Der Traum meiner Kindheit und Jugend: ein endloser Sommer mit blauem Himmel, warmes Wetter, ab Mittag auch heiß, heiß genug, um mit dem Fahrrad zum Abkühlen ins Freibad oder an den Fluß zu fahren, wo die Freunde schon warten, mit denen zusammen man im kühlen Wasser schwimmt oder am Grillplatz die Würstchen grillt, während man verstohlen zu den Mädchen hinübersieht und nicht weiß, was man tun soll, wenn die Blicke sich begegnen. Die Zeit der Idylle zwischen den unverantwortlichen Leichtigkeiten der Pubertät und den ersten Schritten ins Erwachsenenleben, das den unbeschwerten Sommer am Fluß durch allerlei berufliche Quisquilien ersetzt, deren Schauplatz das Biotop eines Büros ist; dort kann es unfreiwillig heiß hergehen, dort können einem ganze Tage und Wochen und vielleicht sogar Monate vergällt werden. Da spielt das Wetter keine Rolle mehr, da geht es um personale Atmosphären, die durch Animositäten und Solidaritäten aufgespannt werden. Da ist das freie Leben draußen ersetzt durch ein Leben drinnen, wo geatmet werden muß im Mief der Karrieristen und Opportunisten, die mit ihren unablässig gezündeten Blendgranaten niemandes leben besser machen.
[Abb. 1: Waldschadensbereinigung in Wuppertal. Quelle:
WDR.]
Wie es scheint, haben die Karrieristen und Opportunisten nun endlich einen Weg gefunden, ihren stickigen Mief auf die Außenwelt zu projizieren: Über die Medien lassen sie Mal um Mal vermelden, daß der schönste Sommer seit langem der heißeste jemals gemessene ist, daß die Flüsse und Seen austrocknen, die Fische sterben und auch die Oma im Altersheim, die die Hitze nicht aushält. Bäume gehen ein, jedenfalls in Wuppertal, wo eintausend von ihnen gefällt werden mußten; und wenn sie noch leben, werfen sie mitten im Sommer die Blätter ab und zeigen uns, daß es ihnen nicht gut geht. Und wer sich noch nicht genug Sorgen machen sollte, gar ganz unbeschwert einfach zum Baden an den See oder Fluß geht, dem folgen, sofern er ein Smartphone mitnimmt, die Bilder vom menschengemachten Klimawandel in Form von ausgetrockneten Flußbetten oder trockengefallenen Uferzonen – auf daß die Gänsehaut sich einstelle.
[Abb. 2: Aus den Weiten von X. Quelle:
Smartino auf X.]
Und wer es geschafft hat, bis dahin ruhig zu bleiben und weiter mit den Füßen im kalten Wasser plantscht, der wird zuletzt dadurch wachzurütten versucht, daß man ihm mit Ernteausfällen und Viehsterben droht und also mit dem Ende von Frühstücksbrötchen und Wiener Schnitzel.
[Abb. 3: Dürre in Bayern auf X. Quelle:
Flasbarth auf X.]
Das alles ist merkwürdig und buchenswert. Denn offenbar ist es gelungen, aus etwas Schönem und Wünschenswertem etwas Schreckliches und Bedrohliches zu machen; und es ist gelungen durch ein mediales Bombardement, das uns alle in den Schützengraben des Klimawandels zu zwingen versucht. Was aber passiert, wenn man den Kopf aus dem Graben hebt und sich umschaut? Dann sieht man nicht nur einen der schönsten Sommer der letzten Jahre, die Bäume voller Früchte, die Kinder kreischen am Wasser, die Segler segeln was das Zeug hält; man sieht auch, trotz aller Alarme wegen Hitze und Trockenheit, überall noch Mengen von grünem Gras, muntere Bäume, sprudelnde Bäche, Waldkühle und Schatten, daß es eine Lust ist.
Unglaublich? Aber nein, es ist die Wahrheit. Die Wahrheit einer Wirklichkeit, die man sieht und riecht und schmeckt, wenn man nicht mit einem Kopf voller Statistiken aus den Häusern ARD und ZDF auf das Land starrt, sondern selber hinausgeht in die Natur. Offenbar machen das immer weniger Menschen. Sie bewegen sich sommers gerade einmal von Berlin oder Dortmund an den Bodensee, sehen dort nur die Uferzonen, die von ihresgleichen überlaufen sind, schauen abends im Fernsehen nach, um sich darüber zu informieren, was sie tagsüber am See gesehen haben – und fertig ist das empirische Einmachglas, in dem nichts mehr frisch ist, aber alles haltbar sein soll.
Machen wir es einmal umgekehrt. Gehen wir hinaus in die Natur und schauen uns um. Was sehen wir da am Bodensee und in jenen Zonen, die der gemeine Tourist nicht zu sehen bekommt?
[Abb. 4: Seerhein.]
Wir sehen erstens ein Stück »Seerhein«. Das ist jener Abschnitt des Rheins, der aus dem Obersee hinausfließt und in den Untersee, in dem die Insel Reichenau liegt, hineinfließt. Dort ist das Wasser so sommerblau, wie man es sich nur wünschen kann, und das sehen auch die Ruderer so, die das genießen und am Polizeiboot vorbeirudern, das wie immer am Steg liegt, um für Notfälle bereitzustehen. Es liegt nicht auf Grund, es liegt da, wie es immer daliegt, und es wartet, wie es immer wartet; auf seinen Einsatz.
Und keineswegs ist es so, daß die Ufer ausgedörrten Sahelzonen gleichen. Das Wasser ist klar wie immer, die Boote dümpeln am Rand vor sich hin, auch wenn sie deutlich weniger Wasser als sonst unterm Kiel haben. Und am Ufer stehen die Bäume und machen keinerlei Anstalten zum Notabwurf ihrer Blätter.
[Abb. 5: Seerhein mit
Liegeplätzen.]
Wendet der Wanderer dann seinen Schritt ein wenig vom Ufer weg und streift durch die etwas abgelegenere städtischen Areale, die sich an den See vorgeschoben haben, findet er ein ländliches Idyll mit Dorfbrunnen, bei dem bisher noch keine Stadtverwaltung auf die Idee kam, man solle ihm wegen Wassermangel das Wasser abstellen. Der Brunnen ist randvoll, blumengeschmückt und von einem Heiligen Martin treulich bewacht.
[Abb. 5: Brunnen vor dem Tore.]
Gehen wir weiter. Gehen wir über die Grenze in die Schweiz, wo die Stadt Konstanz über Ackerland verfügt, das an Bauern und Kleingärtner verpachtet ist. Was sehen wir da? Wir sehen eine grüne Wiese, wir sehen Felder, abgeerntet und zur Ernte bereit, wir sehen Schuppen für allerlei Geräte, wie sie der Landwirt braucht. Hitze und Klimakatastrophe sehen wir nicht.
[Abb. 6: Felder mit Schuppen.]
Und etwas weiter draußen, hinter den Schuppen, finden wir noch mehr Felder, auf denen das Gemüse reift. Und das tut es ganz offensichtlich derzeit noch ohne die Hilfe von Sprinklern.
[Abb. 6: Reifes Feld.]
Auch die Kleingärten, die sich zwischen die Felder mogeln, zeigen keineswegs jenen von den Medien verbreiteten Zustand der in Kürze erfolgenden Vertrocknung. Es grünt und blüht da wie eh und je und ohne alle Rücksichten auf die Befindlichkeiten der Klimajünger.
[Abb. 7: Kleingarten.]
Noch weiter draußen, oben am Hang, wo die Bebauung der Schweizer Parallelstadt Kreuzlingen endet, findet man jene typischen Sommerwiesen, auf denen das Gras schon etwas sonnengelb geworden ist, aber die Wiesenblumen nicht daran denken, ihre Blüten einzurollen.
[Abb. 8: Sommerwiese am Stadtrand.]
Und was finden wir jenseits der letzten Häuser? Wir finden einen Wald. Er beginnt, wie es Eichendorff nicht besser hätte besingen können: mit einer schattigen grünen Wiese und grünblättrigen Bäumen, die in vollem Saft stehen und den Wanderer begrüßen.
[Abb. 9: Waldrand.]
Im Wald dann ein Tobel, und am Rand des Tobelbaches eine von den Waldtieren, wahrscheinlich Wildschweinen, benutzte Stelle: dort scheint nachts getrunken und gebadet und jedenfalls auch ein wenig herumgesuhlt zu werden. Man sieht es, und man riecht es.
[Abb. 10: Am Bach.]
Oberhalb der Suhlstelle dann eine kleine Bachkaskade, die ein Becken mit grün leuchtendem Wasser füllt, daß es eine Waldeslust ist. Wer hier wandert, wird sich darüber wundern, daß die Medien von Hitzeschlägen und Sonnenstichen schwatzen und von einer bedrohlichen Dürre, die dem Planeten den Garaus macht. Hier sprudelt das Wasser, hier plätschert es, hier ist es kühl und schattig, ein Ort zum Verweilen.
[Abb. 11 (Video): Der kleine Wasserfall.]
Wir weitergeht, wird endlich von immer mehr Wald aufgenommen, in dem es genau so aussieht, wie es sommers in einem Wald aussieht: links und rechts ragen die Bäume aus dem grünen Unterholz, die Baumkronen schließen sich oben über dem Waldweg und bilden ein schattiges Dach, unter dem es sich angenehm laufen läßt.
[Abb. 12: Im Wald.]
Laufen wir also ein Weilchen und gehen wir dann an den See zurück.