Die TIB in Hannover und das Scheitern von »Open Access«

Geschrieben von Uwe Jochum am 25.5.2022

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Im April 2022 veröffentlichten vier »Autor:innen«, die bei der Technischen Informationsbibliothek (TIB) in Hannover in Brot und Arbeit stehen, eine Literaturstudie zu empirischen Arbeiten, die sich mit den Wirkungen von »Open Access« beschäftigen.1 Obwohl in der bibliothekarischen Mailingliste »Inetbib« auf diese Studie unmittelbar nach ihrer Veröffentlichung hingewiesen wurde, blieb eine Debatte über die Studie und ihre Ergebnisse bislang aus. Das ist bedauerlich, bringt die Studie doch nicht nur das gegenwärtige bibliothekarische Bewußtsein zu »Open Access« zum Ausdruck, sondern unternimmt sie doch auch den Versuch, das Wenige, was sich von empirischer Seite zu »Open Access« bündig sagen läßt, faßlich aufzubereiten und daraus dann direkte Empfehlungen abzuleiten, die in den bibliothekarischen und hochschulpolitischen Praxisraum zurückgespiegelt werden. Und zwar mit dem vollen Gewicht, den die Studie als eine vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) veranlaßte Auftragsstudie hat.2 Wer daher über den Stand des gegenwärtigen »Open-Access«-Bewußtseins und den hinter diesem Bewußtsein sichtbar werdenden politischen Impuls orientiert sein will, tut gut daran, die Studie näher zur Kenntnis zu nehmen.

Die Methodik der Studie

Die TIB-Studie erklärt sich selbst zu einer »Literaturstudie«, die »eine Übersicht über den Forschungsstand von 2010 bis 2021« (S. 2) im Hinblick auf die in diesem Zeitraum erschienenen empirischen Studien zu geben verspricht. Es handelt sich also um keine eigenständige empirische Arbeit, sondern um eine Metastudie, die empirische Arbeiten aus dem genannten Zeitraum von elf Jahren auswertet, und zwar in Form eines »Scoping Reviews«. Will sagen: Wir haben hier keine detaillierte systematische Übersicht über das gesamte Forschungsfeld vor uns, sondern vielmehr einen Versuch, den Rahmen abzustecken und die Resultate zu benennen, in dem sich die von den Studienautoren als wesentlich betrachtete empirische Forschung zu »Open Access« bewegt.

Rein quantitativ bedeutet das, daß von den 7217 Fachpublikationen, die die Studienautoren in verschiedenen bibliographischen Datenbanken zum Thema »Open Access« gefunden haben, noch 318 Titel übrig blieben, die sich mit den empirisch ermittelbaren »Open-Access«-Wirkungen befaßten. Die Crux bei der Sache ist freilich nicht, daß nach einem nachvollziehbaren Filtervorgang – man filterte danach, ob die gefundenen Publikationen die Wirkungen von »Open Access« empirisch festzustellen versuchten – von 7217 Arbeiten nur noch 318 übrigblieben; die Crux ist vielmehr, daß man aus diesen 318 Titel »die relevantesten Titel ausgewählt« hat, wobei »Relevanz« so bestimmt wurde: »Ausschlaggebend waren dabei die Forschungsfragen und das methodische Design der Studien.« (S. 8, Anm. 8) Was das konkret heißen soll, muß jeder Leser selbst zu raten versuchen; den Studienautoren halfen dabei jedenfalls Experten mit einem »qualitativen Expertenurteil«, Experten, die den »Forschungsstand zu den Wirkungen im Hinblick auf empirische Aussagekraft bewertet« haben (S. 8). Am Ende stand nach dieser von außen eingebrachten nicht-empirischen, nämlich qualitativen Expertise ein Corpus von 61 Arbeiten, das die TIB-Autoren als thematisch relevant für ihre Studie berücksichtigt haben.

Autowrack [Bild von Stephan Weyer auf Pixabay.]

An dieser Stelle wären die Studienautoren auskunftspflichtig: Wenn die Relevanz der ausgewerteten Arbeiten zuletzt über ein »qualitatives Expertenurteil« bestimmt wird, dann wüßte man allerdings gerne, wer diese Experten waren und nach welchen Qualitätskriterien sie die Spreu vom Weizen getrennt haben. Natürlich kann man hier der Auffassung sein, daß es womöglich nur darum ging, sich durch Expertenmund vorgeben zu lassen, welche Arbeiten aus dem Zeitraum von 2010–2021 als »empirisch« und in dieser Hinsicht dann eben auch als auswertungsrelevant berücksichtigt werden sollten. Aber damit würde man die Pointe verpassen, daß es beim Zusammenschnurren des untersuchten Corpus auf nur 61 als relevant eingestufte Arbeiten sehr wohl darauf ankommt, was hier als »empirische Arbeit« eingestuft und berücksichtigt wurde. Denn wenn man, wie es in der TIB-Studie geschieht, aus den als relevant betrachteten Arbeiten sieben Themenbereiche destilliert, dann bleiben pro Themenbereich kaum zehn Arbeiten übrig, deren Empirie man als relevant betrachtet. Es liegt auf der Hand, daß bei solchen Verhältnissen es genügt, wenn zwei oder drei Arbeiten, die man hätte berücksichtigen können, aber aus hochgradig legitimationsbedürftigen qualitativen Gründen nicht berücksichtigt hat, zu anderen Resultaten kommen als das berücksichtigte Corpus — sie hätten, wenn man sie berücksichtigt hätte, sehr schnell das Resultat verschoben. Kurzum: Wer meint, daß die TIB-Studie ihn mit der Empirie der »Open-Access«-Wirkungen beschenkt, der muß übersehen, daß hinter dieser Empirie wie immer das Problem der Wirklichkeitsadäquanz von Wahrnehmungen und Urteilen lauert und die hannoversche Studie diese Klippe durch ein »qualitatives Expertenurteil« umschiffen zu können meint. Damit kommt sie aber nicht auf die freie See, sondern muß damit rechnen, daß der von den Experten gesetzte Kurs schlicht und einfach in den Hafen der »Open-Acess«-Dogmatik führt.

Wie sehr das der Fall ist, zeigt ein Durchgang durch die sieben Themen, die man aus den 61 berücksichtigten Arbeiten gewonnen hat.

Thema 1: Zitationsvorteil durch »Open Access«

Die Annahme, daß per »Open Access« publizierte wissenschaftliche Arbeiten einen Zitationsvorteil haben – d.h. daß sie öfter zitiert werden als Arbeiten, die in konventionellen gedruckten oder elektronischen Fachzeitschriften erschienen sind —, finden die vier TIB-Autoren in den empirischen Studien angesichts zahlloser methodischer Probleme nicht nur »schwierig zu untersuchen« (S. 11), sondern auch »nicht zweifelsfrei empirisch bestätigt« (S. 12). Damit sollte diese Frage eigentlich erledigt sein: Wenn angesichts grundlegender methodischer Probleme die empirisch erhobenen Resultate nicht dazu taugen, einen Zitationsvorteil von »Open Access« zu belegen, dann kann über diesen angenommenen Zitationsvorteil auch keine empirisch gestütze Aussage gemacht werden: Man muß dann schlicht zugeben, daß man nicht weiß, ob es diesen angenommenen Zitationsvorteil gibt oder nicht gibt.

Unsere TIB-Autoren sehen das freilich anders. Sie schließen aus der Umstand, daß die verfügbaren empirischen Studien den Zitationsvorteil nicht in Bausch und Bogen widerlegen, daß man dann einen solchen Zitationsvorteil annehmen darf:

Ein Open-Access-Zitationsvorteil kann durch die in der vorliegenden Studie untersuchte Literatur nicht zweifelsfrei empirisch bestätigt werden; seine Existenz ist jedoch auch keineswegs widerlegt. (S. 12)

Wie das?, fragt man sich als Leser. Nun, einfach dadurch, daß die vier Hannoveraner an dieser Stelle eine Plausibilitätsvermutung in den Raum stellen, die sich so liest:

Es bleibt jedoch zu vermuten, dass ein gewisser Zitationsvorteil für Open-Access-Publikationen besteht: Es ist sehr plausibel, dass Open-Access-Publikationen von mehr Forschenden genutzt werden als Nicht-Open-Access-Publikationen (S. 12).

Man beachte: Daß die über Internet leichter zu findenden »Open-Access«-Publikationen höhere Downloadzahlen haben als andere elektronisch verfügbare Veröffentlichungen, wird hier umgemünzt in das Plausibilitätsargument, daß sie dann auch öfters zitiert werden. Kann sein, muß aber nicht und ist empirisch eben nicht bestätigt. Und damit bleibt es dabei: Der für »Open-Access«-Publikationen angenommene Zitationsvorteil ist eine Annahme. Mehr nicht.

Autowrack [Bild von G John auf Pixabay.]

Thema 2: Qualitätsunterschiede

Für die Beantwortung der Frage, ob »Open-Access«-Veröffentlichungen gegenüber konventionellen Veröffentlichungen ein Qualitätsproblem haben oder nicht, stehen nur fünf empirische Arbeiten zur Verfügung, von denen vier kein Qualitätsproblem ausmachen, eine Arbeit aber sehr wohl. An dieser Stelle wird die eingangs bemerkte Problematik, daß bei einem kleinen Corpus berücksichtigter Arbeiten schon kleine Verschiebungen zu großen Ergebnisunterschieden führen, direkt sichtbar: Auf der Basis des Corpus von fünf Arbeiten bedeutet die eine Arbeit, die einen Qualitätsunterschied zuungunsten von »Open Access« erkennt, daß man sagen darf: zwanzig Prozent des ausgewerteten Corpus kommen zu dem Ergebnis, daß »Open Access« ein Qualitätsproblem hat. Wäre nur eine weitere kritische Arbeit hinzugekommen, hätte man mit Fug und Recht sagen dürfen, daß ein Drittel des berücksichtigten Corpus bei »Open Access« Qualitätsprobleme feststellt. Mit anderen Worten: Bei einer solch kleinen empirischen Basis verbietet es sich im Grunde, überhaupt von einer Erhebung zu reden, die mehr zutage fördert als ein nicht repräsentatives Zufallsresultat.

Dien TIB-Autoren reden solchen Klartext nicht, sind sich aber der Tatsache bewußt, daß der merkwürdige und durchaus verbuchenswerte Umstand, daß »Open-Access«-Artikel häufiger zurückgezogen werden (müssen) als konventionell publizierte Artikel, »interpretationsbedürftig« ist: »Die Ergebnisse lassen sich sowohl mit einem tatsächlich höheren Anteil minderwertiger Open-Access-Artikel als auch mit einer besseren Qualitätssicherung – als Folge erhöhter Sichtbarkeit – erklären.« (S. 14) Mag sein oder auch nicht. In jedem Fall gilt auch hier: Zum Qualitätsvor- oder -nachteil dank »Open Access« läßt sich empirisch bündig nichts Gesichertes sagen; das Datenmaterial ist spärlich und strittig.

Thema 3: Wissenstransfer

Hier freuen sich die Studienautoren darüber, daß »Open-Access«-Publikationen häufiger in den nichtwissenschaftlichen Medien zitiert werden als konventionell veröffentlichte wissenschaftliche Arbeiten. Aber freilich heißt das nicht, daß mit der häufigeren Zitation auch eine angemessene Rezeption der Inhalte einhergeht, wie die TIB-Autoren selbst erkennen (S. 14). Warum sie dann aber meinen, daß »Open Access« »zum Transfer wissenschaftlicher Inhalte in die Gesellschaft beiträgt« (S. 15), bleibt ihr Geheimnis. Offenbar sind sie bereit, die höheren Klick- und Downloadzahlen als »Transfer« zu akzeptieren und bei diesem Transfer den erkennbaren Unterschied zwischen einer intellektuellen Kenntnisnahme komplexer Inhalte samt deren kritischer Aneignung und einem unkritischen journalistischen Abschreiben von Abstracts zu nullifizieren.

Wissen, so hat ein kluger Mann einmal gesagt, sei die Reflexion des Gewußten. Abschreiben gehört nicht in diese Kategorie. Auch nicht das häufigere Abschreiben von »Open-Access«-Publikationen.

Thema 4: Publikationsaufkommen

Dieses Thema läßt sich kurz abhandeln: Ob es durch »Open Access« eine Zu- oder Abnahme des Publikationsaufkommens gibt, läßt sich empirisch nicht erheben. Festellbar ist aber eine Publikationsbeschleunigung durch Verkürzung der verlegerischen Geschäftsgänge.

Autowrack [Bild von Rene Rauschenberger auf Pixabay.]

Thema 5: Publikationsnutzung

Acht von neun berücksichtigen empirischen Studien finden einen höheren Download von »Open-Access«-Publikationen als von elektronischen Publikationen, die über digitale Abonnements mit oder ohne Rechtemanagement laufen. Das ist, man muß es so sagen, ein triviales und erwartbares Resultat.

Ob es aber ein Resultat ist, über das man sich im Hinblick auf »Open Acess« freuen sollte, ist eine ganz andere Frage, die mit dem oben bereits behandelten möglichen Zitationsvorteil aufs engste zusammenhängt. Was beide Themen – Thema 1 oben und Thema 5 hier – nämlich verbindet, ist der leichtere Zugang, den man zu digitalen und per »Open Access« ins Netz gestellten Veröffentlichungen hat, jedenfalls solange man selbst über einen Internetzugang verfügt. In diesem Fall nämlich muß man sich nicht mit Abonnementfragen und Digitalem Rechtemanagement herumschlagen, sondern findet das Gesuchte nicht nur relativ mühelos, sondern kann es ebenso mühelos und entgeltfrei herunterladen. Soweit, sogut.

Im Grunde aber heißt das, daß der Nutzungsvorteil, der hier als Vorteil für »Open Access« verbucht wird, nicht genuin auf »Open Access« zurückzuführen ist, sondern auf das digitale Medium, in dem sich »Open Access« mittummelt. Sobald man nämlich die Tür zum Digitalen aufstößt, findet man sich auf einem Feld der endlosen Kopierbarkeit von allem, was sich überhaupt digitalisieren läßt, und auf diesem Feld hat jeder Versuch, das Flottieren der Daten zu verhindern, die Anmutung eines Kampfes gegen Windmühlen. »Open Access« hat hier lediglich den Vorteil, daß es diesen Kampf erst gar nicht führt und daher zum Volumen und zur Umsatzgeschwindigkeit des frei flottierenden Datenmaterials natürlich enorm beiträgt. Mit anderen Worten: Was hier zugunsten von »Open Access« empirisch festgestellt wird, ist nichts weiter als der Bequemlichkeitsvorteil, der sich aus der Schleifung des Urheberrechts-, der Hintanstellung von Verwertungsrechten und überhaupt dem Abbau von Eigentumsrechten nicht nur im digitalen Feld unserer Gesellschaften beobachten läßt.

Das aber, diese kleine Anmerkung muß sein, ist kein gutes Zeichen.

Autowrack [Bild von DigitizedImage auf Pixabay.]

Thema 6: Ungleichheit im Wissenschaftssystem

Hier sind wir am historischen Startpunkt von »Open Access«: Es ging ja von Anfang vor dem Hintergrund der Zeitschriftenkrise um eine Kostensenkung durch Umstellung vom Papier aufs Digitale, und sehr schnell kam dann das politische Argument einer dank »Open Access« verbesserten wissenschaftlichen Partizipation der Dritten Welt hinzu.

Daß »Open Access« aber weder den Kostenauftrieb der wissenschaflichen Fachzeitschriften noch das Problem der Partizipation der Dritten Welt löst, wissen die Leser dieses Blogs seit langem. Und ebenso wissen sie, daß »Open Access« auf der Produktionsseite notwendigerweise dazu führt, daß die vermögenden Länder und wissenschaftlichen Institutionen die »Open-Access«-Party bezahlen müssen, während sich die großen wissenschaftlichen Fachverlage durch »Open Access« gestärkt sehen und die Industrie und generell alle, die Wissenschaft nur nutzen wollen (aber nicht aktiv daran teilnehmen wollen und können), sich über »Wissenschaft frei Haus« dank »Open Access« freuen dürfen. Kurzum: »Open Access« löst kein einzigen wissenschaftsstrukturelles Problem, nicht einmal das Problem des Kostenauftriebs.

Wer das alles bisher nicht glauben möchte, darf das nun in der TIB-Studie nachlesen, als empirisch gestützter Befund (S. 18).

Natürlich beeilen sich die Studienautoren, diesen Befund zu problematisieren, indem sie ihn den »Open-Access«-Geschäftsmodellen in die Schuhe schieben (S. 19). Das aber heißt nur, die ökonomische Realität nicht wahrhaben zu wollen. Diese Realität aber sieht in aller Trivialität so aus, daß auch bei »Open Access« Herstellungskosten anfallen. Die Tatsache, daß man diese Kosten über zahllose Subventionsmodelle versteckt und auf institutioneller Ebene dafür sorgt, daß die gezahlten Subventionen von der Institution als Einnahmen gebucht werden dürfen, heißt ja nicht, daß man die Kosten beseitigt hätte. Man hat sie nur kreativ aus den Bilanzen entfernt, nicht aber aus der Realität. Dort kommt diese Art von kreativer Finanzakrobatik auf der Seite der Steuerzahler als höhere Steuern und als zunehmende Inflation an.

Und das ist dann auch schon das ökonomische Geheimnis von »Open Access«: Nur Staaten, in denen eine Umverteilung der Kosten überhaupt noch möglich ist, weil genügend Steuermittel durch Arbeit und Leistung der Bürger und Industrien generiert werden, können sich das Phantasma eines »entgeltfreien« Publikationsmodells à la »Open Access« überhaupt leisten. Alle anderen eben nicht, und das ist es, was empirisch festzustellen ist.

Thema 7: Die Ökonomie von »Open Access«

Wer sich durch den vorstehenden Abschnitt ernüchtert in der Realität wiederfindet, der wird in diesem Abschnitt seine kalte Dusche erhalten. Denn, wie die vier Autoren aus Hannover feststellen: Die die »Open-Access«-Bewegung von Anfang mit Energie versorgende Hypothese bestand darin, daß »Open Access« ein günstigeres Publikationsmodell sei als alles, was wir bisher an Publikationsmodellen hatten. Diese Hypothese, so sagen uns die vier Autoren aus Hannover nun, wurde bislang nur von »modellbasierten Studien« angegangen, deren Ergebnisse — Achtung, Dusche! – »nicht verallgemeinerbar« seien (S. 20). Will sagen: Die Annahme einer günstigen »Open-Access«-Ökonomie ist empirisch nicht haltbar.

Autowrack [Bild von Peter H auf Pixabay.]

Weil soviel nüchterne Realität für den »Open-Access«-imprägnierten Zeitgeist natürlich nur schwer erträglich ist, meinen sich die Studienautoren zugunsten von »Open Access« salvieren zu können, indem sie darauf hinweisen, daß die Modellrechnungen auf einer »inzwischen relativ alten Datenbasis« aufbauen und besonders in Deutschland durch die DEAL-Verträge sich die Lage ökonomisch womöglich anders darstellen lasse (S. 21). Das ist natürlich Pfeifen im Walde: Wer sich die Mühe macht, die ökonomische Basis von DEAL zu analysieren (siehe etwa Das Geheimnis von DEAL, Big DEAL und Kostenwahrheit), wird feststellen müssen, daß von einer ökonomischen Entlastung des deutschen Wissenschaftssystems und damit des Steuerzahlers durch DEAL keine Rede sein kann.

Und was die »modellbasierten Studien« anbelangt, die die TIB-Studie auswertet, muß man schlicht darauf aufmerksam machen, daß modellbasierte Studien auch dann, wenn sie empirische Daten integrieren, keine empirischen Studien sind, sondern Modellrechnungen, deren Resultate von der Setzung der Modellparameter abhängen. Denn das Resultat einer Modellrechnung ist immer bedingt durch das, was nach Interpretation der Randbedingungen und der Wirkungsvektoren als Rechenparameter vorgegeben wurde, so daß die eigentlich realitätsaufschließende Kraft einer Modellrechnung nicht ihrem Resultat zu entnehmen ist, sondern sich in den anfangs vorgenommenen Interpretationen des Gegenstandsbereichs verbirgt. Was das genau heißt, hat die Öffentlichkeit in den vergangenen Corona-Jahren zur Genüge erfahren müssen: Die dem staatlichen Handeln zugrundeliegenden Modellrechnungen haben sich ausnahmslos als falsch herausgestellt; denn es handelte sich um nichts weiter als hochgradig interpretationsbedürftige Projektionen, die ein ums andere Mal von der Wirklichkeit ignoriert wurden.

Um so merkwürdiger daher, daß die TIB-Studie, die doch angetreten ist mit dem Programm, das Feld der empirischen Arbeiten zu den Wirkungen von »Open Access« zu beleuchten, am Ende in das ganz andere Feld der Modellrechnungen gerät, die mit einer Erhebung der vorfindlichen Empirie nicht das geringste zu tun haben. Die Merkwürdigkeit erklärt sich damit, daß die Autoren aus der Veraltetheit der vorliegenden Modellstudien einen Hoffnungsschimmer zugunsten von DEAL ableiten zu können meinen, nach dem Motto: früher klappte es ökonomisch nicht, bei DEAL aber könnte es klappen – wenn man denn dazu endlich die passenden »Modellstudien« erstellen würde (S. 21). Kurzum: Hier ersetzt die Hoffnung auf ein »Modell«, das das gewünschte Resultat doch noch hervorzaubert, die Empirie.

Autowrack [Bild von Lynn Greyling auf Pixabay.]

Fazit

Schaut man von hier aus auf die TIB-Studie insgesamt zurück, ist unschwer zu erkennen, daß die Studie bestätigt, was jeder kritische Kopf schon seit langem weiß: daß das inzwischen große »Open-Access«-Feld kein munter aus sich selbst grünender Acker ist, sondern ein Brachfeld, auf das man jährlich Millionen von Steuer-Euros mit Subventionssprenklern ausbringt in der Hoffnung, das in sich Leblose doch noch lebendig machen zu können.

Das ist das empirische Ergebnis der TIB-Metastudie. Alles andere, was sich in der Studie sonst noch findet, ist der Versuch, diese Empirie zu bemänteln und zuletzt auf frische »Modellstudien« zu setzen, die den alten Karren »Open Access« aus dem klebrigen Dreck der ökonomischen Realität ziehen sollen. Wer die Wissenschaftsszene kennt, weiß natürlich, daß sich solche Hoffnungen im akademischen Umfeld stets damit verbinden, daß man neue Forschungsfelder ausmacht, über die man noch ein wenig empirisch arbeiten könnte, um — Wunder sind ja immer möglich — vielleicht doch noch irgendwo ein »Open-Access«-Vorteilskörnchen zu finden. Das behandelt die TIB-Studie am Ende unter der Überschrift »Forschungslücken« (S. 23 f.), die jeder studieren sollte, der nach einer Projektstelle sucht, auf der er die nächsten sechs Jahre überwintern kann.

Allen anderen schlägt die Studie am Ende empirisch direkt ins Gesicht, wenn sie feststellt:

Die empirischen Ergebnisse, welche in der vorliegenden Studie vorgestellt werden, unterstützen Open-Access-Transformationsmaßnahmen deutlich […]. Es ist daher zu empfehlen, Maßnahmen zu beschließen, welche den Anteil von Open Access im wissenschaftlichen Publikationssystem weiter erhöhen. (S. 28)

Und:

Die in dieser Untersuchung zusammengefassten empirischen Ergebnisse sind daher als klare Bestätigung des Willens der Wissenschaftsgemeinschaft zu sehen, eine Transformation des Publikationssystems hin zu freiem Zugang zu wissenschaftlichen Publikationen weiter voran zu treiben.

Ich bin sicher, das Bundesministerium für Bildung und Forschung weiß den vier Studienautoren für diese Auftragsarbeit den ihnen gebührenden Dank abzustatten. Und vermutlich springt für die TIB in Hannover mit diesem Dank auch die ein oder andere Projektstelle heraus.

Flugzeugwrack [Bild von Pexels auf Pixabay.]


  1. Hopf, David, Sarah Dellmann, Christian Hauschke und Marco Tullney: Wirkungen von Open Access. Literaturstudie über empirische Arbeiten 2010–2021. Hannover: Technische Informationsbibliothek (TIB), 2022. https://doi.org/10.34657/7666

  2. Daß es sich um eine Auftragsstudie handelt, steht in der Studie prominent auf dem Titelblatt und auf der Rückseite des Titelblatts. Wie weit dabei die Verzahnung zwischen den TIB-Autoren und dem Ministerium geht, läßt sich hieran ablesen: »Wir [die Studienautoren] danken Alexander Heußner, Bettina Klingbeil, Dietrich Nelle und Cäcilie Weber vom BMBF für ihre hilfreichen Kommentare und die konstruktive Zusammenarbeit. Auch möchten wir uns bei Peter Suber (Harvard Library) für wertvolle Hinweise während der Literaturrecherche bedanken.« Mit Peter Suber, dem Urvater und Frontman der »Open-Access«-Bewegung, spannt die TIB-Studie daher den Bogen vom Anfang der »Open-Access«-Welt zu ihrem gegenwärtigen Entwicklungsstand und bis hin zur ministeriell erwünschten Zukunft.