Zum Leipziger Bibliothekskongreß 2022

Geschrieben von Uwe Jochum am 5.6.2022

Vom selben Autor:


Energiewendebibliotheken


Uwe Jochum

Wissenschaftlicher Bibliothekar

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Der Kongreß

Nun ist er schon wieder vorbei, der Leipziger Bibliothekskongreß 2022. Diesmal ohne Festabend, aber dafür in den auf der Kongreß-Website zu findenden Texten »durchgeschändert« (um es mit Bernd Zeller zu sagen) und teilweise natürlich mit gestreamten Vorträgen — man ist ja völlig in der Moderne und mitten im gerade aktuellen Zeitgeist angekommen. Das in Leipzig abgespulte Programm folglich so überraschend wie das Amen in der Kirche. Und warum sollte es auch anders sein, man blieb ja wie immer unter sich, also ohne öffentliche Resonanz und Relevanz, auch wenn man sich – auch hier wie immer — darum bemühte, die Bibliotheken als »Raum für demokratische Meinungsbildung« an Mann und Frau zu bringen.

Auf der Kongreß-Website sieht das (in etwas zusammengezogener Form) dann so aus:

Motto des
Bibliothekskongresses

Das alles ist schön und hat mit der schnöden Realität, wie sie in der kleinen Bibliothekswelt als Abglanz der großen Politikwelt von emsigen BibliothekarX*/I_en gestaltet wird, man kann nicht sagen: nichts zu tun; aber doch nur insofern etwas zu tun, als das Kontrovers-Politische des eigenen Tuns ausgeklammert und nicht diskutiert wird. So kommt Politik nur als Unterstützungselement der Bibliotheken ins Spiel (siehe oben den Websitenwerbetext), also als etwas Positives, das in Form von Fördergeld gerne akzeptiert wird. Der dialektische Widerpart wird dabei ausgeklammert, also das Negative, das in Form von dialogabwürgender Wokeness und überbordender staatlicher Fremdsteuerung (durch eine auch in den Bibliotheken um sich greifende Projektforschung, die stets und immer Politforschung à la Lyssenko ist) die Bibliotheken zu etwas ganz Anderem macht als zu demokratisch-partizipativen Räumen. Wer Bibliotheken betritt oder sich auf deren Websites tummelt, betritt daher zunehmend reale oder virtuelle woke Räume, die einen Dialog nur noch kennen, insofern dort alle das Nämliche sprechen, und in denen Partizipation als Inklusion verstanden wird, die selbstverständlich die Nicht-Nämlichen exkludiert. Das sieht dann in der Realität so aus, und hier muß ich mich wiederholen:

Die Logik der Lage II

A propos: In Leipzig natürlich kein Wort zur Zensur, die sich wieder ins Bibliothekswesen geschlichen hat.

Was macht man angesichts solcher Tendenzen? Nun, mal hält sie fest, um damit die bibliothekarische »Hall of shame« zu füllen und den AkteurX*/I_en keine Chance zu geben, dermaleinst mit der beliebten Ausrede davonzukommen: »Ich habe davon nichts gewußt!« Sie haben es alle gewußt, sie haben es alle getan, sie haben alle mitgewußt und mitgemacht; in Leipzig auf dem Kongreß und daheim in der bibliothekarischen Provinz.

Was also macht man angesichts solcher Tendenzen, jetzt, hier und heute? Man lacht.