Retardierung

Geschrieben von Jürgen Schmid am 24.10.2026

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Der Zorn der Christen

Wer in kirchlichem Dienst steht (Gott bewahre in diesen Zeiten) oder jeman­den näher kennt, der zumindest kirchen­nah tätig ist, etwa als Reli­gions­lehrer, erhält regel­mäßig Kennt­nis von Post­aus­sendungen der Evan­ge­lischen Kirche in Deutschland, kurz: EKD, oder EKD-naher Ein­rich­tungen.

So flatterte also jüngst ein sogenannter Folder ins Haus — das Jahres­programm 2027 des Nürn­berger Gottes­dienst-Instituts, das Aus­bildung, Fort­bildung und Beratung verspricht, für Lektor:innen und Prä­dikant:innen, für Diakon:innen und Päd­agog:innen (was immer das sein mag), ver­mut­lich auch für Pfarrer (Pardon, ich sehe gerade im Programm, es sind korrekt »Pfarr­personen«), letztlich für jede:n (sic).

Nun glaubt man, etwas erfahren zu können über die neueste theo­lo­gische, pasto­rale und litur­gische Herangehensweise bei der Ge­staltung von Got­tes­diensten. Viel­leicht — so denkt aber nur ein sehr naiver Mensch — würde gar ein ernst­zuneh­mender Impuls dabei sein, wie Spiri­tua­lität heute aus­sehen könnte.

Chip [Theologische Weiterbilder versprechen: »Prägnant und einfach« können »spirituelle Impulse mit KI« gestaltet werden.]

Pfarrerabschaffung mit KI

Doch dem heiligen Geist, der die evangelische Kirche auf so wunder­same Weise lenkt, gefiel es, den Ver­anstal­tungs­kalender aus wenig mehr als aus An­leitungen bestehen zu lassen, wie man als Kir­chen­beamter am effek­tivsten Künst­liche Intel­ligenz (KI) ein­setzt: So bietet sich die Mög­lich­keit, einen »Kirch­lichen KI-Führer­schein« zu erwerben (man frage nicht, was das sein möge), einen KI-Basis­kurs »Prägnant und einfach mit KI« zu buchen, der »spirituelle Impulse mit KI« generieren hilft, einem Modul »Litur­gische Texte mit KI gestalten« bei­zuwohnen oder eine »Pre­digt­arbeit im Dia­log« zu ab­solvieren: »Mit KI zur poin­tierten Bot­schaft und ziel­grup­pen­sensiblen Sprache« — und damit wären wir erst in der Mit­te des März, also noch vor Ostern, in der Abfolge dieses Jahres­programms, das unter dem Motto »Sich selbst ab­schaffen mit KI« stehen könnte. Ein anderer Titel wäre — ebenso passend: »Gott denken lassen von KI«. (Für Statistik-Freunde: Bei 35 Ver­an­staltungs­titeln liest man 22-mal den Begriff KI.)

Ostern (einmal) und Weih­nachten (keinmal), über­haupt christ­liche Be­griff­lich­keiten, sind im Nürn­berger Got­tes­dienst­reich wenig zu Hause — das scheint nicht mehr zeitgemäß zu sein. Dies ist sicher­lich alles andere als Zufall, sondern Aus­fluß des Pfarrer­all­tags, wenn etwa in Mün­chen eine Pfarrerin von Schulen eingeladen wird, zu Weih­nachten eine »Ver­an­staltung« zu ge­stalten, in der das Wort Weih­nachten nicht vor­kom­men soll (und am besten auch kein bibli­scher In­halt) — eine Ent­wick­lung, die sicher­lich auch die Nürn­berger Got­tes­dienst­insti­tut­ler zur Kenntnis ge­nom­men und Schlüs­se daraus gezogen haben.

Keine Technikkritik — im Gegenteil

Dieses technoide Fort­bildungs­pro­gramm für Pfarrer, die einen Got­tes­dienst zu ge­stalten haben, zeigt wie in der Nuß­schale, wie wenig sich doch gerade die Kirche, die dazu berufen wäre, mit neuen Techniken kritisch aus­ein­an­der­setzt. Schon seit langem fällt das fast dröhnende Schweigen der Kir­chen­ver­treter zu allem auf, was mit Trans­huma­nismus zu tun hat. Und auch die Frage des Um­gangs mit Künst­licher Intel­li­genz wird nun nicht nur nicht gestellt, sondern das Instru­ment KI als quasi gott­gegeben be­grüßt und massiv in den All­tag der Pfarrer eingespeist. Welcher Geist in einem »Basiskurs« weht, der Pfarrer unter dem Titel »Kasualien smart planen« auf Segens­hand­lungen vor­be­reiten will, indem er zeigt, wie das »mit KI« geht, mag man sich nicht vor­stellen. Denn Kasua­lien, das sind: Taufe, Kon­fir­mation, Trau­ung und Be­erdigung — also die elemen­tarsten Lebens­sta­tionen, die die Kirche zu be­gleiten hat.

Tippen lassen [Predigt geklaut — ist das schlimm? »Ich finde, eigentlich nicht«, sagt eine Pfarrerin und Referentin des Gottesdienst-Instituts.]

Da muß ein Päd­agogik­pro­fessor wie Klaus Zierer die an­ge­stammte, aber ver­waiste Rol­le der Kirchen ausfüllen, indem er die Frage stellt, ob Tools wie ChatGPT als so­genannte künst­liche In­tel­ligenzen wirk­lich als die neuen »Heilsbringer« gehandelt werden sollen. Er weist darauf hin, daß es dem Menschen (er dürfte »Pfarr­per­sonen« aus dieser Über­legung kaum aus­schließen) nicht ab­ge­nom­men werden kann und soll, »seine Gabe des Mensch­seins als lebens­lange Auf­gabe zu sehen und auch zu leben«. Denn das Selbst­ver­ständnis des Menschen »als ent­wickelte morali­sche Per­son, ist die Fähig­keit, Gründe ab­zu­wägen und auf­grund dieser Ab­wägung zu handeln, also Urteils­kraft und Ent­scheidungs­stärke zu be­sitzen«1 — und eben diese Ab­wägungen nicht zu dele­gieren an al­gorithmus­generierte In­tel­ligenz­simu­la­tionen, wie Julian Nida-Rümelin die KI nennt.

Noch deutlicher formuliert es ein moderner Klassiker der Technik­kritik — Günther Anders. Seine Streit­schrift Über die Seele im Zeit­alter der zweiten indu­striellen Revo­lution bezeichnet er selbst als »traurige Seiten über die Verwüstung des Menschen«.2 Der in Bres­lau geborene deutsch-jüdische Philosoph, Sohn berühmter Psycho­logen (Psycho­lo­gie der frühen Kind­heit), zeit­weiliger Ehe­mann von Hannah Arendt, ortet eine fatale »Be­jahung der eigenen Ver­ding­lichung«, welche gesteigert werden könne durch die »Desertion ins Lager der Geräte«. Erreicht werden diese Retar­dierungen mensch­lichen Seins, wenn »der Mensch die Über­legen­heit der Dinge [also auch der Technik] anerkennt, sich mit diesen gleich­schaltet, seine eigene Ver­ding­lichung bejaht, bzw. sein Nicht­verding­licht­sein als Manko verwirft«. Erst einmal im »Lager« von KI an­ge­kommen, wie es das Gottes­dienst-Institut offensichtlich ist, wird der vormals mensch­liche Blick­winkel ersetzt durch jenen der Dinge, der Technik; »nicht nur seine Maß­stäbe hat er [der Mensch] nun mit den ihren [den technisch pro­duzierten] gleich­ge­schaltet; sondern auch seine Gefühle«.3

Wenn es schon falsch er­scheint, Technik als Ver­häng­nis zu betrachten, das über uns gekom­men ist, statt sie als das auf­zufassen, was sie ist, nämlich Menschen­werk, das man wie alles Men­schen­werk benutzen oder nicht benutzen kann, und in der Not auch wieder aus der Welt schaffen, bleibt das Nürn­berger Gottes­dienst-Institut noch einen Denk­schritt weiter zurück: Dessen Technik­ver­ständnis läßt sehr am Men­schen­bild zweifeln, das dort gehegt wird, und nicht zuletzt auch am Got­tes­bild. Denn Theo­logen sollten schon bedenken, daß es sich bei einer Technik wie KI nicht um eine gott­gege­bene Schöpfung handelt, und daß der Mensch (in diesem Fall: der einen Got­tes­dienst ge­staltende Pfarrer) als Geschöpf nicht dazu da ist, sich mittels Technik selbst ab­zu­schaffen.

Welche Botschaft sendet ein solches Pro­gramm aus für alle, die gerade auf dem Weg sind, Pfarrer zu werden? Die Reli­gions­lehrerin, eine ehe­malige EKD-Pfarrerin, die mir die KI-Anpreisung mit ver­störtem Blick zum Lesen gab, erzählte, sie haben den Folder in eben dem Moment in die Hand bekommen, als sie sich schämte, eine Fürbitte für einen Grund­schul­gottes­dienst zu Ernte­dank, welche ihr bei ihrer Recherche von KI angeboten wurde, über­nommen zu haben — und daß sie sich fragt, was das mit jungen Theo­lo­gie-Studenten macht, wenn diese sich eben nicht schämen, einen Text nicht selbst er­dacht und damit durch­drungen zu haben, son­dern noch darin bestätigt und er­muntert werden, daß man das ruhig die KI machen lassen könne.

Ach ja, wo kommt Gottes biblische Bot­schaft beim Got­tes­dienst-Insti­tut vor? Das Wort »Bibel« erscheint zweimal: »Weiter­bildung Bibel­erzählung, Teil 1 und 2«; »Psalmen« einmal. Dafür domi­nieren andere Wort­gruppen, die man in seel­sor­ger­lichen Zu­sam­men­hängen weniger ver­mutet denn im Marketing: »Werbung« (mehrfach), »smart planen«, »Coaching«, »effizient«.

Werbung [Wie man einen Workshop »Gottesdienste gut bewerben« bewirbt.]

Gott ist nun progressiver Politiker

Wenn aber schon das Theo­lo­gische eine Lücke läßt, gehört es sich, diese adäquat zu füllen: »›Poli­tisch‹ predigen. Engagiert predigen mit Pro­phe­tic Preach­ing« (Ende April), »Haltung bitte! Schreiben, was am Herzen liegt« (An­fang Juni), »An­steckend predigen. Predigen wie TED« (Ende Juni).

TED steht für Techno­logy, Entertainment und Design, eine in Kali­fornien be­heima­tete Innovations­kon­ferenz, deren Vorträge — so schwärmt das Got­tes­dienst-Institut — im Inter­net milliardenfach auf­ge­rufen werden. Die Reich­weite scheint das erstrebte Ziel, dafür will der Work­shop freie Rede, Kör­per­sprache und das »Sprechen mit Bildern« schulen, um (so wörtlich) »Nach­richten in Geschichten« ver­wandeln zu können. TED wirkt im kirch­lichen Kontext wie eine Ver­irrung in die ameri­ka­nische Er­weckungs­bewegung, die mehr An­klänge an Er­folgs-Coaching-Seminare hat als an Got­tes­dienste, wo statt dem Evan­gelium Nach­richten zählen, also of­fen­sicht­lich Profan-Welt­liches.

Prophetic Preaching — das ist »eine Predigt, die auf kreative Weise — im Namen anderer — von den Un­gerechtig­keiten und Un­zuläng­lich­keiten der Gegen­wart sowie von den hoff­nungs­vollen Mög­lich­keiten der Zukunft spricht«.

»Haltung bitte!« zeigt schließlich in aller Klarheit, aus welchem Zeit­geist sich ein Gottes­dienst speisen soll, wie ihn sich das Got­tes­dienst-Insti­tut vor­stellt: »Ein Gebet für den letzten Eisbären. Ein Bekenntnis ans Gendern. Ein Regen­bogen­plädoyer für die Liebe …. Wir probieren aus, wie man Texte mit Haltung schreibt und fragen: Wie politisch ist Gott? Ohne dog­ma­tisch zu sein und ohne uns zu verrenken, buch­stabieren wir, was uns am Herzen liegt.« Nein, dogmatisch ist das nicht, Setzungen vor­zu­nehmen, ohne diese zu hinter­fragen, wie für die Klima-Bewegung, für die Gender-Agenda, für die LGBTQ-Com­munity, und zwar als verbind­liche Lehre (genau das bedeutet Dogma). Die Beispiele, die die Dozentin nennt (»Gebet für den letzten Eis­bären«), klingen so, als wollte sich ein konser­vativer Anti­pode dieser super­woken Dog­matiker über sie lustig machen; das alles ist aber bitter Ernst gemeint. Statt eines Bekennt­nisses zu Jesus Christus also ein Be­kenntnis für eine Sprach-Verhunzung (»jede:r«).

Daß Gott »politisch« sein muß im Sinne von Links-Grün, daran besteht kein Zweifel — fraglich ist offenbar nur, ob er eher der brutal-radikalen Neu­köllner Variante des Links­seins anhängt oder doch viel­leicht einem soften Robert-Habeck-Grün-Charme. Vielleicht spricht die Über­betonung der Sensi­bilität für letztere Variante — das Programm kennt die Be­griffs­bildungen »ziel­grup­pen­sensibel« (Sprache), »daten­sensibel« (Ver­waltung) und »macht­sensibel« (Predigt).

Vielfalt [Plastische Sensibilität, die lehrt, wie »Vielfalt zum Segen wird«.]

Abstieg über den Zeitgeist ins Nichts

Damit dürfte der Endpunkt in einer langen Retardierungskette erreicht sein. Lange stand die theologische Verkündigung im Zentrum aller Über­legungen zu Gottes­dienst und Seelsorge. Mit den Achtundsechzigern zog eine sozial­revo­lu­tionäre Politi­sierung ein (der Münchner Pfarrer, der in den frühen 1980er Jahren besagte Religions­lehrerin kon­firmiert hat, trug am liebsten pink­farbene Latz­hosen, ein Öko­sozialist wie aus dem Bilder­buch), wo sich der Pfarrer weniger als Theo­loge und Seel­sorger verstand, sondern als Kumpel­typ und Sozial­arbeiter, aber wohl immerhin seine Sozial­romantik noch biblisch her­leitend, wenn auch nicht mehr in den aus­schließ­lichen Mittel­punkt der Ver­kündigung stellend.

Die Schrift­stellerin Ruth Rehmann beschreibt in Der Mann auf der Kanzel – Fragen an einen Vater (1979), wie ihre her­an­wach­senden Töchter eine neue Gene­ration prote­stan­ti­scher Pfarrer erlebt haben, die sich »im Religions­unter­richt auf das gestrige Fern­seh­programm« bezogen und statt »vom Vater im Him­mel« von »sozialem Engage­ment« schwärmten.4 Für einen Chef­redakteur des Evange­li­schen Sonn­tags­blatt und seine Gene­ra­tion waren in den 1980er Jahren, als sie mit dem Theo­logie­studium begannen, Natur­zer­störung, Ab­rüstungs­debatte und der Welt­frieden die Themen, die sie bewegten. Gott und Bibel mögen neben­her gelaufen sein. Gerhard Polt sagte es auf seine Art: »Die Pfarrer sind auch nicht mehr das — die reden daher wie die Studenten.«

Einher mit einer utopischen Sozial­romantik, angefeuert auch von Kult-Lektüren wie Ernst Blochs utopo-materia­listi­schem Prinzip Hoffnung (1959) und der prote­stantisch-marxisti­schen Antwort Theolo­gie der Hoffnung (1964) von Jürgen Moltmann geht eine moralin­gesättigtes Phari­säer­tum, wie es Karl Heinz Bohrer im Merkur vom Januar 1985 seziert5: »Die guten Hirten [so auch der Titel von Bohrers Einwurf] haben ein notorisch schlechtes Ge­wissen. Aber aus eben dem Bewuß­tsein heraus, als einzige überhaupt ein Gewissen zu haben, ent­wickeln sie doch wieder ein drama­tisch gutes: nämlich gegenüber den anderen. Die guten Hirten kommen eher aus dem prote­stan­tischen Milieu: sorgenvoll, jederzeit ›be­troffen‹, ja dieses Wort zu einem Stil­begriff, zu einer Selbst­defi­ni­tion der letzten Jahre machend und als solch Betroffene sich auch immer an­treffen lassend. Sie neigen dazu zu sagen: ›Ich danke dir, Gott, daß ich nicht bin wie die andern Leute.‹«

Together [Ästhetische Vorstellungswelt des Gottesdienst-Instituts.]

Bohrers Pamphlet gegen das sich seinerzeit institutionalisierende grüne Milieu, zu dessen Vor­feld­organi­sation sich die EKD gemacht hat, liest sich in der Rück­schau wie die prophe­tische An­kündigung des heran­dräuenden Moral­reichs der Woke­ness mit seinen Befind­lich­keiten und Hyper­sensi­bili­täten: »Wo der Gutmannston aber, ob bei Party­gesprächen, Round-table-Dis­kussionen oder Aka­demie-Sitzungen, sich in der weh­leidigen Be­trof­fen­heit gegen­seitig be­stätigt, da ist die Gesell­schafts­komödie der guten Hirten angezeigt.«

Hätte Bohrer das »Gebet für den letzten Eis­bären« gekannt, hätte er sich be­stätigt gefühlt. Er wüßte in Zeiten der großen Trans­forma­tion aber auch, wie sehr zu recht er schon Jahr­zehnte vor deren Imple­mentie­rung in die Re­gierungs­politik vor Ideoylo­gien gewarnt hat, welche die »Unzu­läng­lich­keiten der Gegen­wart« durch »hoff­nungs­volle Mög­lich­keiten der Zukunft« ersetzen wollen, wie es das Prophetic-Preaching-Modul des Got­tes­dienst­insti­tuts 2026 lehrt. Wer verspricht, so Bohrer, »uns aus der ägypti­schen Gefangen­schaft dieser Welt in das Gelobte Land, das Paradies?, hin­aus­zuführen«, wie es die guten Hirten tun, blendet dabei aus, »daß die uto­pische Alter­native, wie die meisten Utopien seit Morus, fatale totali­täre Züge enthält«.

Schließlich übermannte der woke Zeit­geist (siehe oben) auch die Kirche vollends, zu­vorderst die prote­stantische — eine Phase, die immer noch an­dauert, wo es um alles geht, nur nicht um Gott oder Bibel, näm­lich um Klima, Gender, »Vielfalt« (also Migrations­ver­gottung), »unsere Demo­kratie« (vulgo: Verteuflung der Opposition und al­ler Anders­denkenden). Hierbei wird ein biblischer Bezug besten­falls nur noch als lästige Pflicht­übung und höchst oberf­läch­lich hergestellt, manchmal sogar jede Rück­bindung ignoriert wie im Falle der gottes­dienst­lichen Segnung gleichgeschlechtlicher Paare, wozu der große Theologe Wolfhart Pan­nen­berg das Nötige gesagt hat: Was die biblischen Zeug­nisse nicht billigen, darf die Kirche nicht segnen.

Eine Eschatologie menschengemachter Klimapanik

Eschatologie als Lehre der letzten Dinge war immer auf das Jenseits bezogen. Der Tübinger Theo­loge Jürgen Molt­mann drehte dies nun radikal um — in seinem Plädoyer auf eine Hoffnung für das Dies­seits. In einem Inter­view zu seinem 80. Geburt­stag definierte er Escha­to­logie als »Erwartung des Kommens Gottes in dieser Welt zur Auf­richtung seines Reiches und der Voll­endung aller Sehn­süchte und Wünsche der Mensch­heit.« Als größte Gefahr »unserer Zeit« (es war das Jahr 2006) ortete er den Nihi­lismus, für ihn offenbar gleich­be­deutend mit der Hilf­losig­keit vor dem Elend der Welt, vor der man nicht in Apa­thie versinken und die Dinge laufen lassen solle, »wie sie eben laufen«.

»Die Hoffnungssätze der Ver­heißung«, schrieb Molt­mann 1964 in der Theo­logie der Hoffnung, »wollen die Wirk­lich­keit, die da ist, nicht im Geiste abbilden, sondern die Wirk­lich­keit, die da ist, in die Ver­änderung hin­ein­führen, die ver­heißen ist und erhofft wird. Sie wollen der Wirklichkeit nicht die Schleppe nach­tragen, sondern die Fackel voran.«6 So akti­vistisch formu­lierte einer, der be­wußt eine »politische Theo­logie« vorlegen wollte, die Christen aufruft, die Verhält­nisse im Dies­seits zu ändern, eine Theologie, wie der Spiegel sie ver­stehen wollte, »die zu aktiven, ja aggres­siven Aus­ein­an­der­setzungen mit der politischen Umwelt er­mächtigt und anfeuert« (aus dem Klap­pen­text der 12. Auflage).

Den Globus in der
Hand [Jetzt trägt die Gemeinde die Welt vor Gott.]

Im Moltmann’schen Original liest sich das so: Den »Beruf der Chri­sten­heit an der Gesell­schaft« sieht der Theologe darin, daß »die christ­liche Hoffnung die modernen In­sti­tu­tionen aus ihren ihnen im­manenten Sta­bili­sierungs­ten­denzen her­aus­zu­führen trachte[t], sie ver­un­sicher[t] und zu jener Elasti­zi­tät öffnet, die der Of­fenheit auf jene Zukunft entspricht, die sie erhofft. Im praktischen Wider­stand und in schöpferi­scher Neu­ge­staltung stellt die christ­liche Hoffnung das Be­stehende in Frage und dient so dem Kommenden. Sie überholt das Vor­find­liche in Richtung auf das erwartete Neue und sucht nach Ge­legen­heiten, der ver­heißenen Zu­kunft in der Geschichte immer besser zu ent­sprechen.«7

Betrachtet man in langen Schritten die Wirkungs­ge­schichte der Theo­lo­gie der Hoffnung, so ist auch hier­bei eine Retardierung zu konsta­tieren. Wo der Theologe Moltmann versucht, streng theologisch und ent­lang biblischer Zeug­nisse seine »politische Theologie« zu entwickeln, ver­zichten seine Adepten weit­gehend auf jede Got­tes­gelehrt­heit und (fast) jeden theo­lo­gi­schen Bezugs­punkt, nach­dem Molt­mann selbst mit seiner Wendung, Escha­to­logie sei auch die »Voll­endung aller Sehn­süchte und Wünsche der Mensch­heit« die Büchse der Pandora ge­öffnet hatte.

Der emeritierte Theologe Hans-Jürgen Bene­dict führte vor zwei Jahren vor, wie man Molt­mann weit hinter sich lassen kann auf dem pro­gressiven Weg. Sechzig Jahre nach dem Erscheinen der Theologie der Hoffnung las Bene­dict den Klassiker noch einmal, als ein Buch, das eine »Aus­richtung nach vorne und die Wand­lung der Gegen­wart« forderte. Alles recht und schön, so der Wieder­leser, aber Molt­mann brauche für seine Hoff­nungs­agenda für das gegen­wärtige Dies­seits das leere Grab, im Zentrum seiner Hof­fnungs­theo­logie stehe die Auf­erstehung Christi. Da daran aber immer mehr Christen nicht mehr glauben würden (Bene­dict erweckt den Eindruck, zu den Un­gläubigen zu gehören), müsse diese Glaubens­gewiß­heit ab­geräumt werden: Denn, sagt Bene­dict, das Grab ist nicht leer, Jesus nicht auf­erstanden.

Ist mit dem Auferstehungsglauben jede Theo­lo­gie be­seitigt, läßt es sich munter poli­ti­sieren: Weil Gott die Gerech­tig­keits­her­stellung nicht schafft, »braucht [er] dazu unsere Ko­opera­tion«. Konkrete »Hoffnung auf Welt­ver­änderung« setzt Bene­dict in die Welt­klima­kon­ferenzen, für ihn »die wichti­geren öku­meni­schen Ver­sam­mlungen« und auf »eine der heutigen escha­to­lo­gischen Öko­bewegungen, die ›Letzte Gene­ration‹, die »dem Rad in die Speichen greifen« wolle, etwa mittels »Tempo 130 auf deutschen Auto­bahnen«. Dazu also ist Moltmanns theologischer Ansatz herab­ge­sunken: zum pathe­tischen Begleit­tremolo eines ungläubigen Theologen für eine gewalt­affine apoka­lypti­sche Klein­sekte.

Bewegte Luft [Würde Gott bloggen, wäre sein Aufmacher wie beim Gottesdienst-Institut.]

Was einen 1941 geborenen protestan­tischen Theologen wie Bene­dict bewegt, zeigt im Übrigen seine Publi­kations­liste in Deut­lich­keit: Kirchen als Träger der Revo­lution (1968), Macht von unten: Bür­ger­rechts­bewegung, ausser­parla­menta­rische Opposi­tion und Kirchen­reform (1968), Eingrif­fe in die Rüstungs­industrie (1975), Ziviler Un­ge­horsam als christ­liche Tugend (1989).

Wie sehr trifft auf solcher­art men­schen­gemachte Hoffnungs­her­stellung unter sehr dünnem theo­lo­gischen Deck­mäntel­chen jenes Dik­tum von Botho Strauß in seinem hoch skan­da­li­sierten Spiegel-Essay »An­schwel­lender Bocks­gesang« aus dem Jahr 1993 zu, worin er einen fun­da­men­talen Unter­schied von Links- und Rechts­sein festlegt: »Von ihrem Ur­sprung (in Hitler) an hat die deut­sche Nach­kriegs-Intel­ligenz […] uns zu den frag­würdigsten Alter­na­tiven zu über­reden ge­sucht und das radikal Gute und Andere in Form einer pro­fanen Escha­to­logie ange­boten«, eine Escha­to­logie, die nichts sei als eine »linke, Heilsgeschichte par­odieren­de Phan­tasie«, die sich ein »künf­tiges Welt­reich« ausmale, im Gegen­satz zum rechten Hof­fen, das keiner Utopie bedürfe, sondern den Wieder­anschluß suche »an die lange Zeit, die unbewegte«.8

Ganz ohne sich auf Molt­manns Ein­greif­theo­logie zu be­ziehen, stapft die Evan­ge­lisch-refor­mierte Landes­kirche im Gleich­schritt marsch dem Zeit­geist hinter­her, indem sie sich mit ihren 159.000 Mitgliedern dafür einsetzt, »dass die Mensch­heit Wege findet, den Klima­wandel auf­zu­halten.« Deshalb stand die Synode 2022 »ganz im Zeichen der Klima­gerech­tig­keit«. (Ein Gebet für die Klima­gerechten ist nicht über­liefert.) Wichtigstes Ergeb­nis des Chri­sten­tref­fens: »zweifel­los der Beschluss des Klima­schutz­kon­zeptes«. Es werden ange­rufen: »Klima­schutz­manage­ment«, »For­schungs­stätten«, »Studien­ge­mein­schaften« — für eine (nota bene!) »treib­haus­gas­neutrale Kirche«. Es folgen spiri­tuelle An­regungen wie »Bilan­zierung«, »Emis­sionen«, »Ein­spar­poten­tiale« und »Maß­nahmen«, um sich auf die Heil­serwartung ein­zu­schwören — »die Ausrichtung des kirch­lichen Lebens ... zukunft­sorien­tiert aus­zu­richten« (sic!).

Jüngst hat die Vorsitzende der Linkspartei, Ines Schwerdtner, von der »Hoffnung« gesprochen (hier bei Minute 1:25 zu hören), die aus den Krawal­len in Frankreich, von wo »der Funke weiter­ge­sprungen« sei nach Italien, Belgien und Por­tugal, zu ziehen wäre. Wenn nun die Kirche all das ge­sun­kene Glaubens­gut, das die atheisti­sche Linke gerade in einer Art Kaperung für ihre Zwecke in­stru­menta­lisiert,9 sich in der erfolgten Neu­auf­ladung wieder zurück­ein­ver­leibt, ist die ge­wünschte Poli­ti­sierung ehe­ma­liger Glau­bens­inhalte in pro­gres­siven Bahnen ab­geschlossen.

Wirkstatt ohne Gottesdienste als Utopie

Viel zu viele kirchliche Funktio­näre setzen auf die Kraft des Men­schen­werks mehr denn auf Gottes All­macht, so auch das Gottes­dienst-Insti­tut als Epigone in einer langen Kette des Abstiegs von der Theo­lo­gie zur Welt­her­stellung. Dabei ist vielfach be­schrieben worden, unter anderem von dem Psycho­ana­lytiker Horst-Eber­hard Richter, wie am Ende des Mittelalters Gott verloren ging und der Mensch selbst »Gott sein« wollte; wie eine »Geschichte des Ego­zentrismus« anhob, und »utopische Heilshoffnungen des beschädigten In­dividuums« nicht trugen;10 wie schließlich »ein zügel­loser Be­mächtigungs­drang«11 in eine kollektive »psycho­soziale Störung der modernen west­lichen Zivili­sation« mündete.12

Bereits 1932 hatte Carl Gustav Jung evange­li­schen Pfarrern im El­saß berichtet, wie hunderte von Patienten durch seine Hände gegangen seien, in der Mehrzahl Pro­testan­ten, darunter »nicht ein ein­ziger«, dessen Problem nicht wäre, »daß er das verloren hat, was lebendige Religionen ihren Gläubigen zu al­len Zeiten gegeben haben, und keiner ist wirklich geheilt, der seine reli­giöse Ein­stellung nicht wieder erreicht«.13 Dem Leidenden helfe nicht, was er selbst ersinne — nur »über­mensch­liche, ge­offen­barte Wahr­heit« könne ihm Gesundung ver­schaffen.14

Und heute, man kann es kaum glauben, beginnt lang­sam aber sicher jeg­licher Wesens­kern sich auf­zu­lösen: als letzt­mögliche Retar­dierungs­stufe scheint das Got­tes­dienst-Institut darauf verfallen zu sein, weniger einen Inhalt zu vermitteln, und sei es auch ein un- beziehungs­weise anti­biblisch zeit­geistig welt­licher, sondern mit der Propa­gierung Künst­licher Intel­li­genz als Hilfs­mittel vor­der­gründig eine Arbeits­technik zu imple­men­tieren, so weit wie möglich los­gelöst vom Men­schen und von jeder Substanz.

AI Luft [Liturgische Texte mit KI gestalten — Modul 1: Gebete, Übergänge und Abläufe präzise generieren.]

Wer nun meint, es wäre eine gute Nachricht, wenn die sich selbst ab­schaffende Kirche den Leiter ihres Got­tes­dienst-Instituts an­kündigen läßt, daß der vor­liegende »Folder« das letzte Fort­bildungs­programm wäre, hat die Rechnung ohne die Pro­gressisten gemacht. Denn der smarte Mann (laut Porträtbild) setzt fort, es handle sich nur um das Letzte unter dem alten Namen Got­tes­dienst-Insti­tut, denn im nächsten Jahr würde man (»Bewährtes bleibt, Neues kommt hinzu«; so etwas Inhalts­leeres kann nur die KI formulieren) nach der Fusio­nierung mit der »Wirk­statt evangelisch« als »Wirk­statt evange­lisch für Got­tes­dienst und Gemeinde­ent­wicklung« weiter KI-gene­riert als KI-Förder­programm weitermachen.

Ein Schelm, der nun vermuten würde, man habe sich des un­zeit­gemäßen Namens­bestand­teils »Got­tes­dienst« ent­ledigen wollen, in dem ja sogar das Wort »Gott« auftaucht, habe sich aber dann doch nicht ganz getraut, und sei schließlich auf die geniale Idee verfallen, eine voll­kommen gott­freie kurze Orga­nisa­tions­bezeichnung vor den fol­genden Band­wurm­namen zu setzen, in der sicher­lich richtigen Kalkulation, daß künftig niemand auf die Idee käme zu sagen, er würde einen Kurs bei der »Wirk­statt evan­gelisch für Got­tes­dienst und Gemeinde­ent­wicklung« besuchen, sondern »prägnant und einfach« (so wie es das Kurs­an­gebot mehr­fach anbietet) von der »Wirkstatt« sprechen, womit schluß­endlich auch die Atheisten, Mus­lime und Diverse aus­schließende Alt­last »evange­lisch« elegant ent­sorgt wäre.

Eine Stufe weiter nach unten, dann end­gültig ins Nichts, ginge es also noch: Man könnte auf den Begriff Got­tes­dienst ganz verzichten, oder noch pro­gres­siver: auf Got­tes­dienste überhaupt. So fordert Pfarrerin Hanna Jacobs in der einst­mals satis­faktions­fähigen Zeit: »Schafft den Gottesdienst am Sonntag ab!« Damit könnten »Pfarr­personen« ihre Arbeits­zeit endlich sinnvoll nutzen — »für die Kon­zeption stim­mungs­voller Ver­anstaltungen«, etwa »die biblische Wein­probe in der Kirche« oder einen »femini­stisch-theolo­gische[n] Lesekreis«. Dabei hilft sicher die »Wirk­statt evange­lisch« nach Kräften.

»Ein Fanatiker ist ein Mensch, der so handelt, wie er glaubt, daß Gott handeln würde, wenn er aus­reichend informiert wäre.«15

Anmerkungen

  1. Klaus Zierer: ChatGPT als Heils­bringer? Über Mög­lich­keiten und Grenzen von KI im Bildungs­bereich. Münster, New York: Wax­mann, 2024, S. 31. ↩

  2. Günther Anders: Die Anti­quiert­heit des Menschen. Über die Seele im Zeitalter der zweiten indu­striel­len Revo­lution. München: Beck, 1981 (Erst­veröf­fent­lichung: München: Beck, 1956), o.P. (Widmung). ↩

  3. Ebd., S. 30. ↩

  4. Ruth Rehmann: Der Mann auf der Kanzel. Fragen an einen Vater. Gütersloh: Bertels­mann o.J. (Erst­ver­öf­fent­lichung: München: Hanser, 1979), S. 12f. ↩

  5. Karl Heinz Bohrer: Die Un­schuld an die Macht! Eine politische Typo­logie. 3. Folge: Die guten Hirten. In: Merkur Nr. 431 vom Januar 1985. ↩

  6. Jürgen Moltmann: Theologie der Hoffnung. Untersuchungen zur Begründung und zu den Konsequenzen einer christlichen Eschatologie. München: Kaiser, 1964, 12. Auflage, 1985, S. 13f. ↩

  7. Ebd., S. 305. ↩

  8. Botho Strauß: An­schwellender Bocks­gesang. In: Der Spiegel, Ausgabe 6/1993. ↩

  9. Jürgen Schmid: Angst­macher und Messias. Die neue linke Leitfigur. In: Tichys Ein­blick 11/2026, S. 24–27. ↩

  10. Horst-Eberhard Richter: Der Got­tes­komplex. Die Geburt und die Krise des Glaubens an die All­macht des Menschen. Düsseldorf: Econ, 1997, Kapitel 1–3. ↩

  11. Ebd., S. [5] (Vorwort, o.P.). ↩

  12. Ebd., Klappentext. ↩

  13. Carl Gustav Jung: Über die Be­ziehung der Psy­cho­thera­pie zur Seelsorge (1932). In: ders.: Psycho­logie und Religion. C.G. Jung Taschen­buch­ausgabe in elf Bänden. Her­aus­ge­geben von Lorenz Jung auf der Grund­lage der Aus­gabe »Gesam­melte Werke«. München: Deut­scher Taschen­buch Verlag, 1991, S. 113–131, hier S. 119. ↩

  14. Ebd., S. 128. ↩

  15. Finley Peter Dunne, 1867–1936; zitiert nach: Alexander Wendt: Klarer Geist in wirren Zeiten. Ein­ladungen zum schär­feren Denken. Edition Olzog, 2026. ↩