DEAL und die sieben fraglichen Punkte

Geschrieben von Uwe Jochum am 8.12.2019

Vom selben Autor:


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Uwe Jochum

Wissenschaftlicher Bibliothekar

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Thomas Thiel, Redakteur im Ressort »Forschung und Lehre« der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ), hat in jenem Blatt am 20. November 2019 einen Artikel veröffentlicht (Seite N4), der sich mit dem zwischen dem Wiley-Verlag und der DEAL-Gruppe abgeschlossenen Vertrag und seinen Auswirkungen und Problemen beschäftigt. Aber statt die in den einschlägigen Bibliotheks- und Wissenschaftsjournalen verbreiteten Elogen über die hehren Ziele und die tapferen DEAL-Kämpfer nun auch in der FAZ anzustimmen, lieferte Thiel eine Fundamentalkritik. Ihr Kern ist der Befund, daß der zwischen Wiley und der DEAL-Gruppe ausgehandelte Vertrag das von den Verlagen Wiley, Springer und Elsevier gebildete Oligopol strukturell stärkt. Woraus sich zwei weitere Befunde ergeben: Erstens, daß eine Stärkung des Oligopols mitnichten zu einer Senkung der Kosten des wissenschaftlichen Publikationssystems führen wird; und zweitens, daß der vom Oligopol bereitgestellte digitaltechnische Rahmen, in den die von DEAL und den tonangebenden Bibliothekar*innen (sic) gewünschte »Transformation des wissenschaftlichen Publikationssystems« gegossen werden soll, den Zugriff des Oligopols auf das Wissenschaftssystem drastisch erhöhen wird, mit der bedenklichen Folge, daß die deutsche Wissenschaft, die in Zukunft DEALen soll, hochgradig ausgekundschaftet werden kann und wird. Denn auch das Oligopol hat begriffen: In der digitalen Welt bringt nicht der »Content« das Geld, sondern die Herrschaft über die Daten, am besten und meisten die Herrschaft über personalisierbare Nutzerdaten inklusive der von Datensystemen erfaßbaren Nutzeraktivitäten.

Es war zu erwarten, daß man bei DEAL diese Fundamentalkritik nicht auf sich sitzen lassen würde. Und so kam es auch: Am 27. November 2019 veröffentlichten Peter-André Alt und Jens-Peter Gaul, ihres Zeichens Präsident (Alt) bzw. Generalsekretär (Gaul) der die DEAL-Gruppe tragenden Hochschulrektorenkonferenz, in der FAZ eine Replik (auf Seite N4 bzw. hier), in der sie Thiel »Missverständnisse, Ungenauigkeiten und Fehleinschätzungen« vorwarfen und sich in sieben Punkten an die ihrer Meiunung nach nötigen Korrekturen machten. Das ist verdienstvoll, weil es deutlich erkennen läßt, um was es sachlich geht, so daß sich jedermann ein eigenes Urteil darüber bilden kann, wer denn nun Recht habe, Thiel oder Alt/Gaul.

Drawing[Prudentia. Quelle: Marcantonio Raimondi [CC0], über Wikimedia Commons.]

Zu dieser Urteilsbildung gehört allerdings auch, die Duplik zur Kenntnis zu nehmen, die Thiel der Replik von Alt/Gaul am 4. Dezember 2019 in der FAZ folgen ließ (wieder auf Seite N4). Darin streicht Thiel heraus, daß die Replik von Alt/Gaul den zentralen Punkt mißachtet, daß DEAL das Oligopol stärken wird und damit Strukturen geschaffen werden, die objektiv (bei subjektiv gegenteiligem Willen der Akteure) dazu führen, daß die viel beredete Kostensenkung im wissenschaftlichen Veröffentlichen nicht eintreten wird und man obendrein die sensible Schutzzone beschädigt, die der Staat um die Wissenschaft gezogen hat, um sie sowohl staatlicher als auch kommerzieller Lenkung und Kontrolle zu entziehen.

Es lohnt sich, alle drei Artikel hintereinander wegzulesen, um einen Eindruck davon zu bekommen, was hier auf dem Spiel steht. Da nun aber Thiels Duplik nur einige, freilich zentrale Kritikpunkte in der Entgegnung von Alt/Gaul benennt, will ich hier die sieben Punkte, die Alt/Gaul gegen Thiel vorbringen, systematisch durchgehen, um dem Grundsätzlichen, das Thiel benannt hat, eine zusätzliche Detailschärfe zu geben.

1. Die Kosten werden reduziert?

Nach Ende der Transformationsphase [wenn alle deutschen Wissenschaftler ihre Aufsätze bei DEAL-willigen Verlagen veröffentlichen werden] reduzieren sich die Kosten, und die Gebühren werden im international anerkannten Rahmen festgelegt. Alle anderen Vermutungen über die künftige Preisentwicklung sind Spekulation.

Das ist eine merkwürdige gedankliche Inversion der realen Situation und ihrer vermutbaren realen Folgen. Denn zum einen zeigt die bisherige Entwicklung auf dem Feld digitalen Publizierens im allgemeinen und des »Open-Access«-Publizierens im besonderen nicht die geringste Tendenz zur Kostenreduktion im Vergleich zum altehrwürdigen Veröffentlichen in gedruckten Verlagszeitschriften. Ganz im Gegenteil: Die Preissteigerungsraten bei »Open Access« — und DEAL will mit seinem »Transformationsprogramm« ja auf eine vollständige Umstellung zu »Open Access« hinaus — liegen eindeutig über den Preissteigerungsraten im bisherigen, sich auf gedruckte Fachzeitschriften stützenden wissenschaftlichen Publikationssystem, und zwar gerade im Bereich des goldenen »Open Access«. Das ist keine neue Erkenntnis, sondern eine, die dank der einschlägigen Publikationen gerade auch »Open-Access«-freundlicher Beobachter schon seit Jahren zur Verfügung steht und also auch von Alt/Gaul hätte berücksichtigt werden können. Siehe hier und hier und hier und hier. Eine detaillierte Übersicht über die Kostensteigerungen findet man hier.

Natürlich ist der Schluß von der Vergangenheit auf die Zukunft immer spekulativ, da haben Alt/Gaul recht. Aber wollte man sich deshalb jede Spekulation verbieten, würde man sich auch das Handeln verbieten müssen. Denn unser Handeln hängt davon ab, daß wir die Zukunft antizipieren und im Blick auf das Antizipierte die nächsten folgerichtigen Schritte tun. Dabei hilft uns, daß unser Handeln und das, was sich daraus entwickelt, »pfadabhängig« erfolgt, woraus sich gut beobachtbare Trends ergeben. Angewendet auf die Kostenfrage heißt das schlicht: Ich kenne niemanden, wirklich niemanden (mit Ausnahme der vielleicht zehn Repräsentanten der »Open-Access«-Orthodoxie), der ernstlich damit rechnet, daß das von DEAL verfolgte digitale Veröffentlichen à la »Open Access« dazu taugt, den Preisauftrieb im wissenschaftlichen Publikationswesen zu begrenzen; alle, die ich kenne (abgerechnet wieder die »Open-Access«-Orthodoxen), gehen davon aus, daß es teurer wird.

Drawing[Prudentia. Quelle: Giovanni Bellini [Public domain].]

2. Dank DEAL läßt sich das Preis-Leistungs-Verhältnis in Zukunft besser prüfen und gestalten?

Das Preis-Leistungs-Verhältnis lässt sich in einem publikationsbasierten Modell zukünftig besser prüfen und transparenter gestalten als je zuvor.

Gemeint ist: Wissenschaftler seien nicht an bestimmten Fachzeitschriften interessiert, in denen sich Interessantes neben Uninteressantem finde, sondern »an einem umfassenden Zugang zu allen Zeitschriften eines Verlags«, und zwar so, daß jeder sich selber heraussucht, was er für relevant hält — und nur für dieses Herausgesuchte dann auch zu bezahlen ist.

Das klingt interessant und fügt sich in die allgemeine gesellschaftliche Tendenz, etwa bei den Medien, nur noch das bezahlen zu wollen, was man auch konkret nutzt, und also Pauschalgebühren (Zeitschriftenabonnements) durch Einzelnutzungsentgelte (Pay-per-View) zu ersetzen. Bei »Open Access« im Rahmen von DEAL dann in der Variante, daß nicht der Nutzer bei Nutzung das Nutzungsentgelt bezahlt, sondern der Autor für die erwartete Nutzung des von ihm Geschriebenen eine Veröffentlichungsgebühr entrichtet. Da man aber nicht wissen kann, wie ein vom Autor vorausbezahlter Artikel genutzt werden wird, kann man auf Artikelbasis auch keine wirklich tragfähigen Kalkulationen anstellen. Man muß daher pauschalieren und tut es auch, bei DEAL so, daß man pro Aufsatz 2750 Euro plus 150 Euro »Servicegebühr« verlangt, in Summe also 2900 Euro.

Macht man das so, tritt zwangsläufig eine vollkommene Umkehr nicht nur im wissenschaftlichen Qualitätsmanagement, sondern im Gesamtverständnis von Wissenschaft ein.

Bisher war es Usus, daß ein Aufsatz vor seiner Publikation ein »Peer-review«-Verfahren durchlaufen mußte, wenn er in einer anerkannten Fachzeitschrift erscheinen sollte. Die anerkannte Fachzeitschrift wurde dann von denjenigen Bibliotheken abonniert, die der Meinung waren, die Zeitschrift entspreche in ihrer Qualität dem Sammlungsprofil der Bibliothek, das mit dem Wissenschaftsprofil der Universität verknüpft war. Einzelner Artikel, Fachzeitschrift und Bibliothek bildeten also so etwas wie einen Qualitätsraum, der der Forschung den Rahmen vorgab, und nur wenn in diesem Rahmen alles stimmte, wurde auch bezahlt. Auf diese Weise ließen sich Störungen, die im Qualitätsraum auftraten, sehr einfach beseitigen, nämlich durch Abbestellung der Zeitschrift und also Sistierung der Zahlungen an den Verlag. Der ökonomische Druck, der damit auf dem Verlag lastete, war das Regulativ, um auf der Ebene der Zeitschrift und dann auch der Ebene der Autoren die erwünschte Qualität sicherzustellen.

Drawing[Prudentia. Quelle: Angelika Kauffmann [Public domain].]

Das bei DEAL und auch sonst in der »Open-Access«-Welt zum Tragen kommende Finanzierungsmodell setzt dieses Regulativ aus. Die Bezahlung einer Publikation direkt an der Quelle, beim Autor (bzw. der den Autor finanzierenden Institution), findet nach Maßgabe des Versprechens statt, das der Autor mit seinem Artikel in die Welt setzt: relevant zu sein.1 Stellt sich der Artikel hinterher — trotz vorherigem »Peer review« — als schlecht heraus oder interessiert er schlicht niemanden, war er dennoch schon bezahlt worden, und bei wissenschaftlichen Vielversprechern wird es so sein, daß es dann keine Sanktionsmöglichkeiten mehr gibt, ihre großen Versprechen im Zaum zu halten. Vielmehr ist davon auszugehen, daß die großen Versprechen, wenn sie denn nur mit den großen Vorgaben der Wissenschaftspolitik kompatibel gehalten werden, auch zu freudigen Vorauszahlungen der artikelfinanzierenden Institutionen führen werden. Kurz: An die Stelle einer Mischkalkulation der Verlage und einer Mischfinanzierung der Bibliotheken, die die Zeitschriften und die Bibliotheken in einem gemeinsamen Qualitätsraum zu halten versuchte und dadurch ein kanonisches Wissen erzeugte, an dem man sich abarbeiten konnte — tritt nun eine große Blase von Relevanzversprechungen nach dem Modell eines Selbstbedienungsladens, das im Hintergrund aber nach wie vor darauf angewiesen ist, daß die Steuerzahler dafür aufkommen. Man darf davon ausgehen, daß in diesem Selbstbedienungsladen jene besonders zum Zug kommen werden, die einen direkten Einfluß auf die Zahlungsströme nehmen können, kurz: die an den Universitäten das Sagen haben.

Transparenz? Kontrolle des Preis-Leistungsverhältnisses? Mehr dazu hier.

3. Die Wissenschaftler müssen fürs Publizieren nichts bezahlen, weil das die Bibliotheken übernehmen?

Dieser Punkt ist natürlich richtig. Und er ist die Leimrute, die nun schon seit einigen Jahren ausgelegt wird, damit die Wissenschaftler daran hängenbleiben. Das Rezept für den Leim ist einfach und lautet: Ihr müßt nichts selbst bezahlen, ihr könnt alles veröffentlichen, und es wird digital veröffentlicht und ist damit weltweit zugänglich (»sichtbar«).

Nun kann aber weder DEAL im besonderen noch »Open Access« im allgemeinen die Kosten fürs Publizieren wegzaubern. Die Kosten sind noch da, nur daß die Kasse nicht mehr in den Lehrstühlen steht, sondern in den Bibliotheken. Die Leimrute, die man für die Wissenschaftler auslegt, hat daher auf der Unterseite eine Kerbung mit dem Text: »Du darfst egoistisch sein, mußt die gesellschaftlichen Konsequenzen deines Tuns nicht bedenken, darfst auf Kosten von anderen deine Karriere verfolgen — und wirst dabei sogar öffentlich unterstützt, darfst dich also auch öffentlich wohlfühlen dabei!«

Die Moral, die allgemeine wie die wissenschaftliche, wird damit zu Grabe getragen, und diesmal, das ist das Neue, »sichtbar« vor aller Augen, öffentlich.

Drawing[Prudentia. Quelle: Paul Barlow [Public domain].]

4. Es gibt keine Wettbewerbsverzerrung zwischen den mit DEAL kooperierenden und den mittelständischen Verlagen?

Das Unschöne bei DEAL war und ist, daß hier ausschließlich mit den drei Oligopolisten verhandelt wurde und wird, weshalb der Börsenverein des Deutschen Buchhandels auch prompt eine Kartellbeschwerde eingelegt hat, die zweite in dieser Sache. Alt/Gaul wollen der Kartellbeschwerde den Wind aus den Segel nehmen, indem sie argumentieren, daß erstens DEAL zu einer Kostenentlastung der Bibliotheken führen werde, was den kleineren Verlagen zugute käme, und zweitens auch durchaus mit kleineren Verlagen »auf verschiedenen Ebenen Verhandlungen über neue Lizenzmodelle geführt« werden.

Das ökonomische Argument kann hier getrost als widerlegt beiseite getan werden. Bleibt die Frage, wie es denn um die Verhandlungen mit den »kleineren Verlagen« steht. Alt/Gaul verraten nicht, auf welchen Ebenen hier mit wem verhandelt wird, aber es läßt sich erahnen, was damit gemeint sein könnte. Nämlich das, was auf der Website von »OA-2020-DE« zu lesen steht: »Im Austausch und in Zusammenarbeit mit Verlagen wie zum Beispiel De Gruyter, transcript und wbv media, sind Pilotprojekte entstanden, die Verlagen die Anpassung ihrer Geschäftsmodelle an die Open-Access-Transformation ermöglichen.« Das Wort »Pilotprojekte« in vorstehendem Zitat ist ein Link zu dieser Website:

Pilotprojekte [»Open-Access«-Pilotprojekte von »Open Access 2020 DE«. Quelle: https://oa2020-de.org/pages/pilotprojekte/.]

Mit anderen Worten: Außer mit de Gruyter und transcript, die schon vor längerem auf den »Open-Access«-Zug aufgesprungen sind, ist kein einziger der bekannten — nein: bekannteren — und renommierten — nein: renommierteren — mittelständischen Wissenschaftsverlage mit im Boot: kein Suhrkamp, Beck, Meiner, Klostermann, Mohr Siebeck, Vandenhoeck & Ruprecht, Thieme… Was statt dessen pilotenhaft auf OA-2020-DE gelistet wird, verdankt sich der Willfährigkeit einem schicken Subventionsmodell gegenüber, mit dessen Hilfe man verlegerisch zu überleben hofft.

Man kann an dieser Stelle dann lange darüber nachdenken, wie hier Wettbewerb verzerrt wird und welches Verständnis von Wissenschaft und wissenschaftlicher Publizität die DEAL-Gruppe treibt.

5. Die großen Verlage würden auch ohne DEAL seit längerer Zeit schon Daten sammeln?

Das ist natürlich richtig. Aber dann stellt sich ebenso natürlich die Frage — und Thomas Thiel stellt sie in seiner Duplik —, warum die DEALer diesen gravierenden Punkt nicht in die Vertragsverhandlungen eingebracht haben. Wie kann es sein, daß deutsche Verhandlungsführer es sehendes Auges zulassen, daß die deutsche Wissenschaft weiterhin und in Zukunft noch mehr von Datensammlern beobachtet wird? Impliziert die Wissenschaftsfreiheit nicht auch den Schutz der Wissenschaft vor zudringlichem Ausspähen? Hat man bei DEAL überhaupt einen Begriff von Wissenschaftsfreiheit, der mehr meint als »freie Selbstbedienung«? Oder die steuersubventionierte Wissenschaftsförderung Chinas?

Drawing[Sapientia et Prudentia. Quelle: Francesco Rustici [Public domain].]

6. Das Projekt DEAL ist kein Projekt der Forschungsbürokratie, sondern werde von der Wissenschaft getragen?

Dieser Punkt ist Alt/Gaul so wichtig, daß sie ihn gleich zweimal machen: zuerst in der Einleitung ihres Artikels, dann wieder unter Punkt sechs ihrer Argumentation:

In den Bereich falscher Alternativen gehört es auch, dass man »die Wissenschaft« von ihren Funktionären abgrenzt.
[…]
Die im Artikel vorgenommene Unterscheidung zwischen »echter Wissenschaft« und technokratischem Überbau geht an der Sache vorbei.

Thomas Thiel hat in seiner Duplik bereits darauf hingewiesen, daß das von Alt/Gaul doppelt vorgebrachte Argument nicht trägt. Denn während Alt/Gaul reklamieren, daß die Forschungsbürokratie, die in den zur Allianz der deutschen Wissenschaftsorganisationen gehörenden Organisationen etabliert wurde, um Forschungsgelder zu verteilen und Strukturentscheidungen zu treffen, von sechshundert Forschungseinrichtungen »mandatiert« worden sei und also ganz zurecht im Namen der Wissenschaft handle und das auch durch namhafte Wissenschaftler tue, die sich in der Bürokratie engagiert hätten — zeigt ein Blick auf die DEAL-Projektgruppe, wie sich das mit der strukturellen Homologie von Wissenschaft und Wissenschaftsbürokratie in Wahrheit verhält: Die DEAL-Projektgruppe rekrutiert sich aus Personen, die im wissenschaftlichen Bibliothekswesen in leitender Position tätig sind; eine aktive wissenschaftliche Betätigung dieser Personen über das hinaus, was für eine Promotion nötig ist, impliziert ihre Tätigkeit im wissenschaftlichen Bibliothekswesen nicht im geringsten. Und Alt/Gaul hätten sich nur ein wenig bibliothekshistorisch kundig machen müssen, um zu wissen: Seit den 1960er Jahren, spätestens aber seit den 1970er Jahren verhindert eine wissenschaftliche Betätigung wissenschaftlicher Bibliothekare den Aufstieg in ein Leitungsamt an einer wissenschaftlichen Bibliothek viel eher als daß sie ihn fördert.

Die von Thiel beobachteten Verhältnisse treffen indessen nicht nur in der kleinen Welt der wissenschaftlichen Bibliotheken zu, sondern auch in der großen Welt der Wissenschaft überhaupt: Überall haben sich Wissenschaft und Wissenschaftsbürokratie dissoziiert, bei zunehmendem Machtgewinn auf seiten der Bürokratie, die längst der Wissenschaft vorschreiben zu können meint, wie diese zu wissenschaften habe. Gerade das umstrittene Feld von »Open Access« und »digitaler Transformation« zeigt diese Dissoziation in nahezu perfekter Weise. Während nämlich die Allianz der Wissenschaftsorganisationen ein ums andere Mal Strategiepapiere veröffentlicht, die von einem unisono von »der Forschung« getragenen Transformationsprozeß hin zu »Open Access« reden, wobei man nicht im geringsten zögert, diesen angeblich forschungsgetragenen Transformationsprozeß in Richtung »Open Access« gelegentlich auch zu erzwingen — ist die Wissenschaft selbst in dieser Sache ganz anderer Meinung: Ein obligatorisches Veröffentlichen à la »Open Access« hat der Allgemeine Fakultätentag im Oktober 2018 strikt abgelehnt, und er folgt damit der Linie, die der Deutsche Hochschulverband als größte Wissenschaftlervereinigung Europas schon vor einigen Jahren vorgegeben hat. Kurz: Gäbe es die von Alt/Gaul angenommene friedliche Homologie von Wissenschaft und Wissenschaftsbürokratie/Wissenschaftspolitik tatsächlich, hätte es niemals zu diesem Interessenkonflikt kommen können.

Drawing[Innocentia. Quelle: Pierre Paul Prud’hon [Public domain].]

Die Heftigkeit des Interessenkonflikts, der bis hin zu juristischen Auseinandersetzungen auf allen Ebenen geht — in Baden-Württemberg bis hin zu dem von der Universität Konstanz vom Zaun gebrochenen Verfassungskonflikt ums Zweitveröffentlichungsrecht —, macht es allerdings verständlich, daß Alt/Gaul zweimal mit der Behauptung zu punkten versuchen, es sei alles bestens, denn das Projekt DEAL werde von der Wissenschaft getragen, und weil das so sei, wolle auch niemand die Wissenschaft »verkaufen«. Ich weiß nicht, ob man in Bayern an solchen Stellen eher »Ja, mei!« oder eher »Do legst di nieda!« sagt.

7. Die Wissenschaftsfreiheit und damit die Freiheit der Wahl des Publikationsortes ist durch DEAL nicht gefährdet?

Es ist ein schöner Punkt, daß Alt/Gaul öffentlich erklären:

Die grundgesetzlich verbürgte Wissenschaftsfreiheit schließt die Freiheit der Wahl des Publikationsmediums ein.

Man wird sich diesen Satz umso mehr merken müssen, als er ja sehr deutlich auf eine Entwicklung antwortet, die von der »Open-Access«-Bewegung und auch von den digitalen Transformatoren, die besonders an der Münchener Max Planck Digital Library aktiv sind, über viele Jahre in eine ganz andere Richtung zu lenken versucht wurde: in Richtung auf verpflichtende »Open-Access«-(Zweit-)Veröffentlichungen zusammen mit rein digitalen Forschungs- und Publikationsumgebungen. Es ist gut zu wissen, daß man es ganz oben, wo die Entscheider ganz besonders sichtbar sind, anders sieht als auf den etwas weiter unten liegenden Ebenen der Forschungs- und Bibliotheksbürokratie. Alt/Gaul folgen damit offenbar dem Sinneswandel, den zuerst Peter Strohschneider von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) erkennen ließ, als er öffentlicht erklärte, die DFG werde dem von der Europäischen Union verfolgten »Plan S« nicht beitreten, weil dieser »Open Access« zur Pflicht mache.

Wir werden sehen, wie dieser Sinneswandel in den wissenschafts- und bibliotheksbürokratischen Systemen nach unten weitergegeben wird. Das ist im Falle von DEAL von besonderem Interesse, weil solche Großverträge, wie DEAL sie mit Wiley bereits umgesetzt hat, mit Springer umsetzen wird und mit Elsevier anstrebt, durch die Vorauszahlung von vielen Millionen von Euros2 natürlich so etwas wie einen implizit-informellen Zwang fördern, in Zukunft im Rahmen dieses ausgehandelten und vorfinanzierten Publikationsmodells zu veröffentlichen. Nicht zuletzt deshalb, weil es für die Verwantwortlichen in Forschungs- und Bibliotheksbürokratie auch darum geht, ihr Tun durch die Folgsamkeit der Wissenschaftler legitimieren zu können. Nicht auszudenken, was geschehen würde, wenn sich die Wissenschaftler nicht als folgsam erwiesen und die hehren Zielsetzungen der bürokratischen Akteure sich in Luft auflösten. Würden die in Bürokratie und Gremien Agierenden es dann zunächst mit gutem argumentativem Zureden versuchen, ehe sie öffentlich erklärten, daß sie sich geirrt haben?

Drawing [Prudentia. Quelle: Vassil [CC0].]

Anmerkung

  1. Siehe an etwas späterer Stelle in Alt/Gauls Artikel (unter »viertens«) dies: »Schon im aktuellen Vertrag mit Wiley sind die Umsätze abhängig von der Nachfrage der Autorinnen und Autoren, das heißt: von deren Interesse an einer Publikation.« »Nachfrage« wird hier mit dem »Interesse an einer Publikation« gleichgesetzt, aber dieses »Interesse an einer Publikation« wird nicht als Interesse eines Abnehmers an einem Produkt verstanden, sondern als das Interesse des Anbieters, sein Produkt an einen Abnehmer loszuwerden. Hier wird die Ökonomie von Angebot und Nachfrage glatt auf den Kopf gestellt. Mit dem Ergebnis, daß die bisherige Nachfrageökonomie konsequenterweise durch ein staatlich administriertes Subventionssystem ersetzt wird. 

  2. Alleine an Wiley werden im Zuge der Umsetzung des DEAL-Vertrags in drei Jahren (von 2019 bis 2021) rund 78 Mio Euro fließen. Davon hätte man drei deutsche Universitätsbibliotheken drei Jahre lang finanzieren können.