Wer in kirchlichem Dienst steht (Gott bewahre in diesen Zeiten) oder jemanden näher kennt, der zumindest kirchennah tätig ist, etwa als Religionslehrer, erhält regelmäßig Kenntnis von Postaussendungen der Evangelischen Kirche in Deutschland, kurz: EKD, oder EKD-naher Einrichtungen.
So flatterte also jüngst ein sogenannter Folder ins Haus — das Jahresprogramm 2027 des Nürnberger Gottesdienst-Instituts, das Ausbildung, Fortbildung und Beratung verspricht, für Lektor:innen und Prädikant:innen, für Diakon:innen und Pädagog:innen (was immer das sein mag), vermutlich auch für Pfarrer (Pardon, ich sehe gerade im Programm, es sind korrekt »Pfarrpersonen«), letztlich für jede:n (sic).
Nun glaubt man, etwas erfahren zu können über die neueste theologische, pastorale und liturgische Herangehensweise bei der Gestaltung von Gottesdiensten. Vielleicht — so denkt aber nur ein sehr naiver Mensch — würde gar ein ernstzunehmender Impuls dabei sein, wie Spiritualität heute aussehen könnte.
[Theologische Weiterbilder versprechen: »Prägnant und einfach«
können »spirituelle Impulse mit KI« gestaltet werden.]
Pfarrerabschaffung mit KI
Doch dem heiligen Geist, der die evangelische Kirche auf so wundersame Weise lenkt, gefiel es, den Veranstaltungskalender aus wenig mehr als aus Anleitungen bestehen zu lassen, wie man als Kirchenbeamter am effektivsten Künstliche Intelligenz (KI) einsetzt: So bietet sich die Möglichkeit, einen »Kirchlichen KI-Führerschein« zu erwerben (man frage nicht, was das sein möge), einen KI-Basiskurs »Prägnant und einfach mit KI« zu buchen, der »spirituelle Impulse mit KI« generieren hilft, einem Modul »Liturgische Texte mit KI gestalten« beizuwohnen oder eine »Predigtarbeit im Dialog« zu absolvieren: »Mit KI zur pointierten Botschaft und zielgruppensensiblen Sprache« — und damit wären wir erst in der Mitte des März, also noch vor Ostern, in der Abfolge dieses Jahresprogramms, das unter dem Motto »Sich selbst abschaffen mit KI« stehen könnte. Ein anderer Titel wäre — ebenso passend: »Gott denken lassen von KI«. (Für Statistik-Freunde: Bei 35 Veranstaltungstiteln liest man 22-mal den Begriff KI.)
Ostern (einmal) und Weihnachten (keinmal), überhaupt christliche Begrifflichkeiten, sind im Nürnberger Gottesdienstreich wenig zu Hause — das scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein. Dies ist sicherlich alles andere als Zufall, sondern Ausfluß des Pfarreralltags, wenn etwa in München eine Pfarrerin von Schulen eingeladen wird, zu Weihnachten eine »Veranstaltung« zu gestalten, in der das Wort Weihnachten nicht vorkommen soll (und am besten auch kein biblischer Inhalt) — eine Entwicklung, die sicherlich auch die Nürnberger Gottesdienstinstitutler zur Kenntnis genommen und Schlüsse daraus gezogen haben.
Keine Technikkritik — im Gegenteil
Dieses technoide Fortbildungsprogramm für Pfarrer, die einen Gottesdienst zu gestalten haben, zeigt wie in der Nußschale, wie wenig sich doch gerade die Kirche, die dazu berufen wäre, mit neuen Techniken kritisch auseinandersetzt. Schon seit langem fällt das fast dröhnende Schweigen der Kirchenvertreter zu allem auf, was mit Transhumanismus zu tun hat. Und auch die Frage des Umgangs mit Künstlicher Intelligenz wird nun nicht nur nicht gestellt, sondern das Instrument KI als quasi gottgegeben begrüßt und massiv in den Alltag der Pfarrer eingespeist. Welcher Geist in einem »Basiskurs« weht, der Pfarrer unter dem Titel »Kasualien smart planen« auf Segenshandlungen vorbereiten will, indem er zeigt, wie das »mit KI« geht, mag man sich nicht vorstellen. Denn Kasualien, das sind: Taufe, Konfirmation, Trauung und Beerdigung — also die elementarsten Lebensstationen, die die Kirche zu begleiten hat.
[Predigt geklaut — ist das schlimm? »Ich finde,
eigentlich
nicht«,
sagt eine Pfarrerin und Referentin des Gottesdienst-Instituts.]
Da muß ein Pädagogikprofessor wie Klaus Zierer die angestammte, aber verwaiste Rolle der Kirchen ausfüllen, indem er die Frage stellt, ob Tools wie ChatGPT als sogenannte künstliche Intelligenzen wirklich als die neuen »Heilsbringer« gehandelt werden sollen. Er weist darauf hin, daß es dem Menschen (er dürfte »Pfarrpersonen« aus dieser Überlegung kaum ausschließen) nicht abgenommen werden kann und soll, »seine Gabe des Menschseins als lebenslange Aufgabe zu sehen und auch zu leben«. Denn das Selbstverständnis des Menschen »als entwickelte moralische Person, ist die Fähigkeit, Gründe abzuwägen und aufgrund dieser Abwägung zu handeln, also Urteilskraft und Entscheidungsstärke zu besitzen«1 — und eben diese Abwägungen nicht zu delegieren an algorithmusgenerierte Intelligenzsimulationen, wie Julian Nida-Rümelin die KI nennt.
Noch deutlicher formuliert es ein moderner Klassiker der Technikkritik — Günther Anders. Seine Streitschrift Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution bezeichnet er selbst als »traurige Seiten über die Verwüstung des Menschen«.2 Der in Breslau geborene deutsch-jüdische Philosoph, Sohn berühmter Psychologen (Psychologie der frühen Kindheit), zeitweiliger Ehemann von Hannah Arendt, ortet eine fatale »Bejahung der eigenen Verdinglichung«, welche gesteigert werden könne durch die »Desertion ins Lager der Geräte«. Erreicht werden diese Retardierungen menschlichen Seins, wenn »der Mensch die Überlegenheit der Dinge [also auch der Technik] anerkennt, sich mit diesen gleichschaltet, seine eigene Verdinglichung bejaht, bzw. sein Nichtverdinglichtsein als Manko verwirft«. Erst einmal im »Lager« von KI angekommen, wie es das Gottesdienst-Institut offensichtlich ist, wird der vormals menschliche Blickwinkel ersetzt durch jenen der Dinge, der Technik; »nicht nur seine Maßstäbe hat er [der Mensch] nun mit den ihren [den technisch produzierten] gleichgeschaltet; sondern auch seine Gefühle«.3
Wenn es schon falsch erscheint, Technik als Verhängnis zu betrachten, das über uns gekommen ist, statt sie als das aufzufassen, was sie ist, nämlich Menschenwerk, das man wie alles Menschenwerk benutzen oder nicht benutzen kann, und in der Not auch wieder aus der Welt schaffen, bleibt das Nürnberger Gottesdienst-Institut noch einen Denkschritt weiter zurück: Dessen Technikverständnis läßt sehr am Menschenbild zweifeln, das dort gehegt wird, und nicht zuletzt auch am Gottesbild. Denn Theologen sollten schon bedenken, daß es sich bei einer Technik wie KI nicht um eine gottgegebene Schöpfung handelt, und daß der Mensch (in diesem Fall: der einen Gottesdienst gestaltende Pfarrer) als Geschöpf nicht dazu da ist, sich mittels Technik selbst abzuschaffen.
Welche Botschaft sendet ein solches Programm aus für alle, die gerade auf dem Weg sind, Pfarrer zu werden? Die Religionslehrerin, eine ehemalige EKD-Pfarrerin, die mir die KI-Anpreisung mit verstörtem Blick zum Lesen gab, erzählte, sie haben den Folder in eben dem Moment in die Hand bekommen, als sie sich schämte, eine Fürbitte für einen Grundschulgottesdienst zu Erntedank, welche ihr bei ihrer Recherche von KI angeboten wurde, übernommen zu haben — und daß sie sich fragt, was das mit jungen Theologie-Studenten macht, wenn diese sich eben nicht schämen, einen Text nicht selbst erdacht und damit durchdrungen zu haben, sondern noch darin bestätigt und ermuntert werden, daß man das ruhig die KI machen lassen könne.
Ach ja, wo kommt Gottes biblische Botschaft beim Gottesdienst-Institut vor? Das Wort »Bibel« erscheint zweimal: »Weiterbildung Bibelerzählung, Teil 1 und 2«; »Psalmen« einmal. Dafür dominieren andere Wortgruppen, die man in seelsorgerlichen Zusammenhängen weniger vermutet denn im Marketing: »Werbung« (mehrfach), »smart planen«, »Coaching«, »effizient«.
[Wie man einen Workshop »Gottesdienste gut bewerben« bewirbt.]
Gott ist nun progressiver Politiker
Wenn aber schon das Theologische eine Lücke läßt, gehört es sich, diese adäquat zu füllen: »›Politisch‹ predigen. Engagiert predigen mit Prophetic Preaching« (Ende April), »Haltung bitte! Schreiben, was am Herzen liegt« (Anfang Juni), »Ansteckend predigen. Predigen wie TED« (Ende Juni).
TED steht für Technology, Entertainment und Design, eine in Kalifornien beheimatete Innovationskonferenz, deren Vorträge — so schwärmt das Gottesdienst-Institut — im Internet milliardenfach aufgerufen werden. Die Reichweite scheint das erstrebte Ziel, dafür will der Workshop freie Rede, Körpersprache und das »Sprechen mit Bildern« schulen, um (so wörtlich) »Nachrichten in Geschichten« verwandeln zu können. TED wirkt im kirchlichen Kontext wie eine Verirrung in die amerikanische Erweckungsbewegung, die mehr Anklänge an Erfolgs-Coaching-Seminare hat als an Gottesdienste, wo statt dem Evangelium Nachrichten zählen, also offensichtlich Profan-Weltliches.
Prophetic Preaching — das ist »eine Predigt, die auf kreative Weise — im Namen anderer — von den Ungerechtigkeiten und Unzulänglichkeiten der Gegenwart sowie von den hoffnungsvollen Möglichkeiten der Zukunft spricht«.
»Haltung bitte!« zeigt schließlich in aller Klarheit, aus welchem Zeitgeist sich ein Gottesdienst speisen soll, wie ihn sich das Gottesdienst-Institut vorstellt: »Ein Gebet für den letzten Eisbären. Ein Bekenntnis ans Gendern. Ein Regenbogenplädoyer für die Liebe …. Wir probieren aus, wie man Texte mit Haltung schreibt und fragen: Wie politisch ist Gott? Ohne dogmatisch zu sein und ohne uns zu verrenken, buchstabieren wir, was uns am Herzen liegt.« Nein, dogmatisch ist das nicht, Setzungen vorzunehmen, ohne diese zu hinterfragen, wie für die Klima-Bewegung, für die Gender-Agenda, für die LGBTQ-Community, und zwar als verbindliche Lehre (genau das bedeutet Dogma). Die Beispiele, die die Dozentin nennt (»Gebet für den letzten Eisbären«), klingen so, als wollte sich ein konservativer Antipode dieser superwoken Dogmatiker über sie lustig machen; das alles ist aber bitter Ernst gemeint. Statt eines Bekenntnisses zu Jesus Christus also ein Bekenntnis für eine Sprach-Verhunzung (»jede:r«).
Daß Gott »politisch« sein muß im Sinne von Links-Grün, daran besteht kein Zweifel — fraglich ist offenbar nur, ob er eher der brutal-radikalen Neuköllner Variante des Linksseins anhängt oder doch vielleicht einem soften Robert-Habeck-Grün-Charme. Vielleicht spricht die Überbetonung der Sensibilität für letztere Variante — das Programm kennt die Begriffsbildungen »zielgruppensensibel« (Sprache), »datensensibel« (Verwaltung) und »machtsensibel« (Predigt).
[Plastische Sensibilität, die lehrt, wie »Vielfalt zum
Segen wird«.]
Abstieg über den Zeitgeist ins Nichts
Damit dürfte der Endpunkt in einer langen Retardierungskette erreicht sein. Lange stand die theologische Verkündigung im Zentrum aller Überlegungen zu Gottesdienst und Seelsorge. Mit den Achtundsechzigern zog eine sozialrevolutionäre Politisierung ein (der Münchner Pfarrer, der in den frühen 1980er Jahren besagte Religionslehrerin konfirmiert hat, trug am liebsten pinkfarbene Latzhosen, ein Ökosozialist wie aus dem Bilderbuch), wo sich der Pfarrer weniger als Theologe und Seelsorger verstand, sondern als Kumpeltyp und Sozialarbeiter, aber wohl immerhin seine Sozialromantik noch biblisch herleitend, wenn auch nicht mehr in den ausschließlichen Mittelpunkt der Verkündigung stellend.
Die Schriftstellerin Ruth Rehmann beschreibt in Der Mann auf der Kanzel – Fragen an einen Vater (1979), wie ihre heranwachsenden Töchter eine neue Generation protestantischer Pfarrer erlebt haben, die sich »im Religionsunterricht auf das gestrige Fernsehprogramm« bezogen und statt »vom Vater im Himmel« von »sozialem Engagement« schwärmten.4 Für einen Chefredakteur des Evangelischen Sonntagsblatt und seine Generation waren in den 1980er Jahren, als sie mit dem Theologiestudium begannen, Naturzerstörung, Abrüstungsdebatte und der Weltfrieden die Themen, die sie bewegten. Gott und Bibel mögen nebenher gelaufen sein. Gerhard Polt sagte es auf seine Art: »Die Pfarrer sind auch nicht mehr das — die reden daher wie die Studenten.«
Einher mit einer utopischen Sozialromantik, angefeuert auch von Kult-Lektüren wie Ernst Blochs utopo-materialistischem Prinzip Hoffnung (1959) und der protestantisch-marxistischen Antwort Theologie der Hoffnung (1964) von Jürgen Moltmann geht eine moralingesättigtes Pharisäertum, wie es Karl Heinz Bohrer im Merkur vom Januar 1985 seziert5: »Die guten Hirten [so auch der Titel von Bohrers Einwurf] haben ein notorisch schlechtes Gewissen. Aber aus eben dem Bewußtsein heraus, als einzige überhaupt ein Gewissen zu haben, entwickeln sie doch wieder ein dramatisch gutes: nämlich gegenüber den anderen. Die guten Hirten kommen eher aus dem protestantischen Milieu: sorgenvoll, jederzeit ›betroffen‹, ja dieses Wort zu einem Stilbegriff, zu einer Selbstdefinition der letzten Jahre machend und als solch Betroffene sich auch immer antreffen lassend. Sie neigen dazu zu sagen: ›Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute.‹«
[Ästhetische Vorstellungswelt des Gottesdienst-Instituts.]
Bohrers Pamphlet gegen das sich seinerzeit institutionalisierende grüne Milieu, zu dessen Vorfeldorganisation sich die EKD gemacht hat, liest sich in der Rückschau wie die prophetische Ankündigung des herandräuenden Moralreichs der Wokeness mit seinen Befindlichkeiten und Hypersensibilitäten: »Wo der Gutmannston aber, ob bei Partygesprächen, Round-table-Diskussionen oder Akademie-Sitzungen, sich in der wehleidigen Betroffenheit gegenseitig bestätigt, da ist die Gesellschaftskomödie der guten Hirten angezeigt.«
Hätte Bohrer das »Gebet für den letzten Eisbären« gekannt, hätte er sich bestätigt gefühlt. Er wüßte in Zeiten der großen Transformation aber auch, wie sehr zu recht er schon Jahrzehnte vor deren Implementierung in die Regierungspolitik vor Ideoylogien gewarnt hat, welche die »Unzulänglichkeiten der Gegenwart« durch »hoffnungsvolle Möglichkeiten der Zukunft« ersetzen wollen, wie es das Prophetic-Preaching-Modul des Gottesdienstinstituts 2026 lehrt. Wer verspricht, so Bohrer, »uns aus der ägyptischen Gefangenschaft dieser Welt in das Gelobte Land, das Paradies?, hinauszuführen«, wie es die guten Hirten tun, blendet dabei aus, »daß die utopische Alternative, wie die meisten Utopien seit Morus, fatale totalitäre Züge enthält«.
Schließlich übermannte der woke Zeitgeist (siehe oben) auch die Kirche vollends, zuvorderst die protestantische — eine Phase, die immer noch andauert, wo es um alles geht, nur nicht um Gott oder Bibel, nämlich um Klima, Gender, »Vielfalt« (also Migrationsvergottung), »unsere Demokratie« (vulgo: Verteuflung der Opposition und aller Andersdenkenden). Hierbei wird ein biblischer Bezug bestenfalls nur noch als lästige Pflichtübung und höchst oberflächlich hergestellt, manchmal sogar jede Rückbindung ignoriert wie im Falle der gottesdienstlichen Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, wozu der große Theologe Wolfhart Pannenberg das Nötige gesagt hat: Was die biblischen Zeugnisse nicht billigen, darf die Kirche nicht segnen.
Eine Eschatologie menschengemachter Klimapanik
Eschatologie als Lehre der letzten Dinge war immer auf das Jenseits bezogen. Der Tübinger Theologe Jürgen Moltmann drehte dies nun radikal um — in seinem Plädoyer auf eine Hoffnung für das Diesseits. In einem Interview zu seinem 80. Geburtstag definierte er Eschatologie als »Erwartung des Kommens Gottes in dieser Welt zur Aufrichtung seines Reiches und der Vollendung aller Sehnsüchte und Wünsche der Menschheit.« Als größte Gefahr »unserer Zeit« (es war das Jahr 2006) ortete er den Nihilismus, für ihn offenbar gleichbedeutend mit der Hilflosigkeit vor dem Elend der Welt, vor der man nicht in Apathie versinken und die Dinge laufen lassen solle, »wie sie eben laufen«.
»Die Hoffnungssätze der Verheißung«, schrieb Moltmann 1964 in der Theologie der Hoffnung, »wollen die Wirklichkeit, die da ist, nicht im Geiste abbilden, sondern die Wirklichkeit, die da ist, in die Veränderung hineinführen, die verheißen ist und erhofft wird. Sie wollen der Wirklichkeit nicht die Schleppe nachtragen, sondern die Fackel voran.«6 So aktivistisch formulierte einer, der bewußt eine »politische Theologie« vorlegen wollte, die Christen aufruft, die Verhältnisse im Diesseits zu ändern, eine Theologie, wie der Spiegel sie verstehen wollte, »die zu aktiven, ja aggressiven Auseinandersetzungen mit der politischen Umwelt ermächtigt und anfeuert« (aus dem Klappentext der 12. Auflage).
[Jetzt trägt die Gemeinde die Welt vor Gott.]
Im Moltmann’schen Original liest sich das so: Den »Beruf der Christenheit an der Gesellschaft« sieht der Theologe darin, daß »die christliche Hoffnung die modernen Institutionen aus ihren ihnen immanenten Stabilisierungstendenzen herauszuführen trachte[t], sie verunsicher[t] und zu jener Elastizität öffnet, die der Offenheit auf jene Zukunft entspricht, die sie erhofft. Im praktischen Widerstand und in schöpferischer Neugestaltung stellt die christliche Hoffnung das Bestehende in Frage und dient so dem Kommenden. Sie überholt das Vorfindliche in Richtung auf das erwartete Neue und sucht nach Gelegenheiten, der verheißenen Zukunft in der Geschichte immer besser zu entsprechen.«7
Betrachtet man in langen Schritten die Wirkungsgeschichte der Theologie der Hoffnung, so ist auch hierbei eine Retardierung zu konstatieren. Wo der Theologe Moltmann versucht, streng theologisch und entlang biblischer Zeugnisse seine »politische Theologie« zu entwickeln, verzichten seine Adepten weitgehend auf jede Gottesgelehrtheit und (fast) jeden theologischen Bezugspunkt, nachdem Moltmann selbst mit seiner Wendung, Eschatologie sei auch die »Vollendung aller Sehnsüchte und Wünsche der Menschheit« die Büchse der Pandora geöffnet hatte.
Der emeritierte Theologe Hans-Jürgen Benedict führte vor zwei Jahren vor, wie man Moltmann weit hinter sich lassen kann auf dem progressiven Weg. Sechzig Jahre nach dem Erscheinen der Theologie der Hoffnung las Benedict den Klassiker noch einmal, als ein Buch, das eine »Ausrichtung nach vorne und die Wandlung der Gegenwart« forderte. Alles recht und schön, so der Wiederleser, aber Moltmann brauche für seine Hoffnungsagenda für das gegenwärtige Diesseits das leere Grab, im Zentrum seiner Hoffnungstheologie stehe die Auferstehung Christi. Da daran aber immer mehr Christen nicht mehr glauben würden (Benedict erweckt den Eindruck, zu den Ungläubigen zu gehören), müsse diese Glaubensgewißheit abgeräumt werden: Denn, sagt Benedict, das Grab ist nicht leer, Jesus nicht auferstanden.
Ist mit dem Auferstehungsglauben jede Theologie beseitigt, läßt es sich munter politisieren: Weil Gott die Gerechtigkeitsherstellung nicht schafft, »braucht [er] dazu unsere Kooperation«. Konkrete »Hoffnung auf Weltveränderung« setzt Benedict in die Weltklimakonferenzen, für ihn »die wichtigeren ökumenischen Versammlungen« und auf »eine der heutigen eschatologischen Ökobewegungen, die ›Letzte Generation‹, die »dem Rad in die Speichen greifen« wolle, etwa mittels »Tempo 130 auf deutschen Autobahnen«. Dazu also ist Moltmanns theologischer Ansatz herabgesunken: zum pathetischen Begleittremolo eines ungläubigen Theologen für eine gewaltaffine apokalyptische Kleinsekte.
[Würde Gott bloggen, wäre sein Aufmacher wie beim
Gottesdienst-Institut.]
Was einen 1941 geborenen protestantischen Theologen wie Benedict bewegt, zeigt im Übrigen seine Publikationsliste in Deutlichkeit: Kirchen als Träger der Revolution (1968), Macht von unten: Bürgerrechtsbewegung, ausserparlamentarische Opposition und Kirchenreform (1968), Eingriffe in die Rüstungsindustrie (1975), Ziviler Ungehorsam als christliche Tugend (1989).
Wie sehr trifft auf solcherart menschengemachte Hoffnungsherstellung unter sehr dünnem theologischen Deckmäntelchen jenes Diktum von Botho Strauß in seinem hoch skandalisierten Spiegel-Essay »Anschwellender Bocksgesang« aus dem Jahr 1993 zu, worin er einen fundamentalen Unterschied von Links- und Rechtssein festlegt: »Von ihrem Ursprung (in Hitler) an hat die deutsche Nachkriegs-Intelligenz […] uns zu den fragwürdigsten Alternativen zu überreden gesucht und das radikal Gute und Andere in Form einer profanen Eschatologie angeboten«, eine Eschatologie, die nichts sei als eine »linke, Heilsgeschichte parodierende Phantasie«, die sich ein »künftiges Weltreich« ausmale, im Gegensatz zum rechten Hoffen, das keiner Utopie bedürfe, sondern den Wiederanschluß suche »an die lange Zeit, die unbewegte«.8
Ganz ohne sich auf Moltmanns Eingreiftheologie zu beziehen, stapft die Evangelisch-reformierte Landeskirche im Gleichschritt marsch dem Zeitgeist hinterher, indem sie sich mit ihren 159.000 Mitgliedern dafür einsetzt, »dass die Menschheit Wege findet, den Klimawandel aufzuhalten.« Deshalb stand die Synode 2022 »ganz im Zeichen der Klimagerechtigkeit«. (Ein Gebet für die Klimagerechten ist nicht überliefert.) Wichtigstes Ergebnis des Christentreffens: »zweifellos der Beschluss des Klimaschutzkonzeptes«. Es werden angerufen: »Klimaschutzmanagement«, »Forschungsstätten«, »Studiengemeinschaften« — für eine (nota bene!) »treibhausgasneutrale Kirche«. Es folgen spirituelle Anregungen wie »Bilanzierung«, »Emissionen«, »Einsparpotentiale« und »Maßnahmen«, um sich auf die Heilserwartung einzuschwören — »die Ausrichtung des kirchlichen Lebens ... zukunftsorientiert auszurichten« (sic!).
Jüngst hat die Vorsitzende der Linkspartei, Ines Schwerdtner, von der »Hoffnung« gesprochen (hier bei Minute 1:25 zu hören), die aus den Krawallen in Frankreich, von wo »der Funke weitergesprungen« sei nach Italien, Belgien und Portugal, zu ziehen wäre. Wenn nun die Kirche all das gesunkene Glaubensgut, das die atheistische Linke gerade in einer Art Kaperung für ihre Zwecke instrumentalisiert,9 sich in der erfolgten Neuaufladung wieder zurückeinverleibt, ist die gewünschte Politisierung ehemaliger Glaubensinhalte in progressiven Bahnen abgeschlossen.
Wirkstatt ohne Gottesdienste als Utopie
Viel zu viele kirchliche Funktionäre setzen auf die Kraft des Menschenwerks mehr denn auf Gottes Allmacht, so auch das Gottesdienst-Institut als Epigone in einer langen Kette des Abstiegs von der Theologie zur Weltherstellung. Dabei ist vielfach beschrieben worden, unter anderem von dem Psychoanalytiker Horst-Eberhard Richter, wie am Ende des Mittelalters Gott verloren ging und der Mensch selbst »Gott sein« wollte; wie eine »Geschichte des Egozentrismus« anhob, und »utopische Heilshoffnungen des beschädigten Individuums« nicht trugen;10 wie schließlich »ein zügelloser Bemächtigungsdrang«11 in eine kollektive »psychosoziale Störung der modernen westlichen Zivilisation« mündete.12
Bereits 1932 hatte Carl Gustav Jung evangelischen Pfarrern im Elsaß berichtet, wie hunderte von Patienten durch seine Hände gegangen seien, in der Mehrzahl Protestanten, darunter »nicht ein einziger«, dessen Problem nicht wäre, »daß er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu allen Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine religiöse Einstellung nicht wieder erreicht«.13 Dem Leidenden helfe nicht, was er selbst ersinne — nur »übermenschliche, geoffenbarte Wahrheit« könne ihm Gesundung verschaffen.14
Und heute, man kann es kaum glauben, beginnt langsam aber sicher jeglicher Wesenskern sich aufzulösen: als letztmögliche Retardierungsstufe scheint das Gottesdienst-Institut darauf verfallen zu sein, weniger einen Inhalt zu vermitteln, und sei es auch ein un- beziehungsweise antibiblisch zeitgeistig weltlicher, sondern mit der Propagierung Künstlicher Intelligenz als Hilfsmittel vordergründig eine Arbeitstechnik zu implementieren, so weit wie möglich losgelöst vom Menschen und von jeder Substanz.
[Liturgische Texte mit KI gestalten — Modul 1: Gebete, Übergänge und
Abläufe präzise generieren.]
Wer nun meint, es wäre eine gute Nachricht, wenn die sich selbst abschaffende Kirche den Leiter ihres Gottesdienst-Instituts ankündigen läßt, daß der vorliegende »Folder« das letzte Fortbildungsprogramm wäre, hat die Rechnung ohne die Progressisten gemacht. Denn der smarte Mann (laut Porträtbild) setzt fort, es handle sich nur um das Letzte unter dem alten Namen Gottesdienst-Institut, denn im nächsten Jahr würde man (»Bewährtes bleibt, Neues kommt hinzu«; so etwas Inhaltsleeres kann nur die KI formulieren) nach der Fusionierung mit der »Wirkstatt evangelisch« als »Wirkstatt evangelisch für Gottesdienst und Gemeindeentwicklung« weiter KI-generiert als KI-Förderprogramm weitermachen.
Ein Schelm, der nun vermuten würde, man habe sich des unzeitgemäßen Namensbestandteils »Gottesdienst« entledigen wollen, in dem ja sogar das Wort »Gott« auftaucht, habe sich aber dann doch nicht ganz getraut, und sei schließlich auf die geniale Idee verfallen, eine vollkommen gottfreie kurze Organisationsbezeichnung vor den folgenden Bandwurmnamen zu setzen, in der sicherlich richtigen Kalkulation, daß künftig niemand auf die Idee käme zu sagen, er würde einen Kurs bei der »Wirkstatt evangelisch für Gottesdienst und Gemeindeentwicklung« besuchen, sondern »prägnant und einfach« (so wie es das Kursangebot mehrfach anbietet) von der »Wirkstatt« sprechen, womit schlußendlich auch die Atheisten, Muslime und Diverse ausschließende Altlast »evangelisch« elegant entsorgt wäre.
Eine Stufe weiter nach unten, dann endgültig ins Nichts, ginge es also noch: Man könnte auf den Begriff Gottesdienst ganz verzichten, oder noch progressiver: auf Gottesdienste überhaupt. So fordert Pfarrerin Hanna Jacobs in der einstmals satisfaktionsfähigen Zeit: »Schafft den Gottesdienst am Sonntag ab!« Damit könnten »Pfarrpersonen« ihre Arbeitszeit endlich sinnvoll nutzen — »für die Konzeption stimmungsvoller Veranstaltungen«, etwa »die biblische Weinprobe in der Kirche« oder einen »feministisch-theologische[n] Lesekreis«. Dabei hilft sicher die »Wirkstatt evangelisch« nach Kräften.
»Ein Fanatiker ist ein Mensch, der so handelt, wie er glaubt, daß Gott handeln würde, wenn er ausreichend informiert wäre.«15
Anmerkungen
-
Klaus Zierer: ChatGPT als Heilsbringer? Über Möglichkeiten und Grenzen von KI im Bildungsbereich. Münster, New York: Waxmann, 2024, S. 31. ↩
-
Günther Anders: Die Antiquiertheit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten industriellen Revolution. München: Beck, 1981 (Erstveröffentlichung: München: Beck, 1956), o.P. (Widmung). ↩
-
Ebd., S. 30. ↩
-
Ruth Rehmann: Der Mann auf der Kanzel. Fragen an einen Vater. Gütersloh: Bertelsmann o.J. (Erstveröffentlichung: München: Hanser, 1979), S. 12f. ↩
-
Karl Heinz Bohrer: Die Unschuld an die Macht! Eine politische Typologie. 3. Folge: Die guten Hirten. In: Merkur Nr. 431 vom Januar 1985. ↩
-
Jürgen Moltmann: Theologie der Hoffnung. Untersuchungen zur Begründung und zu den Konsequenzen einer christlichen Eschatologie. München: Kaiser, 1964, 12. Auflage, 1985, S. 13f. ↩
-
Ebd., S. 305. ↩
-
Botho Strauß: Anschwellender Bocksgesang. In: Der Spiegel, Ausgabe 6/1993. ↩
-
Jürgen Schmid: Angstmacher und Messias. Die neue linke Leitfigur. In: Tichys Einblick 11/2026, S. 24–27. ↩
-
Horst-Eberhard Richter: Der Gotteskomplex. Die Geburt und die Krise des Glaubens an die Allmacht des Menschen. Düsseldorf: Econ, 1997, Kapitel 1–3. ↩
-
Ebd., S. [5] (Vorwort, o.P.). ↩
-
Ebd., Klappentext. ↩
-
Carl Gustav Jung: Über die Beziehung der Psychotherapie zur Seelsorge (1932). In: ders.: Psychologie und Religion. C.G. Jung Taschenbuchausgabe in elf Bänden. Herausgegeben von Lorenz Jung auf der Grundlage der Ausgabe »Gesammelte Werke«. München: Deutscher Taschenbuch Verlag, 1991, S. 113–131, hier S. 119. ↩
-
Ebd., S. 128. ↩
-
Finley Peter Dunne, 1867–1936; zitiert nach: Alexander Wendt: Klarer Geist in wirren Zeiten. Einladungen zum schärferen Denken. Edition Olzog, 2026. ↩