18802 – 14507 – 11900

Geschrieben von Uwe Jochum am 11.3.2018

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»Open Access« als Scheinblüte


Uwe Jochum

Wissenschaftlicher Bibliothekar

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Digitale Wissenschaftskontrolle

18802, 14507 und 11900 sind keine Telephonnummern, sondern APCs, »Article processing charges«, Veröffentlichungsgebühren für wissenschaftliche Fachaufsätze. Es sind die in Euro gezahlten Beträge für die Veröffentlichung eines (in Worten: 1) wissenschaftlichen Aufsatzes. Bezahlt wurde das von der Universität Southampton (18802), der Universität Bangor in Wales (14507) und der LSHTM, der London School of Hygiene and Tropical Medicine (11900). Natürlich sind das Veröffentlichungsgebühren von jener grotesken Höhe, wie sie die »Open-Access«-Bewegung liebt: In den Augen der »Open-Access«-Befürworter machen solche Monsterpreise in aller wünschenswerten Deutlichkeit klar, daß es so nicht weitergehen kann mit den kommerziellen Verlagen und Verlegern, die die Hand aufhalten und abkassieren, was das Zeug hält. Ich höre förmlich, wie mir die »Open-Access«-Beauftragte einer Universität zuruft: »Das sind Gebühren, bei denen auch Du endlich verstehen solltest, wie wichtig es ist, so schnell wie möglich auf das billigere ›Open Access‹ zu wechseln, um solche überhöhten APCs in Zukunft zu vermeiden.»

Nur leider… was solch ich sagen: Die genannten Beträge wurden als APCs für jeweils einen »Open-Access«-konform veröffentlichen wissenschaftlichen Aufsatz bezahlt. Also nicht für einen Beitrag, der bei Elsevier, Springer oder Wiley in einer Fachzeitschrift erschienen ist, sondern für einen Aufsatz, der seinen Weg in die beste aller möglichen Wissenschaftswelten gefunden hatte: in eines der »Fully Open Access Journals«, eine der, so möchte man übersetzen, vollkommenen »Open-Access«-Zeitschriften. Das ist keine böse Anti-»Open-Access«-Propaganda, sondern einfache Realität und Wahrheit, gut dokumentiert und leicht nachzulesen auf der von der »Open-Access«-Bewegung betriebenen Plattform »Open APC«.

Natürlich werden solche Zahlen in der »Open-Access«-Bewegung niemanden wachrütteln. Man wird sagen, das seien ein paar Ausreißer, die am positiven Gesamtbild von »Open Access« nichts ändern: »Open Access« — das werde sich über kurz oder lang schon noch zeigen! — werde das wissenschaftliche Publikationswesen billiger machen. Und nachdem man das gesagt hat, wird man so weitermachen wie bisher und zum Schlaf der Gerechten zurückkehren.

Aber das, was die von »Open Access« Bewegten für den Schlaf der Gerechten halten, zeigt sich je länger je mehr als Schlaf der Vernunft. Denn »Open Access«, einst erfunden als Heilmittel gegen die exorbitant steigenden Preise der wissenschaftlichen Fachzeitschriften, ist längst zu einem ausgewachsenen finanziellen Monstrum geworden, dessen Kosten die Kosten kommerzieller Verlagspublikationen in den Schatten stellen. Und es ist ein Kostenmonstrum, das stetig und schnell wächst. Schauen wir uns das einmal genauer an.

Ein beliebtes Argument, in den vergangenen Jahren wieder und wieder vorgebracht, lautet: Die Preissteigerungsraten der über Abonnements laufenden (digitalen) kommerziellen Verlagszeitschriften sind mit etwas über 6 Prozent1 im Jahr viel zu hoch; viel zu hoch, weil sie weit über der Inflations- und der eigentlichen Kostensteigerungsrate liegen und daher Ausdruck der Marktmacht der großen Verlage seien, über die Preise hohe Gewinne durchzusetzen.2 Und um dem Leser eine Vorstellung von der Dimension des Problems zu geben, ergänzt man das dann gerne mit kumulierten Preissteigerungsraten: Die Preise der zehn besten ökonomischen Fachzeitschriften seien im Zeitraum von 1985 bis 2001 um 170 Prozent gestiegen,3 und Harvard beklagte sich darüber, daß von 2007 bis 2012 die Preise für den Online-Zugang von Fachzeitschriften zweier großer Verlage (die ungenannt bleiben) um 145 Prozent gestiegen seien.4

Es lohnt sich, einen Augenblick über diese hohen kumulierten Prozentangaben nachzudenken. Einerseits: Wenn eine Zeitschrift im Jahre 1985 im Abonnement 1000 Euro gekostet hat, dann sind bei einer kumulierten Preissteigerungsrate von 170 Prozent über 16 Jahre im Jahr 2001 daraus 1700 Euro geworden. Das ist eine jährliche Preissteigerung von 4,3 Prozent für den genannten Zeitraum. Andererseits: Wenn in Harvard der Online-Zugang zu einer Fachzeitschrift im Jahre 2007 etwa 1000 Euro gekostet haben sollte und dieser Preis bis 2012 um 145 Prozent auf 1450 Euro gestiegen ist, dann ist er mit einer jährlichen Rate von 8,9 Prozent gestiegen. Mit anderen Worten: Die eine Preissteigerungsrate ist alles andere als skandalös, wird aber als skandalös hingestellt; die andere Preissteigerungsrate ist deftig und wird sofort als »absurd« gebrandmarkt, ohne daß man indessen erfährt, welche Gründe es für diese deftige Preissteigerung auf seiten des Verlages gegeben hat. Möglicherweise will der Verlag ja von seinen auf Digitales fixierten Bibliothekskunden schlicht und einfach die Investitionen in die digitale Verlagsinfrastruktur wieder haben. Ich weiß es nicht, und natürlich wissen es auch meine Bibliothekskollegen nicht. Was sie alle aber zu wissen scheinen, ist dies: »Open Access« wird das alles viel billiger machen und uns Preissteigerungsraten schenken, die weit unter den genannten »absurden« Raten liegen werden.

Es ist das in der Tat aber ein bloßer Schein von Wissen. Denn schaut man sich die auf »Open APC« veröffentlichten Zahlen einmal genauer an, muß man ganz erstaunliche Dinge feststellen.

Werfen wir dazu einen Blick auf die vier Einrichtungen, die in Deutschland den harten Kern der »Open-Access«-Bewegung darstellen, sei es, daß sie allerlei Infrastruktur für »Open Access« hosten, sei es, daß sie die »Bewegung« mit allerlei Personal koordinieren, oder sei es, daß sie als institutionellen Zweck die Förderung von »Open Access« angeben; ich spreche von den UBs in Bielefeld, Göttingen und Konstanz und der Max Planck Digital Library (MPDL) in München. »Open APC« ist zu entnehmen, welchen Betrag in Euro man an diesen Einrichtungen in den letzten Jahren als Gebühr für einen »Open-Access«-konform veröffentlichten Artikel bezahlt hat (»volles ›Open Access‹«):5

  Bielefeld Göttingen Konstanz MPDL
2012 1098 1133 1263 1247
2013 1233 1263 1292 1284
2014 1160 1341 1226 1327
2015 1329 1529 1528 1480
2016 1338 1593 1844 1700

Und um nicht nur auf den harten Kern der »Bewegung« zu schauen, sondern auch auf das weiche Umfeld, seien die Zahlen für die beiden UBs in Regensburg und Bremen genannt und sodann der Durchschnitt für Deutschland und der Durchschnitt für die ganze Welt. Alle Zahlen wieder in Euro:

  Regensburg Bremen Deutschland Welt
2012 1110 1059 1223 1179
2013 1143 1260 1247 1239
2014 1263 1277 1292 1384
2015 1569 1414 1417 1528
2016 1786 1533 1510 1660

Wie erstaunlich diese Zahlen sind, zeigt sich, wenn man die Euro-Beträge in Prozente umrechnet, die angeben, wie sich die Preissteigerungsrate bei »Open Access« von einem Jahr auf das nächste entwickelt hat:

  Bielefeld Göttingen Konstanz MPDL
2012/13 12,33 % 11,51 % 2,30 % 2,98 %
2013/14 -5,92 % 6,18 % -5,11 % 3,35 %
2014/15 14,57 % 14,02 % 24,63 % 11,53 %
2015/16 0,68 % 4,17 % 20,62% 14,82 %

Und für das weiche Umfeld:

  Regensburg Bremen Deutschland Welt
2012/13 2,98 % 19,03 % 1,97 % 5,10 %
2013/14 10,50 % 1,35 % 3,61 % 11,70 %
2014/15 24,23 % 10,73% 9,67 % 10,40 %
2015/16 13,79 % 8,39 % 6,55 % 8,62 %

Und weil man natürlich auch angeben kann, die hoch die Preissteigerungsrate über die Jahre hin im Durchschnitt ist, wollen wir das rasch tun. Zunächst für den harten Kern von »Open Access«:

  Bielefeld Göttingen Konstanz MPDL
2012-16 5,48 % 10,17 % 11,52 % 8,90 %

Und hier wieder für das Umfeld:

  Regensburg Bremen Deutschland Welt
2012-16 15,26 % 11,21 % 5,88 % 10,22 %

Halten wir fest: In der Welt von »Open Access« ist es ein Skandal, wenn die Preise von Fachzeitschriften, die in wissenschaftlichen Fachverlagen erscheinen, im Durchschnitt um 4,3 Prozent jährlich steigen. Und es ist in dieser Welt »absurd«, wenn die Preise durchschnittlich um 8,9 Prozent im Jahr steigen. Es ist in der Welt von »Open Access« aber alles völlig in Ordnung, wenn weltweit bei vollen »Open-Access«-Zeitschriften die Preissteigerung 10,22 Prozent im Jahr beträgt und vor Ort bei einigen der begeisterten »Open-Access«-Bibliotheken noch höhere jährliche Preissteigerungsraten zu verzeichnen sind: 10,17 %, 11,21 %, 11,52 %, 15,26 %…

Und halten wir auch dies fest: Im Falle der Preissteigerungsraten von kommerziell verlegten Fachzeitschriften sind in den steigenden Preisen alle Kosten enthalten. Bei »Open Access« hingegen kommen zu den toll steigenden Veröffentlichungsgebühren, die die »Bewegung« sich selbst beschert, noch all die verdeckten Subventionen für Hard- und Software und Personal hinzu, die nirgendwo erfaßt sind und nur geschätzt werden können.

Jetzt soll mir irgendjemand erklären, warum bei APCs von durchaus mal 18000 Euro, Preissteigerungsraten von zehn und mehr Prozent und versteckten Subventionen in Millionenhöhe »Open Access« irgendeines der finanziellen Probleme der Bibliotheken löst.

Wahrscheinlich muß man tief bewegter »Open-Access«-Anhänger sein, um angesichts der hier mitgeteilten Zahlen nicht den Glauben an die gute Sache zu verlieren.6 Oder Zyniker, dem die Projektstelle lieber ist als die einfache Wahrheit. Alle anderen dürfen Shakespeare zitieren: »Though this be madness, yet there is method in’t.«

Anmerkungen

  1. Zahlen dazu bei Bosch, Stephen / Henderson, Kittie: Whole Lotta Shakin’ Goin’ On. Periodicals Price Survey 2015. In: Library Journal, 23. April 2015, URL: https://lj.libraryjournal.com/2015/04/publishing/whole-lotta-shakin-goin-on-periodicals-price-survey-2015/#_ Siehe auch Herb, Ulrich: Open Access. Teuer und neue Monopole. In: telepolis, 5. September 2016, URL: https://www.heise.de/tp/features/Open-Access-Teuer-und-neue-Monopole-3314380.html 

  2. So Haucap, Justus / Hartwich, Tobias / Uhde, André: Besonderheiten und Wettbewerbsprobleme des Marktes für wissenschaftliche Fachzeitschriften. In: Vierteljahrshefte für Wirtschaftsforschung 74 (2005), S. 85–107. URL: https://www.researchgate.net/profile/Justus_Haucap/publication/4794819_Besonderheiten_und_Wettbewerbsprobleme_des_Marktes_fur_wissenschaftliche_Fachzeitschriften/links/5616da0e08ae90469c6119ba/Besonderheiten-und-Wettbewerbsprobleme-des-Marktes-fuer-wissenschaftliche-Fachzeitschriften.pdf 

  3. Ebd., S. 85 f. 

  4. Harvard University says it can’t afford journal publishers’ prices. In: The Guardian, 24. April 2012. URL: https://www.theguardian.com/science/2012/apr/24/harvard-university-journal-publishers-prices 

  5. Den Ausschnitt von 2012 bis 2016 habe ich gewählt, weil vor 2012 für viele Einrichtungen noch keine Daten vorhanden sind und das Jahr 2017 in vielen bei »Open Access« mitmachenden Bibliotheken noch nicht erfaßt wurde. Während der Arbeit an diesem Text veränderten sich die erfaßten Zahlen hin und wieder, d.h. wir haben es offenbar auf seiten der Betreiber der Website mit einem Work in progress zu tun. Die in den Tabellen angegebenen Zahlen stammen vom 11. März 2018. 

  6. Immerhin sollte man registrieren, daß in den USA, wo man weit offener über »Open Access« diskutiert als hierzulande, der in Anm. 1 genannte Aufsatz von Bosch/Henderson im Hinblick auf »Open Access« zu diesem Ergebnis kommt: »One of the conclusions of the joint research conducted by the ORBIS Cascade Alliance, Committee on Institutional Cooperation, and Boston Library Consortiums in 2013 and 2014 and reported at the 2015 ER&L Conference was that the financial tipping point for open access is not on the horizon.«