe Jochum

Wissenschaftlicher Bibliothekar

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Jede »Bewegung« braucht einen Beweger, und den am besten in Form eines Frontmanns, der das Publikum begeistert mitreißt. Im Falle der »Bewegung«, die auf den Namen »Open Access« hört, ist dieser Frontmann leicht auszumachen: Es ist Peter Suber. Seit dem Jahr 2001, in dem er in Budapest an jener inzwischen legendären Konferenz teilnahm, auf der die »Budapest Open Access Initiative« mit einer öffentlichen »Erklärung« — die nichts erklärt, aber vieles ankündigt — in Gang gesetzt wurde, liefert er unermüdlich schreibend und auf Konferenzen sprechend die Stichworte, die »Open Access« in Wissenschaft und Politik empfehlen sollen. Das geht bei ihm weit über das übliche Argument hinaus, wonach »Open Access« der Ausweg aus der »Zeitschriftenkrise« sei; vielmehr ist für Suber »Open Access« längst ein Universalmittel zur Lösung aller möglichen gesellschaftlichen Fragen geworden: »Open Access«, sagt Peter Suber, beschleunige die Forschung ganz enorm, mache Journalisten das Leben leichter, helfe der Industrie, Arbeitsplätze zu schaffen und produktiver zu werden, bringe den Steuerzahlern eine maximale Rendite ihrer enormen Investitionen in staatlich finanzierte Wissenschaft — und wem das noch nicht genügt, dem erzählt Suber, daß »Open Access« sogar ein Mittel zur Bewältigung humanitärer Katastrophen sei und Leben retten könne.

Drawing[Abb. 1: Peter Suber rettet Leben. Quelle: Lilian Thorpe, via Wikimedia Commons.]

Begonnen hat Suber beruflich freilich nicht als Retter der Welt, sondern als Stand-up Comedian. Das war um die Zeit seiner beiden Promotionen, einer in Philosophie und einer in Jura, in den Jahren von 1978 bis 1982. Aus dem Comedian wurde dann aber nichts, vielmehr übernahm Suber im Jahr 1982 eine Professur für Philosophie am Earlham College in der Kleinstadt Richmond, Indiana, wo er nebenher auch »Computer Science« und Jura lehrte. Das paßt sicherlich gut in das Profil von Earlham, das seine »reputation for excellent teaching« gebührend herausstellt. Was nichts anderes heißt, als daß das Earlham College eine jener vielen amerikanischen, auf Undergraduates ausgerichteten Hochschulen ist, die ihre Studenten nur bis zum »Bachelor« führen. Bestimmt macht das Earlham College seine Sache nicht schlecht, aber man darf doch darauf hinweisen, daß wir hier von einer Einrichtung reden, deren intellektuelle Potenz irgendwo zwischen der deutschen gymnasialen Oberstufe und den Einführungssemestern einer deutschen Universität anzusiedeln ist. Ein Ort akademischer Forschung und intellektueller Höchstleistung ist Earlham nicht, und das mag ein Grund dafür sein, daß Peter Suber in den rund zwanzig Jahren seiner Tätigkeit als Professor an diesem College laut »Philosopher’s Index« gerade einmal acht buchenswerte Veröffentlichungen in die Welt geschickt hat, darunter zwei Rezensionen und eine Bibliographie. Das war für das Earlham College allemal genug, nicht aber für eine Karriere in Harvard.

Nach Harvard führen indessen auch andere Wege als die der akademischen Exzellenz. Am Earlham College begann Suber nämlich 1996 mit dem Aufbau einer Website für Philosophisches, dem »Guide to Philosophy on the Internet«, und das hat ihm in jenen Jahren, als Google noch nicht die Suchmaschine für alles und jeden war, durchaus Reputation verschafft, freilich keine intellektuelle, sondern eine als Organisator von Wissenschaft. Jedenfalls listete ihn das längst eingegangene Magazin Lingua franca im Jahre 1999 eben wegen dieser von ihm betriebenen Website als einen der zwanzig »Innovatoren« und »Bilderstürmer« im »elektronischen Universum«, von dem man irgendwie eine Vorreiterrolle beim »societal change« erwartete. Ganz oben stand er auf dieser Liste nicht, vielmehr mußte er sich mit dem Platz des Drittletzten begnügen, aber was macht das schon, war die Liste doch eh nur »highly eclectic«. Nun, diese Art von Eklektizismus genügte am Ende der 1990er Jahre, um Suber stärker mit ebenjenen Kreisen in Verbindung zu bringen, die über das Internet eine gesellschaftliche Veränderung — oder sollen wir sagen: Revolution? — herbeiführen wollten, und so wundern wir uns nicht, daß er im Jahre 2001 in Budapest bei der von George Soros finanzierten »Budapest Open Access Initiative« mitmischte.

Drawing[Abb. 2: George Soros rettet die Welt. Quelle: Frank Plitt, via Wikimedia Commons.]

Budapest war die Wende in Subers Leben. Über Nacht wurde er von einem Wenig- zu einem Vielschreiber, der sich, die Metapher stimmt, der »Open-Access«-Sache mit Haut und Haaren verschrieb und dann auch gleich noch als Organisator derselben zu agieren begann: Das »Bathesda Statement« aus dem Jahr 2003 hat Peter Suber nicht nur auf einer Website des Earlham College untergebracht, sondern er gibt sich am Ende des Statements auch als Sammler von Kommentaren zu diesem Statement zu erkennen und mithin als guter Organisationsgeist im Hintergrund. Daß er im Jahr 2003 seinen »Guide to Philosophy on the Internet« einstellte, markiert seinen endgültigen Wechsel von der Wissenschaft (Philosophie) zur Wissenschaftsorganisation, denn seit 2003 arbeitet er, wie es auf der Website von Hardvards »Office for Scholarly Communication« so schön heißt, »full-time on open access«, oder, wie es anderswo heißt, als ein »highly effective behind-the-scenes advocate«. Was das bedeutet, kann man erahnen, wenn man auf der Homepage von Suber sich die Liste seiner vergangenen und »current affiliations« anschaut: Wir sehen dort einen rastlosen Netzwerker, der unablässig Strippen zieht und Initiativen aus der Taufe hebt.

Das hat sich für Suber schließlich ausgezahlt, denn im Jahre 2009 wurde er, wenn den Netzquellen zu trauen sein sollte, zunächst Fellow am »Berkman Klein Center for Internet and Society«, an der »Harvard Law School Library« und am »Harvard Office for Scholarly Communication«, zu dessen Direktor er alsbald ernannt wurde. Seither kann Suber mit einer Festanstellung in Harvard das tun, was seine Lebensaufgabe zu sein scheint: Nicht nur in Harvard selbst eine »Model Open Access Policy« durchsetzen helfen, sondern die »Open-Access«-Chose dann auch gleich noch weltweit voranbringen, auf der sehr kommoden Basis eines von der Harvard-Universität betriebenen »Office« (nur zur Erinnerung: Harvard verfügt über ein Vermögen von weit über 30 Milliarden US-Dollar; das ist in etwa der Betrag, den die Bundesrepublik pro Jahr zur Finanzierung aller ihrer Hochschulen zur Verfügung stellt). Und so zieht Peter Suber, mit dem Geld von Harvard und mit dem akademischen Adelsprädikat der Zugehörigkeit zu Harvard ausgestattet, von Konferenz zu Konferenz und verkündet die frohe Botschaft von »Open Access«.

Drawing[Abb. 3: Der Don rettet die Phantasie. Quelle: B.O. Flower, via Wikimedia Commons.]

Eine kleine Ahnung von Philosophie scheint Suber bei alldem indessen nicht verlassen zu haben. Es ist die Ahnung vom qualitativen Unterschied zwischen einem Wissenschaftsorganisator und einem organisierten Wissenschaftler, zwischen einem strippenziehenden Netzwerker und einem intellektuellen Kopf. Diese Ahnung holt ihn ganz am Ende einer langen Selbstdarstellung ein, und sie markiert die kreative Lücke, die Suber in vielen Jahren mit »Open Access« zu füllen versucht hat:

Suber [Abb. 4: Peter Suber rettet sich selbst in Dialektik. Quelle: Berkman Klein Center.]