Kostenwahrheit

Geschrieben von Uwe Jochum am 10.8.2019

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Uwe Jochum

Wissenschaftlicher Bibliothekar

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Wer die Entwicklungen zum Wiley-DEAL-Deal aufmerksam verfolgt, darf sich über einen raschen Zuwachs an Erkenntnissen freuen. An Erkenntnissen, die auf jener steinigen Ebene der Realökonomie liegen, von der die »Open-Access«-Bewegung meinte, sie könne sie mühelos überwinden. Und so träumte man davon, daß durch »Open Access« die Wissenschaft viel billiger werde, daß sie »sichtbarer« werde, daß der Standort Deutschland dadurch nur gewinnen könne, ja, daß es der Demokratie guttue, wenn der Staatsbürger die von ihm über seine Steuern finanzierte Wissenschaft entgeltfrei »im Netz« finden würde. Das war und ist der argumentative Rosenstrauß, den man uns ein ums andere Mal unter die Nase hielt und hält, aber der Strauß sieht inzwischen reichlich verwelkt aus; und er verliert jeden Tag an Duft.

Denn seit dem Abschluß des Wiley-DEAL-Deals weiß man, daß es tatsächlich ein Traum war, als man landauf und landab davon sprach, man könnte einen Wissenschaftsartikel für schlappe 1000 Euro finanziert bekommen. Das wagt außer der »Fair Open Access Alliance« offenbar niemand mehr zu träumen. Vielmehr haben inzwischen alle öffentlich schlucken müssen, daß ein »Open-Access«-konformer Wissenschaftsartikel in einer »hybriden« Fachzeitschrift des Wiley-Verlages 2750 Euro kostet. Aber damit ist das öffentliche Schlucken keineswegs zu Ende. Denn nun, da es darum geht, alle Wiley-DEAL-willigen Universitätsbibliotheken mit den zugehörigen Universitätswissenschaftlern zu erfassen und die Abrechnungsmodalitäten auf seiten der teilnehmenden Bibliotheken zu klären, hat die Münchener Max Planck Digital Library (MPDL) nicht nur ein neues Organisationskaninchen aus dem Hut gezaubert, sondern auch gleich noch eine neue Gebühr.

Kaninchen [Quelle: Pixabay.]

Das Kaninchen heißt »MPDL Services GmbH«. Diese einhunderprozentige Tochter der Max Planck Digital Library (MPDL) ist nicht nur der eigentliche DEAL-Vertragspartner des Wiley-Verlags, sondern soll auch die weiteren Verträge aushandeln, die man mit Springer und Elsevier abzuschließen hofft. Und die aus dem Hut gezauberte »Bearbeitungsgebühr« soll die Kosten decken, die offenbar dadurch entstehen, daß man bei der MPDL Services GmbH nicht nur alle Bibliotheken zu erfassen hat, die beim Wiley-DEAL-Deal mitmachen, sondern auch filigran ausrechnen muß, wie hoch die von den Publikationsmengen der Wissenschaftler abhängige Teilnahmegebühr pro Bibliothek und Jahr sein wird. All das notwendige Erfassen und Berechnen betrachtet die MPDL Services GmbH ganz offenkundig als einen Service, den sie sich pro publiziertem Aufsatz mit einer Bearbeitungsgebühr von 150 Euro bezahlen läßt.

Das ist aus zwei Gründen bemerkenswert.

Erstens deshalb, weil nun feststeht, daß die 2750 Euro, die man pro hybrid-digitalem Aufsatz im Rahmen des Wiley-DEAL-Vertrages zu zahlen hat, keineswegs das Ende der Kosteneskalation sind. Inklusive der von der MPDL Services GmbH erhobenen Bearbeitungsgebühr kostet ein im Rahmen des Wiley-DEAL-Deals veröffentlichter Aufsatz nun also 2900 Euro. Das ist freilich nicht nur bemerkenswert, sondern geradezu kurios. Kurios deshalb, weil wir uns hier in kleinen Schritten allmählich dem Betrag nähern, der den wahren Kosten eines digital publizierten Fachaufsatzes entspricht, nämlich 3000 Euro; kurios erst recht dann, wenn man auf der informativen Website von OpenAPC einmal schaut, wie teuer bislang ein à la »Open Access« bei Wiley in Deutschland hybrid veröffentlichter Aufsatz gekommen ist — nämlich im Mittel über all die Jahre seit 2005: 2744 Euro.

Wiley-Durchschnittspreise [Quelle: OpenAPC.]

Man darf daher feststellen: Ohne den Wiley-DEAL-Deal haben die Bibliotheken für die Publikation eines wissenschaftlichen Aufsatzes im Durchschnitt sechs Euro weniger bezahlt als mit dem DEAL-Deal; dank des DEAL-Deals zahlen sie aber außerdem an die MPDL Services GmbH pro Aufsatz noch die genannten 150 Euro Bearbeitungsgebühr, und das macht summa summarum für die Bibliotheken im Vergleich zu den DEAL-losen Zeiten Mehrkosten pro veröffentlichtem Aufsatz von 156 Euro.

Zweitens aber ist die Bearbeitungsgebühr von 150 Euro pro Aufsatz auch deshalb bemerkenswert, weil sie, bezogen auf die 2750 Euro Veröffentlichungsgebühr, die für einen Aufsatz zu bezahlen sind, mit 4,125 Prozent zu Buche schlägt. Das ist ein Prozentsatz, der um rund 0,6 Punkte über dem liegt, was ein Immobilienmakler für seine Dienste nimmt, nämlich 3,57 Prozent. Und nun ist es doch so: Immobilienmakler gelten als Finanzhaie, keiner mag sie, sie sind für viele Zeichen eines bösen Kapitalismus, der die armen bedürfigen Mieter und hoffnungsfrohen Wohnungs- und Hauskäufer über den Löffel balbiert. Und an dieser Stelle erinnern wir uns: War es nicht so, daß man die ganze »Open-Access«-Bewegung deshalb auf den Weg brachte, weil auch da nach dem Dafürhalten der in der Bewegung Mitlaufenden ein übler Kapitalismus ausgebrochen war, auf Verlagsseite, mit überzogenen Renditen und Gebühren? Und wollte man es daher nicht besser und billiger machen als die Verlage, sprich: kapitalismusfreier? Und nun stellen wir fest, daß dieser Versuch hinter seinen hehren Zielen reichlich zurückgeblieben ist und die MPDL Services GmbH für ihre Dienste den Bibliotheken eine höhere Gebühr abknöpft als ein Makler einem Mieter oder Käufer abknöpfen würde.

Natürlich werden mir meine »Open-Access«-Freunde zusammen mit allen DEAL-Repräsentanten sagen, daß der höhere Preis, der da sichtbar werde, dadurch gerechtfertigt sei, daß man dafür ja auch etwas bekomme, nämlich den unbegrenzten Archivzugang auf die digitalen Zeitschriften des Wiley-Verlags. Stimmt. Aber stimmt es nicht auch, daß die Naturwissenschaften zwar an schnellem digitalem Publizieren interessiert sind, an älteren Zeitschriftenartikeln aber eigentlich gar nicht? Daß also der Archivzugang zwar nett gedacht, in der Praxis aber eher am Bedarf vorbeigedacht sein wird? Folglich etwas bezahlt wird, was die große Menge der bei Wiley veröffentlichenden Wissenschaftler im Grunde nicht braucht?

Wenn man diese Fragen bejaht, dann kann man ohne große Gedankenmühe zu dem Ergebnis kommen, daß die beste »Open-Access«-Strategie für eine Bibliothek darin besteht, beim Wiley-DEAL-Deal nicht mitzumachen. Dann zahlt sie für jeden Aufsatz, der in einer Wiley-Zeitschrift »Open-Access«-konform veröffentlicht werden soll, eine Veröffentlichungsgebühr von 2744 Euro und spart damit sechs Euro pro Aufsatz im Vergleich zur Wiley-DEAL-Veröffentlichungsgebühr, und sie spart sich die bei der MPDL Service GmbH fällig werdende Bearbeitungsgebühr von 150 Euro pro Aufsatz. Dafür bekommt sie kostenlos, was alle anderen à la »Open Access« publizieren, also alles Neue und Aktuelle.

Geht man einmal gedankenexperimentell davon aus, daß an einer deutschen Universität pro Jahr durchschnittlich etwa 80 Aufsätze à la »Open Access« veröffentlicht werden, und nimmt man an, das wären alles Aufsätze, die in einer Wiley-Zeitschrift veröffentlicht werden sollen — dann sieht die Strategie des Nichtmitmachens finanziell konkret so aus: Würde die Universität sich über ihre Bibliothek am Wiley-DEAL-Deal beteiligen, würden diese 80 Aufsätze mit 232000 Euro zu Buche schlagen; beteiligt sie sich nicht, kommt sie mit 219520 Euro davon, spart also 12480 Euro und kann dafür rund 200 schön gedruckte Fachbücher kaufen.

Das erklärt möglicherweise, warum sich Ralf Schimmer, der stellvertretende Leiter der Max Planck Digital Library und stellvertretende Geschäftsführer der MPDL Services GmbH, laut einem Bericht der DUZ »verwundert« darüber gezeigt hat, daß nicht alle der 600 wissenschaftlichen Einrichtungen, die man zum Mitmachen beim Wiley-DEAL-Deal schriftlich eingeladen hatte, die Einladung angenommen haben. Denn wer rechnen kann, ist wie immer und so auch bei diesem Deal klar im Vorteil: Er sieht die Differenz zwischen Versprechungen und Realität und kann sich ein eigenes Urteil bilden. Ganz so, wie es im selben DUZ-Bericht ein Dekan zum Ausdruck brachte: »Von einem fairen Preismodell, das ursprünglich ja mal der Anspruch sein sollte, kann nicht mehr die Rede sein.«

Natürlich hält das unsere Freunde bei »Open Access« und die Befürworter von weiteren DEALs nicht davon ab, bei ihrer einmal gefaßten Meinung zu bleiben. Ich mache es daher einfach so wie der gerade erwähnte DUZ-Bericht und lasse am Ende Horst Hippler zu Wort kommen, den DEAL-Chefunterhändler: »Der Vertrag mit Wiley markiert die Standards, die für die Zielerreichung von DEAL notwendig sind«. Und: »Wir sind auf einem guten Weg.«

Explosion [Quelle: Pixabay.]