Auf einer Wiese über meinem Heimatort, an einem schmalen Feldweg, weit weg von den letzten Häusern, noch nicht ganz am Waldrand, stand ein kleines Apfelbäumchen.

Immer, wenn ich vom Dorf zum Wald hinaufging oder von dort herabkam, freute mich sein Anblick. In jeder Jahreszeit gab es dem Bauernland das Besondere: Im Winter, wenn es kahl stand und oft eine Schafherde um es herum blökte und graste. Im Frühling, wenn es als weiß blühender Farbtupfer im satten Wiesengrün leuchtete. Im Sommer mit seinen Früchten prangend — und im Herbst sich allmählich verfärbend.
Eines Tages war das Bäumchen nicht mehr da. Man hatte es abgehauen. Jetzt, als die Leere, die es hinterlassen hatte, unübersehbar war, kam mir der Gedanke, es könnte ein Frevel sein, so einem Baum ohne Not das Leben zu nehmen. Alleine schon die Frage, ob Leben in einem Baum sein könnte, das über etwas naturwissenschaftlich Beschreibbares hinausgeht, ob es also etwas gibt wie eine Baumseele, dürfte den, der so etwas denkt, in jeglichen Mißkredit bringen. Alleine, wer nach der Seele der Religion sucht, darf sich davon nicht erschrecken lassen.
Beseelung
Der Naturmensch rangiert sich mit seinen Nebengeschöpfen auf gleichem Niveau ein, er schreibt nicht nur Menschen, Tieren, Pflanzen, sondern auch Steinen und Hausgeräten Seele und Wiederauferstehen im Jenseits zu. Sprachbilder zeugen von einer tiefen Identifikation: So wie Baum und Pflanze blühen, wachsen und welken, so auch der Mensch — »in seiner Vergänglichkeit gleicht er dem Grase des Feldes; der Mann in seiner Kraft erinnert an die starke Eiche, das hingebende, anmutige Weib an den umrankenden Epheu, die duftende Blume«.
Bäume sind »persönliche Wesen«, »Körper einer durch den Tod dem Menschenleibe entrückten Seele« oder »Wohnsitz eines Schutzgeistes«, der zu heilen imstande ist. Die Baumseele wirkt aber auch als »Genius des Wachstums«, als Vegetationsgottheit, sichtbar an der wiederkehrenden »Verjüngung der Pflanzenwelt im Frühling« und von vielfältigem Brauchtum begleitet, etwa dem Maibaumaufstellen.
Was bei vorchristlich germanischen Völkern geglaubt wurde, findet sich nahezu überall auf der Welt: Wenn die Trobriander der Südsee ein Boot bauen, müssen sie dafür einem Baum das Leben nehmen. Dies geschieht in Ehrfurcht vor den Geistern, die ihn beseelen, unter zeremonialen Gebeten.
Die Temne, ein Stamm an der Westküste Afrikas, verehrten einen Baum sogar als Gott. Zumindest legt der Bericht von Alvaro Velho dies nahe. Als Matrose auf Vasco da Gamas Expedition nach Indien an die Küste Westafrikas gelangt, verbrachte er dort um 1500 viele Jahre. Er berichtet von einem Crü genannten altehrwürdigen Baum, der für die Temne ein Gott war. Kuru — das ist in der Stammessprache der Begriff für Gott, ebenso Geheimnis und (höchste) Macht — »das, woran man glaubt«.
Die Pygmäen, die im Ituriwald des Kongo umherstreifen, wenden sich an den Buschgott Mbali, Vater oder Wald genannt, als ihrem Schöpfer. Zu ihm rufen die Frauen, wenn sie durch den Busch ziehen, er möge sie glücklich geleiten, Leid fernhalten, die Jagd nach Schlangen und Termiten gelingen lassen, aber auch:
Schwangerschaft gib mir, o Mbali,
Schwangerschaft gib mir, daß ich gebäre.
Ebenfalls um Jagdbeute, um Wild, bitten die Männer Mbali, und sie rufen Hilfe herab in Notsituationen:
O Gott, Regen möge nicht kommen,
möge nicht fallen mit großem Wind.
Die Kinder sind im Wald, es regne sachte.
Was für die Balese-Efe gilt, ihre Verehrung für den als göttlich erfahrenen Wald, findet sich ähnlich bei den benachbarten Bambuti, die überzeugt sind: »Der Wald ist das Gute«. Spüren die Bambuti, daß der Wald sich regenerieren muß, singen und tanzen sie, um sein Herz zu erfreuen.
In der Sahelzone ist Wasser das kostbarste Gut; so erzählen die Yende in Benin diese Geschichte:
Der Regen sagte einmal: »Ich bin der Herr des Himmels! Mensch und Tier erhalten von mir ihre Nahrung!« »Ich bin der Herr der Erde«, entgegnete der Wasserteich, »bei mir holen die Frauen ihr Wasser! Von mir sind die Fische!« Kaum hatte er dies gesagt, da hörte der Regen auf zu fallen, ein ganzes Jahr. Der Teich trocknete aus. Die Fische starben dahin. Da ging der Teich zum Regen: »Du bist wahrhaftig der Herr des Himmels!«, sagte er, »gib mir jeden Tag Wasser!« Und es regnete und regnete nun jeden Tag.

Erscheinungen der Natur sind beseelt, ja göttlich. In Afrika werden unterschiedliche Erscheinungen der Natur als numinos verehrt, die alle eines gemeinsam haben: es sind Leben spendende Kräfte, ohne die der Mensch nicht existieren kann, an die er gebunden ist und von denen sein Wohl und Wehe abhängt.
Dem Volk Israels erscheint dessen Gott, Jahwe, beim Auszug aus Ägypten in einer Wolke, die es in die Wüste führt. Als das Volk dort zu murren beginnt, erscheint Jahwe abermals in der Wolke, zuerst dem Mose und den Ältesten des Volkes, die um die Stiftshütte versammelt stehen:
Da kam der Herr hernieder in der Wolke und redete mit ihm [Mose] und nahm vom Geist, der auf ihm war, und legte ihn auf die siebzig Ältesten. Und als der Geist auf ihnen ruhte, gerieten sie in Verzückung […].
Jahwe ist nicht nur Geleiter und Geistspender, er ist auch einer, der zürnt:
Vom Herrn der Heerscharen wird Strafe geübt werden mit Donner und Erdbeben und mit großem Krachen, Sturmwind und Ungewitter und mit verzehrenden Feuerflammen.
Im Umfeld des alten Israel findet sich der Gott Baal, der Wolkenreiter:
Und nun wird Baal die Zeit seines Regens festsetzen […]
Und er wird erschallen lassen seine Stimme in den Wolken,
Indem er abschießt zur Erde die Blitze.
Der Mensch erkennt die Schöpfung als das, was Leben ermöglicht. Er ist von dieser Schöpfung, andere nennen sie Umwelt oder Natur, abhängig. Weil der Regen Fluch und Segen zugleich sein kann, verehrt und fürchtet ihn der Mensch, er bringt seiner Erscheinung Ehrfurcht entgegen. In dem, was Not tut, Leben spendet und zugleich bedroht, wirken göttliche Kräfte.
Viel von diesen uralten Vorstellungen schwingt mit, wenn die katholische Kirche den Wettersegen erteilt:
Gott, der allmächtige Vater, segne euch und schenke euch gedeihliches Wetter; er halte Blitz, Hagel und jedes Unheil von euch fern. Er segne die Felder, die Gärten und den Wald und schenke euch die Früchte der Erde.
Meine Mutter erzählt mir oft, wie sie mit ihren Eltern bei Donner, Blitz und Hagel um den Küchentisch gesessen ist — und man gebetet hat, das Unwetter möge Haus und Land verschonen. Diesen Menschen war durchaus bewußt, in einem Haus mit Blitzableiter zu wohnen; doch der Drang des Homo religiosus in ihnen scheint höher gewesen zu sein als alle Vernunft.
Was eigentlich spricht dagegen anzunehmen, daß Religion zunächst als Animismus entstanden ist, aus der existentiellen Notwendigkeit heraus, mit der Schöpfung, wie sie ist, zu leben? Ein Homo religiosus, der kein Animist ist, scheint ohnehin kaum denkbar. Ein Schamane, so erzählt Martin Mosebach, habe ihm einmal gesagt, ein Stein, der aus der Erde ausgegraben wird, bräuchte eine lange Zeit, um sich von diesem Schock zu erholen. Der Dichter meint dazu: »Ich halte das für wahrscheinlich«.
Viele Hypothesen, wie die Religiosität des Menschen begann (wenn sie denn »beginnen« mußte), etwa die Urmonotheismustheorie des Steyler Missionarspaters Wilhelm Schmidt, sind kaum haltbar; deutlich wahrscheinlicher dürften animistische Anfänge sein, wie sie noch bei Adalbert Stifter nachklingen, der nichts weiß »von einem zum abstrakten Geist verflüchtigten Gott«, sondern »fühlt, wie er andringt aus Busch und Baum, aus Gluten des Sommers, aus herbstlichem Licht und majestätischer Winternacht«. Der evangelische Theologe Jürgen Moltmann sieht es nicht anders: »Mystik sieht Gott in allen Dingen und alle Dinge in Gott und nimmt damit alle Dinge in die Ehrfurcht vor Gott hinein.« Aber wenn Gott überall spürbar ist, mit seinem Segen und seinem Zorn — ist er auch nahbar?
Entrücktheit
In einer religiösen Gemeinschaft, dem Katholizismus der Jetztzeit, ist in einer Weltgegend, die sich selbst »der Wertewesten« nennt, dessen Werte nicht unwesentlich darin bestehen, einem Mann zuzugestehen, per Willensbekundung eine Frau sein zu dürfen, ein skurriler Streit darüber entbrannt, wie man die Gottesmysterien zu begehen habe. Die Traditionalisten haben sich dazu verstiegen, dies so zu tun, wie es Generation um Generation vor ihnen getan haben; vorläufig durchgesetzt hat sich allerdings eine Gruppierung unter dem Namen »Reformer«, die den Ritus so sehr dem Fortschritt in seiner jeweiligen Form, deren Moden rasant wechseln, geöffnet hat, daß ihre Vorfahren das, was sie gerade tun, wohl kaum als den ihnen bekannten Gottesdienst erkennen würden. Die Reformer führen als eines ihrer Hauptargumente an, sie hätten den Gottesdienst aktualisieren müssen, um den Gläubigen eine leichtere Zugänglichkeit zu den Geheimnissen Gottes zu ermöglichen (was man durch Abschaffung der Kirchensprache Latein zugunsten der jeweiligen Volkssprache erreichen wollte), während die Traditionalisten auf dem Standpunkt beharren, Zugänglichkeit wäre noch nie einer der Namen Gottes gewesen.

Es scheint sich um eine grundsätzliche Ebene des Religionsverständnisses zu handeln: Kann man Gott denken? Oder muß man das Göttliche fühlen? Ist Religion eine Verstandesangelegenheit oder eine Frage dessen, was der Mensch spürt auf seinem Weg durch das Leben und die Welt? Konkret ist zu fragen, wo der Mensch Gott begegnet, in welcher Form dieser sich offenbart.
Wie wir gesehen haben, ist Gottes Wirken, etwa im Regen, zwar greifbar in seiner positiven oder negativen Konsequenz, der »Herr des Himmels« aber entzieht sich jeder Nahbarkeit. Eine altägyptische Erzählung vom Schiffbrüchigen, der auf einer Insel im Roten Meer strandet, macht dies anschaulich:
Da hörte ich ein Donnergeräusch und meinte, es sei eine Woge des Meeres; Bäume wurden geknickt, die Erde bebte. Als ich mein Gesicht aufdeckte, erkannte ich, daß es eine Schlange war, die herankam. Sie maß 30 Ellen [15 Meter], und ihr Götterbart war über zwei Ellen [1 m] lang. Ihr Leib war mit Gold überzogen, ihre Augenbrauen aus Lapislazuli.
Als der Erschrockene dem Gott opfern will, wird er ausgelacht — denn dieser lebt nach eigenem Bekunden im Überfluß und benötigt nichts, was ein Mensch ihm geben könnte.
Gottes Name ist mitnichten Verständlichkeit und Zugänglichkeit, sondern Entrücktheit, Unerreichbarkeit, Unverfügbarkeit. Sowohl der ägyptische Amun als auch der israelitische Jahwe sind verborgene Götter, »geheimnisvoll« nennen die Quellen die Nil-Götter, deren Name eigentlich nicht genannt werden kann und darf; im griechisch-römischen Tempelkult wohnt Gott im Adyton, dem Unbetretbaren, Jahwe muß auf Bergeshöhen aufgesucht werden. Für den Hinduismus lassen die Upanishaden (»das durch das vom Lehrer Gehörte Offenbarte«) als höchstes Wesen brahman erkennen — »etwas Unbeschreibliches und jenseits des menschlichen Vorstellungsvermögen Liegendes«. Schamanistische Vorstellungen von der Herrin der Tiere verorten diese verborgen im »Bauch der Erde«.
Der Islam hat aus dieser Unnahbarkeit Gottes ein Abbildungsverbot gemacht; das Christentum, von den bilderstürmenden Zeiten der Orthodoxie abgesehen, das Gegenteil — eine Bildfreudigkeit und Bildverehrung ohnegleichen, ausgenommen der deutsche Protestantismus, der nicht nur Bilderstürme in seiner revoluytionär-anarchischen Frühphase kannte, sondern spätestens mit dem Aufkommen der dialektischen Theologie heftig darum rang, ob Gott überhaupt »das ganz Andere« sei.
Sonnengott
Es ist das Jahr 1364 vor Christi Geburt: Was als ägyptischer Pantheon mit einer Göttervielheit begann, aus der jener herausragte, nach dem Pharao Amenophis IV., der in jenem Jahr die Herrschaft antrat, seinen Geburtsnamen erhalten hat — Amun ist zufrieden —, wird nun radikal beschnitten auf den einen, dessen Namen der König annimmt: Echnaton — der Aton dient. Aton, das ist der uralte Sonnengott Re, in neuer Gestalt und neuer Theologie.
Aton ist weniger der Sonnenball als vielmehr »das Licht, das in der Sonne ist und, von ihr ausstrahlend, die Welt ins Leben ruft und am Leben erhält«. Der Sonnengesang Echnatons faßt diese Gedanken in grandiose Bilder:
Schön erscheinst du
im Horizonte des Himmels,
du lebendige Sonne,
die das Leben bestimmt. […]
Deine Strahlen säugen alle Felder —
wenn du aufgehst, leben sie und wachsen für dich.

In letzter Konsequenz hat der Sonnengott, der nicht durch Worte wirkt, »sondern durch seine Strahlen«, »dessen sichtbares Kultbild das Sonnengestirn ist«, dessen Strahlen als Hände gedacht und dargestellt werden, im Tempel kein Kultbild mehr, sondern das Allerheiligste ist offen nach oben hin, um es der Sonnengott »durch seine Strahlen ausfüllt mit sich selbst«, womit der Gott auf Erden anwesend ist, wie es in den alten Texten heißt: Aton ist ein Gott, dessen Tempelschrein »eigentlich die ganze Welt« ist.
War die altägyptische Aton-Religion auch ein (kurzlebiger) Versuch, die Entrücktheit des Gottes aufzubrechen, ihn hereinzuholen ins Leben der Menschen, mit seinen Sonnenarmen, die nun in einen offenen Tempel und in die ganze Welt greifen können? Die Abhängigkeit des Menschen von göttlichem Wirken hat der als Ketzer verschriene Pharao Echnaton jedenfalls mitnichten bestritten.
Seit der Psychoanalytiker C.G. Jung einmal erlebt hat, in welchen Jubel Paviane ausbrechen, wenn die Sonne aufgeht, weiß er:
Der Augenblick, in dem es Licht wird, das ist Gott.
Der Augenblick bringt die Erlösung.
Alle Kreatur ist abhängig von der Schöpfung und ihren Segnungen.
Lebensspender
Sedna, jene Herrin der Tiere, »die vorher war« (das bedeutet ihr Name), ist verborgen in ihrem unterseeischen Reich. Der Schamane der Labrador-Eskimos hat die Aufgabe, sie alljährlich dort aufzusuchen, um sie um Freigabe der Jagdbeute zu bitten, deren Seelen sie »zwischen den Zeiten«, in einer Phase der Regeneration der Natur, zurückgehalten hat:
Ich werde sie aufsuchen
Die unbekannte Frau
Ich werde die verborgenen Dinge ergründen
Jenseits der Menschen.
Die Herrin der Tiere ist, wie alles Göttliche, nicht einfach greifbar, nicht leicht zugänglich, sie ist verborgen; ein Eingeweihter muß mühsam zu ihr hinabsteigen, sie in ihrer Höhle aufsuchen, dann ist sie bereit, ihre Gaben zu schenken.
Wenn im Herbst Erntedank gefeiert wird, singt die Christenheit Psalm 65, ein Dankgebet für Gottes Gaben:
Du sorgst für das Land und tränkst es;
du überschüttest es mit Reichtum. […]
Du krönst das Jahr mit deiner Güte,
deinen Spuren folgt Überfluß.
In der Steppe prangen die Auen,
die Höhen umgürten sich mit Jubel.
Die Weiden schmücken sich mit Herden,
die Täler hüllen sich in Korn.
Sie jauchzen und singen.
Der Schamanen-Gang zur Herrin der Tiere mit seinen rituellen Gesängen und der zum christlichen Erntedankfest gebetete Psalm sind gleichermaßen »Ausdruck der tiefen Dankbarkeit frommer Seelen, die sich dessen bewußt sind, daß alle natürlichen und alle übernatürlichen Gaben eben das sind: Gaben aus der Hand des Schöpfers, und nicht ›Gemachtes‹ aus dem Willen und der Tätigkeit des Menschen selbst«.
[Gaben zu Erntedank in der Pfarrkirche Mariä
Himmelfahrt in Scheppach.]
Allzumenschliches
Wie man in animistischen Vorstellungswelten abhängig ist von Naturerscheinungen — und diese Erscheinungen deshalb fürchtet und verehrt zugleich, also vergöttlicht —, so überträgt sich die Abhängigkeitsvorstellung in »entwickelteren« Kulturen auf hochliterarische Mythen.
Die neueste Hollywood-Verfilmung der Odyssee durch Christopher Nolan verortet das Geschehen, das auf die Leinwand projiziert wird, »in einer Zeit offensichtlicher Magie«. Den Filmkritiker Martin Lichtmesz veranlaßt dies zum Spott: Offen sichtlich sei das Magische in dieser Filmversion gerade eben nicht. Schlimmer noch: »Völlig abwesend sind die Götter. Nicht einmal ihr Wirken in der Natur ist zu spüren, etwa in der ›heiligen Meeresflut‹ oder in der berühmten ›rosenfingrigen‹ Morgenröte.«
Alleine damit hat sich ein Film, der vorgibt, sich auf das homerische Epos zu beziehen, disqualifiziert. Denn ohne das Wirken der Götter könnte kein Filmemacher des 21. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung überhaupt auf einen Stoff namens »Odyssee« zurückgreifen. Im Gegensatz zu Nolan glaubt Homer nicht, eigenmächtig über alles verfügen zu können und es zu formen, wie immer es ihm beliebt. »Den Mann nenne mir, Muse, den Vielgewanderten« — mit solcher Demut vor den Göttern beginnt es. Und schon nach wenigen Zeilen wird klar, wer über die Schicksale dieses Mannes und seiner Gefährten bestimmt: der Rat der Götter im Olymp.
Nachdem die Achaier Troja eingenommen, damit den Raub der Helena gerächt, ist der Mannschaft des Odysseus keine schnelle Heimkehr beschieden, sondern eine Irrfahrt. Schließlich verzehren die Toren die Rinder des Helios, was allen außer ihrem Anführer zum Verhängnis wird — es »wehrte ihnen der Gott die Zurückkunft«. Dem Odysseus aber zürnt der Erderschütterer Poseidon wegen der Blendung des Zyklopen, seines Sohnes. So landet der »vielverschlagene Mann, der so weit geirrt«, endlich auf der Insel Ogygia, in der Grotte der schönflechtigen Nymphe Kalypso, die ihn glühend zum Mann begehrt, ihn, der sich vor Heimweh verzehrt.
Selbst da das Jahr nun kam im kreisenden Laufe der Zeiten,
wo ihm die Götter bestimmt, gen Ithaka wiederzukehren,
war der Held noch nicht am Ende seiner Bedrängnis.
Erretten aus seiner Not kann ihn nur die Versammlung der Götter, insbesondere seine Fürsprecherin Athene, die allerdings einen günstigen Moment abwarten muß, bis der rachsüchtige Poseidon den Olymp verläßt, um das Land der Aithiopen aufzusuchen, wo ihm geopfert wird.
Es jammerte seiner die Götter […:]
Wir wollen uns alle zum Rat vereinen, die Heimkehr
des Verfolgten zu fördern [so sprach der Wolkenversammler Zeus]
In den homerischen Epen, überhaupt in der antiken Mythologie, ist das Göttliche auf einer Ebene angelangt, wo es eigentlich nicht hingehört: Die Götter tragen menschliche Züge, sitzen zechend zu Tisch und schmieden Ränke gegeneinander. Geblieben ist die Vorstellung von der Entrücktheit und Ungreifbarkeit dieser Götter, geblieben ist auch das Wissen um die schicksalhafte Abhängigkeit des Menschen vom göttlichen Willen, wie sie auch der Alte Orient kennt.
Eine der erschütterndsten Szenen des Gilgamesch-Epos ist die Szene als Enkidu auf dem Totenbett liegt und seinen Freund, den König Gilgamesch, fragt: »Weshalb nur ratschlagen die großen Götter?« Die Götter beraten darüber, ob und wie der Frevel gebüßt werden muß, den Gilgamesch und Enkidu mit der Tötung des Himmelsstiers begangen haben; sie haben das Leben des Naturmenschen Enkidu, der in die Zivilisation kam, in ihren Händen.
Vielleicht ist Geschichte von den Anfängen und Entwicklungen menschlicher Gottesvorstellungen als »Verlustgeschichte« zu schreiben; vielleicht sollte diese Geschichte »keine Antworten auf Fragen der Gegenwart« liefern, sondern die Gegenwart »den existentiellen Fragen« menschlicher Gottesvorstellungen aussetzen; vielleicht erwiese sich die Modernität einer Gottesvorstellung dann gerade nicht darin, wie gut Gott »in unsere Zeit paßt, sondern wie unerbittlich er die Glätte unserer Zeit zertrümmert«. Denn gleich wie der Geist einer Zeit auch wehen mag, der Mensch ist abhängig von etwas, was er nicht in Händen hält, was seinem Einfluß entrückt ist, vor dem Ehrfurcht zu empfinden ihm ansteht.
Wobei man, schreibt man das Wort »Gottesvorstellung« und betrachtet es anschließend noch einmal aufmerksam, zu erschrecken hat darüber, wieso eine Betrachtung über den Homo religiosus nicht konsequent davon ausgeht, daß für den Menschen, der glaubt, Gott eben keine Vorstellung ist, welche man qua Verstand und Willen formen, manipulieren und instrumentaliseren kann, sondern das er ist, was er ist, ohne daß auf dieses Sein und dessen Wirken irgendein Einfluß ausgeübt werden könnte. Doch die Zeiten sind nicht so.
Nun ist der Mensch Gott
Seit Gott tot ist, rückt immer mehr der unersättliche Mensch an seine Stelle; fast scheint es geschafft, daß er sich auf den Thron Gottes gesetzt hat, sein eigentlicher Ort, wie im 20. Jahrhundert behauptet worden ist.
Die Ludwig-Maximilians-Universität in München präsentiert sich gerade promethisch: Im Zeitalter von KI läßt man »die Grenzen verschwimmen«. Und das ist gut so, meinen Editionsteam und ausgewählte Forscher. Es sei »eine grobe Vereinfachung, natürlich [im Sinne des Homo religiosus also: das Geschöpfte] und künstlich [sprich: das Menschengemachte] als klare Gegensätze zu begreifen«. Bisher falsch eingeordnet wären diese Begriffe, »als Synonyme von echt und falsch«. Alles ist in dieser Denkweise nur eine Frage von Sprechakten, alles wird durch den Diskurs erst erschaffen und kann nach Belieben umgemodelt werden, die Schöpfung sowieso: Der Informatiker lotet begeistert aus, »wie digitale Techniken menschliche Fähigkeiten erweitern können«. Sein Forschungsziel: »Der erweiterte Mensch«. Geographin und Biologe machen sich Gedanken darüber, »wie sich Kulturpflanzen an den Klimawandel anpassen« — und sind sie nicht willig, so braucht es Gewalt — »oder künstlich anpassen lassen«, mit »nachhaltiger Gentechnik«. »Entwickeln«, »optimieren«, »Effizienz steigern« ist das LMU-Gebot der Stunde, von Pflanzen und von Menschen. Wer Zweifel anmeldet, dem werden »diffuse Ängste vor neuen Technologien« unterstellt. Probleme? Nur für Ewiggestrige. Soll der Mensch Gott spielen? Aber ja, ruft es aus der LMU euphorisch.
[Bryan Alexander Davis: Golem. Quelle:
Wikimedia.]
Auch das Wetter ist nicht mehr Sache göttlicher Wolkenversammler, Regenspender und Donnerer — es wird von erwählten Menschen gesteuert: Klimaingenieure versprechen, die Erdtemperatur nach ihrem Willen einzustellen wie eine smarte Wohnungsheizung. Aber was, wenn ein Strich durch die Rechnung gemacht wird, etwa wenn ein Super-Vulkan hochgeht, wie er unter Neapel schlummert oder auf La Palma? Bei den Laki-Eruptionen 1783/4 auf Island brach in ganz Europa ein jahreylanger vulkanischer Winter an, die nördliche Hemisphäre kühlte sich um 1,5 Grad Celsius ab, Mißernten inklusive. Wer hat dann die Allmacht?
Dennoch gaukeln Beratungsgurus ihrer leichtgläubigen Klientel nichts Geringeres als »Klimakonzepte« vor, die für »die jeweilige Klimazukunft maßgeschneidert« sind. Da wird die Welt am Computer fix neu entworfen wie ein Video-Game für Kids, in dem »Pilotprojekte« »Modellregionen« definieren, wo »neue Rebsorten angepflanzt, klimaresistente Baumsorten gesetzt, Bachbette neu dimensioniert« werden. Oh unfaßbarer Größenwahn, der den lieben Gott zum Stümper degradiert — vermeintlich.
Der Mensch hat »es« eben nicht in der Hand, mag er sich noch so klug dünken. Daß es eine Instanz in der Hand hat, die über dem Menschen steht, ist evident. Daß es sich dabei nicht um eine numinose Macht handeln könnte, die man Götter oder Gott nennt, auf solch einen abwegigen Gedanken ist vor dem Zeitalter des Rationalismus niemand gekommen. Die Vernunftreligion ist ein illegitimes Kind der Neuzeit, in ihr degeneriert die Welt und der Blick auf sie »vom gottgewollten Mysterium« zu einer »menschengeschaffenen Rationalität«; diese Rationalität aber ist »eine der primitivsten und infantilsten Geistesperioden der Menschheit«.
Ein Gebrechen, das den modernen Menschen offensichtlich daran hindert, Gott begreifen und göttliches Wirken akzeptieren zu können, ist die ihm abhandengekommene Demut. Doch gerade Einsicht in Begrenztheit und Abhängigkeit ist es, die dem Menschen gemäß ist. Die Fülle des Lebens erschließt sich nicht in der Allüberallverfügbarkeit von Allem, wie es das Internet verspricht — und schon gar nicht im Allmachtsanspruch des Homo sapiens, sich die Welt nach seinem Willen formen zu können.
Die Entrücktheit des Göttlichen vom Allzumenschlichen heißt keineswegs, dass das Göttliche im Alltag nicht spürbar wäre — ganz im Gegenteil: Gott war überall — schreibt der Romanist Johannes Hösle über seine Kindheit im Allgäu der 1930er Jahre, um sich später von dieser Gottesdurchdrungenheit des Alltags »zu distanzieren«, wie mir ein Benediktinerpater, der ihn kannte, sagte. Die nächste Folge von Homo religiosus, die dessen Leben betrachtet, spürt dem Verdacht nach, das alles, was man tut, wenn man glaubt, der Heiligung unterliegt — und damit der Gottesnähe.
Quellen in der Reihenfolge im Text
Wilhelm Mannhardt: Wald- und Feldkulte. Erster Teil: Der Baumkultus der Germanen und ihrer Nachbarstämme. Mythologische Untersuchungen. Gebrüder Borntraeger Ed. Eggers: Berlin, 1875, S. 1 Anm. 1 (Naturmensch); S. 2 (analoge Sprachbilder für Pflanze und Mensch); S. 5 (Baumseele als Schutzgeist); S. 155 (Bäume als Vegetationsgottheiten).
Bronisław Malinowski: Argonauten des westlichen Pazifik. Ein Bericht über Unternehmungen und Abenteuer der Eingeborenen in den Inselwelten von Melanesisch-Neuguinea. Herausgegeben von Fritz Kramer. Frankfurt am Main: Syndikat, 1979 (englischsprachige Originalausgabe: Argonauts of the Western Pacific. New York: Dutton, 1922).
Walter Hirschberg: Bullom, Temne, Mende und Krio (Sierra Leone). In: Walter Raunig (Hrsg.): Schwarz-Afrikaner. Lebensraum und Weltbild. Gütersloh: Prisma, 1987 (Erstausgabe: Innsbruck: Pinguin, 1980), S. 27–41, hier S. 29 (Baum als Gott).
Anton Vorbichler: Das Weltbild der zentralafrikanischen Pygmäen. In: Raunig: Schwarz-Afrikaner, S. 171–182, hier S. 175 (Buschgott Mbali).
Hans Peter Duerr: Sedna oder Die Liebe zum Leben. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1984, S. 234 (Waldgott der Bambuti); S. 15 (Gesang des Eskimoschamanen), S. 35 (Verwahrort der Tierseelen).
Hugo Huber: Rituale des Lebens. Religiöse Aspekte einer westafrikanischen Savannenbauernkultur. (Die Yende in der Volksrepublik Benin). In: Raunig: Schwarz-Afrikaner, S. 49-59, hier S. 49 (Leben spendender Regen).
4 Mose 11, 25.
Jesaja 29, 6.
Karl-Heinz Bernhardt: Ugaritische Texte. In: Walter Beyerlin (Hrsg.): Religionsgeschichtliches Textbuch zum Alten Testament. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, ²1985, S. 205–243, hier S. 228, Zeile 122 (Baal als Wolkenreiter); S. 227, Zeilen 68–71 (Baal als Regenmacher, Donnerer und Blitzeschleuderer).
Benediktionale. Studienausgabe für die katholischen Bistümer des deutschen Sprachgebietes. Freiburg u.a.: Herder, 1987, S. 59–63 (Wettersegen).
Martin Mosebach: Häresie der Formlosigkeit. Die römische Liturgie und ihr Feind. Wien: Karolinger, 2002 (aus dem Gedächtnis zitiert).
Emil Staiger: Adalbert Stifter als Dichter der Ehrfurcht. Zürich: Verlag der Arche, 1952, S. 22f.
Ist im Pontifikat Leos XIV ein Ende der Liturgiekriege zu erwarten? Summorum Pontificum, 4. September 2026, https://www.summorum-pontificum.de/cont_articles/26/m09/04_perspektiven-alte.messe.html (Zugänglichkeit war noch nie einer der Namen Gottes)
Erik Hornung: Der Eine und die Vielen. Ägyptische Gottesvorstellungen. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1971, S. 118 (Erzählung vom Schiffbrüchigen), S. 106 (verborgene Göttergestalt).
Vasudha Narayanan: Hinduismus. Religionen verstehen. Köln: Fleurus, 2005, S. 25 (höchstes Wesen brahman).
Erik Hornung: Echnaton. Die Religion des Lichts. Düsseldorf und Zürich: Artemis & Winkler, 1995, hier ²2001, S. 61 (Licht, das in der Sonne ist), S. 88–93 (Sonnengesang Echnatons), S. 82 (Wirkung durch Strahlen), S. 29 (Sonne selbst als Kultbild), S. 44 Abb. (Strahlenhände), S. 82 (kein Kultbild im Tempel), S. 81 (Tempelschrein ist die ganze Welt), S. 95 (Jubel der Paviane beim Sonnenaufgang).
Psalm 65, 10–14.
Michael Charlier: Te decet hymnus — Ps. LXIV [65]. In: Das Psalterium, https://www.psalterium.de/cont_psalms/ps_064.html, 2024 (Erntedank).
Martin Lichtmesz: Christopher Nolans »Odyssee«. Sezession im Netz, 28. Juli 2026, https://sezession.de/71141/christopher-nolans-odyssee.
Homer Odyssee. Übersetzt von Johann Heinrich Voß. Durchgesehen und eingeleitet von Otto Hauser. Deutsche Bibliothek in Berlin. Leipzig, ohne Jahr, S. 1–3.
Das Gilgamesch-Epos. Übersetzt, kommentiert und herausgegeben von Wolfgang Röllig. Stuttgart: Reclam, 2019, S. 76 (Beginn von Tafel VII).
Markus Sanke: 150 Jahre Grüner Hügel — eine Verlustgeschichte. In: Sezession 133, August 2026, S. 39-45, hier S. 45 (»Eine tragfähige Maxime wäre: Bayreuth liefert keine Antworten auf Fragen der Gegenwart – es setzt die Gegenwart den existentiellen Fragen des Werkes aus. / Modernität erweist sich nicht darin, wie gut das Werk in unsere Zeit paßt, sondern wie unerbittlich es die Glätte unserer Zeit zertrümmert.«).
Ernst Bloch: Das Prinzip Hoffnung. Frankfurt am Main: Suhrkamp, 1959 (Gottes Thron gebührt dem Menschen und seinen Utopien).
Einsichten. Forschungsmagazin der Ludwig-Maximilians-Universität München, Nr. 2/2023 (Grenzen verschwimmen).
Egon Friedell: Kulturgeschichte der Neuzeit. Die Krisis der europäischen Seele von der schwarzen Pest bis zum Ersten Weltkrieg. Band 1. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1976, hier 10. Auflage, 1993 (Erstausgabe: München: Beck, 1927-1931), S. 240 (infantiler Rationalismus).
Johannes Hösle: Vor aller Zeit. Geschichte einer Kindheit. München: Beck, 2000, ²2001, S. 5.